Niederdeutsch

Eine Sprache als Wurzel der regionalen Identität

29.07.2026

In vielen Regionen Niedersachsens ist Niederdeutsch noch fest im Alltag verankert. Auch im Oldenburger Münsterland. Damit das so bleibt, engagieren sich das Niederdeutschsekretariat und der Bunnsraat för Nedderdüütsch.

Die Delegierten des Bunnsraat för Nedderdüütsch    

Heinrich Siefer aus Cloppenburg ist der Erhalt der niederdeutschen Sprache ein großes persönliches Anliegen. Er ist mit Niederdeutsch als Muttersprache in der Gemeinde Lindern aufgewachsen und engagiert sich seit 2006 als Mitglied des Bunnsraats för Nedderdüütsch. Seit 2018 ist Siefer sogar Sprecher dieses ehrenamtlichen Gremiums, das die sprachpolitischen Belange der Niederdeutsch-Sprechenden in Deutschland vertritt.

 

Niederdeutsch im Alltag sichtbar machen

„Meine Aufgabe ist es, die Vertreterinnen und Vertreter der acht Bundesländer, in denen Niederdeutsch gesprochen wird, regelmäßig zu Sitzungen zusammenzubringen und ihnen auf politischer Ebene in den Gremien im Beratenden Ausschuss auf Bundesebene und auf Länderebene eine Stimme zu geben“, beschreibt Siefer seine Arbeit. „Wir tauschen uns über politische und juristische Entwicklungen aus und achten darauf, dass die Bundesländer die Verpflichtungen der Europäischen Sprachencharta einhalten.“ Dabei geht es beispielsweise um das Sichtbarmachen der Sprache im öffentlichen Raum, etwa durch zweisprachige Straßen- und Ortsschilder, oder um Niederdeutsch im Bildungssektor. Der Bunnsraat för Nedderdüütsch setze sich dafür ein, dass die Sprache in Kindergärten und Schulen angeboten wird – als festes Unterrichtsfach statt nur als optionales AG-Angebot. „Ich sehe darin eine große Chance, denn das negative Image, das der Sprache lange anhaftete, ist für jüngere Generationen kein Thema mehr“, weiß Siefer. Lange als „Bauernsprache“ abgetan, gibt es an der Universität Oldenburg inzwischen einen Bachelorstudiengang Niederdeutsch sowie zwei Masterstudiengänge Niederdeutsch fürs Lehramt.

Niederdeutsch in der Pflege mitdenken

Sehr viele Menschen in Niedersachsen können Niederdeutsch verstehen und viele sprechen es auch aktiv im Alltag. Gerade mit Blick auf ältere Menschen ist Niederdeutsch in der Pflege und in sozialen Einrichtungen ein Herzensthema des Bunnsraat för Nedderdüütsch. Denn im Alter wird die Sprache zum wichtigsten Anker der eigenen Identität: „Unsere Muttersprache ist die Sprache, die uns am längsten begleitet. Gerade für Demenzerkrankte, die mit Niederdeutsch aufgewachsen sind, ist dies im letzten Abschnitt ihres Lebens die einzige ihnen verbleibende Sprache und wertvoll für die Biografiearbeit im Pflegeheim“, so Siefer. Viele Pflegekräfte im Oldenburger Münsterland beherrschen das Niederdeutsche bereits aktiv oder passiv. Auch junge Fachkräfte mit Migrationshintergrund haben die Relevanz der Sprache erkannt. „Sie wollen von uns zum Beispiel wissen, welche Sätze sie als Türöffner nutzen können, um den Bewohnerinnen und Bewohnern das Gefühl von zu Hause zu geben. Diese Bereitschaft ist wirklich schön.“

 

Sprachpolitische Arbeit für das Niederdeutsche

Unterstützt wird der Bunnsraat för Nedderdüütsch vom in Hamburg ansässigen Niederdeutschsekretariat. Das wurde 2017 auf einen Beschluss des Deutschen Bundestags eingerichtet, um die hauptamtliche sprachpolitische Vertretung der Niederdeutsch-Sprechenden in Deutschland zu übernehmen. „Wir tragen unsere Themen an die Bundes- und Landtagsabgeordneten heran und setzen uns für den Erhalt und den Schutz der niederdeutschen Sprache ein“, erklärt Leiterin Christiane Ehlers. Eines der wichtigsten Themen ist die Sprachplanung. „In der hochdeutschen Sprache ist ein sprachplanerisches Werkzeug zum Beispiel der Duden, der verbindliche Rechtsschreibregeln festlegt. Für kleine bedrohte Sprachen ist sprachplanerisches Handeln existenziell, um ihnen einen Weg in die Zukunft zu ermöglichen.“

Sasswenflagg rot weiß Ik kann Platt © Niederdeutschsekretariat

Schon gewusst?

Niederdeutsch gehört zu den nordseegermanischen Sprachen, zu denen auch Englisch und Friesisch zählen. Daher weisen die Sprachen viele Gemeinsamkeiten auf. In der Hansezeit war Niederdeutsch die Lingua Franca, die gemeinsame Verkehrssprache im gesamten Hanseraum. Noch heute existieren aus dieser Zeit Verträge, Rechnungen oder Rechtstexte auf Mittelniederdeutsch. Sprachwissenschaftlich gesehen ist Niederdeutsch übrigens kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Heute wird sie als Regionalsprache geschützt und in unterschiedlichen Varianten in acht Bundesländern gesprochen: Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Verstärkt im Fokus hat man im Sekretariat auch die Gruppe der New Speakers, also jüngere Menschen, die nicht mit Niederdeutsch aufgewachsen sind und die Sprache auf anderen Wegen erwerben. Für sie gibt es nur wenige Angebote, Niederdeutsch zu erlernen und im Alltag einzusetzen. „Viele Angebote, etwa in Radio und Fernsehen, sind selbstreferenziell; es wird über Themen aus der niederdeutschen Welt berichtet. Dabei geht es selten um Themen, die jüngere Generationen bewegen“, schildert Ehlers. Um sie besser zu vernetzen, wurde im Juni 2026 das „Nettwark Junge Lüüd“ für Niederdeutsch-Interessierte zwischen 18 und 35 Jahren ins Leben gerufen. Zum ersten Vernetzungstreffen in Bremen kamen zahlreiche Sprechende aus Deutschland. Online schalteten sich sogar Teilnehmende aus den Niederlanden, Brasilien oder den USA zu. „Das Nettwark soll eine Stimme für die junge Generation sein, die so oft vergessen wird, wenn es ums Niederdeutsche geht.“

Kooperation mit dem Verbund Oldenburger Münsterland

Seit einer gemeinsamen Auftaktveranstaltung im November 2025 kooperieren der Bunnsraat för Nedderdüütsch und das Niederdeutschsekretariat außerdem mit dem Verbund Oldenburger Münsterland. Ziel der langfristig angelegten Zusammenarbeit ist es, das Niederdeutsche noch stärker in der Region sichtbar zu machen. Bald soll deshalb eine Freizeitkarte in niederdeutscher Sprache erscheinen. Und auch weitere Projekte in der Region sind in Planung oder bereits abgeschlossen: Gemeinsam mit dem Theater Ex Libris bringt der Heimatverein Cloppenburg seit kurzem niederdeutsche Live-Hörspiele auf die Bühne. 2025 war das die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, die im Museumsdorf aufgeführt wurde. In diesem Jahr steht „Der kleine Lord“ auf dem Programm. Zudem wurden die Hörstationen in der Stadt Cloppenburg auf Niederdeutsch vertont. Die Erklärungstafeln an der Thülsfelder Talsperre sind inzwischen ebenfalls zweisprachig zu lesen.

„„Nedderdüütsch is en Deel vun uns regionale Identität un uns Geschicht. Dat sünd uns Wutteln – hier in’n Ollnborger Mönsterland un annersso.“ ”

Heinrich Siefer

Spracherhalt als persönliche Lebensaufgabe

Nach seiner jahrelangen Tätigkeit als Dozent in der Katholischen Akademie Stapelfeld ist Siefer inzwischen im wohlverdienten Ruhestand – und kann sich jetzt noch umfänglicher für den Erhalt des Niederdeutschen engagieren. Das macht er nicht nur im Bunnsraat för Nedderdüütsch, sondern unter anderem auch im Heimatverein Cloppenburg, bei der Oldenburgischen Landschaft und beim Niedersächsischen Heimatbund. „Ich kann viele dieser Tätigkeiten miteinander verknüpfen. Und es ist für mich auch gewissermaßen zu einer Mission geworden.“

Als Mitglied des Gospelchors in der Gemeinde St. Andreas in Cloppenburg singt er regelmäßig auch auf Niederdeutsch. Die Texte der Lieder wurden von ihm übertragen. Außerdem ist Siefer Ansprechpartner für die Niederdeutschsprechenden der katholischen Kirche – unter anderem für die NDR-Radiosendung „Dat kannst‘ mi glöven!“ (hier Link einbauen: https://www.ndr.de/kirche), die bereits seit über 70 Jahren läuft. Als Sprecher ist er schon seit 1985 mit dabei. „Die Rückmeldungen der Hörerinnen und Hörer sind durchweg positiv. Nicht zuletzt, weil die niederdeutsche Sprache konkreter und bildhafter ist als die hochdeutsche und den Menschen dadurch sehr nahekommt.“

Warum es so wichtig ist, Niederdeutsch auf so vielfältigen Wegen als Alltagssprache zu erhalten? Für Heinrich Siefer liegt die Antwort auf der Hand: „Niederdeutsch ist ein Teil unserer regionalen Identität und unserer Geschichte. Das sind unsere Wurzeln – hier im Oldenburger Münsterland und darüber hinaus.“

niederdeutsches Schild blau © Niederdeutschsekretariat

Weitere Infos

Mehr zur sprachpolitischen Arbeit rund ums Niederdeutsche gibt es unter: www.niederdeutschsekretariat.de www.nettwark.org