Wirtschaftsregion

Innovationspreisträger 2025: Agri Advanced Technologies

10.03.2026
Autor*in: Vanessa Afken

Mit CHEGGY Zoom hat die Agri Advanced Technologies GmbH (AAT) aus Visbek eine Innovation entwickelt, die Tierschutz, Effizienz und Hightech vereint. Das System bestimmt das Geschlecht von Küken im Ei - schnell, zuverlässig und nicht invasiv. 

Wenn Jörg Hurlin über Innovation spricht, geht es ihm nicht nur um Technik – es geht um Haltung. „Am Anfang stand eine Idee, die größer war als jede technische Herausforderung“, erinnert sich der Geschäftsführer der Agri Advanced Technologies GmbH und ergänzt: „Entstanden ist das Ganze aus der Idee heraus, eine Lösung zu schaffen, die Tierwohl, Effizienz und technologische Präzision verbindet.“ Gemeinsam mit Erich Wesjohann, Eigentümer der EW GROUP und ebenso technikbegeistert, habe er viel diskutiert, um das Verfahren zur Marktreife zu bringen. „Er hat das Thema 2015 mit angestoßen. Seine Erfahrung aus der Praxis war entscheidend.“ Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team aus Ingenieuren, Biologen und Softwareentwicklern entstand so Schritt für Schritt eine Technologie, die nach rund zehn ­Jahren Entwicklungszeit Maßstäbe setzt: CHEGGY Zoom, ein System zur automatischen Geschlechtsbestimmung von Legehennen im Ei.

In Deutschland ist das Töten männlicher Küken seit 2022 verboten. Gleichzeitig standen Brütereien und Zuchtbetriebe vor der Herausforderung, praktikable Alterna­tiven zu finden. CHEGGY Zoom ermöglicht es, das Geschlecht bereits während der Brutphase zu bestimmen – schnell, präzise und kontaktlos. Die Methode arbeitet mit hyperspektraler Bildgebung, einer Kameratechnologie, die das Ei durchleuchtet, ohne es zu öffnen oder zu verletzen. So kann das Geschlecht des Embryos von braunen Legehennen anhand der Gefiederfarbe bestimmt werden – mit über 98 Prozent Genauigkeit.

Strahlende Gesichter bei Johanna Werneke und Johannes Grafe von der Agri Advanced Technologies GmbH: Für den „Cheggy“ von AAT gab es Ende November 2025 den Innovationspreis des Verbundes Oldenburger Münsterland.

Hurlin erklärt: „Wir schauen praktisch mit Kameras und Licht ins Ei. Das Ganze passiert kontaktlos, vollständig automatisiert und in einer Geschwindigkeit, die zu modernen Brütereiabläufen passt.“ Eine Einheit schafft bis zu 25.000 Eier pro Stunde. Ein Wert, den kein anderes Verfahren weltweit erreicht.

Die Idee hinter der Technologie ist so einfach wie revolutionär: Tierschutz und Effizienz schließen sich nicht aus. „Uns war von Anfang an klar, dass eine Innovation nur dann Bestand hat, wenn sie auch im Alltag der Betriebe funktioniert“, betont Hurlin.

Andere Verfahren setzen auf invasive Me-thoden, die das Ei anbohren müssen, um die entnommene Flüssigkeit chemisch zu analysieren – riskant und teuer. CHEGGY Zoom dagegen arbeitet rein optisch. „Kein Öffnen, keine Kontamination, keine Chemi-kalien. Das war uns wichtig. Der Embryo bleibt unversehrt, das Ei geschlossen und trotzdem erhalten wir ein sicheres Ergebnis“, sagt Hurlin.

Der Nutzen geht weit über die ethische Dimension hinaus. Das System spart Energie, Material und Arbeitszeit, verbessert die Biosicherheit und reduziert den öko­logischen Fußabdruck der Brütereien ­deutlich. Weil rund 60 Prozent der Bruteier frühzeitig entnommen werden, sinkt der Energiebedarf in der Brutphase erheblich. „Unsere Technologie ermöglicht, dass weniger Brutschränke betrieben werden müssen. Das ist ein echter Effizienzgewinn, auch für den Klimaschutz“, erklärt Hurlin. Mit einem Verbrauch von rund sieben Kilowattstunden pro Einsatztag gilt CHEGGY Zoom als energiesparendste Lösung ihrer Art und ist bis zu 70-mal sparsamer als vergleichbare Systeme auf Basis von Magnetresonanztomographie.

Der Weg dorthin war lang. Seit 2015 entwickelt AAT, eine Tochtergesellschaft der EW GROUP, spezialisierte Anwendungstechnologien für die Geflügelzucht. Im Fokus stehen dabei Automatisierung, Präzision und Tierwohl. Die Herausforderung bestand nicht nur in der technischen Umsetzung, sondern auch im Maßstab. Eine moderne Brüterei verarbeitet Millionen Eier, entsprechend hoch war der Anspruch an Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. „Wir mussten ein System entwickeln, das unter realen Bedingungen funktioniert. Nicht nur im Labor, sondern im laufenden Betrieb“, erinnert sich Hurlin.

2024 ging CHEGGY Zoom schließlich bei der Lohmann Deutschland GmbH in den Regelbetrieb und zeigte beeindruckende Ergebnisse: höchste Präzision, minimale Fehlerquote, maximale Prozesssicherheit. Gleichzeitig markiert das System einen Paradigmenwechsel: Die Technik erkennt nicht nur das Geschlecht, sondern hilft auch, unbefruchtete oder abgestorbene Eier frühzeitig auszusortieren.

Dadurch verbessert sich das mikrobiologische Klima im Brutschrank, was wiederum die Kükenqualität erhöht. „Wir reden hier über eine Innovation, die mehrere Probleme gleichzeitig löst: ethisch, wirtschaftlich und technisch“, sagt Hurlin. Dass hinter dieser Entwicklung doch mehr steckt als reine Ingenieurskunst, wird im Gespräch mit Hurlin deutlich, in dem er nicht über Erfindungen, sondern über Verantwortung spricht. „Wir sehen uns als Bindeglied zwischen Forschung und Praxis. 

Unsere Aufgabe ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in marktfähige Lösungen zu übersetzen.“ Sein Werdegang – geprägt durch Stationen in der Agrartechnik und Maschinenentwicklung – spiegelt sich in der Philosophie des Unternehmens wider. AAT arbeitet eng mit Universitäten, Forschungseinrichtungen und Partnerbetrieben zusammen, um praxisnahe Lösungen zu schaffen, die weltweit eingesetzt werden können.
Auch die enge Zusammenarbeit mit Erich Wesjohann war für Hurlin entscheidend: „Er ist jemand, der Maschinen und Tiere gleichermaßen versteht. Diese Kombination war Gold wert. Wir haben viele Stunden diskutiert, Ideen geprüft, für gut be-funden oder verworfen – und getestet bis es passte.“ So entstand eine Tech­no­logie, die nicht nur den gesetzlichen Anforderungen gerecht wird, sondern Maßstäbe setzt.

Das bestätigt auch der Blick auf die Branche: Der Anteil an sogenannten „Bruderhahnaufzuchten“ – also dem Aufziehen männlicher Küken, um das Töten zu ver­meiden – sinkt in Deutschland rapide. Stattdessen setzt sich die Geschlechtsbestimmung im Ei durch. Verfahren wie CHEGGY tragen entscheidend dazu bei, dass ethische Standards und wirtschaftliche Interessen miteinander vereinbar werden.

Auch international stößt CHEGGY Zoom auf wachsendes Interesse. Anfragen kommen aus ganz Europa, USA, Asien und Südamerika. „Das zeigt, dass Innovation aus dem OM weltweit relevant sein kann“, sagt Hurlin. „Wir haben hier eine Region, in der Forschung, Handwerk und Unternehmergeist eng zusammenwirken. Das ist ein unschätzbarer Vorteil.“

Mit dem Innovationspreis 2025 des Ver-bundes Oldenburger Münsterland wurde diese Leistung nun ausgezeichnet. Der Preis würdigt dabei nicht nur die technische Exzellenz, sondern auch den Mut und die Weitsicht. Hurlin nimmt die Ehrung stellvertretend für das gesamte Team entgegen: „Innovation entsteht nie allein. Sie ist eigentlich immer das Ergebnis vieler kluger Köpfe, die gemeinsam denken, tüfteln und Verantwortung übernehmen.“

Der Erfolg von CHEGGY Zoom zeigt, dass technischer Fortschritt und ethische Verantwortung kein Widerspruch sind. Für Hurlin ist das nur der Anfang: „Die Zukunft liegt in automatisierten, tiergerechten Prozessen, die gleichzeitig ökonomisch sind. Wir entwickeln weiter, denn die Themen Tierschutz, Nachhaltigkeit und Effizienz werden uns in der Agrartechnik noch lange begleiten.“ 

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