© Museumsdorf Cloppenburg

Raubgut auf der Spur

Provenienzforschung im Museumsdorf Cloppenburg

Das Museumsdorf Cloppenburg zählt zu den größten Freilichtmuseen Deutschlands und ist gleichzeitig ein nicht mehr wegzudenkendes Wahrzeichen im Oldenburger Münsterland. Genau hier, auf über 20 Hektar Ausstellungsfläche, haben die Ethnologin Christina Hemken und Karl-Heinz Ziessow in den vergangenen drei Jahren Pionierarbeit geleistet: Sie wollten herausfinden, ob sich im Museum geraubte Objekte befinden. Und haben dabei noch etwas viel Grundsätzlicheres erreicht.

Das Museumsdorf Cloppenburg ist das älteste seiner Art in Deutschland. Sein Anspruch: den Besuchern das Leben in der Region zwischen dem 16. und beginnenden 20. Jahrhundert möglichst authentisch zu vermitteln. Zunächst beschränkte sich die Sammlung noch auf Ausstellungsstücke aus der Region. Das änderte sich, als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen und den Umbau zu einem Freilichtmuseum forcierten. Über 20 Häuser aus den umliegenden Regionen ließ man versetzen und wiederaufbauen, gleichzeitig wurden die Sammlungsaktivitäten zunehmend überregionaler. Das Museum wurde mit Lieferungen regelrecht überflutet – und musste sich auf die Herkunftsangaben der Händler verlassen. „So gelangten auch Objekte mit unklarem Ursprung in den Sammlungsbestand", weiß Dr. Julia Schulte to Bühne, Leiterin des Museumsdorfs. Dabei habe sich Deutschland in der „Washingtoner Erklärung" von 1998 dazu verpflichtet, zu Unrecht entzogenes Kulturgut ausfindig zu machen und die rechtmäßigen Besitzer zu identifizieren. „Dieser kulturpolitischen Aufgabe hat sich das Museumsdorf in Cloppenburg mit einem Forschungsprojekt gestellt."

Ihr intensiv gewidmet hat sich die Ethnologin Christina Hemken. Sie hat schon an verschiedenen Museen im Bereich der Museumsdokumentation gearbeitet – so auch in Cloppenburg. „Es galt herauszufinden, wo Kunstwerke und Kulturgüter herkommen, also sogenannte Provenienzforschung zu betreiben. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Museumsarbeit", erläutert sie. Zusammen mit ihrem Kollegen Karl-Heinz Ziessow erforschte sie drei Jahre lang die Herkunft der Sammlungsobjekte im Museumsdorf. „Neben der umfangreichen Objektdokumentation stand dabei auch die Aufarbeitung der eigenen Sammlungsgeschichte in ihrem zeitgenössischen, politischen Kontext im Fokus", betont Museumsleiterin Schulte to Bühne.

Ein umfangreiches Unterfangen. 35.000 Archivblätter, sämtliche Eingangsbücher, Inventarlisten, Bildmaterial und Tagebucheinträge des damaligen Museumsleiters Heinrich Ottenjann wurden gesichtet und digitalisiert. Danach ließ sich der Sammlungsbestand in die klassischen Kategorien der Provenienzforschung einteilen: unverdächtig, bedenklich und belastet. „Wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass wir die Zusammenhänge im Bestand nur verstehen können, wenn wir außerhalb des Museums suchen. Wir mussten mehr über seine Geschichte und die politischen und finanziellen Verflechtungen herausfinden", erklärt Hemken.

Der nächste logische Schritt bestand darin, nicht nur regional und überregional in den Stadtarchiven, sondern auch in Landes- und Bundesarchiven zu forschen. Mit schockierenden Ergebnissen: „In Folge der M-Aktion (siehe unten, Anm. d. Red.) kamen 32 Prozent der gesamten Schienenladungen in den Bereich Gau-Weser-Ems, beim Schiffsverkehr waren es 57 Prozent", so die Ethnologin. Die Verkäufe des sogenannten Hollandguts seien zwischen 1942 und 1944 alltägliches Geschäft gewesen. Man wusste, dass sie stattfanden.

Nicht immer war die Projektarbeit einfach. Als problematisch hat sich zum Beispiel erwiesen, dass der Sammlungsbestand des Museumsdorfs zu mehr als 90 Prozent aus Alltagsgegenständen besteht. Die Händler? Weitestgehend unbekannt. Dass Hemken und Ziessow auf weiteres Expertenwissen zurückgreifen konnten, war deshalb ein glücklicher Umstand: Sie wurden von Margarete Rosenbohm-Plate unterstützt. Die Oldenburger Geschichtsforscherin hat zum Thema Hollandmöbel bereits umfassend geforscht.

„So hat die fehlende Dokumentation die Forschungsarbeit zwar erschwert, am Ende des Arbeitsprozesses stehen jedoch aussagekräftige Ergebnisse", fasst Hemken zusammen und betont: „Zudem hat die Erforschung von zu Unrecht entzogenem Kulturgut sowohl für das Museumsdorf als auch für den gesamten Nordwesten der Republik große Bedeutung." Eine Bereicherung seien auch die vielen spannenden Geschichten unter anderem von Zeitzeugen gewesen. Die Ethnologin erinnert sich etwa an eine Frau, die dem Museumsdorf für die Ausstellung eine Terrine zur Verfügung gestellt hatte, die ihre Großmutter im Osnabrücker Land auf sogenannten „Hollandgut-Verkäufen" erworben hatte. Als das Exponat in den Museumsbestand aufgenommen wurde, sei die Frau überglücklich gewesen, einen Platz für das Stück gefunden zu haben. „Wissen Besitzer, dass ein Objekt im eigenen Haushalt aus diesem Zusammenhang stammt, herrscht oft Hilflosigkeit. Sie fragen sich: was nun?", bemerkt Ziessow. „Das Thema ist immer noch ein sehr sensibles." Ganz besonders dann, wenn eine Rückgabe an die rechtmäßigen Besitzer nicht (mehr) möglich ist.

Das Forscherduo Hemken und Ziessow hat mit seiner intensiven Arbeit vor allem zwei Dinge erreicht: Transparenz in Bezug auf den Bestand des Museumsdorfs in Cloppenburg, aber auch ein Bewusstsein für die Relevanz des Themas im gesamten Nordwesten. Fertig ist die Arbeit aber nicht, im Gegenteil: „In fast keinem Museum ist das gesamte Inventar erfasst", klären die Wissenschaftler auf. „Auch im Museumsdorf ist die Herkunft von rund 450 Objekten, die in den Kriegsjahren im Eingangsverzeichnis aufgeführt wurden, noch unklar."

Für die Museumsdirektorin Dr. Julia Schulte to Bühne steht fest: Dieses Projekt war erst der Anfang. Konzentriert werde sich in Zukunft auch auf die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Um Sonder- und Dauerausstellungen möglichst lebendig zu gestalten, ist das Wissen über die Geschichte der Objekte notwendig", unterstreicht sie die Bedeutung der Provenienzforschung. Besucher sollen über die Ergebnisse des Forschungsprojekts insbesondere mit digitalen Medien informiert werden. So könnten die Resultate lebhaft Auskunft über die Kulturgeschichte der Region geben und bestehende Informationsangebote sinnvoll ergänzen.

Ausstellung und Publikation

Die Forschungsergebnisse wurden von November 2017 bis Januar 2018 im Museumsdorf ausgestellt, begleitet von einer gedruckten Publikation und einer Webseite zum Projekt. Im Herbst 2018 ist die zweite Publikation „Im Schatten des totalen Krieges – Raubgut, Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit" im Museumsverlag Cloppenburg erschienen.

Die „M-Aktion"

Die „M-Aktion" – das „M" steht für Möbel – bezeichnet die Aneignung des gesamten Wohnungsinventars der zumeist geflohenen beziehungsweise deportierten jüdischen Bevölkerung in den besetzten Beneluxländern und Frankreich. Namensgeber war der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg. Mit der Zustimmung Adolf Hitlers wurde dessen Dienststelle Westen/Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg mit der M-Aktion beauftragt. Fast 70.000 Wohnungen und deren Inventar wurden konfisziert.

Das Inventar wurde zuerst in Sammellager verfrachtet und dann über Schiff- und Schienenverkehr nach Deutschland transportiert. Ursprünglich waren die Möbel für Bombengeschädigte gedacht, wurden dann aber an die Bevölkerung verkauft. Die Einnahmen in Millionenhöhe flossen in die Staatskasse und auf die Privatkonten der NSDAP.
In der „Washingtoner Erklärung" von 1998 verpflichtet sich Deutschland neben 44 anderen Staaten zu Unrecht entzogenes Kulturgut zu identifizieren und „faire und gerechte Lösung" zur Wiedergutmachung zu finden. Seit 2008 fördert die Bundesregierung aktiv die Provenienzforschung.

 

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