Wirtschaftsregion

Existenzgründer 2025: Downhole Equipment & Services

09.03.2026
Autor*in: Lisa Knoll

Gut fünf Kilometer Fahrtweg sind es vom Bahnhof Neuenkirchen bis in den Ortsteil Vörden. Etwa dieselbe Strecke wird für so manche Geothermiebohrung in der Erde zurückgelegt. Damit das funktioniert, ist jede Menge Spezialwerkzeuge nötig – und die kommt nicht selten aus dem Landkreis Vechta: Mit der 2023 gegründeten Downhole Equipment & Services GmbH konnten sich Dirk Schöning und Christian Schulte binnen kurzer Zeit einen Kundenstamm im In- und Ausland aufbauen.

Erfolgreiches Startup: Dirk Schöning (links) und Christian Schulte gründeten vor drei Jahren die „Downhole Equipment & Services GmbH“ im Niedersachsenpark in Neuenkirchen-Vörden.

Obwohl Maschinenbauingenieur Christian Schulte auf etliche Berufsjahre zurückblicken kann, fasziniert ihn die Tiefbohrtechnik noch immer: „Die Bohrungen reichen mehrere tausend Meter in die Erde. Man steht auf Bohranlagen, die hunderte Tonnen heben können und sieht, wie das Bauteil, das man selbst konstruiert hat, unter Tage seine volle Funktion entfaltet. Das begeistert mich jeden Tag aufs Neue.“

Das Bauteil, das hier gemeint ist, ist ein sogenanntes Liner-Hanger-System. Nur wenige Firmen in Europa stellen dieses für den Tiefbohrsektor essenzielle Werkzeug her. Christian Schulte und sein langjähriger Kollege und Freund Dirk Schöning haben sich im Mai 2023 damit selbstständig gemacht. Gegründet wurde die Downhole Equipment & Services GmbH damals mit drei weiteren Gesellschaftern. 

Die Geschäftsführung liegt in den Händen von Schulte und Schöning. Ihre Aufgabenverteilung hat sich schnell entwickelt, denn jeder weiß um die Stärken des jeweils anderen. „Christian ist für die konstruktiven und technischen Aufgaben zuständig, denn durch seine langjährige Erfahrung bringt er einen immensen Wissensschatz mit“, sagt Dirk Schöning. Schulte ergänzt: „Wo mir manchmal die Geduld fehlt, geht Dirk stets sehr bedacht und systematisch an die Dinge heran. Er kümmert sich deshalb um das Kaufmännische und behält alle internen Prozesse im Auge.“

Kennengelernt haben sich Schulte und Schöning 2012. Bei GOT German Oil Tools in Vechta befassten sie sich bereits eingehend mit Liner-Hanger-Systemen. Als das Unternehmen 2015 an einen amerikanischen Großkonzern verkauft wurde, gingen auch Schulte und Schöning. 2020 fingen sie bei Fangmann Energy Services an. Das Cloppenburger Unternehmen für Zementation und Stimulation – ebenfalls zentrale Prozesse in der Tiefbohrtechnik – wollte Liner-Hanger-Systeme in sein Portfolio aufnehmen. 

Anfang 2023 stand fest, dass diese Ergänzung für das spezialisierte Unternehmen nicht weitergeführt werden sollte – der Startschuss für die Selbstständigkeit von Schulte und Schöning. Bereits im Frühjahr war die Downhole Equipment & Services GmbH gegründet, denn die erste Groß-Bestellung – eine eigens entwickelte ­Sonderanfertigung – wartete schon auf die beiden Gründer.

„Der Kunde hatte versprochen: Wenn eure Firma rechtzeitig steht, kaufe ich bei euch“, berichtet Christian Schulte. „Wir wussten: Wenn wir diesen Auftrag bekommen, ist das erste Jahr gesichert.“

Die Gründung glückte rechtzeitig. Auch der Kunde hielt Wort und verschaffte Down-hole Equipment & Services den ersehnten Auftrag. Eine eigene Fertigungshalle fanden sie nach intensiver Suche schließlich im Niedersachsenpark – ideale Standortbedingungen für das junge Unternehmen, und dazu noch günstig gelegen zwischen Cloppenburg und Fürstenau, den Wohnorten beider Geschäftsführer.

Aber womit genau verdienen die zwei nun eigentlich ihr Geld? Christian Schulte muss schmunzeln. „Unser Business branchenfernen Menschen zu erklären, ist schwierig, denn es findet sich kaum ein Anknüpfungspunkt im Alltag. Die wenigsten Menschen wissen zum Beispiel, wie ein Bohrloch überhaupt aufgebaut ist.“ Der 40-Jährige behilft sich in diesem Fall gern mit einem Vergleich: „Jeder kennt noch die alten Autoantennen, die aus einzelnen Segmenten bestehen und nach oben immer schmaler werden. Wenn ich eine solche Antenne umdrehe, ähnelt ihre Form der eines Bohrlochs. An den Stellen, wo sich der Durchmesser mit zunehmender Bohrtiefe verringert, werden Liner-Hanger-Systeme eingebaut – das Hauptprodukt unseres Unternehmens.“ 

Dirk Schöning und Christian Schulte mit Liner-Hanger und dem gesamten Team: „Unsere Leute haben einen großen Teil der Leistung von Downhole Equipment mitgetragen. Der Existenzgründerpreis gehört ihnen ebenso wie uns." 

Das hydraulisch aktivierbare System er-möglicht es, einen neuen Rohrabschnitt in einem Bohrloch zu befestigen. Daran angebrachte Keile werden ausgefahren und verankern sich, sodass die nächsten Rohre ins Bohrloch eingelassen und daran befestigt werden können. Ein Liner-Hanger-System kann so Lasten von bis zu 600 Tonnen ­tragen. Ein sogenannter Liner-Top-Packer dichtet die Stelle ab und hält Drücken von bis zu 700 Bar stand.

In Standardgrößen wird das Tool von einer Vielzahl Unternehmen weltweit angeboten. „Im globalen Vergleich ist der europäische Markt aber noch überschaubar gefüllt, des- halb ist die Nachfrage groß. Zusätzlich bieten wir maßgefertigte Sonderlösungen an“, so Dirk Schöning.

Mit diesen Customized Solutions bedient das Unternehmen eine lukrative Nische, die kontinuierlich wächst. Das können zum Beispiel spezielle Abdichtungen sein, die nicht von der Stange erhältlich sind. „Wir gehen gemeinsam mit dem Kunden in die Entwicklung, damit am Ende ein Produkt entsteht, das genau seinen Anforderungen entspricht.“ Die Fertigstellung kann ein paar Wochen bis hin zu mehreren Monaten in Anspruch nehmen. „Für den Einbau ist immer ein erfahrener Monteur aus unserem Team vor Ort und betreut den Kunden somit bis zum Schluss.“

Gut 95 Prozent aller Aufträge kommen aus dem Bereich Geothermie. In Bohrlöchern von bis zu 5.000 Metern Länge werden dabei die natürlichen heißen Gesteinsschichten der Erde angezapft, um diese als nachhaltige, nahezu klimaneutrale Strom- und Energiequelle zu nutzen – etwa für Fernwärmenetze in Wohn- und Gewerbegebieten.

Zu den Kunden in Deutschland und Österreich zählen daher hauptsächlich kommunale Energieversorger. Darunter war 2025 auch deeep, ein Joint Venture vom österreichischen Energiekonzern OMV und Wien Energie. In einem Pilotprojekt wurden bereits drei Testbohrungen durchgeführt. 2028 soll die Tiefengeothermie-Anlage von deeep rund 20.000 Haushalten mit klimaneutraler Fernwärme versorgen.
Auch für Kunden in Schweden, Polen, Frankreich und den Niederlanden waren Schulte und Schöning bereits tätig. In den Niederlanden kommen die Kunden vor allem aus der Landwirtschaft. Dazu gehören zum Beispiel Lebensmittelproduzenten, die geothermische Wärme zur Temperaturregelung in Gewächshausanlagen nutzen.

Die Liste an Referenzprojekten kann sich sehen lassen, obwohl die Downhole Equipment & Services GmbH erst vergleichsweise kurz am Markt ist. Die Auszeichnung als Existenzgründer des Jahres 2025 bestätigt diese Leistung. Ob der Unternehmerpreis etwas an ihrer täglichen Arbeit verändern wird? Nein, da sind sich Christian Schulte und Dirk Schöning einig.

„Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich zu meinen Freunden gesagt: ‚Ich will auf jeden Fall bodenständig bleiben. Sagt mir Bescheid, wenn ich abhebe.‘ Das will ich auch weiterhin so halten, Auszeichnung hin oder her“, sagt der 35-jäh-rige Schöning. Schulte fügt an: „Außerdem haben unsere Mitarbeitenden einen großen Teil dieser Leistung mitgetragen. Der Preis gehört ihnen ebenso wie uns.“

Gestartet war das junge Unternehmen 2023 mit sechs Angestellten, inzwischen sind es schon neun. Schnell weiter wachsen ist aber nicht das Ziel: „Wir möchten nicht binnen kurzer Zeit ein 100-Mann-Betrieb werden. Da geht so viel verloren was uns wichtig ist: der direkte Draht zu unseren Mitarbeitern und Kunden zum Beispiel.“

Downhole Equipment hat sich auf hochwertige Produkte und Dienstleistungen im Bereich der Tiefbohrtechnik spezialisiert. Die Anwendungsgebiete reichen von Geothermie über Wasserstoffspeicherung und CO₂-Einspeicherung bis hin zur Öl- und Gasindustrie.

In den nächsten Jahren sollen noch umfassendere Referenzen aufgebaut werden. Das ist essenziell für den langfristigen Erfolg, denn da eine Bohrung sehr kostenintensiv ist, werden die Dienstleister sorgfältig ausgewählt. „Hinzu kommt, dass unsere Branche vergleichsweise klein ist“, weiß Schöning.

Er kennt viele Berufskollegen noch aus seinem Studium der Tiefbohrtechnik in Freiberg. „Man trifft sich regelmäßig, etwa auf Fachmessen. Eine sehr gute Leistung spricht sich schnell herum und kann mitunter für weitere Aufträge sorgen. Wer aber einmal seinen guten Namen verspielt hat, ist ebenfalls in der gesamten Branche dafür bekannt.“

Die Auftragsbücher fürs kommende Jahr sind bereits gut gefüllt: 2026 steht zum Beispiel ein Großprojekt für einen Kunden in Dänemark an. Die Bohrungen dort dienen dem Carbon Capture and Storage (CCS) – einem Verfahren, mit dem Kohlendioxid dauerhaft unterirdisch gespeichert wird, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Ein weiterer Auftrag kommt aus Potsdam: Der örtliche Energieversorger EWP hatte vor zwei Jahren bereits eine erste Geothermie-Anlage errichtet, die heute ein ganzes Stadtviertel mit klimaschonender Energie versorgt. Nun sollen dort weitere Bohrungen folgen. In den kommenden Jahren lassen sich außerdem noch weitere Bereiche der Tiefenbohrung als potenzielle Kundenkreise erschließen, etwa wenn es um die Wasserstoffspeicherung in Kavernen geht. Dem großen Zukunftspotenzial ihres Unternehmens blicken die Geschäftsführer aber bescheiden entgegen. Sie sind bei allem Erfolg eben bodenständig geblieben. Nicht nur die Freunde von Dirk Schöning werden das bestätigen. 

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