Musikgeragogik

Von der positiven Kraft des Musizierens

29.07.2026

Manche Studiengänge sind außerhalb von Universitäten und Hochschulen so gut wie unbekannt. Dennoch entwickeln sich aus ihnen Forschungsfelder, die gesellschaftliche Herausforderungen aufgreifen und neue Wege der Teilhabe eröffnen. Die Musikgeragogik, deren wissenschaftliche Entwicklung eng mit der Universität Vechta verbunden ist, gehört dazu.

Musikgeragogik – was ist das überhaupt? Die Antwort ist einfacher, als es der Begriff vermuten lässt. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Musik Menschen auch im höheren Lebensalter begleiten, fördern und miteinander verbinden kann. Während sich die klassische Musikpädagogik meist an Kinder und Jugendliche richtet, schaut die Musikgeragogik bewusst auf die Generation der Groß- und Urgroßeltern.

Dabei geht es nicht darum, im Seniorenheim „Hoppe, hoppe Reiter“ zu singen oder im Alter verbissen Tonleitern zu pauken. Musikgeragogik geht davon aus, dass kein Mensch zu alt ist, um Neues zu lernen oder Musik auf eine ganz eigene, intensive Weise zu erleben. Sie holt die Menschen da ab, wo sie stehen – egal, ob es sich um den rüstigen Rentner handelt, der nach dem Berufsleben endlich Zeit für den lang ersehnten Klavierunterricht hat, oder um die demente Heimbewohnerin, die kaum noch spricht, aber beim Klang ihres Lieblingsschlagers plötzlich wieder strahlt und mitsingt.

Gerade in einer alternden Gesellschaft gewinnt das Thema an Bedeutung. Musik kann Erinnerungen wecken, soziale Kontakte fördern und Lebensfreude vermitteln. Die Musikgeragogik erforscht deshalb, wie musikalische Bildung und kulturelle Teilhabe möglich bleiben und wie entsprechende Angebote gestaltet werden können.

 

Der Wegbereiter aus Vechta

Zu den wichtigsten Wegbereitern dieses Fachgebiets zählt der in Cloppenburg geborene Musikpädagoge Prof. Dr. Theo Hartogh. Mit seiner Habilitationsschrift „Musikgeragogik – ein bildungstheoretischer Entwurf“ hatte er 2005 die erste umfassende wissenschaftliche Grundlegung des Fachs vorgelegt. Über viele Jahre lehrte und forschte er an der Universität Vechta und trug maßgeblich dazu bei, die Musikgeragogik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu etablieren.

„Die wachsende Zahl von demenzbetroffenen Menschen stellt eine der großen Herausforderungen für unsere Gesellschaft dar“, sagt Hartogh. „Sowohl im Rahmen ihrer Behandlung, Pflege und Betreuung als auch mit dem Ziel, ihnen möglichst umfassende kulturelle und soziale Teilhabe sowie hohe Lebensqualität zu ermöglichen, sind die vielfältigen Potenziale von Musik entschlossener und deutlich stärker als bisher zu nutzen!“

„„Musizieren hat eine ungeheure positive Kraft.“”

Prof. Dr. Theo Hartogh

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Wie das konkret aussehen kann, verdeutlicht ein Blick in eine ganz normale Praxisstunde: Da sitzt eine Gruppe von Senioren im Kreis und startet erst einmal mit einem allen vertrauten Begrüßungslied. Nach ein paar lockeren Atem- und Dehnübungen kommen die Instrumente ins Spiel – leicht spielbare Rasseln, Klanghölzer oder Trommeln. Gemeinsam wird rhythmisch begleitet, gesungen und natürlich gelacht. Am Ende geht es oft um die sogenannte Biografiearbeit: Ein altes Volkslied oder ein Hit aus der Jugendzeit wird aufgelegt, und plötzlich sprudeln die Erinnerungen an den ersten Tanzball, die Jugendliebe oder die alte Heimat hervor. „Musizieren hat eine ungeheure positive Kraft“, fasst Hartogh zusammen.

In den letzten Jahren hat Hartogh an der Universität Vechta zahlreiche Forschungs- und Praxisprojekte begleitet. Besondere Aufmerksamkeit fanden seine Arbeiten zum Thema Musik und Demenz. Mit seiner Verabschiedung in den Ruhestand Anfang 2025 endet zwar seine aktive Hochschullaufbahn, dem Fachgebiet bleibt er jedoch weiterhin als Autor, Referent und wissenschaftlicher Begleiter verbunden.

 

Personeller Wandel an der Universität

Mit dem Abschied des Gründers stand die Universität vor der Herausforderung, das Erbe fortzuführen. Die Weichen schienen gestellt, als Prof. Dr. Kai Koch den Fachbereich übernahm. Der Wissenschaftler hatte sich bundesweit einen Namen durch seine Forschung zum „Singen im Alter“ gemacht und knüpfte mit seinen Forschungsschwerpunkten an zentrale Themen der Musikgeragogik an. Seine Zeit in Vechta blieb jedoch von kurzer Dauer: Im März 2024 folgte er dem Ruf an die Pädagogische Hochschule Karlsruhe. Dennoch reißt der Faden ins Oldenburger Münsterland nicht völlig ab: Über Kooperationen und die Leitung des Doktorandenkolloquiums bleibt Koch der Universität Vechta und ihren Forschungsprojekten weiter verbunden.

Zurzeit wird die Musikgeragogik in der Kreisstadt insbesondere durch Prof. Dr. Oliver Schöndube vertreten. Damit spricht vieles dafür, dass sie weiterhin einen festen Platz im Profil des Fachs Musik behalten wird – auch wenn das Land Niedersachsen die vakant gewordene Professur für Musikpädagogik vorerst nicht neu besetzt hat. Für Studieninteressierte gibt es dennoch eine beruhigende Nachricht: Das eigentliche Studienangebot im Zwei-Fächer-Bachelor und in der Lehramtsausbildung bleibt in vollem Umfang erhalten.