Existenzgründer des Jahres

Wenn es 5.000 Meter in die Tiefe geht

02.12.2025
Autorin: Lisa Knoll

Gut fünf Kilometer Fahrtweg sind es vom Bahnhof Neuenkirchen bis in den Ortsteil Vörden. Etwa dieselbe Strecke wird für so manche Geothermiebohrung in der Erde zurückgelegt. Damit das funktioniert, sind jede Menge Spezialwerkzeuge nötig – und die kommen nicht selten aus dem Landkreis Vechta: Mit der 2023 gegründeten Downhole Equipment & Services GmbH konnten sich Dirk Schöning und Christian Schulte binnen kurzer Zeit einen Kundenstamm im In- und Ausland aufbauen.

Obwohl Maschinenbauingenieur Christian Schulte auf etliche Berufsjahre zurückblicken kann, fasziniert ihn die Tiefbohrtechnik noch immer: „Bohrungen reichen mehrere tausend Meter in die Erde. Man steht auf Bohranlagen, die hunderte Tonnen heben können und sieht, wie das Bauteil, das man selbst konstruiert hat, unter Tage seine volle Funktion entfaltet. Das begeistert mich jeden Tag aufs Neue.“

Das Bauteil, das hier gemeint ist, ist ein sogenanntes Liner-Hanger-System. Nur wenige Firmen in Europa stellen dieses für den Tiefbohrsektor essenzielle Werkzeug her. Christian Schulte und sein langjähriger Kollege und Freund Dirk Schöning arbeiteten bereits seit 2012 an der Konstruktion von Liner-Hanger-Systemen, zuletzt bei Fangmann Energy Services in Cloppenburg. Im Mai 2023 machten sie sich mit ihrem Know-how schließlich selbstständig. Gegründet wurde die Downhole Equipment & Services GmbH mit drei weiteren Gesellschaftern. Die Geschäftsführung liegt bei Schulte und Schöning. Räumlichkeiten fanden sie im Niedersachsenpark in Neuenkirchen-Vörden – ideale Standortbedingungen für das junge Unternehmen, und dazu noch günstig gelegen zwischen Cloppenburg und Fürstenau, den Wohnorten beider Geschäftsführer.

Dirk Schöning und Christian Schulte sind unsere Existenzgründer des Jahres 2025

Maßanfertigungen als lukratives Nischenprodukt

„Unser Business branchenfernen Menschen zu erklären, ist schwierig, denn es finden sich kaum Anknüpfungspunkte im Alltag. Die wenigsten Menschen wissen zum Beispiel, wie ein Bohrloch überhaupt aufgebaut ist“, weiß Schulte. Der 40-Jährige behilft sich gern mit einem Vergleich: „Jeder kennt noch die alten Autoantennen, die aus einzelnen Segmenten bestehen und nach oben immer schmaler werden. Wenn ich eine solche Antenne umdrehe, ähnelt ihre Form der eines Bohrlochs. An den Stellen, wo sich der Durchmesser mit zunehmender Bohrtiefe verringert, werden Liner-Hanger-Systeme eingebaut.“ Das hydraulisch aktivierbare System ermöglicht es, einen neuen Rohrabschnitt in einem Bohrloch zu befestigen. Daran angebrachte Keile werden ausgefahren und verankern sich, sodass die nächsten Rohre ins Bohrloch eingelassen und daran befestigt werden können. Ein System kann so Lasten von bis zu 600 Tonnen tragen. Ein sogenannter Liner-Top-Packer dichtet die Stelle ab und hält Drücken von bis zu 700 Bar stand.

In Standardgrößen wird das Tool von einer Vielzahl Unternehmen weltweit angeboten. „Im globalen Vergleich ist der europäische Markt noch überschaubar gefüllt, deshalb ist die Nachfrage groß. Zusätzlich bieten wir maßgefertigte Sonderlösungen an“, so Dirk Schöning. Mit diesen Customized Solutions bedient das Unternehmen eine lukrative Nische, die kontinuierlich wächst.

Mit ihren Customized Solutions bedienen Christian Schulte und Dirk Schöning eine lukrative Nische, die kontinuierlich wächst.

Kerngeschäft: Geothermie-Projekte in Zentraleuropa

Gut 95 Prozent aller Aufträge kommen aus dem Bereich Geothermie. In Bohrlöchern von bis zu 5.000 Metern Länge werden die natürlichen heißen Gesteinsschichten der Erde angezapft, um sie als nachhaltige, nahezu klimaneutrale Strom- und Energiequelle etwa für Fernwärmenetze in Wohn- und Gewerbegebieten zu nutzen. Kommunale Energieversorger bilden den Großteil der Kunden aus Deutschland und Österreich. Niederländische Auftraggeber sind vor allem Landwirte, die geothermische Wärme zur Temperaturregelung in Gewächshausanlagen nutzen. Auch in Schweden, Polen und Frankreich waren Schulte und Schöning bereits gefragt.

Die Liste an Referenzprojekten kann sich sehen lassen, obwohl die Downhole Equipment & Services GmbH erst vergleichsweise kurz am Markt ist. Die Auszeichnung als Existenzgründer des Jahres bestätigt ihre Leistung. Ob der Preis etwas an der täglichen Arbeit verändern wird? Nein, da sind sich Christian Schulte und Dirk Schöning einig. „Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich zu meinen Freunden gesagt: Ich will auf jeden Fall bodenständig bleiben. Sagt mir Bescheid, wenn ich abhebe. Das will ich auch weiter so halten, Auszeichnung hin oder her“, sagt der 35-jährige Schöning. Schulte fügt an: „Außerdem haben unsere Mitarbeitenden einen großen Teil dieser Leistung mitgetragen. Der Preis gehört ihnen ebenso wie uns.“

Foto: v. l. n. r.: Tobias Gerdesmeyer, Dirk Beimförde, Ansgar Brockmann, Thomas Koops, Ludger Abeln, Dirk Schöning, Christian Schulte, Olaf Lies, Johann Wimberg, Olaf Hemker

Ein bescheidener Blick Richtung Zukunft

Die Auftragsbücher fürs kommende Jahr sind bereits gut gefüllt: 2026 steht zum Beispiel ein Großprojekt für einen Kunden in Dänemark an. Die Bohrungen dort dienen dem Carbon Capture and Storage (CCS) – einem Verfahren, mit dem Kohlendioxid dauerhaft unterirdisch gespeichert wird, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Ein weiterer Auftrag kommt aus Potsdam: Der örtliche Energieversorger EWP hatte vor zwei Jahren bereits eine erste Geothermie-Anlage errichtet, die heute ein ganzes Stadtviertel mit klimaschonender Energie versorgt. Nun sollen dort weitere Bohrungen folgen.

In den kommenden Jahren lassen sich außerdem noch weitere Bereiche der Tiefenbohrung als potenzielle Kundenkreise erschließen, etwa wenn es um die Wasserstoffspeicherung in Kavernen geht. Dem großen Zukunftspotenzial ihres Unternehmens blicken die Geschäftsführer aber bescheiden entgegen. Sie sind bei allem Erfolg eben bodenständig geblieben. Nicht nur die Freunde von Dirk Schöning werden das bestätigen.

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