Im OM treffen zwei Kontinente aufeinander

Von Norwegen nach Amerika

Ein Non-Stop-Flug von Oslo nach New York dauert rund acht Stunden. Aber auch mit dem Fahrrad kommt man kinderleicht von Norwegen nach Amerika.

© malopo
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Im Sattel Wir starten an einem kleinen Bushäuschen mitten in Norwegen. Alfons Knuck hat fast 15 Oldtimer selbst restauriert.

Zumindest im Oldenburger Münsterland, denn zwei Ortsteile von Lastrup und Garrel tragen Namen von Welt. Wir machen uns auf die Suche nach dem Warum.
Unsere Tour beginnt an einem kleinen Bushäuschen; über dem Eingang ist noch immer „Norwegen" ins Holz gebrannt. Nicht weit entfernt fließt der Norweger Bach – kein Fjord, doch sehr idyllisch. So wie Norwegen selbst, denn mit seinen knapp 60 Einwohnern ist es die zweitkleinste Ortschaft der Gemeinde Lastrup. Vor uns liegen 30 Kilometer bis zum Ziel, dem Amerikastein in Garrel.

Nach kurzer Zeit erreichen wir unseren ersten Stopp: Alfons und Maria Knuck begrüßen uns vor ihrem Haus. Eigentlich nichts Besonderes, wäre da nicht der Vorgarten: Auf dem Rasen stehen mehrere liebevoll polierte Autos in der Sonne. Seit über 20 Jahren sammelt Alfons Knuck Oldtimer der Marke NSU. „Ein paar muss ich noch restaurieren", erklärt er. „An den alten Autos kann man ja zum Glück noch selbst herumschrauben."

Seinen ersten NSU Prinz hat er zusammen mit Sohn Johannes gekauft, der damals gerade sieben Jahre alt war – der Beginn einer gemeinsamen Leidenschaft. Wenn der Heimatverein eine Kutschfahrt mit Oldtimerfreunden ankündigt, fährt Knuck seine Prinzen aus der Garage und präsentiert stolz seine Sammlung. „Es ist wie eine Sucht", sagt der 68-Jährige mit glänzenden Augen. „Schön, wenn Vater und Sohn ein gemeinsames Hobby haben", ergänzt seine Frau. „Aber jedes Mal, wenn ich aus dem Urlaub wiederkomme, habe ich Angst, dass auch im Schlafzimmer ein Wagen steht", scherzt sie.

Dafür hat Maria Knuck ihr eigenes Hobby: das Reisen. Auch im großen Norwegen war sie schon. Aber vor allem kann sie berichten, wie das kleine Norwegen 1823 zu seinem Namen kam: „Peter Friedrich Ludwig, der damals das Herzogtum Oldenburg regierte und sich selbst Erbe zu Norwegen nannte, bekam bei einer Neuverteilung des Bodens rund um Lastrup ein Stück Land zugesprochen", erklärt sie. „Als er entschied, dort Siedlungen bauen zu lassen, gaben die Bewohner ihrer Ortschaft den Namen Norwegen, um an die große Geste des Erben zu Norwegen zu erinnern." Wir machen uns wieder auf den Weg. Die Route führt uns über Landstraßen und an Feldern entlang, durch Lastrup über Ermke bis Molbergen. Am Wegesrand erstrecken sich Weizen- und Maisfelder, einige schon abgeerntet. Riesige Strohballen liegen zum Trocknen in der heißen Julisonne. Ein paar Kühe strecken neugierig ihre Köpfe über den Zaun. Wir halten kurz an, um etwas zu trinken und die Schwarzbunten aus der Nähe zu betrachten. Zwischendurch kommen wir an Picknick-Bänken vorbei, die im Schatten alter Bäume zu einer Pause mit mitgebrachten Snacks einladen. Doch wir fahren weiter, unser nächstes Ziel ist ein Eiscafé im Zentrum Molbergens. Die halbe Strecke ist geschafft. Wir halten einen netten Schwatz mit der Bedienung und spüren die Freundlichkeit der Oldenburger Münsterländer.

 

Unser Weg führt uns vorbei an Wiesen und Weiden. In Varrelbusch machen wir eine Pause am Teich auf der Grünen Höhe. Von hier sind es nur wenige Minuten bis zur Thülsfelder Talsperre, ein weiteres lohnenswertes Ziel für eine Tour auf dem Drahtesel. Wir brechen stattdessen zur letzten Etappe unserer Fahrt auf. 20 Minuten später erreichen wir den Amerikastein in Garrel. Hier treffen wir Maria Blömer und Günther Buschenlange vom örtlichen Heimatverein. Weil wir ohne Flugzeug oder Schiff nach Amerika gekommen sind, erhalten wir eine Urkunde. „Im Jahr verleihen wir bis zu 300 Amerika-Zertifikate, häufig auch an Nachkommen früherer Auswanderer aus der Region und Touristen aus den USA. Und das seit 30 Jahren", verrät Buschenlange. Und wie kam das hiesige Amerika zu seinem Namen? Maria Blömer weiß es. „Die katholischen Siedler in Garrel gehörten zur heutigen Kirchengemeinde St. Andreas in Cloppenburg. Sie mussten sich für Taufen, Messen und Beerdigungen zu Fuß auf den Weg dorthin machen. Der Boden war vor allem im Herbst und Winter völlig durchgeweicht, sodass die Wagen tiefe Spurrillen in die Wege fuhren", erzählt sie. „Wenn dann etwa eine Beerdigung anstand, wurde der Sarg auf einem Ackerwagen transportiert, und die Leute versuchten, den Furchen auszuweichen. Manchmal blieb der Wagen trotzdem stecken und es konnte passieren, dass der Sarg runterfiel. Der Weg war so beschwerlich, dass die Menschen ihn mit einer Schiffsreise nach Amerika verglichen." Der Name ist bis heute geblieben.

Wir haben unser Ziel erreicht und das Zertifikat in der Tasche. Für uns geht es jetzt ins nahe Garrel, wo wir die Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen. Im Schatten der backsteinernen St. Peter und Paul Kirche erholen wir uns von der Fahrt und legen die Füße hoch. Ob man den Kirchturm wohl besteigen darf? Von dort könnten wir bestimmt bis zum Bushäuschen in Norwegen schauen.