Die Wagyu-Rinder von Garrel

Start-up mit Leihmüttern

Ein Kilo Filet vom Wagyu-Rind lassen sich Gourmets 500 Euro und mehr kosten. Das Fleisch der aus Japan stammenden Rasse gilt als teuerstes der Welt. Wer die Delikatesse hierzulande bestellt, bekommt meist Tiefkühlware aus Übersee auf den Teller. Ein Familienunternehmen aus Garrel will das ändern: Ab Mitte 2019 soll das Fleisch der dann größten deutschen Wagyu-Herde vermarktet werden.

Rund tausend Edel-Rinder will Familie Looschen im Jahr 2020 halten. Noch sind es 80 Wagyus. Die Kälber grasen hinter dem Hof am Ortsrand von Garrel, in den offenen Freiluftställen mampfen Kühe und Ochsen duftendes Heu. Vor vier Jahren startete die Zucht mit sechs Embryonen. Diese wurden Ammenkühen eingesetzt. Mit der Übertragung von Embryonen, die inzwischen von den hofeigenen Tieren stammen, kann die Herde schnell aufgebaut werden. Das rotbunte Fleckvieh der Leihmütter teilt sich mit den schwarzen Luxustieren Stall und Wiesen. Es ist allerdings eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Nur die kostbaren Wagyus haben einen japanischen Stammbaum und sind anhand ihrer DNA als reinrassig ausgewiesen.

Ein Rind namens Ralf

Ralf war eines der ersten sechs Wagyu-Kälber, die auf dem Hof geboren wurden. Inzwischen ist der Ochse längst zu einem glänzenden Koloss herangewachsen. „Wenn Ralf mal am Haken hängt, bringt er bestimmt 450 Kilo", schätzt Michael Looschen. Für rund 20.000 Euro lasse sich das Fleisch verkaufen – mindestens. Geschlachtet wurden allerdings erst drei Tiere der Wagyu Auetal GbR. Wer nach Fleisch fragt, wird noch vertröstet.

Die Idee für das Wagyu-Projekt hatte Michael Looschen aus einem Fachmagazin. 2010 flog er nach Japan, um sich im Bezirk Kobe die Zucht der Rinder anzuschauen. Dort wurde sie einst als Zugtiere gehalten. Über die Rinderhaltung im großen Stil informierte er sich in Australien und Ostdeutschland. Von der Zucht bis zur Schlachtung soll alles auf dem eigenen Hof bleiben: „Wir begleiten die Tiere komplett." Auch die Vermarktung will Looschen selbst übernehmen, eines Tages vielleicht sogar in einem eigenen Restaurant auf dem Hof.

Revolution in der Rinderhaltung

Für Hof-Senior Karl-Heinz Looschen, eigentlich längst in Rente, bedeuten die Wagyus eine Revolution in der Rinderhaltung. Lange hat er auf dem Hof, der seit mindestens 300 Jahren in Familienbesitz ist, die konventionelle Turbo-Mast betrieben: „Mais und Kraftfutter volle Pulle, dann waren die Tiere schnell wieder weg." Sein Betrieb war Teil einer hochspezialisierten Kette. Die Kälber kamen mit sechs Monaten auf den Hof, spätestens nach einem Jahr waren sie im Schlachthof.

Inzwischen sind die alten dunklen Ställe luftigen Neubauten gewichen. „Früher ging es nur darum, wie viel Gewicht die Rinder täglich zunehmen", erklärt Karl-Heinz Looschen, „das interessiert uns nicht mehr." Denn die Wagyus in Garrel müssen mindestens tausend Tage alt werden. Wegen der Fleischqualität sollen die Rinder langsam wachsen. Statt Sojaschrot und Mais fressen sie Heu, Stroh und Biertreber.

Qualität rechtfertigt den Aufwand

Kraftfutter gibt es erst in den letzten 200 Tagen vor der Schlachtung, eine eigene gentechnikfreie Mischung aus Getreideschrot, Raps, Gerste, Futterrübe. „Wir wollen die höchste Zartheit", sagt Michael Looschen. Dafür sorgen die vielen Fettäderchen, die das Wagyu-Fleisch so charakteristisch marmoriert aussehen lassen. In der Pfanne oder auf dem Grill schmilzt das Muskelfett bereits bei Körpertemperatur. Dadurch ist das Fleisch einzigartig saftig und zartschmelzend. Für diese Qualität wird auf dem Hof in Garrel ein großer Aufwand betrieben. Der Anspruch von Michael Looschen lautet: „Die Tiere sollen nur einen schlechten Tag haben – wenn sie geschlachtet werden."

Autor/in: Peter Ringel
Veröffentlicht am 22. September 2017
Letzte Aktualisierung am 9. December 2017