Wimberg: Das Grundproblem gibt es auch bei uns – wenn auch in einer etwas anderen, kleineren Dimension als anderswo. Die einst hohe Geburtenrate sinkt, und allein aus der Region können unsere Unternehmen ihren Bedarf an Arbeitskräften nicht mehr decken.
Wir brauchen also auch gezielten Zuzug von außen in unseren Arbeitsmarkt. Man muss daher die Standortvorteile der Region deutlich machen, um Menschen zu gewinnen, die hier ihre Zukunft sehen und sagen, hier bin ich, hier bleibe ich. Oder, von außen betrachtet: Da will ich hin, da ist was los, da gibt es ein attraktives Wirtschaftsumfeld und da finde ich die passenden Rahmenbedingungen für mein Leben. Das ist uns in den letzten Jahren gelungen, glaube ich.
Wenn wir hören, wie viele Schulen in Deutschland marode sind und der Putz zuweilen von den Wänden fällt, können wir sagen, dass das bei uns in der Regel nicht der Fall ist. Wir haben in alle Schulen, ob in Kreis- oder Gemeindeträgerschaft, in den zurückliegenden Jahren enorm investiert.
Gerdesmeyer: Ja, wir haben viel dafür getan, dass die Verhältnisse stimmen, dass die Region attraktiv ist. Dass wir eine dynamische Region sind, die Wirtschaft noch funktioniert, das registrieren auch Fachkräfte von außen. Wichtig aber ist auch, dass die Menschen hier eine hohe Identifikation mit ihrer Region pflegen. Viele junge Leute kommen gerne zurück, gerade wenn die Familienplanung ansteht. Das ist wirklich eine Besonderheit. Das Potenzial müssen wir nutzen – was wir ja auch tun, zum Beispiel, wenn wir zu unserem jährlichen „Wiedersehen macht Freude“-Treffen auf dem Stoppelmarkt einladen.
Da sind wir in diesem Zusammenhang auch wieder bei der Infrastruktur, bei umfassender Kinderbetreuung, aber auch bei klugen Pflegemodellen. Wir müssen die Menschen befähigen, dass sie auch in familiären Sondersituationen weiter arbeiten gehen können. Das schaffen wir, und stehen damit auch ein bisschen besser da als andere Regionen.
Mit Blick auf Fachkräftegewinnung hat auch die alljährliche „Jobmesse Oldenburger Münsterland“ einen wichtigen Platz. Dort sind die beiden Landkreise ja seit den Anfängen über ihre Verbundorganisation Partner. Wir engagieren uns also über Berufsmessen, mit Berufsorientierungsmaßnahmen in den Schulen oder mit der ‚Praktikumswoche im OM‘ und, und, und. Es gibt hier viele tolle Berufe – auch im regional so immens wichtigen Handwerk.
Wimberg: Daran kann ich anknüpfen. Berufswahl läuft nicht nur über Abitur und akademische Laufbahn. Wir haben hier viele Karrieren von Menschen, die aus dem Handwerk heraus Geselle, Meister oder selbstständige Unternehmer wurden und hervorragende Beispiele dafür geben, wie man auch ohne Studium beruflich Erfolg haben kann. Abitur und Hochschule sind nicht der Königsweg. Das zeigt auch die hohe Quote der Studienabbrecher. Wir wollen auch nicht-akademische Berufswege fördern. Deshalb gibt es von uns zum Beispiel das Handwerksstipendium.
Zum Punkt „eigene Wirtschaftsförderung der Landkreise“: Wir sprachen darüber, dass diese auch selbst in Gewerbe- und Industriegebieten engagiert sind – zum Beispiel im Ecopark, im Niedersachsenpark oder am C-Port beim Küstenkanal bei Friesoythe.
Wimberg: Das sind unsere drei interkommunalen Standorte für Großansiedlungen, denn nicht jede Gemeinde im ländlichen Raum kann riesige Flächen für solche Vorhaben anbieten. Die interkommunalen Gewerbeparks schließen eine Lücke. Im Ecopark, in dem wir aktuell etwa 60 Unternehmen und 2.100 Arbeitsplätze zählen, haben wir noch eine Fläche von rund 300 Hektar, auf denen man wirtschaftliche Entwicklung abbilden kann – ein Potenzial, das sukzessive erschlossen wird.
Der C-Port am Küstenkanal an der Schnittstelle der Bundesstraße 72 und 401 hat eine andere Ausrichtung: Hier geht es neben den üblichen Angeboten an großen Gewerbe- und Industrieflächen vor allem um den eigenen Hafen am Kanal und damit um Massengut-Transport. Aktuell sind hier 32 Unternehmen mit 320 Mitarbeitern ansässig.
Beide Landkreise treten sich dabei mit ihren interkommunalen Gewerbegebieten und deren Ausrichtung nicht gegenseitig auf die Füße. Das zeigt sich auch daran, dass alle drei Gewerbeparks auf Vermarktungsmessen gemeinsam auftreten und sich nicht gegenseitig das Leben schwer machen.
Natürlich gibt es auch einen Wettbewerb der Standorte im OM, aber am Ende müssen wir, wenn es darauf ankommt, Betriebe vor Ort zu halten, zusammenarbeiten und Flächen in interkommunalen Gewerbeparks anbieten, bevor wir diese Firmen und ihre Investitionen an andere Regionen verlieren.
Gerdesmeyer: Der Niedersachsenpark ist mit 412 überplanten Hektar der größte Industrie- und Gewerbepark in Niedersachsen. Die 78 Ansiedlungen bieten 3.300 Arbeitsplätze. Und der Park ist insofern eine Besonderheit, als hier die Landkreise Vechta und Osnabrück, die Gemeinden Rieste und Neuenkirchen-Vörden, die Samtgemeinde Bersenbrück sowie die Stadt Damme gebietsübergreifend effizient zusammenarbeiten. Das ist schon toll.
Mit der Einrichtung des Parks wollten wir große Ansiedlungen aus kleinen Orten heraushalten, um die Verkehrsbelastung auf die A1 zu verlagern. Wir wollten mit der Bereitstellung von Erweiterungsflächen für Unternehmen – ich nenne hier mal beispielsweise die Landmaschinenfabrik Grimme in Damme – auch eine Wertschöpfung vor Ort schaffen, um Arbeitsplätze in der Nähe der Wohnorte der Mitarbeitenden zu erhalten.
Ein Riesengewinn war es natürlich, dass wir kürzlich die Autobahnabfahrt Rieste einweihen konnten. Das ist schon großartig, dass wir jetzt eine weitere Auffahrt für den Niedersachsenpark haben.
Die laufende Debatte um die Osterweiterung des Parks will ich dabei nicht verschweigen. Das wird ja gerade fachlich geprüft. Doch auch angesichts dieser Einwände stehe ich zu unserem Grundbekenntnis, neue Gewerbeflächen an der neuen Auffahrt zu generieren.
Derzeit prüfen wir gemeinsam mit dem Landkreis Osnabrück, der Samtgemeinde Artland und der Stadt Dinklage die Ausweisung eines weiteren interkommunalen Gewerbebereichs. Das tun wir auch, um einen möglichen zukünftigen Flächenbedarf – vor allem den der ansässigen Betriebe – stillen zu können.
Es ist konkrete Wirtschaftsförderung, wenn wir es schaffen, Flächenbedarfe der ansässigen Unternehmen, wie sie in gemeindlichen oder städtischen Strukturen nicht abbildbar sind, zu befriedigen. Ein Wegzug wäre für die Beschäftigten wie für die Region schlecht. Und auch ein Betrieb will ja nicht einfach mal 50 Kilometer weit weg ziehen.
Wimberg: Wir sagen nicht nein, wenn sich ein neues Unternehmen ansiedeln möchte. Aber ein Schwerpunkt unserer Gewerbeflächenausweisung bleibt, zuerst den eigenen Unternehmen Entwicklung zu ermöglichen. Im Ecopark gehören zu den Gesellschaftern außer dem Landkreis die Gemeinden Emstek und Cappeln sowie die Stadt Cloppenburg. Hätten wir den Ecopark nicht gehabt, hätten wir keinen Fahrradhersteller Kalkhoff mehr vor Ort.
Die Prämisse Entwicklung örtlicher Betriebe gilt auch für den C-Port, in dem wir mit der Stadt Friesoythe und der Gemeinde Saterland zusammenarbeiten. Die Gewerbeparks sind ja nicht Adressen für alle. Kleinere Betriebe, etwa Dienstleistungen, gehören nach wie vor in die Städte und Gemeinden.
Wo stehen die beiden Landkreise im Jahr 2030 und darüber hinaus?
Gerdesmeyer: Also ich glaube, man darf sich nicht zurücklehnen. Wirtschaftlicher Erfolg ist, anders als vielleicht manche glauben, keineswegs selbstverständlich. Man muss den Mut haben, in Infrastruktur, in Gewerbegebiete zu investieren – auch wenn das natürlich mit Eingriffen in Natur und Landschaft verbunden sein kann. Wenn wir den Wohlstand hier in der Region erhalten wollen, müssen wir dafür auch was tun!
Wichtig ist mir, Wachstum und Nachhaltigkeit miteinander zu vereinbaren. Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis. Aufgrund unseres Know-hows, vor allem in der Agrar- und Ernährungswirtschaft aber auch in anderen Bereichen, bringen wir in der Region alles mit, was heute von Unternehmen und Verbrauchern verlangt wird: Dass Prozesse ressourcenschonend sind, dass Produkte qualitativ hochwertig sind und nachhaltig produziert werden, das wird künftig, so glaube ich, zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal werden. Ein Zurück zu Schneller, Billiger, Einfacher und Fossiler, das werden andere Länder auf der Welt immer besser können als wir.
Wir müssen auf Basis unseres Know-hows hier im Oldenburger Münsterland besonders gute Produkte machen. Wir sind in allen unseren traditionell starken Wirtschaftsbereichen, sowohl in Agrar- und Ernährung wie in Kunststoff, topp unterwegs, wenn es um Nachhaltigkeit geht, um Kreislaufwirtschaft, um Wiederverwertung oder alternative Materialien. Ich glaube, wenn wir hier vor Ort weiterhin so kreativ bleiben, werden unsere Produkte auch weiterhin weltweit Nachfrage finden. Selbst für den zukunftsträchtigen Wirtschaftsbereich ‚Erneuerbare Energien‘ bieten sich hier hervorragende Möglichkeiten.