Ernährung von morgen

So schmeckt die Zukunft

„Durchaus eine Alternative zur klassischen Rindfleischversion", finden die strengen Prüfer der Stiftung Warentest nach Zutatenanalyse und Geschmackstest. Baris Özel und Max Krämer freut diese Einschätzung. 2018 haben die beiden Osnabrücker ihren ersten Insekten-Burger auf den Markt gebracht und mit einem Auftritt in der Gründershow „Die Höhle der Löwen" bundesweite Aufmerksamkeit erzielt. Ein Deal klappte dort zwar nicht, aber dafür sprang ein prominenter Investor ein und sicherte sich neun Prozent an Özels und Krämers Unternehmen Bugfoundation: die in Rechterfeld bei Visbek ansässige PHW-Gruppe.

© beyond meat
Schmeckts? Ethan Brown hat das Unternehmen Beyond Meat 2009 gegründet. Im Sommer 2018 ­wurde die Kooperation mit PHW bekannt.

Auch dort weiß man: Die Menschheit steuert auf ein gigantisches Ernährungsproblem zu. In etwa dreißig Jahren werden rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um sie alle ernähren zu können, müsste die Produktion an Nahrungsmitteln deutlich gesteigert werden. Das Familienunternehmen hat daher einen Geschäftsbereich für alternative Proteinquellen etabliert. Dieser kümmert sich nicht nur um das Veggie-Sortiment der Marke Wiesenhof, sondern ist inzwischen auch eifrig auf Einkaufstour in Übersee gegangen. Die Lebensmittelfirma arbeitet mit dem veganen US-Marktführer Beyond Meat aus Los Angeles und mit der pennsylvanischen Firma Good Catch Foods zusammen, die aus Hülsenfrüchten ein Fischerimitat herstellt. Auch besteht eine Partnerschaft mit dem israelischen Start-up Super Meat, dessen Ziel die Herstellung von künstlich erzeugtem Geflügelfleisch ist.

Auf den Wurm gekommen

Baris Özels und Max Krämers Burger-Patties haben als Hauptbestandteile Sojaprotein und Buffalowürmer. Keine Sorge: Nachdem sie fein gehackt weiterverarbeitet sind, erinnert nichts an RTL und seine Ekelprüfungen im australischen Busch. Und schmecken tut's auch. Bei der Internationalen Grünen Woche, der weltweit größten Agrarmesse, machten Besucher die Probe aufs Exempel. „Wie Falafel, etwas nussig", war zu hören. Oder: „Wie Sonnenblumenkerne oder Erdnüsse, in keinem Fall ein unangenehmer Nachgeschmack." Aber auch: „Schon ungewohnt, man muss sich überwinden."

Wer das schafft, eifert rund zwei Milliarden Menschen nach. So viele haben weltweit jeden Tag Insekten auf ihrem Speiseplan stehen. Seit Anfang 2018 sind sie auch in der EU als Lebensmittel zugelassen. Der PHW-Vorstandsvorsitzende Peter Wesjohann hat das Potenzial des Bratlings längst erkannt: „Wir glauben schon, dass es eine Zielgruppe dafür gibt. Wenn es uns gelingen sollte, schmackhafte Produkte zu entwickeln, warum sollten wir dieses Protein dann nicht nutzen?"

Chlor... was?

Ortswechsel. Keine 14 Kilometer von Rechterfeld entfernt beschäftigen sich Cathleen Cordes und Jutta Reinke ebenfalls mit dem Essen von morgen. Die beiden Freundinnen haben 2015 in Langförden ihr Unternehmen Evergreen Food gegründet. Ihre Lösung: Algen. Im nahen Regente betreiben sie eine Farm mit Milliarden von Mikroalgen. Es ist europaweit die einzige bio-zertifizierte Anlage, in der die „Eiweißpflanzen der Zukunft", wie Cathleen Cordes sie nennt, aufgezogen werden.

Tatsächlich stehen auch Algen im Ruf, ein Hoffnungsträger im Kampf gegen den weltweiten Hunger zu sein. Ein Grund liegt darin, dass sie zehn bis dreißig Mal schneller wachsen als Landpflanzen. Mikroalgen wie die bei Evergreen Food gezüchtete Chlorella bestehen bis zu 60 Prozent aus reinen Proteinen und sind damit um ein Vielfaches eiweißreicher als Fleisch, Fisch oder Eier. Evergreen Food verarbeitet die mikroskopisch kleinen Pflanzen unter dem Namen „Lüttge" zu Öl und Algenperlen zum Kochen, zu Pulver sowie zu vitaminhaltigen Algenkapseln. Die studierte Biotechnologin Cathleen Cordes sieht in der Chlorella großes Potenzial als Ersatz für Soja.

Raus aus der Nische

Fest steht: Es gibt ein gesteigertes Interesse der Verbraucher an Alternativen zu herkömmlichen Nahrungsmitteln. Ein Bericht der Marktforscher des renommierten Nielsen-Instituts zeigt, dass die Nische weiter wächst. So ist der vegane Lebensmittelmarkt in den USA im Jahr 2017 um rund ein Fünftel angestiegen. Er hat mittlerweile einen Umfang von 3,3 Milliarden Dollar. Das weckt den Appetit der großen Lebensmittelkonzerne.

Und wer früh einen Trend erkennt, hat beste Chancen, von ihm langfristig zu profitieren. PHW-Firmenchef Peter Wesjohann erwartet, „bis zum Jahr 2025 mit veganen Produkten zehn Prozent unseres Umsatzes erzielen" zu können. Dabei wertet er „das Wachstum des pflanzenbasierten Lebensmittelsektors nicht als Bedrohung für unser bestehendes Kerngeschäftsfeld, sondern als Chance". Ganz so, wie es im Oldenburger Münsterland üblich ist.