Wirtschaftsregion

Preis 2025 für das Lebenswerk: Alfons Diekmann, Damme

12.03.2026
Autor*in: Claus Spitzer-Ewersmann

Wenn Alfons Diekmann von seinem Leben erzählt, klingt darin keine Spur von Selbstzufriedenheit. Eher Stolz, Dankbarkeit und die Ruhe eines Menschen, der vieles erlebt und geschaffen hat. Vom einfachen Elternhaus zum eigenen Unternehmen, vom Angestellten zum Arbeitgeber: Sein Weg ist ein Beispiel dafür, was entsteht, wenn man Verantwortung übernimmt und sich selbst treu bleibt.

Manche Unternehmer folgen seit Jugend­tagen einem klaren Karriereplan. Sie wissen früh, was sie wollen, und richten ihre Ausbildung, ihre Entscheidungen und oft auch ihr Umfeld darauf aus. Andere finden ihren Weg erst unterwegs – durch Erfahrungen, manchmal auch Zufälle und über Abzweigungen, die sich im Rückblick als die richtigen erweisen. Auch Alfons Diekmann gehört zu denen, die ihren Weg Schritt für Schritt gegangen sind.

Seine Geschichte beginnt 1948, in einer Zeit des Neuanfangs. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, das Land liegt in Trümmern. Deutschland sucht nach Orientierung. In diese Welt wird Alfons als neuntes Kind eines Heuerlingpaars in Märschendorf geboren. Die Mutter verwöhnt das Nesthäkchen, die Geschwister necken es. „Als ich 1955 in die Schule kam, warnten sie mich: Du musst bestimmt bald wieder nach Hause, weil du ja gar kein Hochdeutsch sprichst“, erinnert er sich lachend.

Alfons wächst in einfachen Verhältnissen auf. Als er im sechsten Schuljahr ist, stirbt die geliebte Mutter an Nierenversagen. „Für mich eine Katastrophe“, sagt er leise. Der Vater steht plötzlich allein mit den Kindern da und versucht, die Situation irgendwie zu meistern. „Wenn ich ihn um Rat fragte, antwortete er: „Junge, das musst du selbst wissen.“ So lernt er früh, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

Dammer durch und durch: Alfons und Gertrud Diekmann.

Der jüngste Spross der Diekmanns ist ein guter Schüler. In der achten Klasse fragt ihn sein Lehrer: „Was willst du machen, wenn du aus der Schule kommst?“ Alfons entgegnet arglos: „Ich habe ja noch Zeit.“ Doch der Lehrer schüttelt den Kopf. „Nein, wenn ich einen Brief an den Schulrat schreibe, könnte es sein, dass du mit acht statt neun Schuljahren gehen darfst.“ Kurz darauf erfährt Alfons, dass er die Schule tatsächlich nach dem achten Jahr verlassen kann.

Und nun? Die Idee seiner Schwestern, eine Frisörlehre zu beginnen, verwirft er. Alfons hatte längst Gefallen an der Landwirtschaft gefunden. Wenn möglich, fährt er mit dem Fahrrad zu einem benachbarten Hof, füttert die Schweine und mistet Rinderställe aus. Doch wirklich interessant findet er den Maschinenpark des Bauern: den Mähdrescher, die Hochdruckpresse, den Kartoffelvollernter. Und er beweist handwerkliches Geschick, hilft beim Bau von Silos und einer Getreidetrockenanlage mit.

Doch den Beruf des Landwirts zu ergreifen, kommt für den Jungen nicht infrage. „Ich mochte die Arbeiten sehr, sah aber für mich keine Perspektive in der Landwirtschaft“, blickt er zurück. „Meine Befürchtung war, später nur als Verwalter auf einem fremden Hof zu arbeiten und den ganzen Tag in Gummistiefeln rumzulaufen.“ Stattdessen trifft er eine Entscheidung für die Zukunft und beginnt in Hausstette die Ausbildung zum Elektrotech­niker. Eine Wahl, die seinem Interesse für Technik und seinem handwerklichen Geschick entspricht.

Nach der Lehrzeit wechselt Alfons zur Firma Alfred Baumann in Bakum. Hier sammelt er erste praktische Erfahrungen in größeren Projekten. Als das Unternehmen den Auftrag für den Bau der Gausepohl Versandschlachterei erhält, ist der junge Geselle mittendrin. Doch kaum ist der größte Teil der Arbeit geschafft, folgt der nächste Einschnitt, die Einberufung zur Bundeswehr nach Hamburg. Anderthalb Jahre dauert der Dienst, bevor er im Januar 1970 als Betriebselektriker bei Anton Pohlmann in Neuenkirchen anfängt, Europas damals größtem Eierlieferanten.

Drei Generationen, eine Firma (v.l.): Alfons, Fabian und Thorsten Diekmann.  Alfons, Fabian und Thorsten Diekmann.

Der Job ist hart, die Tage sind lang. Alfons Diekmann arbeitet rund um die Uhr. Die Verantwortung ist groß, denn die Ställe müssen laufen und Störungen sofort behoben werden. „In manchen Monaten kam ich auf 300 Stunden“, berichtet er. 

Nach drei Jahren zieht Diekmann Konsequenzen und wagt den nächsten Schritt. Am Bundestechnologiezentrum für Elektrotechnik in Oldenburg meldet er sich zum Meisterkurs an, den er nach zwölf Monaten erfolgreich abschließt. Wenig später klopft ein alter Bekannter an die Tür: Anton Pohlmann. „Er wollte mich unbedingt zurück“, erzählt Diekmann. Pohlmann lockt mit neuem Dienstwagen und der Verantwortung für 30 Betriebe. Diekmann sagt zu.

Doch der Preis ist hoch: Das Privatleben leidet, eigentlich findet es gar nicht mehr statt. „Meine vier Kinder bekamen mich kaum noch zu sehen, meine Frau Gertrud war mit den Nerven am Ende.“ Auch Alfons Diekmann selbst steht permanent unter Strom, wird getrieben von Pflichtgefühl und Perfektionismus. Ihm wird klar, dass sich etwas ändern muss. „Diesen Stress muss ich nicht länger haben“, erinnert er sich an den Moment der Entscheidung. Mit den Worten „Ich möchte mich selbstständig machen!“ überrascht er seine Frau. 

Im Freundeskreis der Diekmanns gibt es genügend Vorbilder. Sie raten dem 37-Jährigen, den Sprung zu wagen. „Das, was du für Pohlmann tust, kannst du auch auf eigene Rechnung haben“, sagen sie.
Die Selbstständigkeit wird zur Flucht nach vorn. Für Alfons Diekmann fühlt sie sich wie Befreiung an. Zum ersten Mal seit Jahren kann der Elektromeister selbst entscheiden, welche Projekte er annimmt, wann er arbeitet und wie viel er sich zumutet. Er weiß, dass die nächsten Monate hart werden, aber er spürt: Nur so kann er wieder zu sich selbst finden und das Gleichgewicht in die Familie zurückbringen.

Im Sommer 1985 geht es los – mit einer Werkbank und zwei Regalen in der Garage hinter dem Haus in Damme. „Meine Frau hat sich um die Buchführung gekümmert, ich mich um die Baustellen.“ Wer Alfons Diekmann näher kennt, merkt schnell, dass ihm die Unabhängigkeit neue Energie verleiht. Mit jeder gelungenen Aufgabe wächst das Selbstvertrauen. Die Selbstständigkeit ist nicht nur ein beruflicher, sondern auch ein persönlicher Neuanfang.

Dem jungen Betrieb kommen Diekmanns Kontakte in die Eier- und Geflügelbranche zugute. Die Firma kontinuierlich, die Auftragsbücher sind voll. Zu den Kunden zählen Geflügelhöfe, Brütereien und Verarbeitungsbetriebe. Sie alle brauchen verlässliche Elektrotechnik, damit die Produktion nicht stockt.

Der Experte kennt die Abläufe. Er weiß, wo Probleme entstehen, und welche Lösungen helfen. Besonders gern arbeitet er für inhabergeführte Betriebe. Dort werden Entscheidungen noch persönlich getroffen. So schafft sich Diekmann einen hochkarätigen Kundenstamm, der die Existenz des Unternehmens sichert und ihm eine Zukunftsperspektive gibt.

Ende der Neunzigerjahre beginnt für die Firma eine neue Phase. 1997 steigt Sohn Thorsten Diekmann, ebenfalls ­Elektromeister, in den Betrieb ein.

Zunächst führt er die Geschäfte gemeinsam mit seinem Vater. Die Kombination aus Erfahrung und frischen Ideen bringt das Unternehmen weiter voran. Und die Expertise ist auch im Ausland gefragt. So plant und ­realisiert man etwa Stallanlagen in meh­reren osteuropäischen Ländern. Dank der modernen Technik werden sie anfangs sogar von Damme aus überwacht und gesteuert.

Firmensitz an der Holdorfer Straße 12 in Damme: Seit 40 Jahren steht die Firma Alfons Diekmann GmbH Elektroanlagen für innovative elektrotechnische Lösungen.

1998 verdienen bereits zwölf Mitarbeitende bei Diekmann ihr Geld. Das Provisorium in der Garage und die zwischenzeitlich im Garten errichtete Halle reichen längst nicht mehr aus. Mehr Platz muss her.
Als auf der anderen Straßenseite ein 5.000 Quadratmeter großes Grundstück frei wird, greifen Diekmanns zu. Hier entsteht in mehreren Bauabschnitten der neue, moderne Firmensitz, der zur Basis für die weitere Entwicklung wird.

Heute, vierzig Jahre nach seiner Gründung hat sich das Unternehmen, das inzwischen eine GmbH ist, zu einem der führenden Handwerksbetriebe der Region entwickelt. Die Zahl der Mitarbeitenden ist auf rund 120 angewachsen, darunter 25 Auszubildende. Mit einem guten Gespür für die Erfordernisse des Marktes führt Thorsten Diekmann die Firma in die Gegenwart.

Auch er setzt mit seinem Team auf innovative elektrotechnische Lösungen – selbst wenn inzwischen Themen wie Digitalisierung, Photovoltaik, Energieeffizienz, E-Mobilität oder Gebäudeautomation längst den Alltag bestimmen. Nach wie vor gelten die Werte des Vaters auch für ihn: „Wir bleiben bodenständig, unkomplziert und verlässlich.“

Der Senior hat nach wie vor ein Büro im Haus und ist beinahe täglich vor Ort. Er weiß sein Lebenswerk in guten Händen.

Besonders stolz ist Alfons Diekmann, dass im Herbst 2025 auch Enkel Fabian die Meisterprüfung bestand. Damit steht nach vier Jahrzehnten Selbstständigkeit nun die dritte Generation in den Startlöchern.
Die Geschichte zeigt: Erfolg braucht nicht zwingend einen Plan. Oft entsteht er aus Beharrlichkeit, Offenheit und Mut.

Alfons Diekmann hat nie den einfachsten Weg gewählt, aber immer den, der sich richtig anfühlte. Sohn Thorsten sieht es so: „Mein Vater hatte es nie leicht. Als jüngstes Kind der Familie wurde von ihm besonders viel ­verlangt. Aber er hat sich durchgebissen und einfach immer die richtigen Schlüsse gezogen.“ 

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