Landwirtschaft 4.0

Mit dem Tablet in den Stall

Über ein paar Klicks die komplette Stalltechnik steuern – die vernetzte und automatisierte Landwirtschaft macht es möglich. Agrar-Ausrüster wie Grimme, Prüllage und Big Dutchman zählen zu den Vorreitern. Auch Umwelt und Verbraucher sollen profitieren.

Das Wetter? Wird von der App beobachtet, die dann auch die Lüftung im Stall anpasst. Der aktuelle Schweinepreis? Kommt ebenfalls per App aufs Smartphone. Hühner und Schweine füttern? Den Tieren wird die Flüssig- oder Trockennahrung längst vollautomatisch vorgesetzt. Und falls sich der Futtermix ändern soll, lässt sich das Misch- und Mahlwerk auch übers Tablet steuern. Muss der moderne Landwirt überhaupt noch auf den Hof? Eigentlich nicht. Denn die smarte Farm lässt sich weitgehend per Handy oder Tablet managen.

Farmtechnik komplett automatisiert

Von Industrie 4.0 ist zwar viel die Rede. So sichtbar wie bei der komplett vernetzten Stalltechnik von Prüllage Systeme wird der Megatrend allerdings selten. Entsprechend selbstbewusst präsentiert der Holdorfer Agrar-Ausrüster seine digitale Produktpalette unter dem Schlagwort Landwirtschaft 4.0. Das vor knapp 30 Jahren von den Brüdern Heinz, Josef und Ludger gegründete Familienunternehmen automatisiert die komplette Farmtechnik – von der Fütterung über die Lüftung bis hin zu den Waagen für Tiere und Fahrzeuge. Alles wird zentral gesteuert, überwacht und ausgewertet. Auch entfernt liegende Stallungen lassen sich so kontrollieren: Arbeiten Ventile, Abluftfilter und Förderbänder korrekt? Das wird mit wenigen Klicks sichtbar. Ebenso einfach lässt sich die Zusammensetzung des Futters übers Tablet anpassen, indem man bestimmte Nährstoffe beimischt.

Transparenz durch Vernetzung

Die Digitalisierung hält im Pflanzenbau wie bei der Tierhaltung Einzug. Die Entwicklung ist aber längst nicht zu Ende. Künftig soll die Vernetzung nicht auf den Hof beschränkt bleiben, wie Marketingleiter Björn Prüllage erklärt: „Der Landwirt tauscht seine Informationen verstärkt mit externen Partnern aus." Ist zum Beispiel das Silo nur noch wenig gefüllt, sorgt der Lieferant des Futtermittels automatisch für Nachschub. Andere Daten sind etwa von Tierärzten, Behörden oder dem Steuerberater abrufbar. Güllebörsen werden über das Internet organisiert und neue Vertriebsmodelle wie die Online-Direktvermarktung sind leichter umsetzbar. Das bedeutet zugleich mehr Transparenz für Verbraucher, wenn sie die Lebensmittel künftig bis zum Erzeuger zurückverfolgen können.

Kontrolle und Steuerung übers Web

Auch der Stallausrüster Big Dutchman mit Hauptsitz in Vechta bietet komplette Systeme samt Hard- und Software. Damit lassen sich unter anderem das Stallklima, die Fütterung sowie die Beleuchtung über Sensoren steuern. Feuchte und Ammoniakgehalt der Luft, die Temperatur – alles wird automatisch erfasst. Hähnchen oder Legehennen bekommen an einer Tränke nicht genug Wasser? Dann signalisiert das Kontrollsystem dies sofort auf dem Bildschirm.

Die Zahl der gelegten Eier und das Gewicht des Geflügels, der Verbrauch von Futter oder die Mortalität werden ebenfalls digital dokumentiert. So kann der Betrieb zum Beispiel erkennen, wie sich die Fütterung auf den Bestand auswirkt. In den Ställen wird sogar der Auf- und Untergang der Sonne simuliert, inklusive einer künstlichen Dämmerung. Denn das Licht ist wesentlicher Bestandteil einer artgerechten Tierhaltung und beeinflusst die Produktion positiv. Die ausgefeilte Stalltechnik für die Schweine- und Geflügelhaltung ist nicht nur hierzulande gefragt, ein Großteil des Umsatzes macht Big Dutchman längst im Ausland. Niederlassungen gibt es in Brasilien, Russland, Malaysia oder China. Wie wichtig das Exportgeschäft ist, wird am Internetauftritt des Unternehmens deutlich: Die Kunden können aus bis zu 20 Sprachen wählen.

Zukunftstrend Smart Farming

Die Stallausrüster versprechen den Landwirten vor allem: Das sogenannte Smart Farming erhöht die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Zugleich werben die Unternehmen mit besserer Hygiene im Stall. „Mehr Vernetzung, Überwachung und Automatisierung dienen letztlich auch dem Tierwohl", sagt Björn Prüllage.

Die Agrarwissenschaftler des Leibniz-Forschungsverbunds Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung gehen ebenfalls davon aus, dass die Landwirtschaft nicht für die Betrieben selbst von Vorteil sind: „Die Verknüpfung aller Stufen der Wertschöpfungskette – von Erzeugung über Verarbeitung und Handel bis zu Nutzung und Konsum – ermöglicht nicht nur nachhaltige Ernährungs- und Nahrungssicherheit sondern auch bestmöglichen Ressourcen- und Tierschutz sowie die Bereitstellung von Ökosystemleistungen." So schreiben es die Forscher im kürzlich veröffentlichten Positionspapier der Innovationsinitiative Landwirtschaft 4.0. Demnach profitieren sowohl Landwirte, Umwelt als auch die Verbraucher.

Autor/in: Klaus Kasper
Veröffentlicht am 9. Dezember 2017
Letzte Aktualisierung am 2. März 2018