Wir sind Wirt

Zum Schanko - ein Gastroprojekt, das seinesgleichen sucht

Andere Orte haben Dorfgemeinschaftshäuser, Handorf-Langenberg „Zum Schanko". Als der Wirt und Inhaber nach 62 Dienstjahren starb, nahmen die Einwohner ihr Herz in die Hand und sammelten in nur sechs Wochen über 200.000 € für den Ankauf der Gaststätte. Und das war erst der Anfang. Vom Anpacken und Loslegen.

"Zum Schanko", die Gaststätte von Hubert und Paula Frilling war seit 1955 das Herz von Handorf-Langenberg, einem Ortsteil von Holdorf. Heimat seiner vielen mitgliederstarken Vereine, sei es für Versammlungen, Proben, Weiterbildungen, oder einfach einen Umtrunk nach dem Training. Ort für Familienfeiern von der Taufe bis zur Beerdigung, aber auch Treffpunkt der Generationen. Ein Dorfgemeinschaftshaus gibt es hier nicht, denn man brauchte bisher keines. Hubert "Schanko" Frilling war Wirt durch und durch und hat seine Gaststätte bis zum letzten Atemzug mit Leidenschaft geführt. "Hier schaute man einfach mal kurz rein, tauschte sich aus, konnte ein Stück weit seine Sorgen loswerden. Und nahm manchmal auch welche wieder mit", fügt Mario Trumme von der Genossenschaft ‚Dorfgemeinschaftshaus „Zum Schanko" eG' schmunzelnd hinzu. Was im eigenen Zuhause für viele der Küchentisch ist, war für das Dorfleben "Zum Schanko".

So war es nur logisch, dass sich mit Maik Escherhaus, Mario Trumme und Udo Schlarmann drei engagierte Bürger schon zu Lebzeiten Frillings gemeinsam mit ihm um den Fortbestand dieser Institution für das Dorf bemühten. Sie erhielten ein Vorkaufsrecht. Eine Genossenschaft mit Bürgerbeteiligung sollte die Gaststätte im Falle des Falles übernehmen können und sich um einen Pächter bemühen. Damit das Herz von Handorf-Langenberg als Dorfgemeinschaftshaus auch nach dem Tod von Schanko weiter schlagen kann.

In Handorf-Langenberg hat Zusammenhalt Tradition. Als in den sechziger Jahren neben dem bäuerlich geprägten Handorf die Bergarbeitersiedlung Langenberg entstand, grenzte man sich nicht etwa voneinander ab, sondern lernte sich kennen und wuchs zusammen, gründete bald gemeinsam Sport- und Schützenverein. Zahlreiche weitere Vereine folgten. Diese Kultur wird bis heute gelebt. "Wer hier neu ist, hat es leicht, in der Dorfgemeinschaft anzukommen", berichtet Trumme. In den letzten 15 Jahren wurden 80 Bauplätze geschaffen, junge Familien zogen her. Nicht nur in der Genossenschaft engagieren sich zahlreiche Einwohner. Auch die Herrichtung des "Alten Holzplatzes" als Dorfplatz und die Schaffung einer BMX-Wald-Spaßbahn sind Herzblut-Projekte die auf typisch Handorf-Langenberg'sche Art umgesetzt wurden: eine Idee haben, Mitstreiter suchen, anpacken. Eine Mentalität, die vielerorts mit wachsender Einwohnerzahl abnimmt.

 

Als "Schanko", so genannt übrigens wegen seiner Ähnlichkeit zu dem gleichnamigen Dortmunder Fußballspieler, im November 2017 Jahres starb, musste es schnell gehen. Ein halbes Jahr blieb Zeit um den Kaufpreis von 200.000 Euro aufzubringen und eine Genossenschaft zu gründen. Unmöglich sollte man meinen, in einem Dorf mit 1.500 Einwohnern. Doch die Resonanz war überwältigend, in der 6-wöchigen Zeichnungsfrist wurde die Summe sogar übertroffen. Stolze 832 Anteile im Wert von 250 Euro wurden unters Volk gebracht. Worauf Mario Trumme besonders stolz ist: "Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben geklingelt. Die meisten Genossenschaftsmitglieder besitzen nur ein bis zwei Anteile. Junge wie Ältere haben uns unterstützt, durch Beteiligung oder auch die Zusage von Arbeitsleistung. Manch einer hat sich seine Anteile zusammengespart, das hat mich tief berührt." Auch Auswärtige, durch die überregionale Berichterstattung aufmerksam geworden, sind Miteigner geworden.

Und es wird weiter gezeichnet. Was wichtig ist, denn nach dem Kauf ist vor der Renovierung. Zwar gibt es beachtliche 100.000 Euro Zuschuss aus dem Leader Programm der EU und weitere 70.000 Euro von der Gemeinde, doch 250.00 Euro sind veranschlagt für das, was so anfällt, wenn man nach 30 Jahren das erste Mal Hand anlegt: Brandschutz, Küche, energetische Verbesserungen sind Pflicht, ein wenig Dekoration gehört auch dazu. Und man möchte künftig den großen Saal aufteilen können. Damit es nicht zu Terminproblemen kommt, schließlich hat Handorf-Langenberg ein reges Vereinsleben. Schon jetzt gibt es Reservierungen für das nächste Jahr, werden Geburtstage, Veranstaltungen und Bälle geplant. In diesem Jahr fährt das Dorfleben merklich auf Sparflamme.

"Wir sind nicht ängstlich. Wir haben schon so viel vor der Brust gehabt, das bekommen wir auch noch gewuppt." meint Trumme mit Stolz zu den anstehenden Aufgaben. Man glaubt es ihm sofort. Das Dorf zieht an einem Strang und seit der Genossenschaftsgründung tragen mit dem Vorstand und Aufsichtsrat viele Schultern die anstehenden Aufgaben. Mit dem Pächter wird bereits die Neueröffnung geplant. Vor dem Umbau steht eine große Schanko-Revival-Party an - selbstverständlich mit DJ-Größen für jede Generation. Eine Feier, die sich das Dorf redlich verdient hat. Bevor es die Ärmel hochkrempelt. Denn auch darauf freuen sie sich: endlich anpacken und loslegen. Das Herz von Handorf-Langenberg hat lange genug stillgestanden.

 

Über aktuelle Entwicklungen berichtet die Bürgergenossenschaft auf ihrer www.zum-schanko.de und facebook.

Autor/in: Alke zur Mühlen