Ernährungswirtschaft

Pilze und Pommes

Ob Pilze oder Pommes, Steak oder Salat: Viele schmackhafte Lebensmittel aus dem Oldenburger Münsterland landen täglich auf unseren Tellern. Die Region ist ein international bekanntes Zentrum der Ernährungswirtschaft. In dem einmaligen Cluster von Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Agrartechnik entstehen stetig Innovationen.

Bald werden wohl Perlen vor die Säue geworfen. Warum? Damit die Tiere gesund bleiben. Denn in den kleinen Perlen züchtet Unternehmer Rudolf Cordes Mikroalgen, die eine antibiotische Wirkung haben. In der Tierhaltung können die natürlichen Substanzen den Einsatz herkömmlicher Antibiotika verringern, die wegen der Gefahr von Resistenzen in der Kritik stehen. Vermehrt werden die kleinen Helfer in einem Photobioreaktor in Großenkneten. „Von den 40.000 norddeutschen Mikroalgen haben wie bei den Heil- und Arzneipflanzen viele eine Wirkung wie Antibiotika", erklärt Cordes. „Diese sekundären Inhaltsstoffe schützen die Pflanzen vor Pilzen, Bakterien und Viren und haben die einmalige Eigenschaft, dass sich keine Resistenzen wie bei Antibiotika bilden können."

Laut Professorin Ilka Maria Axmann vom Institut für Synthetische Mikrobiologie der Uni Düsseldorf deuten Studien tatsächlich auf eine stärkere Immunabwehr hin, wenn die Tiere mit Mikroalgen gefüttert wurden: „Das könnte langfristig den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung reduzieren."

Anbau im großen Stil

Dass dieses vielversprechende Verfahren im Oldenburger Münsterland erdacht und erprobt wird, ist kein Zufall. Denn die Region ist nicht nur eine Hochburg bei der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln. Sie wird immer mehr zu einem Innovationszentrum für eine nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft. Neue Ansätze werden unter anderem bei Tierwohl und Tiergesundheit sowie bei der Nährstoffproblematik entwickelt. Denn hier sind besonders viele, hoch spezialisierte Betriebe für Aufzucht, Mast, Transport, Schlachtung und Verarbeitung von Schweinen und Geflügel angesiedelt.

Unternehmen mit bekannten Marken aus den Bereichen Fleischwaren, Eier, Backwaren, Kartoffelerzeugnisse, Milchwirtschaft und Feinkost haben in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg ihren Sitz. Neben der Tierhaltung ist die regionale Obst- und Gemüseproduktion mit Anbauflächen von mehr als 4.500 Hektar ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Von Brokkoli und Blumenkohl über Kohlrabi und Sellerie bis hin zu Feldsalat und Rucola wächst alles im Oldenburger Münsterland – und das im großen Stil.

Champignons und Co.

Im großen Maßstab wird auch in einer Branche produziert, deren Erzeugnisse im Dunkeln gedeihen: Pro Woche bringt das Rechterfelder Unternehmen Pilzkulturen Wesjohann mehr als 300 Tonnen frische Champignons in die Märkte. In der Region gibt es zwei Zuchtbetriebe der Firma, die bereits seit mehr als 30 Jahren aktiv ist. Neben weißen und braunen Champignons sind auch Shiitake und Kräuterseitlinge im Sortiment. Das Unternehmen baut nicht nur die Leckerbissen an, auch das Substrat wird selbst produziert, pro Woche rund 1.000 Tonnen. Es wird aus Stroh, Hähnchenmist, Gips und Wasser gewonnen. Vom ersten Mischen der Rohstoffe bis zum fertigen Substrat für die Kultur vergehen viereinhalb Wochen. Die Herausforderung besteht nicht nur in der Zucht der empfindlichen Pilze, sondern auch in der Logistik für die frische Ware. Oft liegen die Schalen mit Champignons und Co. bereits weniger als 24 Stunden nach der Ernte in den Regalen der Händler.

Der 1932 in Visbek als kleiner Landhandel mit Geflügel-Brüterei gegründete Konzern zählt zu den größten Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Deutschland. Bekannteste Marke ist Wiesenhof. Bei deren Geflügelprodukten nimmt die Firma in Sachen Qualitätsmanagement bundesweit eine Vorreiterrolle ein: Früh wurde auf eine vollständige Integration aller Produktionsstufen gesetzt, von den Futtermühlen bis zu den Verarbeitungsbetrieben.

Zu den Branchengrößen gehört mit Stolle ein weiteres Unternehmen aus Visbek. Dank weitgehender Automatisierung können dort pro Tag eine Viertelmillion Hähnchen geschlachtet werden, die dann zu Brathähnchen, Grillschenkel oder Chicken Chips verarbeitet werden.

Export nimmt zu

Viele Unternehmen der Ernährungsindustrie profitieren mit küchenfertiger Frisch- und Tiefkühlware von den Mega-Trends beim Essen: Qualität, Gesundheit, Convenience stehen hoch im Kurs. Dabei gewinnt der Export immer mehr an Bedeutung. Weltweit sind veredelte und qualitativ hochwertige Produkte gefragt – „Made in Germany" ist auch bei Lebensmitteln ein gesuchtes Label. Ein Beispiel: Von den rund 1,7 Millionen Schweinen, die die Goldschmaus-Gruppe jährlich schlachtet, gehen rund 45 Prozent als verarbeitete Fleischprodukte ins Ausland. Für die zu exportierenden Produkte wurde eigens ein Tiefkühllager mit Kartonierung und Frostern eingerichtet.

Andere Unternehmen, die in der Region ansässig sind, produzieren gleich im Ausland. Wernsing betreibt neben sieben Fabrikstandorten in Deutschland auch Werke in sechs weiteren europäischen Ländern. Das Sortiment reicht von Kartoffelprodukten über Antipasti bis zu Feinkostsalaten. Insgesamt wird mit rund 3.850 Mitarbeitern ein Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro jährlich erwirtschaftet. Allein am Standort Addrup arbeiten etwa 1.100 Beschäftigte.

Gesamte Wertschöpfung in der Region

Die Ernährungswirtschaft hat auch große Bedeutung für andere Branchen. So hat sich der regionale Maschinenbau auf die Herstellung landwirtschaftlicher Geräte und auf Anlagen für die Verarbeitung von Lebensmitteln spezialisiert. Die Kunststoffunternehmen liefern Folien und Verpackungen. Und auch mehr als ein Viertel aller niedersächsischen Futtermittelhersteller ist im Oldenburger Münsterland angesiedelt. Die Deutsche Vilomix Tierernährung aus Neuenkirchen-Vörden etwa bietet Mineral- und Spezialfutter für alle Nutztierarten. Auch beim Erwerbsgartenbau kommen die Zulieferer aus der Region. Erden und Substrate sowie Vliestöpfe liefert zum Beispiel Hawita. Die Beispiele verweisen auf ein Charakteristikum des Oldenburger Münsterlands, das sich auch in anderen Branchen findet: Alle Stufen der Wertschöpfung bleiben in der Region – und damit die Wege kurz.

Autor/in: Peter Ringel
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