Sportpsychologie

Herausforderungen im (Hoch-)Leistungssport

27.03.2026

Univ.-Prof. Dr. Martin K.W. Schweer ist seit 1998 wissenschaftlicher Leiter des Arbeitsbereichs Pädagogische Psychologie der Universität Vechta. Zudem leitet er das angegliederte Zentrum für Vertrauensforschung (ZfV) sowie die sportpsychologische Beratungsstelle Challenges. Im Interview berichtet der promovierte Diplompsychologe unter anderem über wirkungsvolle Präventionsarbeit gegen Diskriminierung im (Hoch-)Leistungssport.

 

Herr Professor Schweer, was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Herausforderungen im (Hoch-)Leistungssport?

Univ.-Prof. Dr. Martin K.W. Schweer: Hier geht es vor allem um den Umgang mit einem extrem hohen Leistungsdruck, mit eigenen und fremden Erwartungen, mit erlebten Erfolgen und Misserfolgen, aber auch mit körperlichen Rückschlägen. Den Spagat zwischen individueller psychischer Gesundheit und den Anforderungen des (Hoch-)Leistungssports zu bewältigen, ist sehr schwierig und kann sinnvoll mittels sportpsychologischer Betreuung unterstützt werden.

 

Welche Rolle spielt die mentale Fitness dabei?

Schweer: Mentale Fitness ist keine stabile Eigenschaft eines Menschen. Wie die körperliche Gesundheit auch, muss mentale Stärke langfristig aufgebaut, stetig trainiert und über so manche Hürden und Rückschläge hinweg immer wieder aufs Neue stabilisiert werden. Die eigene mentale Fitness zu stärken, ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Es ist also ein Prozess, der sich über die gesamte Lebensspanne eines Menschen erstreckt. Angesprochen sind dabei Denkmuster und Emotionen, dies gerade in besonders herausfordernden Situationen.

 

Ihrem Arbeitsbereich ist die Arbeitsstelle für sportpsychologische Beratung und Betreuung Challenges angegliedert. Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Schweer: Es gibt Anliegen, die eine eher kurzfristige Beratung betreffen, oftmals geht es aber um eine längerfristige Betreuung. Ein längerer Zeitraum bietet die Möglichkeit, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen – das ist gerade in Hinsicht auf die Unterstützung einer förderlichen Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung zielführend. Ein konkretes Anliegen kann eine (sport-)psychologische Diagnostik sein.

 

Was ist das genau?

Schweer: Die (sport-)psychologische Diagnostik bildet die Grundlage sowohl für karriererelevante Entscheidungen als auch für eine solide abgesicherte, qualitativ hochwertige Beratung. Dabei geht es dann um spezifische Facetten etwa der Leistungsmotivation, der Konzentrationsfähigkeit und der Kontrollüberzeugungen. Auch die Intelligenzdiagnostik kann eine Rolle spielen.

 

Welche Beratungsbedarfe sind darüber hinaus Thema?

Schweer: Nach wie vor hochtabuisierte Themen im (Hoch-)Leistungssport sind Erfahrungen mit Diskriminierungen und Missbrauch – auch dazu wenden sich Menschen an meine Beratungsstelle. Die diesbezüglichen Beratungserfahrungen haben mich immer wieder in meinem Engagement gestärkt, über Vorträge, Schulungen und Workshops auf Verbands- und Vereinsebene des organisierten Sports eine gelebte Kultur der Akzeptanz von Vielfalt zu fördern.

 

Wie kann wirkungsvolle Präventionsarbeit gegen Diskriminierung im Verein aussehen, um möglichst viele Menschen zu erreichen?

Schweer: Eine wirkungsvolle Präventionsarbeit sollte möglichst frühzeitig in Erziehung und Sozialisation ansetzen: In den Familien, in der Kita und in der Schule kann die Entwicklung von grundlegenden humanistischen Wertorientierungen wie Wertschätzung und Respekt gefördert werden. Der organisierte Sport mitsamt seiner Fankulturen ist für eine solche Wertevermittlung ganz zentral – mit seinen Vorbildern und vor allem mit seiner gelebten Kultur des sozialen Miteinanders. Vor dem Hintergrund meiner jahrelangen Workshoparbeit kann ich sagen, dass die Verbände und Vereine des Sports zunehmend für Themen der Diskriminierung offen sind, teils auch bereits gute Präventionsarbeit leisten. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, also der sogenannten Polykrise, ist die Gefahr jedoch durchaus hoch, dass Vorurteile, soziale Abwertungen und Diskriminierungen wieder ansteigen. In meinen Workshops erarbeite ich daher ganz konkrete Maßnahmen, präventiv und im Umgang mit Diskriminierungen.

 

Im April 2026 wird es eine Veranstaltung mit dem Buchautoren und Journalisten Ronny Blaschke zu einem verwandten Thema geben. Wie kam es dazu?

Schweer: Ich kenne Ronny Blaschke schon seit vielen Jahren, unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt im Rahmen von Veranstaltungen zu tabuisierten Themen wie Diskriminierung und Umgang mit Homosexualität und Depressionen im organisierten Sport. Gerade der Fußball-Sport erreicht mit seinen Botschaften zahlreiche Menschen – als Zuschauer, Fans und Aktive. Ich freue mich daher sehr auf die Veranstaltung mit Ronny Blaschke zum Thema des Rassismus im Profifußball. Sie ist die inzwischen zehnte Ausgabe unserer Veranstaltungsreihe vechtaer trust lectures (s. Infokasten).

 

Können Sie mehr über die vechtaer trust lectures erzählen?

Schweer: Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe haben wir in den letzten Jahren sehr eindrückliche Persönlichkeiten begrüßen dürfen, zu denen prominente wie engagierte Menschen etwa aus Politik, Journalismus, Kirche und Wissenschaft gehören – darunter die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, sowie der ehemalige Bundesminister Rudolf Seiters. Sie alle haben uns teilhaben lassen an ihren Erfahrungen und ihrer Sicht auf die Bedeutung und den Erhalt von Vertrauen. Auf diese Weise möchte ich zu meinem zentralen Forschungsthema, das mir sehr am Herzen liegt, mit einer interessierten Öffentlichkeit in den Dialog kommen, Neugier wecken und zum Nachdenken anregen.

 

Die vechtar trust lectures sind eine Veranstaltungsreihe des von Ihnen gegründeten Zentrums für Vertrauensforschung (ZfV). Was macht das ZfV im deutschsprachigen Raum einzigartig?

Schweer: Das Zentrum für Vertrauensforschung besteht seit nunmehr über 23 Jahren, wobei die Anfangsjahre durch echte Pionierarbeit gekennzeichnet waren. Mittlerweile sind Vertrauen und Misstrauen als Forschungsthemen zwar gut etabliert, aber dennoch sind viele Forschungsfragen immer noch offen. Vertrauen ist zentrale Ressource für ein zufriedenstellendes soziales und demokratisches Miteinander, dieses umso mehr in einer komplexer werdenden und zunehmend digitalen Welt.

 

Wie arbeiten Sie im ZfV konkret?

Schweer: Das ZfV geht der grundlegenden Bedeutung von Vertrauen und Misstrauen für die verschiedenen Bereiche gesellschaftlichen Zusammenlebens gezielt nach, erforscht die bereichsspezifischen Faktoren der Vertrauensentwicklung, um auf diese Weise zielführende Beiträge zur Lösung konkreter Probleme im sozialen Miteinander leisten zu können. Die Forschungs- und Handlungsfelder umfassen das pädagogische Feld, Wirtschaft und Verwaltung, den organisierten Sport, digitale Medien und KI. Ende 2024 haben wir erstmals eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu Vertrauen und Misstrauen unternommen, zu der in Kürze auf unserer Website eine Broschüre zum Download zur Verfügung stehen wird.

Sportpsychologie_Univ.-Prof._Dr._Martin_K.W._Schweer_c_Universitaet_Vechta.jpg © Universitaet Vechta

Rassismus im Profifußball

– Können wir dem Sport noch vertrauen?

Referent: Ronny Blaschke, Buchautor und Journalist

Termin: Mittwoch, 29. April 2026, 18:00–19:30 Uhr

Ort: Aula der Universität Vechta

Der Besuch der Veranstaltung ist kostenfrei. Anmeldung und weitere Informationen unter: https://www.uni-vechta.de/zfv-trustlectures/vechtaer-trust-lecture-no10