Kultur

Von greifbarer Geschichte und Sammelleidenschaft

Von Außenstehenden, die das Oldenburger Münsterland nicht kennen, sind bisweilen Sätze zu hören wie: Die Region sei sicherlich schön, aber ein wenig merkwürdig und kulturell schwer zu fassen. Dieser Eindruck löst sich jedoch schnell in Wohlgefallen auf, wenn ihm erst einmal ein Besuch gefolgt ist. Denn das Oldenburger Münsterland hat eine große kulturelle Vielfalt zu bieten. Und dabei stets den Anspruch, diese Vielfalt so greifbar wie möglich zu machen.

 

 

© ECKHARD ALBRECHT
Historisches Kochen im Museumsdorf Cloppenburg

Die Vielfalt rührt unter anderem daher, dass die Region aus 23 Städten und Gemeinden besteht, jede mit einer individuellen Identität. Was die Menschen hier verbindet und einen ganz eigenen Reiz entfaltet: Trotz der Unterschiede ist allen gemein, dass sie gerne ihre Traditionen pflegen, Kunst und Architektur kreieren und nicht zuletzt immer schon tief verbunden gewesen sind mit Natur und Landschaft.

Das Gestern mit modernen Mittel erkunden

Wie sich diese Verbindung früher im Alltag gestaltet hat, lässt sich im Museumsdorf Cloppenburg nachvollziehen. Oder besser gesagt: nachleben. Der Besucher kann Platz nehmen auf einer Bank im historischen Schulgebäude, die Feuerstelle im Gulfhaus von 1822 bestaunen, mit den Fingern durch den Mehlstaub in der Kappenwindmühle fahren. Verstaubt ist Geschichte hier nämlich nicht. Im Gegenteil: Die Mühle ist bis heute funktionstüchtig. Alle Gebäude sind originalgetreu erhalten und erzählen vom Leben der Menschen – ob Bauern oder Adeligen – in der Zeit vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Wie haben sie das Vieh gehalten, Haus- und Landarbeit betrieben, wovon haben sie sich ernährt? Besucher können im Museumsdorf einfach losziehen und mit Audioguide oder App nach Wunsch Hintergrundinformationen abrufen.

Dass die Region nicht nur von der Landwirtschaft, sondern auch vom Handel geprägt wurde, führt das postgeschichtliche Museum in Friesoythe vor Augen. Die Stadt lag am Handelsweg von Osnabrück nach Emden und kann die Entwicklung von Post und Telekommunikation vom 18. Jahrhundert bis heute anhand von über tausend Exponaten nachzeichnen – sozusagen vom Telegrafen bis zum Smartphone. Hier präsentiert sich die Uniform eines Postillions neben einem Posthandkarren, da stehen Briefkästen verschiedener Generationen, dort ist der Arbeitsplatz eines Postagenten um 1910 zu sehen.

Industriemuseum mit Gütesiegel

Geschichte mit allen Sinnen erfahren – das bleibt im Industriemuseum Lohne kein leeres Versprechen. Und das, obwohl „Industrie" erst einmal nicht unbedingt sinnlich klingt. Hier werden auch heute noch wichtige Fragen beantwortet: Wie haben die Geräte funktioniert, die Arbeiter gelebt, wie sind die Produkte entstanden? Besucher können hier im doppelten Sinne die Entwicklung der Industrie begreifen. Sie sehen einem Pinselmacher bei der Arbeit zu, beschnuppern Tabakblätter und hören das Zischen der Dampfmaschine vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Bei diesem besuchernahen Konzept wundert es nicht, dass das Industriemuseum Lohne bis 2021 erneut mit dem Museumsgütesiegel ausgezeichnet wurde.

Für Museumsgänger mit Vorliebe für Spezialthemen ist im Oldenburger Münsterland ebenso gesorgt. So widmet sich das Schlachtereimuseum in Vörden der Frage, wie zu Omas Zeiten Fleisch verarbeitet wurde. Im Barßeler Moor- und Fehnmuseum präsentiert sich die Geschichte des Moors in allen Facetten – mit historischen Torfschiffen und -abbaumaschinen, Moorlehrgarten und einer Teestube. Im Kutschenmuseum in Steinfeld präsentiert sich die Geschichte der Fortbewegung mit vier Rädern und Pferden anhand von hunderten sorgsam restaurierter Kutschen. Und die Ebkenssche Mahl-, Pelde- und Ölmühle in Barßel, ein dreistöckiger Galerieholländer aus dem Jahr 1890, lädt dazu ein, ihre Wellen und Zahnräder aus Gusseisen zu bestaunen.

Musik, Theater, Fotografie

Zurückzublicken auf das „Damals" im Oldenburger Münsterland ist eine Sache. Kultur im Hier und Jetzt zu erleben eine andere. Im Cloppenburger Kulturbahnhof verbinden sich auf charmante Weise Vergangenheit und Gegenwart: In dem 100 Jahre alten denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude ist ein modernes Veranstaltungshaus entstanden, das regelmäßig internationalen Jazz-, Blues- und Rockbands, klassischer Chor- und Orchestermusik, aber auch Kleinkunst und Dichterlesungen eine Bühne bietet.

Interessant auch: Landschaftsfotografen finden im Oldenburger Münsterland Motive in Hülle und Fülle. Das in der Katholischen Akademie Stapelfeld angesiedelte Fotoforum stellt nicht nur regelmäßig Bilder regionaler Künstler aus. Hobbyfotografen können in Workshops ihre Fertigkeiten erweitern und das Auge schulen, von der Porträtfotografie bis zu experimentellen Lichtspielen. Jahr für Jahr gibt es hier mit den „Stapelfelder Fototagen" im Februar sogar en kleines Fotofestival.

Nicht weniger bunt geht es in Lohne zu, insbesondere wenn sich die Stadt alle zwei Jahre für zehn Tage gänzlich der Kultur verschreibt. Pünktlich zu „111 Jahre Stadtrechte" feiern auch die Lohner Kulturtage 2018 ein Jubiläum: Seit drei Jahrzehnten füllen sie die Straßen mit allem, was Kunst und Musik, Tanz und Theater, Film und Literatur zu bieten haben. Dann interpretiert etwa ein Pianisten-Duo klassische und zeitgenössische Klaviermusik neu, Hip-Hopper und Streetdancer wirbeln über die Bühne, Comedians, Poetry-Slammer, Kabarettisten und Sänger ringen um den Kulturpreis „Goldene Gans".
Wer es beschaulicher mag, am liebsten eingebettet ins Grün der Natur, der sollte sich in den Sommermonaten einen der 800 Plätze vor der Freilichtbühne Lohne sichern. Seit 1951 führen Laienschauspieler jedes Jahr zwei neue Stücke auf – 2017 vor insgesamt 17.000 Zuschauern.

Film mit anderen Augen sehen

Kein großer Theaterfreund? Kein Problem, die Freilichtbühne ist auch Veranstaltungsort des jährlichen „Filmfestival Oldenburger Münsterland". Gezeigt werden dann Produktionen, die in den letzten zwölf Monaten in den Kinos liefen – von der Komödie über das Familien-Movie bis zum Independent Film. Übrigens: Eine besondere Sammlung in Löningen dürfte das Herz (nicht nur) von Kinofreunden höherschlagen lassen: Dort entwickelte Heinz Dobelmann bereits im Schulalter eine Leidenschaft für Projektoren und wollte Besuchern ermöglichen, Film mit anderen Augen und das Kino als Kommunikationsort und Bestandteil regionaler ländlicher Kultur wahrzunehmen.

Die Oldenburger Münsterländer sind merkwürdig? Ja vielleicht. Dann aber im allerbesten Sinne! Und immer mit dem Anspruch, das „Damals" mit dem „Heute" zu verbinden, historische Exponate mit neuen Technologien und große Bühnenkunst mit künstlerischen Kleinoden.

Autor/in: Mareike Lange