Kunststofftechnik

Burwinkel in Form für morgen

13.05.2026
Autor*in: Barbara Wagner

Die Fußball-Europameisterschaft der Frauen 2025 in der Schweiz ist inzwischen längst in den Geschichtsbüchern. Für die Burwinkel Kunststoffwerk GmbH mit Sitz in Mühlen indes hallte die EM auch einige Monate nach dem Schlusspfiff beim Finale in Basel noch nach: Das Unternehmen war – wie auch schon im Zuge der Fußball-EM der Männer 2024 in Deutschland – Teil eines spannenden Recyclingprojektes.

Martin und Sandra Burwinkel mit Geschäftsführer Steffen Breitenstein (rechts) und Prokurist Christian Paul (links).    

Dabei wurden nach Abschluss der beiden Turniere Werbematerialien wie Banner, Fahnen und Aufsteller gesammelt, geschreddert und wiederaufbereitet. Hier kam Burwinkel ins Spiel: Sie produzierte im Auftrag von GreenCycle, einem Dienstleister für Umweltservices, aus dem recycelten Material mehrere tausend Fußballhütchen und Wurfscheiben. Die wurden von Turnierdirektor Philipp Lahm an interessierte Fußballmannschaften und -vereine, die sich für die Aktion im Vorfeld bewerben konnten, für deren Trainings- und Wettkampfbetrieb verteilt. So sollte gezeigt werden, wie Abfall nach großen Sportveranstaltungen reduziert werden und Kreislaufsysteme funktionieren können. Ein großartiges, richtungsweisendes Projekt. Doch warum erhielt hierfür nun ausgerechnet die Firma Burwinkel als mittelständisches Unternehmen aus Süd-Niedersachsen mit rund 120 Mitarbeitenden den Zuschlag? Nun, das kommt nicht von ungefähr.


Unternehmensgründer sammelt schon in den 80ern Kunststoffreste

Das Familienunternehmen zählt zu den führenden Akteuren der Kunststoffregion OM. Bereits seit der Gründung der Firma 1978 aus kleinsten Anfängen durch den inzwischen verstorbenen Franz Burwinkel spielen die Themen Verantwortung, Nachhaltigkeit, Recycling und Kreislaufwirtschaft eine wichtige Rolle.

Burwinkel-Firmensitz am Rienshof in Mühlen     

„Mein Vater selbst fuhr schon in den 80ern vor allem Tischlereien und Fensterbauer in der Region an, um Kunststoffreste und -abfall einzusammeln und diese wieder einzumahlen“, erzählt sein Sohn, Diplom-Wirtschaftsingenieur Martin Burwinkel. Eine Kreislaufwirtschaft im Kleinen, sozusagen, weit bevor sie modern wurde.

Inzwischen leitet Martin Burwinkel selbst die Geschicke des im Mühlener Gewerbegebiet Rienshof ansässigen Betriebes. Und führt damit das Erbe seines Vaters fort. Auch seine Frau Sandra ist als Prokuristin und Nachhaltigkeitsbeauftragte im Unternehmen tätig. An der Seite der beiden im Management: Geschäftsführer Steffen Breitenstein und Prokurist Christian Paul. Gemeinsam mit dem Team aus Verwaltungs- und Produktionsmitarbeitenden entwickelt der Familienbetrieb auf rund 45.000 Quadratmeter Betriebsflächen – eine neue Produktions- und Lagerhalle sind aktuell im Bau – für seine Kunden aus dem In- und Ausland innovative Kunststofflösungen. Von der Idee und Entwicklung über die Konstruktion und Produktion bis hin zur Montage bietet ­Burwinkel alles aus einer Hand.

Kunststoff als Material des Transformationsprozesses

Die Kunststoffbranche steht mit Blick auf die Themen Transformation, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung vor herausfordernden Zeiten. Die Herstellung Rohmaterials ist energieintensiv und basiert auf Erdöl. Das befördert Treibhausgasemissionen und den Klimawandel. Eine Problematik, derer sich das Unternehmen sehr bewusst ist. „Kunststoff ist aus unserem alltäglichen Leben nicht wegzudenken: sei es in der Technik, in der Medizin oder im Konsumgüterbereich. Wenn wir allerdings bereit sind, richtig damit umzugehen, in Forschung zu investieren und in Kooperationen zu denken, dann kann und wird Kunststoff das Material des Transformationsprozesses in eine nachhaltige, enkelfähige Zukunft sein“, ist Martin Burwinkel überzeugt.

Bei der Verleihung des CSR-Preises der Bundesregierung in Berlin.    
Rezyklate spielen eine wichtige Rolle in der Kunststoffverarbeitung, vor allem im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.    

Und so ist der Fokus auf ökonomische, ökologische und soziale Themen und deren Zusammenspiel für das Unternehmen keineswegs Selbstzweck, sondern der einzig gangbare Weg. „Wir möchten unser Unternehmen fit für die Zukunft machen und drücken dies auch bewusst über unseren Claim In Form. Für Morgen. aus“, sagt Sandra Burwinkel. „Wir wollen unseren Beitrag leisten und dabei gestalten, statt gestaltet zu werden.“

Deshalb hat das Unternehmen die seit jeher bestehende Selbstverpflichtung zu mehr Verantwortung 2022 in eine ganzheitliche Zukunftsstrategie eingebettet. Der Leitgedanke des Ansatzes: „Nachhaltigkeit ist für uns kein Vorhaben, sondern eine Haltung.“ Die Strategie wurde mit kon­kreten Zielen versehen, inklusive der jährlichen Ermittlung des unternehmenseigenen CO₂-Fußabdruckes. An dem Erreichen der Ziele lässt sich Burwinkel messen.

Zur Dokumentation und Transparenz hat das Unternehmen 2022 einen ersten Nachhaltigkeitsbericht nach dem Standard des Deutschen Nachhaltigkeitskodex vorgelegt. Die Veröffentlichung des nächsten Berichts nach dem neuen, von der EU entwickelten VSME-Standard (Voluntary Sustainability Reporting Standard für kleine und mittelständische Unternehmen) ist 2026 geplant. 

Zukunftsmärkte schaffen und besetzen

„Neben Aspekten wie der Kreislaufwirtschaft, dem zunehmenden Einsatz von Rezyklaten oder der Reduktion von CO₂-Emissionen durch effiziente Produktionsprozesse und den Einsatz erneuerbarer Energien ist es uns sehr wichtig, unsere Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten und Partner auf diesem Weg mitzunehmen. Gemeinsam möchten wir Zukunftsmärkte schaffen“, sagt Steffen Breitenstein.

Dass dieser Ansatz nicht nur finanzielle wie personelle Ressourcen bindet und anstrengend ist, sondern auch erfolgreich sein kann, zeigte sich im April 2025. Da wurde das Mühlener Unternehmen für ­seine Bemühungen und die Strategie vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit dem CSR-Preis der Bundesregierung in der Kategorie Konstruktive Stakeholder­einbindung ausgezeichnet. CSR ist das gängige Kürzel für Corporate Social Responsibility, auf deutsch unternehme-rische gesellschaftliche Verantwortung.

Damit ließ Burwinkel namhafte Großkonzerne wie BASF, die Deutsche Post oder EnBW hinter sich. „Durch Workshops und Kooperationen treibt das Unternehmen den Wissensaustausch in der Branche und mit seinen unterschiedlichen Stakeholdern voran und zeigt, wie mittelständische Unternehmen Verantwortung übernehmen können“, sagte Laudatorin Birgit Riess, Director Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft der Bertelsmann Stiftung.

Nachhaltigkeit als Chance, statt Pflicht

Der CSR-Preis macht die Mühlener durchaus stolz. „Mit Nachhaltigkeit kann man gewinnen. Nicht nur auf der Bühne eines solchen Preises, sondern auch als Unternehmen, durch wirtschaftliche Stabilität und Zukunftsperspektive. Doch wir dürfen jetzt nicht nachlassen, auch wenn die EU das Thema zuletzt deutlich abgeschwächt hat. Wir sollten Transformation als Chance und nicht als lästige Pflicht sehen, brauchen dafür aber auch klare Regeln und eine Beständigkeit in politischen Entscheidungen“, sagt Martin Burwinkel.

Mit 125 Beschäftigten entwickelt und fertigt Burwinkel auf rund 45.000 Quadratmetern Betriebsfläche individuelle Kunststoffspritzgussteile.     

Die Burwinkel Kunststoffwerk GmbH wird in jedem Fall weiterhin am Ball bleiben, mit Kunden und Lieferanten in informative Material-Schulungen gehen, Innovation, Austausch und Entwicklung über den Forschungsverbund ZWT oder das Netzwerk Nachhaltigkeit und Transformation im OM unterstützen, durch Kooperationen mit der Grundschule in Mühlen, der Oberschule in Steinfeld oder dem Förderverein Wissenswerkstatt Metropolregion Nordwest in Bildung investieren, das Mitarbeiter-Enga­gement über eine Ausweitung der Gesundheitsförderung und der Unternehmenskultur stärken oder oder neue, nachhaltige Produkte mit starken Partnern entwickeln – beispielsweise Luftfilter aus Regranulat von Elektro-Schrott.

Schon jetzt liegt der Einsatz von Rezyk­laten bei der Burwinkel Kunststoffwerk GmbH bei 50 Prozent. Tendenz: steigend.

Das ist der Weg. Davon ist auch Martin Burwinkel überzeugt: „Durch verantwortungsvolle Pro­duktion und innovative Ansätze können nachhal­tige Lösungen ­entstehen – aber nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit der Wirtschaft, mit der Gesellschaft und mit der Politik. Als Unternehmen im OM sind wir bereit, diese Herausforderungen anzunehmen. Packen wir es zusammen an!“