Ohren aufgesperrt!

Hier ist Musik drin!

Montagabend,­ Emmaus-­Kirche in Visbek. Der Saal füllt sich, Menschen begrüßen sich herzlich, packen Noten aus. Hermann-­Josef Suelmann meldet sich zu Wort. 150 Sängerinnen und Sänger lauschen dem Dirigenten aufs Wort. Ein normaler Chor? Weit gefehlt! Hier wird die Carmina Burana geprobt. Nein, nicht von Profis, sondern von „allen, die Lust und Freude am Singen haben".

© Gerald Lampe/Foto Hölzen
© Gerald Lampe/Foto Hölzen
Anerkennung Die besten jungen Musikerinnen und Musiker der Region spielen im Jugendsymphonieorchester.

Mit diesem Aufruf lud der Kulturkreis Visbek Ende 2018 Interessierte ein, am Projekt zur 1200-Jahr-Feier Visbeks im August 2019 mitzumachen. Gemeinsam am Start: der Projektchor mit dem Madrigalchor Vechta, das Oldenburgische Schlossorchester, Tänzer­innen und Tänzer, ein großer Kinderchor und vier Solisten. Kann das klappen? „Es wird ein grandioses Open-Air-Konzert, von dem die ­Visbeker noch Jahrzehnte schwärmen werden", ist ­Suelmann überzeugt.
Da spricht die Erfahrung. Als er das Werk vor einigen Jahren in Vechta aufführte, fanden sich zu dem „kleinen Projekt" schnell 250 Sängerinnen und Sänger zusammen. Damals auch schon dabei: „sein" Madrigalchor, denn die Carmina Burana passt perfekt zur 70-­jährigen Tradition. Gesungen wird anspruchsvolle, mehrstimmige Chormusik. Oratorien, Passionen aber auch Klassiker und Stücke zeitgenössischer Komponisten – immer auf höchstem Niveau. „Ich bin Klangfetischist", gesteht Suelmann schmunzelnd. „Wenn ich zur Probe fahre, freue ich mich richtig auf die Musik." Stimmen Intonation, Ausdruck und Spannung nicht, mache ihn das „richtig fuchsig". Das ändere aber nichts an der freundlichen und konzentrierten Atmosphäre, in der gemeinsam und engagiert gearbeitet wird, fügt er hinzu. Von der chilenischen Austausch­schülerin bis zum 82-jährigen Bass verbindet alle Teilnehmenden die Liebe zur Musik.
Wer an lauen Sommerabenden durchs Oldenburger Münsterland fährt, hört vielerorts Chöre proben. Aber auch Bands, Ensembles und Kapellen tragen zum Soundtrack der Region bei. „Die Laienmusikszene ist hier immens groß", betont Michael Gudenkauf, Leiter der Kreismusikschule Cloppenburg. Zahl­reiche Vereine bilden musikalischen Nachwuchs aus. Ebenso die Musikschulen mit Einzel- und Gruppen­unterricht, Projekten in Kinder­gärten und Schulkooperationen. In Bands und Orchestern kann der Nachwuchs erleben, was Zusammen­spielen heißt.
Besondere Talente sind im Jugend­symphonieorchester Oldenburger Münsterland (JUSOM) willkommen. Gut 50 Nachwuchs­musiker im Alter zwischen zehn und 20 Jahren erarbeiten in diesem Gemeinschaftsprojekt beider Kreismusikschulen unter Leitung von Dirigent Gabriele Mele anspruchsvolle Konzerte. „Im August legen wir das Programm für das nächste Jahr fest. Die Kinder und Jugend­lichen bereiten sich mit ihren Lehrern vor und kommen dann blockweise zu Probewochenenden und Musikfreizeiten zusammen", berichtet Gudenkauf, der das Orchester 2017 initiiert und aufgebaut hat. Die ersten Konzerte ernteten bereits höchstes Lob, Anfragen für überregionale Auftritte gingen ein. „Wir können uns durchaus mit Jugendsymphonieorchestern in Bremen oder Berlin messen." Die Talente sind da, keine Frage. „Nur die Organisation ist auf dem Land etwas schwieriger", fügt Gudenkauf hinzu. Aber machbar: Zur Not fährt ein Abholbus ins Saterland oder nach Neuenkirchen-Vörden

Ortswechsel. Damme, Donnerstagabend. Wenn die Dersa Highlanders für die nächs­ten Auftritte proben, klingt das Oldenburger Münsterland nach schottischem Hochland. Das Ensemble gibt es seit über 20 Jahren, seine Anfänge gehen auf den örtlichen Karneval zurück. Aktuell spielen 32 Musiker zwischen zwölf und 75 Jahren mit. Vorkenntnisse braucht niemand, es reichen Neugier und Spaß an der Musik.
Und gute Vorbereitung. Musiklehrer Viktor Besch hört bereits sehr genau hin, wenn die Dudelsäcke eingespielt werden. Ganz wichtig: Sie sollen vibrieren, nicht quieken. Dann wäre der Druck zu hoch. Ansonsten kommt es bei dem schottischen Nationalinstrument vor allem auf Konzentration, Koordination und die richtige Atmung an. „Wir sagen immer, dass wir nicht üben, sondern trainieren", bringt es der Vereinsvorsitzende Christof Lienesch auf den Punkt. Einfach ist der Anfang nicht. Neulinge starten deshalb mit sogenannten Practice Chanters, die ein wenig Blockflöten ähneln. Nach etwa einem Jahr wechseln sie an den Dudelsack. „So haben wir alle begonnen", sagt Lienesch. Der Erfolg ist verblüffend: Der letzte große Konzertabend der Highlanders war auch ohne Werbung schnell ausverkauft. Es hätten auch mehr als 1200 Karten sein können.
Musikhören macht Freude, Musikmachen noch mehr. Beides fördert den Zusammenhalt, beides schult fürs Leben. Der Einzelne im Orchester ist wichtig – allein aber kann er nur wenig erreichen. Und jede Stimme zählt, wie das Carmina-Burana-Projekt beweist. Der Chor in Visbek probt übrigens auch noch den 4. Satz von Beethovens 9. Sinfonie „Freude schöner Götterfunken". Als Zugabe. „Die Proben laufen so gut, da geht noch mehr", weiß Hermann-Josef Suelmann.

Autor/in: Alke zur Mühlen