Wirtschaftsregion

Unternehmer des Jahres 2025: Martin & Sandra Burwinkel

11.03.2026
Autor*in: Claus Spitzer-Ewersmann

Ein starkes Duo: Martin und Sandra Burwinkel führen die Burwinkel Kunststoffwerk GmbH in Mühlen als Familienunternehmen mit klarem Kompass. Während er mit Ideen vorangeht, sorgt sie dafür, dass sie wirtschaftlich tragfähig sind. Beide stehen für einen Mittelstand, der Verantwortung ernst nimmt – gegenüber seinen Mitarbeitenden, der Region und dem Material, mit dem alles begann. Was einst als Kleinstbetrieb seinen Anfang nahm, ist heute ein Beispiel dafür, wie Tradition und Zukunft zusammenspielen können.

Und da ist er wieder: der gute, alte Hühnerstall. Was im kalifornischen Silicon ­Valley die legendäre Garage war, dazu entwickelte sich im Oldenburger Münsterland häufig die ausgediente Bleibe des Federviehs: ein Ort voller Tatkraft, Improvisation und Pioniergeist. Ein Provisorium, in dem Ideen schlüpfen, wachsen und schließlich flügge werden konnten. So auch im Fall von Franz Burwinkel.

Der Brockdorfer war vernarrt in Kunststoff. Das Material, mit dem sich fast alles herstellen ließ, hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Auch im Nordwesten Deutschlands stieß er schnell auf Begeisterung und weckte den Erfindergeist. Tüftler wie Franz Burwinkel erkannten früh das Potenzial des Werkstoffs, der sich biegen, pressen, formen und immer wieder neu denken ließ. Er bot die Chance, Ideen zu verwirklichen, für die Metall zu schwer und Holz zu starr waren.

BK in Mühlen:  Das Familienunternehmen mit Sitz am Rienshof zählt heute zu den führenden Akteuren der Kunststoffregion Oldenburger Münsterland.

1978 macht Franz Burwinkel in Dinklage Nägel mit Köpfen. Aus der improvisierten Werkstatt wird ein zunächst kleiner Betrieb, aus der Leidenschaft ein Beruf. Sein Beruf. Er gründet sein eigenes Unternehmen. Nach dem Umzug nach Brockdorf in den Hühnerstall wird auch dieser zu klein, die junge Firma zieht ein paar Kilometer weiter nach Mühlen. Das Geschäft mit technischen Kunststoffspritzgussteilen gedeiht prächtig. Überhaupt wächst die Kunststoffbranche mehr und mehr zu einem der wichtigsten Standbeine der wirtschaftlichen Entwicklung im Olden-burger Münsterland heran.

Martin Burwinkel ist gerade acht Jahre alt, als sein Vater Franz den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Für ihn sind die Fertigungshallen anfangs ein großer Abenteuerspielplatz. Ob bewusst oder unbewusst: Er bekommt bereits früh mit, was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen. „Ich war schon damals immer viel im Betrieb“, erinnert er sich. „Und unser Vater hat mir und meinem Bruder Jens den Spaß an der Arbeit vorgelebt.“ Zudem, so fügt Martin heute an, haben die Eltern ihre ­Kinder stets ermuntert, ihrem Instinkt zu folgen und einen eigenen Weg zu finden. „Es gab nie irgendeine Art von Druck auf uns.“

Das erweist sich in der Folgezeit als Glücksfall. Nach dem Abitur studiert er Wirtschaftsingenieurwesen, macht Praktika, arbeitet danach unter anderem bei Beiersdorf in Hamburg und kehrt schließlich Mitte der Neunzigerjahre ins Oldenburger Münsterland zurück. „Nicht aus Verpflichtung, sondern aus eigenem Antrieb.“ Das ist ihm wichtig.

1996 rückt er in der Geschäftsführung an die Seite seines Vaters. Ab dessen Tod 2013 führt er das in Mühlen ansässige Werk zehn Jahre allein, seit inzwischen drei Jahren zusammen mit einem weiteren Geschäftsführer: Steffen Breitenstein.

Wichtigste Stütze ist Ehefrau Sandra. Sie erdet den nach eigener Einschätzung „grenzenlosen Optimisten“ immer dann, wenn der Hobbypilot mal wieder mit einer Idee davonzufliegen droht. „Ich bin ja ein Bauchmensch.“ Mit einer falschen Entscheidung auch mal auf die Nase zu fallen, kalkuliert er ein. 

Sandra Burwinkel, die eigentlich immer davon träumte, eines Tages ein eigenes Hotel zu führen, handelt dagegen eher rational. Als Prokuristin und Kauffrau achtet sie auf Machbarkeit, Kosten, Zustän­digkeiten. Sie stellt konsequent die entscheidenden Fragen: „Was bringt’s? Wer macht’s? Bis wann? Und was, wenn es schiefgeht?“ Ehrgeizig war sie immer, ­zielstrebig ebenso. Dabei jedoch zugleich sicherheitsbedacht genug, um aus Ideen belastbare Pläne zu machen. Wo er Tempo macht, installiert sie Leitplanken. Wo er Chancen sieht, überprüft sie die Risiken. So entsteht am Ende das, was beide wollen: Entscheidungen, die tragen und das Unternehmen zukunftsfähig aufstellen. 

Dass dazu heute mehr gehört als stetiges Wachstum, haben beide verstanden. Die Kunststoffbranche muss sich zunehmend kritischen Fragen stellen. Was über Jahrzehnte als Fortschritt galt – leicht, robust, günstig –, steht heute auch für ungelöste Folgen: Plastikabfälle im Meer, Mikroplastik in Böden und Gewässern, Verpackungen mit kurzer Nutzungsdauer – all das gehört zu einer Realität, die man nicht ausblenden kann.
Wer Kunststoff verarbeitet, trägt Verantwortung dafür, wie Produkte designt, produziert, genutzt und am Ende verwertet werden.
Sandra und Martin Burwinkel erinnern sich an ein Gespräch mit ihrer Tochter ­Milla. Aus Sorge um ihre Zukunft wollte sie zu einer Demonstration von Fridays for Future. „Da haben wir gemerkt, dass wir uns klar und deutlich positionieren müssen – ohne Drumherumreden, ohne Greenwashing.“

So ist Nachhaltigkeit im Unternehmen längst zum Prinzip geworden, in erster Linie verantwortet von Sandra Burwinkel. „Seit 2020 richten wir alle betrieblichen Aktivitäten konsequent an einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft aus – gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden und mit verbesserten Abläufen“, betont sie.

Über die Jahre ist in der Produktion der Anteil an Rezyklaten immer weiter gestiegen. Heute liegt er bei mehr als 50 Prozent, rechnet Martin Burwinkel vor. Rezyklate sind wiederverwertete Kunststoffe: Granulate, die bereits im Einsatz waren und nach dem Sortieren und Aufbereiten erneut verarbeitet werden. Entscheidend ist ihre gleichbleibende Qualität: Sie kommen nur dann zum Einsatz, wenn Lieferqualität und Materialdaten passen. Die Wiederverwertung senkt also den Einsatz von Neumaterial, spart Energie und CO₂ und reduziert Abfall. 

Das bleibt auch außerhalb der Region nicht unbemerkt: Anerkennung und Aufmerksamkeit erntete das Unternehmen für sein Engagement im April 2025: Burwinkel wurde mit dem CSR-Preis der Bundesregierung geehrt, weil es Nachhaltigkeit nicht als Projekt, sondern als dauerhafte Haltung begreift. Dabei konnte sich der Mittelständler gegen namhafte Konzerne wie BASF, Deutsche Post/DHL und EnBW durchsetzen. „Die Auszeichnung zeigt: Mit Nachhaltigkeit kann man gewinnen“, freute sich Martin Burwinkel in seiner Dankesrede vor rund 200 geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft in Berlin. 

Hier die große Bühne in der Hauptstadt, da der Alltag in Mühlen. Der Familienbetrieb mit seinen inzwischen 125 Mitarbeitenden lebt nicht von Preisen, sondern von der Energie, die alle hineinstecken.
Im Werk herrscht ein Ton, der von Respekt und Nähe geprägt ist: kurze Wege, offene Türen, ein Miteinander, das über Hierarchien hinweg funktioniert.

Chef Martin Burwinkel selbst geht mit vollem Einsatz voran. Er sagt von sich, er sei mehr oder weniger rund um die Uhr für das Unternehmen da. Das Telefon bleibt immer an. Und wenn’s sein muss – dafür gibt es Beispiele –, fährt er auch mitten in der Nacht aufs Gelände, um nach dem Rechten zu sehen.
Ehefrau Sandra trägt das mit. Sie findet es nicht schlimm, wenn zu Hause viel über die Firma gesprochen wird. Im Gegenteil: Sie ist Teil davon – häufig als Stimme der Vernunft. Wie ist das also, als Paar ein Unternehmen zu führen, das so eng mit dem eigenen Leben verbunden ist? „Wir ergänzen uns“, sagt Sandra Burwinkel. Ein Satz, der schlicht klingt, aber Gewicht hat.

Wer den beiden zuhört, spürt den gegenseitigen Respekt. Kritik wird auch am Küchentisch thematisiert, aber nie gegeneinander gerichtet. Beide wissen, dass sie am selben Strang ziehen. Nur das Tempo ist gelegentlich unterschiedlich. „Wenn einer von uns das Gefühl hat, es läuft in die falsche Richtung, sprechen wir darüber“, sagt Sandra Burwinkel. „Das haben wir von Anfang an so gehalten.“ Für andere Paare wäre das vielleicht zu viel, für sie und ihren Ehemann gehört es einfach dazu. „Wir trennen das gar nicht so streng, die Firma ist Teil unseres Lebens.“ Martin nickt zustimmend.

Heute darf man bei Burwinkels wohl von einem Vorzeige-Unternehmerpaar sprechen. Zwei Menschen, die sich nicht ins Rampenlicht drängen, sondern lieber gestalten – mit Sachverstand, Bodenhaftung und dem Bewusstsein, dass Verantwortung nie endet. Martin gibt die Richtung vor, Sandra hilft, den Kurs zu sichern. Gemeinsam haben sie ein Familienunternehmen geformt, das in einer anspruchsvollen Branche seinen eigenen, glaubwürdigen Weg geht.

Worauf Martin Burwinkel besonders stolz ist? Er überlegt nur kurz, sagt dann mit einem fröhlichen Lachen: „Eindeutig darauf, dass der Übergang von der ersten zur zweiten Generation so reibungslos funktioniert hat. Das ist in vielen Familienbetrieben nicht selbstverständlich.“ Zwei Sätze, die nochmal an den Anfang der Geschichte erinnern. An seinen Vater Franz, den Tüftler im Hühnerstall, der mit Tatkraft und Pioniergeist den Grundstein für eine erfolgreiche Firmengeschichte ­legte. Sein Vermächtnis prägt das Unternehmen bis heute. Nur die Zahl der Fer­tigungs- und Lagerhallen hat sich ver­vielfacht: Inzwischen sind es bereits 16 in Mühlen.

Martin und Sandra Burwinkel © Gerald Lampe, Foto Hölzen

Burwinkel

kurz + knapp

1978  Zunächst in Dinklage und kurze Zeit später in Lohne/Brockdorf baut Franz Burwinkel sein eigenes Unternehmen auf.

1985  Umzug des Unternehmens nach Mühlen in der Gemeinde Steinfeld (Rienshof 7).

1996  Martin Burwinkel leitet zusammen mit seinem Vater Franz das Unternehmen.

2013  Im Alter von 70 Jahren verstirbt Firmengründer Franz Burwinkel.

2019  Auf dem Firmengelände in Mühlen stehen inzwischen 16 Hallen und ein brandneues Verwaltungsgebäude.

2025  Auszeichnung mit dem CSR-Preis der Bundesregierung.

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