Unternehmer des Jahres 2019

Carlo und Felix Graepel

Mit Bedacht und Weltblick führen Carlo und Felix Graepel ein alteingesessenes Löninger Familienunternehmen in die Zukunft. Jetzt werden die beiden Brüder vom Verbund Oldenburger Münsterland als „Unternehmer des Jahres" ausgezeichnet.

Felix Graepel kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Selbstverständlich weiß er, welches Produkt einst als erstes unter dem Namen Graepel hergestellt wurde: „Ein Nasensieb für Dreschmaschinen." Und sein Bruder Carlo ergänzt: „Seinen Nachfolger haben wir auch heute noch im Sortiment."

Vor 130 Jahren hat Hugo Graepel das Unternehmen in Budapest gegründet. Über Hannover, Halberstadt und Wilhelmshaven ging es im Lauf der Zeit schließlich nach Löningen im Landkreis Cloppenburg, wo die Firma seit 1948 ihren Hauptsitz hat. Unter dem Dach der Friedrich Graepel AG sind neben den Löninger Gesellschaften auch die beiden Werke in Seehausen/Altmark und den USA vereint. Ein weiteres in der nordindischen Millionenstadt Chandigarh steht kurz vor der Eröffnung.

Erfolgreich auf hart umkämpftem Markt

Der Ruhm des Unternehmens fußt auf Löchern. Löchern aller Art, präzise gestanzt in Bleche. Die Profilroste, Siebe oder Lüftungsgitter finden Anwendung bei Lkw, Land- und Baumaschinen, als Bootsanleger und auf Offshore-Anlagen, im Möbel- und Ladenbau. 2018 wurde erstmals die magische Umsatzschwelle von 100 Millionen Euro überschritten. Und das auf einem Markt, der „härter umkämpft ist als jemals zuvor", wie Carlo Graepel (40) stolz anmerkt.

Zusammen mit seinem Bruder Felix (41) bestimmt er seit Ende 2017 als Vorstand der Friedrich Graepel AG den Kurs des Unternehmens. Damit liegt nach dem Tod des Vaters Friedrich C. Graepel und einer rund 17-jährigen Überbrückungszeit die Führung wieder voll und ganz in den Händen der Gründerfamilie.

Dass es eines Tages dazu kommen würde, habe für beide immer außer Frage gestanden, betonen sie übereinstimmend. Felix: „Wir wollten das." Schon allein, weil es doch etwas ganz anderes sei, für das eigene Haus tätig zu sein als für ein fremdes. Carlo, ebenfalls diplomierter Wirtschaftsingenieur, habe sogar Studienschwerpunkte mit ihrem Vater abgestimmt und die Karriere geplant. „Wenn uns jemand geprägt hat, dann ganz sicher er." Nur in einem Punkt tun sie sich schwerer mit dem Erbe: darin, alle Mitarbeiter mit Vornamen zu kennen. Dafür sind es mit rund 750 inzwischen einfach zu viele.

Eine neue Unternehmergeneration

„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Glut", heißt es in einem viel zitierten Satz. Er steht sinnbildlich für eine Generation von jungen, aufstrebenden Firmenchefs im Oldenburger Münsterland, die in der Nachfolge ihrer Eltern mehr und mehr unternehmerische Verantwortung übernehmen. Sie sind gut ausgebildet, haben andernorts erste Erfahrungen gesammelt und streben nun danach, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen – ohne all das, was bisher war, zu verdammen.

Felix und Carlo Graepel haben einen Vorteil, sie kennen den Betrieb und seine speziellen Abläufe. „Als ich herkam, bin ich erst einmal für eine Woche in die Produktion gegangen", sagt der jüngere der beiden. Und ja, in einzelnen Teilbereichen könnten sie wohl auch heute noch mitarbeiten. Deshalb wissen sie: Nichts geht im Hauruckverfahren oder mit dem Brecheisen. Wandel braucht Zeit.

Aber die aktiv gestaltete Entwicklung hin zu einem modernen Unternehmen mit durch und durch digitalisierten Prozessen ist unvermeidlich. Plötzlich ist von Lean-Management die Rede, ein Online-Shop wurde eingerichtet. „Um niemand zu überfordern wollen wir die Mitarbeiter mit ins Boot nehmen und ihnen die Perspektiven aufzeigen", erklärt Carlo. Zudem gelte es, das im Unternehmen reichlich vorhandene Wissen zu nutzen, um es behutsam weiterzuentwickeln. Ein paar Jahre werde das vermutlich dauern. Entscheidend sei, die Veränderungen so zu moderieren, dass sie von allen mitgetragen werden.

Ein ganz besonderer Menschenschlag

Eines steht indes trotz aller Überlegungen und Internationalisierungsstrategien nicht zur Disposition: der Firmensitz. Beide schätzen Löningen und das Oldenburger Münsterland sehr. „Innerhalb von maximal zwei Stunden können wir überall sein", sagen sie. Die Lebensqualität sei herausragend und man könne sich problemlos mit Kollegen anderer großer Unternehmen austauschen. Das sei anderswo keineswegs so, da gehe man viel reservierter miteinander um. „Die Menschen hier", weiß Carlo zu berichten, „sind schon ein sehr besonderer Schlag".

Auch der vielerorts beklagte Fachkräftemangel ist für Graepel kein Thema. Potenziellen Mitarbeitern werden Standort und Unternehmen mit kleinen YouTube-Filmen schmackhaft gemacht. „Darüber hinaus bilden wir über den eigenen Bedarf aus", berichtet Felix. Und wer die Ausbildung erfolgreich absolviert, hat gute Zukunftsaussichten: „Der heutige Chef unseres Werks im Mittleren Westen der USA stammt aus Lastrup und hat hier bei uns in Löningen gelernt."

Es scheint, als hätten die zwei Brüder nicht nur einen Weg gefunden, ein Unternehmen mit langer Tradition in eine erfolgversprechende Zukunft zu führen. Vielmehr verbinden Carlo und Felix Graepel dieses Vorhaben gekonnt mit ihrer persönlichen Lebensplanung, die am Ende einem Ziel folgt: „Wir wollen die Firma eines Tages in einem vernünftigen Zustand an die nächste Generation weitergeben können."