Kommunalpolitik in der Praxis

„Wenn’s keiner macht, was dann?“

01.07.2026

Während das Gemeinschaftsdenken in der Gesellschaft abnimmt, hält Anne Grabber in den Bauerschaften Harpendorf und Düpe I dagegen. Als Bezirksvorsteherin sucht sie stets den direkten Draht zu den Bürger:innen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Ehrenamtes, das keine festen Sprechzeiten kennt.

Die Aufgaben einer Ortsvorsteherin sind vielfältig. „Es kommt schon mal vor, dass mich jemand anruft, weil am Straßenrand Müll liegt“, weiß Anne Grabber zu berichten. Oder weil die Streuobstwiesen Pflege benötigen. Weil die Umweltwoche organisiert werden muss oder ein Schlagloch auf der Hauptstraße zur Gefahr für Schulkinder wird. „Dann werde ich beim Bäcker oder auf dem Schützenfest darauf angesprochen“, sagt die 55-Jährige.

Seit September 2021 ist sie als Bezirksvorsteherin – so die in Niedersachsen übliche Bezeichnung für Ortsvorsteher in kleineren Bezirken – für die Bauerschaften Harpendorf und Düpe I in der Gemeinde Steinfeld zuständig. Die Position ist im Kommunalverfassungsgesetz rechtlich verankert. „Ich bin das ehrenamtliche Bindeglied zwischen den Bürgerinnen und Bürgern auf der einen Seite und dem Bürgermeister, dem Gemeinderat und der übergeordneten Gemeindeverwaltung auf der anderen“, erklärt Grabber.

Ehemann und Gemeinderat stimmten zu

Dass sie heute diese zentrale Rolle im Dorf einnimmt, hat Anne Grabber keineswegs von langer Hand geplant. „Ich bin da eher reingerutscht“, sagt sie und lacht. Sie wurde von ihrer Vorgängerin, die den Posten lange Zeit bekleidet hatte, vorgeschlagen. Vor Ort bekannt war die Harpendorferin bereits – nicht nur durch ihr Engagement bei den Landfrauen, sondern auch als Mitbetreiberin eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs. Nachdem sie sich mit ihrem Mann abgestimmt und der Gemeinderat sein Okay gegeben hatte, sagte auch Anne Grabber „Ja!“ zur Verantwortung im neuen Amt.

Dabei versteht sie sich nicht als Einzelkämpferin, sondern als Teil eines funktionierenden Netzwerks. „Allein könnte ich diese Aufgabe gar nicht bewältigen“, betont sie. Wichtig sei, die Menschen in den beiden Bauerschaften einzubinden, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ob Vereine, Nachbarschaften oder einzelne Bürger:innen – viele Anliegen könnten nur im Miteinander erfolgreich umgesetzt werden.

 

„„Es ist einfach schön zu sehen, wenn man im Kleinen etwas für seine Heimat bewegen kann.“”

Anne Grabber

Das Amt kennt keinen Feierabend

Das beste Beispiel dafür, was sich mit Teamgeist erreichen lässt, war ihre Idee vom Ehemaligentreffen, das im Juni 2024 erstmals im Festzelt des Schützenvereins Harpendorf-Düpe stattfand. Mit rund 30 Mitstreiterinnen und Mitstreitern war sie im Vorfeld von Haus zu Haus gezogen. „Wir haben überall gefragt, ob die Bewohnerinnen und Bewohner noch Kontakt zu denjenigen haben, die dort vor ihnen wohnten.“ Das Ergebnis der Kurzbesuche konnte sich sehen lassen: Rund 300 Gäste kamen schließlich in der Harpendorfer Heide zusammen – darunter tatsächlich nicht wenige Ehemalige. Für Anne Grabber ein Beweis dafür, wie tief die Wurzeln in den beiden Bauerschaften reichen. „Das hat uns gezeigt, dass sich der Aufwand gelohnt hat und wie wichtig den Menschen diese Gemeinschaft ist“, bilanziert die Bezirksvorsteherin sichtlich stolz.

Apropos Aufwand: Ihr Amt erfordert viel Zeit und Flexibilität. Feste Sprechzeiten gibt es nicht, die Sorgen und Ideen der Menschen kennen keinen Feierabend. Das verlangt ein gutes Zeitmanagement, denn Anne Grabber ist beruflich weiter voll eingespannt. Den täglichen Spagat zwischen Landwirtschaft, Familie und den dörflichen Belangen meistert sie nur mit Rückhalt aus dem privaten Umfeld. Wie viele Stunden sie monatlich für ihre Aufgabe aufwendet, könne sie kaum beziffern. „Mal ist es ganz wenig, mal sehr viel“, sagt sie und bringt ihre Haltung auf den Punkt: „Wenn’s keiner macht, was dann?“

Herzenssache statt Pflichtprogramm

Umso mehr bedauert die Bezirksvorsteherin, dass der Stellenwert des Ehrenamtes in der Gesellschaft grundsätzlich abgenommen hat und es immer schwieriger wird, Menschen für ein solches Engagement zu gewinnen: „Das Gemeinschaftsdenken hat nachgelassen. Und das ist nicht gut.“ Sie wünscht sich, dass sich das wieder ändert. Vereine, Nachbarschaften und ehrenamtliches Engagement seien schließlich das Fundament eines lebendigen Dorflebens.

Sie selbst zieht die Energie für ihren Dauereinsatz aus den persönlichen Begegnungen und dem lebendigen Zusammenhalt vor Ort. Eine kleine Tradition hat Anne Grabber selbst ins Leben gerufen: Zur jährlichen Erstkommunion erhalten alle Erstkommunionkinder im Dorf einige Tage vor dem Fest zwei Fahnen, die vor ihren Häusern aufgestellt werden. „Darauf freuen sich nicht nur die Kinder“, erzählt sie. Mit dieser Geste setzt sie jedes Jahr ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit und trägt dazu bei, dass der besondere Tag für die Familien noch lange in Erinnerung bleibt.

Im Gespräch wird deutlich, dass der Posten für die 55-Jährige kein bloßes Pflichtprogramm ist, sondern eine echte Herzensangelegenheit. Es motiviert sie, wenn Probleme auf kurzem, unbürokratischem Weg gelöst werden oder dörfliche Aktionen Menschen zusammenbringen. „Es ist einfach schön zu sehen, wenn man im Kleinen etwas für seine Heimat bewegen kann“, erklärt Grabber.

Ihr persönlicher Maßstab für den Erfolg ist dabei denkbar einfach: „Den Job mache ich gut, wenn alle im Dorf zufrieden sind und ich meine Ziele erreicht habe.“