Maschinen- und Anlagenbau

Technologie für die Landwirtschaft 4.0

Das Oldenburger Münsterland hat sich mit der Agrartechnologie international einen Namen gemacht. Hier entwickeln Maschinenbau und Stallausrüster vielfältige Innovationen für die Tierhaltung, den Landbau und die Verarbeitung von Lebensmitteln. Dank der zunehmenden Automatisierung werden Produktionsabläufe sicherer und ressourcenschonender.

 

Natura Caravan – wer dabei an einen mobilen Urlaub im Grünen denkt, liegt nicht ganz falsch. Das Ferienerlebnis fehlt allerdings. Der neue Mobilstall des Agrar-Ausrüsters Big Dutchman dient vielmehr der Arbeit, und zwar für Landwirte und 1.000 Legehennen in Freilandhaltung. Zusammengeklappt kann die wärmegedämmte Voliere mit einem Sattelschlepper auf öffentlichen Straßen bewegt werden, auf der Weide zieht der Landwirt einfach die seitlichen Scharrräume aus. Bevor die Hennen den Boden allzu sehr aufscharren, wird das mobile Hühnerhaus mit dem Traktor ein Stück ins frische Grün versetzt. Das Füttern und Sammeln der Eier erfolgen automatisch, ebenso die Klimasteuerung und Kotentsorgung.

Neben dieser kleinen Voliere bietet Big Dutchman weit komplexere Systeme für die Haltung von Legehennen, Mastgeflügel und Schweinen. Damit lassen sich nicht nur Stallklima, Fütterung und Beleuchtung über Sensoren steuern. Auch Feuchte und Ammoniakgehalt werden automatisch erfasst. Hähnchen oder Legehennen bekommen an einer Tränke nicht genug Wasser? Dann signalisiert das Kontrollsystem dies sofort auf dem Bildschirm. Die Zahl der gelegten Eier und das Gewicht des Geflügels, der Verbrauch von Futter und die Mortalität werden ebenfalls digital dokumentiert. So kann der Betrieb zum Beispiel erkennen, wie sich die Fütterung auf den Bestand auswirkt. In den Ställen wird der Auf- und Untergang der Sonne simuliert, inklusive einer künstlichen Dämmerung. Denn das Licht ist wesentlicher Bestandteil einer artgerechten Tierhaltung und beeinflusst die Produktion positiv.

Das Exportgeschäft dominiert

Die ausgefeilte Technik für die Tierhaltung ist nicht nur hierzulande gefragt. Einen Großteil seines Umsatzes macht der Stallausrüster mit Hauptsitz in Vechta längst im Ausland. Big Dutchman hat Niederlassungen in Brasilien, Russland, Malaysia und China. Wie wichtig das Exportgeschäft ist, wird am Internetauftritt deutlich: Die Kunden können aus bis zu 20 Sprachen wählen. Ähnlich international ist der Maschinenbauer Vogelsang aus Essen in Oldenburg aufgestellt, Tochtergesellschaften gibt es in rund 20 Ländern von Australien über Indien bis Finnland. Mit etwa 650 Beschäftigten fertigt das Unternehmen patentierte Drehkolbenpumpen und Exzenterschneckenpumpen für Agrarwirtschaft, Industrie und Entsorger. Im Angebot sind bodenschonende Ausbringtechnik für Gülle und Klärschlamm ebenso wie Zerkleinerungstechnik und Entsorgungssysteme für Straßen-, Schienen- und Wasserfahrzeuge.

Stalltechnik per Tablet steuern

Was in der modernen Landwirtschaft auch immer gebraucht wird – in der Region findet sich ein passender Hersteller. Um nur einige Beispiele zu nennen: Thiel Fördertechnik aus Löningen fertigt Schneckenspiralen, Hammermühlen und Mischer, Stallkamp Esta aus Dinklage baut Edelstahl-Behälter samt Pump- und Rührtechnik, Envitec aus Lohne installiert weltweit Biogas-Anlagen, Schulz Systemtechnik aus Visbek sorgt für Automatisierung und Prozesstechnik in Kraftfutterwerken oder der Lebensmittelindustrie.

Und Weda liefert alles rund um die Flüssigfütterung von Schweinen. In diesem Bereich ist das Unternehmen aus Lutten nach eigenen Angaben Weltmarktführer. Nicht nur die Fütterungssysteme von Weda lassen sich komfortabel per Tablet steuern. Auch bei anderen Anbietern macht es die vernetzte und automatisierte Landwirtschaft möglich, die komplette Stalltechnik über ein paar Klicks zu handhaben – von der Fütterung über die Lüftung bis hin zu den Waagen für Tiere und Fahrzeuge. So wie beim Holdorfer Agrar-Ausrüster Prüllage, der seine digitale Produktpalette unter dem Schlagwort „Landwirtschaft 4.0" präsentiert. Dabei wird alles zentral gesteuert, überwacht und ausgewertet. Auch entfernt liegende Stallungen lassen sich so kontrollieren: Arbeiten Ventile, Abluftfilter und Förderbänder korrekt? Ebenso einfach lässt sich die Zusammensetzung des Futters anpassen, indem man bestimmte Nährstoffe beimischt.

Satellit hilft beim Kartoffelpflanzen

Die Stallausrüster versprechen den Landwirten vor allem: Das sogenannte Smart Farming erhöhe die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Zugleich werben die Unternehmen mit besserer Hygiene im Stall. „Mehr Vernetzung, Überwachung und Automatisierung dienen letztlich auch dem Tierwohl", sagt Björn Prüllage. Künftig soll die Vernetzung nicht auf den Hof beschränkt bleiben, wie der Marketingleiter erklärt: „Der Landwirt tauscht seine Informationen verstärkt mit externen Partnern aus." Ist zum Beispiel das Silo nur noch wenig gefüllt, sorgt der Lieferant des Futtermittels automatisch für Nachschub. Andere Daten sind etwa von Tierärzten, Behörden oder dem Steuerberater abrufbar.

Die Digitalisierung hält nicht nur bei der Tierhaltung, sondern auch im Pflanzenbau Einzug. Schlepper, Mähdrescher und andere Erntehelfer werden längst vom Satelliten übers Feld gesteuert. So wie die Fahrzeuge der Grimme Landmaschinenfabrik, die den Fahrer per Autopilot entlasten. Zum Beispiel beim Kartoffelpflanzen: Bestimmt der Landwirt in der digitalen Auftragskarte je nach Bodenqualität den Abstand der Pflanzen, setzt die Maschine dies automatisch um. „Auch die Düngung kann per GPS-Ortung bedarfsgerecht ausgebracht werden", erklärt Norbert Bley von Grimme. Welchen Ertrag es auf den Flächen gab, bringt dann ein paar Monate später der Kartoffelroder auf den Bildschirm. Wer bei Grimme einen der High-Tech-Erntehelfer aus den Werken in Damme oder Rieste bestellt, bekommt über ein Webportal Zugriff auf eine digitale Maschinenakte. Darin sind alle für den Landwirt wichtigen Informationen etwa zu Ersatzteilen abgelegt.

Maschinen für die Kunststoff- und Elektroindustrie

Auch wenn der Maschinenbau im Oldenburger Münsterland stark von der Landwirtschaft und dem Ernährungsgewerbe geprägt ist – viele Unternehmen sind auch in anderen Geschäftsfeldern aktiv. So baut etwa Lüers aus Goldenstedt Sondermaschinen für die Kunststoffindustrie und Worthmann aus Harkebrügge hat eine automatisierte Dichtheitsprüfung für Kraftstoffbehälter entwickelt. Maschinenbauer wie die Kurre-Firmengruppe aus Ramsloh, die vor allem Anlagen für die Kabelindustrie fertigen, profitieren zudem von der im Landkreis Cloppenburg stark vertretenen Elektroindustrie: Im selben Ort produzieren Waskönig + Walter mit rund 550 Mitarbeitern Stromkabel mit Spannungsstärken von einem bis 220 Kilovolt für Netzbetreiber in ganz Deutschland und Europa. Auch in Friesoythe, am Standort der Leoni Special Cables, werden Spezialkabel hergestellt, die in den Bereichen Gesundheit, Telekommunikation und Automation zum Einsatz kommen.

Autor/in: Peter Ringel
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