Historische Rennräder

"Schön wie eine Skulptur"

Nicht jeder würde diesen Ausspruch mit einem Rennrad verbinden, noch dazu einem historischen. Wolfgang Hagemann würde ihn eines Besseren belehren. Der Cloppenburger sammelt und restauriert ausgewählte Exemplare und begeistert mit technischen Details und Hintergrundgeschichten für seine Leidenschaft.

Wolfgang Hagemann war selbst überrascht: Mucksmäuschenstill seien die Besucher während seiner teils anderthalbstündigen Führungen in der Kunsthalle Cloppenburg gewesen. Und das, obwohl die Ausstellungsobjekte nicht jedem leicht zugänglich sein dürften: Im Frühsommer 2017 zeigte er eine Auswahl seiner Sammlung an historischen Rennrädern, genauer gesagt Rennmaschinen.

Sie bestehen zunächst – anders als fertig produzierte Rennräder – nur aus dem Rahmen und werden dann mit den gewünschten Komponenten individuell zusammengestellt. So unterschiedlich sie auch sein mögen, so technisch komplex sind sie alle. „Aber mit Erklärungen und Hintergrundgeschichten waren sogar unbedarfte Menschen beeindruckt und haben Fragen gestellt", erzählt der Mittfünfziger.

Bis zu 60 Stunden zum Restaurieren

Rennrad fährt Hagemann seit den 1980er Jahren, da ging es ihm allerdings noch um die Fitness. Zum Sammler von Rennmaschinen wurde er erst viel später. 2005 bekam er ein Exemplar der Marke „Kalkhoff" geschenkt. Der Beginn einer Leidenschaft. Etwa 50 besitzt er mittlerweile, darunter auch ein Rennrad der Marke Bianchi aus dem Jahr 1932, ausgestattet mit der ersten Kettenschaltung. Jedes einzelne hat er sehr bewusst ausgewählt: „Unter tausenden Exemplaren findet sich mit Glück eines, das besonders und damit erhaltenswert ist, sodass ich es restaurieren möchte." Wenn Hagemann „restaurieren" sagt, sind damit bis zu 60 Stunden Aufwand pro Fahrrad gemeint.

Was für andere nach Anstrengung klingt, bedeutet für ihn Entspannung. Und macht den Reiz aus. „Das Niveau der Technik kommt erst zutage, wenn ich die Rennmaschine Einzelteil für Einzelteil auseinander nehme. Da treten dramatische Unterschiede zutage", erzählt der Fachmann. Technisch perfekt verarbeitet seien manche Exemplare, mit einem Formel-1-Rennwagen vergleichbar. Die Konstruktion wurde so weit reduziert, bis eine optimale Kombination aus stabil, leicht und langlebig erreicht war. Würde man zum Beispiel dem einen oder anderen Bahnrad-Modell auch nur eine Schraube entfernen – es wäre nicht mehr fahrbar.

Das Rennrad als Wohnzimmer-Dekoration

Was macht ein jahrzehntealtes Rennrad für ihn erhaltenswert? „Manche Maschine wurde in kleinsten Stückzahlen gebaut, bisweilen nur ein paar Hand voll", weiß Hagemann. Die Raritäten stammen von Herstellern wie Bianchi, Cinelli oder RiGi und oft aus den 1980er Jahren – genau dem Zeitraum, in dem Hagemann als junger Mann sein erstes Rennrad bekam.

Die Geschichte der Rennmaschine und seine eigene, sie scheinen miteinander verbunden. Überhaupt seien die jeweiligen Biographien zu den Individualgeräten Teil seiner Faszination. Dazu komme eine unglaubliche Ästhetik. „So aufs Notwendigste reduziert sind Rennmaschinen schön wie eine Skulptur", kann sich der selbstständige Werbetechniker begeistern. Da verwundert nicht, dass drei der formvollendetsten Exemplare bei den Hagemanns im Wohnzimmer stehen.

Alle Modelle sind fahrbereit

Wer allerdings denkt, dass sie rein zur Zierde auf äußeren und technischen Hochglanz gebracht wurden, der irrt. Hagemanns Modelle sind allesamt fahrtüchtig. Und sie kommen regelmäßig zum Einsatz, zum Beispiel bei einer Ausfahrt mit Rennrad-Klassikern. Gemeinsam mit anderen Liebhabern geht es etwa rund um die Thülsfelder Talsperre und Cloppenburg. Leistung steht dabei nicht im Vordergrund, sondern vielmehr der Spaß am Fahren. „Eine große Freude", wie Hagemann betont.

Nur zu einem sogenannten „Ortsschild-Sprint" lassen sich einige Teilnehmer seiner Ausfahrt dann doch hinreißen. Wenn es bei drei losgeht, werden durchaus Geschwindigkeiten von über 50 Stundenkilometer erreicht – „das geht mit den historischen Rennrädern genauso wie mit den neuen", schmunzelt er.

Obwohl bereits so tief eingedrungen in die Materie ist Hagemann mit seiner Sammelpassion noch längst nicht am Ende. Denn der Kitzel bleibt: Gibt es eine Rennmaschine mit einem noch höheren Grad an Perfektion? Außerdem: „Als Sammler entwickelt und spezialisiert man sich", erklärt er. „Der eine sammelt nur noch Maschinen, die bei Olympischen Spielen gefahren wurden, der andere nur solche, die besondere Rahmenbauformen haben – wie in meinem Fall." Und noch etwas bestätigt Hagemann immer wieder aufs Neue in seiner Leidenschaft: dass er über sie in Kontakt mit Menschen und ihren Geschichten kommt. Letztere verbinden eben, wie auch ihn selbst mit dem Rennrad.

Autor/in: Mareike Lange
Veröffentlicht am 21. September 2017