Kraniche in Goldenstedt

Das große Flattern

Jedes Jahr im Herbst geben sich Vogelfreunde im Goldenstedter Moor ein Stelldichein. Ihr Interesse gilt den Kranichen. Die „Vögel des Glücks" machen hier Station auf dem langen Weg in wärmere Gefilde. Ein Schauspiel der besonderen Art!

Birgit Klöpper hat Stellung bezogen, in einem kleinen Bauwagen am Rande des Goldenstedter Moores. Vor uns eine flache Ebene, aus der junge Birken und – in weiter Ferne – ein paar Torfberge emporragen. Es ist ruhig, das Pfeifengras wiegt sich im Wind. Ein guter Platz für Vogelfreunde. Unweigerlich wird man still und sucht den Himmel mit seinen Augen ab.

Dann kommen sie. Lauter kleine schwarze Punkte, die sich am Horizont mal zu einer dichten Wolke, mal zu einer langen dunklen Schlange formieren: Kraniche. Viele Kraniche. Klöpper stützt ihre Ellenbogen auf der Fensterklappe ab. „Das sind 300, 400", sagt sie nach einem Blick durch ihr Fernglas. „Dieser Riesenschwarm wird jetzt von denen, die schon am Boden sind, begrüßt." Der Ruf des Kranichs, oft als trompetend beschrieben, erfüllt die Luft. „Gruh, gruh." Immer lauter. „Gruh, gruh".

Kranichen das Bett genommen

Die Vögel sammeln sich in sicherer Entfernung, unsichtbar hinter hohem Gras. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit steigen sie dann gemeinsam auf und fliegen zu ihren Schlafplätzen. Kraniche schlafen mitten im Moor, stehend und, wenn möglich, umgeben von knietiefem Wasser, zum Schutz vor natürlichen Feinden wie dem Fuchs. Tagsüber sind sie auf Nahrungssuche, in einem Umkreis von vielleicht 20, 30 Kilometern. Fündig werden sie auf Feuchtwiesen und abgeernteten Maisfeldern. Dort sieht man mitunter Hunderte von Kranichen.

Das Goldenstedter Moor liegt am nordwestlichen Rand der Diepholzer Moorniederung. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert soll es hier Kraniche gegeben haben. Dann wurden die Moore trockengelegt. Jahrzehntelang hat man Torf abgebaut, erst im Handstich, später industriell. „Man hat ihnen das Bett genommen", sagt Birgit Klöpper. Auch heute noch wird Torf abgebaut, allerdings hat man bereits vor über 30 Jahren mit der Wiedervernässung abgetorfter Flächen begonnen. Ohne diese renaturierten Flächen, ohne das Niedersächsische Moorschutzprogramm gäbe es hier keine Kraniche. Die ersten sollen um das Jahr 2000 herum aufgetaucht sein. Ein kleiner Trupp nur, der davor, so vermutet Klöpper, auf einer anderen Route gen Süden zog und durch schlechtes Wetter „abgedriftet" ist. Ganz schlecht kann es den Tieren im Goldenstedter Moor nicht gefallen haben. „Irgendwie haben sie es weitererzählt." Jedenfalls werden es von Jahr zu Jahr mehr. Einmal in der Woche zählt Birgit Klöpper die einfliegenden Tiere. Im Herbst 2016 kam sie einmal auf 14.340 Tiere, ein absoluter Spitzenwert. Bei sogenannten Synchronzählungen in der gesamten Diepholzer Moorniederung wurden bereits weit mehr als 70.000 Kraniche gezählt. Damit gehört das Gebiet im Osten des Oldenburger Münsterlandes zu den größten Rastplätzen in Deutschland, ähnlich bedeutsam wie die Rügen-Bock-Region an der Ostseeküste oder das brandenburgische Rhin- und Havelluch.

Spannweite wie ein Adler

Seit 2004 ist Birgit Klöpper im Förderverein Goldenstädter Moor aktiv, seit 2011 bietet sie Führungen an. Manchmal hat sie schon nach wenigen Metern Glück. Dann kommt die 57-Jährige mit ihren Gästen zu einer Stelle, von der aus man, geschützt durch eine lange Baumreihe, Kraniche auf einem abgeernteten Maisfeld beobachten kann. Die Tiere sind nicht zu übersehen: Mit einer Größe von etwa 1,20 Meter ist der Eurasische oder Graue Kranich deutlich größer als der Graureiher und der Weißstorch, seine Flügelspanne von 2,20 Meter entspricht sogar der eines Adlers, der zu den größten Feinden der Kraniche zählt. Kraniche sind sehr scheu, ihre Fluchtdistanz liegt bei etwa 300 Metern. Heben sie den Kopf, sind sie so gut wie weg.

Warum die Menschen so fasziniert sind vom Kranich, kann auch Birgit Klöpper nicht so genau sagen. „Der hat was Exotisches". Und er ist intelligent und verfügt über einen ausgeprägten Familiensinn. Jedenfalls hat kaum ein anderer Vogel die Phantasie der Menschen derart beflügelt. Schon bei den alten Römern und Griechen sah man ihn auf Grabreliefs und Vasen, oft in Verbindung mit erotischen Szenen. Bei den Japanern gilt er als Glücksbringer, bei den Chinesen als Sinnbild für ein langes Leben und große Weisheit. Noch bis Anfang Dezember sind die Kraniche im Goldenstedter Moor zu Gast. Dann ziehen sie weiter in ihre Winterquartiere im Südwesten Frankreichs, nach Spanien oder Nordafrika. Hunderte von Kilometern können sie an einem Tag zurücklegen. Kleinere Gruppen bleiben hier – sie überwintern und trotzen selbst größerer Kälte. Im Frühjahr kommen dann auch die anderen wieder. Und das Spektakel beginnt von Neuem.

 

Info

Kraniche beobachten

Zu „Kranichbegegnungen" laden das Naturschutz- und Informationszentrum (NIZ) und die LEB Goldenstedt ein. Die Wanderung mit Birgit Klöpper beginnt an ausgewählten Tagen im Oktober und November jeweils um 15 Uhr beim NIZ, Arkeburger Straße 20. Beobachtet wird der Abendeinflug der Kraniche. Termine und Anmeldungen unter Telefon 04444/2694. Der Aussichtsturm auf dem NIZ-Gelände ist ganzjährig geöffnet. Im Herbst lassen sich hier Kraniche von Mitte Oktober bis Anfang Dezember beobachten, im Frühjahr von Ende Februar bis Mitte April. Die beste Zeit: eine Stunde vor Sonnenuntergang, also etwa 17 bis 19 Uhr. Fernglas oder Spektiv mitnehmen! Weitere Informationen: www.goldenstedter-moor.de 

Autor/in: Wolfgang Stelljes
Veröffentlicht am 7. September 2017
Letzte Aktualisierung am 26. September 2017