Musikgeragogik – was ist das überhaupt? Die Antwort ist einfacher, als es der Begriff vermuten lässt. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Musik Menschen auch im höheren Lebensalter begleiten, fördern und miteinander verbinden kann. Während sich die klassische Musikpädagogik meist an Kinder und Jugendliche richtet, schaut die Musikgeragogik bewusst auf die Generation der Groß- und Urgroßeltern.
Dabei geht es nicht darum, im Seniorenheim „Hoppe, hoppe Reiter“ zu singen oder im Alter verbissen Tonleitern zu pauken. Musikgeragogik geht davon aus, dass kein Mensch zu alt ist, um Neues zu lernen oder Musik auf eine ganz eigene, intensive Weise zu erleben. Sie holt die Menschen da ab, wo sie stehen – egal, ob es sich um den rüstigen Rentner handelt, der nach dem Berufsleben endlich Zeit für den lang ersehnten Klavierunterricht hat, oder um die demente Heimbewohnerin, die kaum noch spricht, aber beim Klang ihres Lieblingsschlagers plötzlich wieder strahlt und mitsingt.
Gerade in einer alternden Gesellschaft gewinnt das Thema an Bedeutung. Musik kann Erinnerungen wecken, soziale Kontakte fördern und Lebensfreude vermitteln. Die Musikgeragogik erforscht deshalb, wie musikalische Bildung und kulturelle Teilhabe möglich bleiben und wie entsprechende Angebote gestaltet werden können.
Der Wegbereiter aus Vechta
Zu den wichtigsten Wegbereitern dieses Fachgebiets zählt der in Cloppenburg geborene Musikpädagoge Prof. Dr. Theo Hartogh. Mit seiner Habilitationsschrift „Musikgeragogik – ein bildungstheoretischer Entwurf“ hatte er 2005 die erste umfassende wissenschaftliche Grundlegung des Fachs vorgelegt. Über viele Jahre lehrte und forschte er an der Universität Vechta und trug maßgeblich dazu bei, die Musikgeragogik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu etablieren.
„Die wachsende Zahl von demenzbetroffenen Menschen stellt eine der großen Herausforderungen für unsere Gesellschaft dar“, sagt Hartogh. „Sowohl im Rahmen ihrer Behandlung, Pflege und Betreuung als auch mit dem Ziel, ihnen möglichst umfassende kulturelle und soziale Teilhabe sowie hohe Lebensqualität zu ermöglichen, sind die vielfältigen Potenziale von Musik entschlossener und deutlich stärker als bisher zu nutzen!“