Dr. Tech: Auch im Arbeitsrecht sehen wir sowohl in der Gesetzgebung als auch in der Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofes sowie der deutschen Arbeitsgerichte Veränderungsnotwendigkeiten. Die vergangenen Jahrzehnte haben kontinuierlich neue Gesetze hervorgebracht, die von den Gerichten ausgelegt und interpretiert worden. Viele Unternehmen sind durch die von ihnen
zu beachtende Regelungsdichte schlicht erdrückt und an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht.
Stichwort Bürokratie: Für die Unternehmen und die Wirtschaft im Allgemeinen ist die Regelungsdichte ein großes Ärgernis. Und sie nimmt zu statt ab?
Dr. Tech: Ich kann noch nicht erkennen, dass die Regelungsdichte nachhaltig abnimmt. Trotz eindeutiger Festlegungen im Koalitionsvertrag wurde das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz nicht abgeschafft. Stattdessen befindet sich ein Bundestariftreuegesetz im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren. Dieses ist überflüssig, zieht erhebliche bürokratische Lasten nach sich und ist Gift für kleine und mittelständische Unternehmen.
Der Landesgesetzgeber plant ebenfalls ein Tariftreuegesetz. Es gilt zu den Folgen dieses Gesetzes das oben Gesagte. Zudem hat der Landesgesetzgeber über den Bundesrat im Juni diesen Jahres einen Antrag zur Modernisierung des Betriebsverfassungsgesetzes eingebracht.
Der Verband wird die weitere Entwicklung auch nach den Beschlüssen der Bundesregierung vom 5. November 2025 sehr kritisch begleiten und sich im Interesse seiner Mitgliedsunternehmen äußern
und einbringen.
Fachkräfte sind rar geworden, nicht in allen Branchen, aber viele Unternehmen müssen lange suchen, um Stellen besetzen zu können. Wie unterstützt hier der AGV seine Mitglieder?
Dr. Tech: Hier unterstützt der Verband durch zahlreiche Netzwerkveranstaltungen, zum Beispiel gemeinsam mit der Agentur für Arbeit. Die Unternehmen erhalten Unterstützung durch Vermittlung der rechtlichen Rahmenbedingungen, die beispielsweise bei Beschäftigten nicht-europäischer Herkunft zu berücksichtigen sind. Rechtliche und tatsächliche Fragestellungen bei Auswahlverfahren werden ebenso erörtert wie Herausforderungen bei der Bildung einer Arbeitgebermarke oder funktionaler Mitarbeiterbindung. Gute Beschäftigte zu verlieren zieht ja ebenfalls erhebliche Kosten bei der Neubesetzung nach sich.
Junge Menschen entscheiden sich oft gegen eine Ausbildung und für ein Studium. Ist die duale Ausbildung ein Auslaufmodell?