„Alte Schriften lesen lernen"

Workshop-Angebote rund um alte Handschriften

29.07.2026

Dr. Eva-Maria Ameskamp arbeitet für die Heimatbibliothek des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland in Vechta. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit historischen Archivbeständen und alten Handschriften. Ihr Wissen rund um die Deutsche Kurrentschrift teilt die studierte Volkskundlerin regelmäßig in Workshops mit Neulingen und Fortgeschrittenen.

 

Frau Dr. Ameskamp, wie sind Sie selbst zu den historischen Schriften gekommen?

Dr. Eva-Maria Ameskamp: Ich habe schon in der Schulzeit mit meiner Mutter Dokumente aus unserem Familienarchiv transkribiert. Das haben wir uns Stück für Stück selbst beigebracht. Die Feldpost aus dem Deutsch-Französischen Krieg konnten wir mithilfe einer Buchstabentabelle gut lesen. Bei den Briefen aus dem Ersten Weltkrieg war es schwieriger, da sie mit Bleistift und oft unsauber verfasst waren. Im Studium habe ich dann Theorie und Praxis vertieft und mich für die Promotion auch mit Schriften vor dem 19. Jahrhundert auseinandergesetzt.

 

Und welche Dokumente untersuchen Sie heute?

Ameskamp: In der Heimatbibliothek möchten wir so viele historische Schriftstücke wie möglich erhalten und erforschen. Die Archivalien sind deshalb sehr vielfältig: von Rentenbüchern des 17. Jahrhunderts über Feldpost und andere Briefe bis hin zu Schulunterlagen aus den 1940er-Jahren.

Frau sitzt vor alten Schriften, Büchern und Dokumenten © Heimatbibliothek

Über Dr. Eva-Maria Ameskamp

Die Falkenbergerin hat Volkskunde/Europäische Ethnologie und Geschichte studiert und verfasste ihre Doktorarbeit zum Thema „Leben, Wohnen, Arbeiten und Sterben im katholischen Pfarrhaus im Dekanat Cloppenburg vom Ende des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts“. Seit Juni 2021 verstärkt sie das Team der Heimatbibliothek an einem Vormittag in der Woche.

Warum lohnt es sich auch heute noch, alte Schriften lesen zu lernen?

Ameskamp: Man entdeckt verborgene Inhalte aus der Vergangenheit und kommt dadurch den Menschen von damals und ihrer Lebenswelt viel, viel näher. Ich habe vor einigen Jahren ein Rechenbuch von Kaspar Arck (1779-1845) in der Heimatbibliothek gefunden. Darin hat er als Schüler zwischen 1789 und 1793 Aufgaben gelöst, aber die hinteren Seiten waren mit kleinteiligen Tabellen voller Punkte und Kreuze gefüllt. Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen. Doch als es im weiteren Verlauf um Damast und Blumen ging, bin ich darauf gekommen, nach Leinwebemustern zu recherchieren. Und tatsächlich handelte es sich bei diesen „Tabellen“ darum, denn der Verfasser arbeitete später als Leinweber in Vechta. Er wohnte im Klingenhagen, und auch im zugehörigen Nachbarschaftsbuch fand ich seinen Namen wieder. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie man durch das Lesen historischer Dokumente den Lebensweg von Menschen nachzeichnen kann.

Wie sehr hat sich die Schrift vom 17. bis ins 20. Jahrhundert verändert?

Ameskamp: Die deutsche Kurrentschrift hat über die Jahrhunderte einige Entwicklungen durchlaufen und wie auch heute schrieb damals jeder Mensch etwas anders. Aber wenn man die Buchstaben kennt und weiß, aus welcher Zeit der Text stammt, fällt das Lesen zunehmend leichter. Und: Je offizieller ein Schriftstück ist, desto lesbarer ist es.

 

Vielen Menschen ist heute noch der Begriff „Sütterlinschrift“ geläufig. Worum handelt es sich dabei?

Ameskamp: Sütterlin ist eine Form der Deutschen Kurrentschrift, die Ludwig Sütterlin 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums erschaffen hat. Die Schrift sollte vereinheitlich und für Schreibanfänger vereinhfacht werden. Die Sütterlinschrift ist etwas steiler aufgestellt, die Ober- und Unterlängen sind kürzer. Sie wirkt etwas runder, nutzt aber letztlich dieselben Buchstaben wie die Kurrentschrift – vergleichbar heute mit den verschiedenen Schriftarten in Computerprogrammen.

Feldpost aus verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen wird in der Heimatbibliothek bewahrt hierbei handelt es sich um eine Feldpostkarte aus dem Bestand Rump, Lastrup. 
Poesiealben sind gewöhnlich sehr schön und gut lesbar geschrieben. Maria Holtermann führte ihr Album 1879 bis 1880, während sie im Pensionat der Schwestern unserer Lieben Frau in Vechta war.

Was macht das Entziffern historischer Texte für Ungelernte so schwierig?

Ameskamp: Einige Buchstaben wurden ganz anders geschrieben als heute und können auf eine falsche Fährte führen. Heute ist unser kleines E rund mit Schlaufe. In der deutschen Kurrentschrift sind es zwei senkrechte Striche dicht nebeneinander. Die Kleinbuchstaben N, M und U ähnelten sich stark, sodass man genau hinschauen muss, und beim kleinen S gab es zwei verschiedene Formen: ein Mittel-S, wie bei „Lesen“, und ein Schluss-S, wie bei „Haus“.

 

Diese und weitere Details rund um die „Alten Schriften“ erklären Sie in Ihren Workshops. Wer nimmt daran teil?

Ameskamp: Oft sind es Menschen, die alte Familiendokumente lesen wollen. Andere kommen aus Heimatvereinen, Standesämtern oder dem Denkmalschutz und möchten die Archivbestände ihrer Institution nutzen können. So kommt immer eine bunte Mischung an Leuten zusammen, denen ich in Anfängerkursen das nötige Handwerkszeug beibringe. Um routiniert zu werden, kommt es danach auf Übung an. Dafür gebe ich auch gern Tipps zu weiterführender Literatur und auch die Workshops für Fortgeschrittene können genutzt werden.

 

Kann beim Lesen denn die Künstliche Intelligenz weiterhelfen?

Ameskamp: Nur zum Teil, denn wenn ich das Lesen der Schrift nicht vollständig beherrsche, wie kann ich wissen, ob die KI ein Schriftstück korrekt transkribiert? Bei großen Beständen macht es Sinn, diese zu digitalisieren und von einer KI „übersetzen“ zu lassen. Da sind die Ergebnisse auch schon erstaunlich gut. Aber in jedem Fall braucht es im Anschluss eine genaue Prüfung von jemandem, der die Schrift wirklich lesen kann. Fehler der KI ergeben sogar oftmals Sinn und sind deshalb umso schwerer erkennbar.

 

Die nächsten Workshop-Termine „Alte Schriften lesen lernen“

Crashkurs für Anfänger

Samstag, 5. September 2026 | 09:00 – 18:00 Uhr

Kosten: 35 € (30 € für Mitglieder) – inkl. Imbiss & Getränken

Workshop für Fortgeschrittene

5 Termine (montags) | 12.10. bis 09.11.2026 jeweils 19:00 – 20:30 Uhr

Kosten: 25 € (20 € für Mitglieder)

Workshop für Anfänger

5 Termine (dienstags) | 19.1. bis 16.2.2027 jeweils 19:00 – 20:30 Uhr

Kosten: 25 € (20 € für Mitglieder)

Anmeldung für alle Angebote: 04441/8870721 oder info@heimatbibliothek-om.de