Bauwirtschaft

Löninger Fassadencreme für Havannas Kapitol

Vom Beton bis zur digitalen Bauakte – die Bauwirtschaft im Oldenburger Münsterland deckt mit ihren zahlreichen Spezialanbietern das gesamte Spektrum der Branche ab. Vom Einfamilienhaus über Stallbauten bis zur Industriehalle. Alle Unternehmen zeichnet eine ausgeprägte Innovationsfreude aus.

 

Was verbindet das Brandenburger Tor mit Schloss Neuschwanstein und dem Kapitol in Havanna? Alle Fassaden dieser historischen Bauten erstrahlen wieder im alten Glanz – dank Know-how und speziellen Produkten aus Löningen. Die dort ansässige Remmers Gruppe ist ein Spezialist für Gebäudesanierung und weltweit im Bauten-, Holz- und Bodenschutz aktiv. Auch bei der Restaurierung des kubanischen Kapitols, das dem Petersdom und seinem Pendant in Washington nachempfunden ist, kam die Expertise der Fachplaner zum Einsatz – und eine farblose Fassadencreme von Remmers, die eine Wasser- und Schadstoffaufnahme des Natursteins verhindert. Zuvor waren die mit Skulpturen geschmückten 30.000 Quadratmeter großen Fassadenflächen des Kapitols schonend vom Schmutz aus 90 Jahren befreit worden. Die Restauratoren nutzen dazu Naturlatex von Remmers, der aufgesprüht, aufgepinselt und nach drei Tagen abgezogen wird.

Neben der Fachplanung für solche Großprojekte bietet Remmers mehr als 400 Produktsysteme. Und es werden stetig mehr: Über 80 Experten befassen sich in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit Innovationen für den Schutz von Bauteilen und Gebäuden. Eingebunden ist das Unternehmen zum Beispiel in das Forschungsprojekt HelioClean, bei dem es um die katalytische Zersetzung von Luftschadstoffen durch Sonnenlicht geht. Die nanotechnologisch funktionalen Oberflächen sind an der Autobahn A1 bei Osnabrück schon im Einsatz und sorgen dort für bessere Luft mit weniger Stickoxiden. Positiver Nebeneffekt: Die selbstreinigenden Flächen verhindern das Entstehen von Biofilmen.

Wachstum durch Innovationen

Im Oldenburger Münsterland entfällt fast jeder vierte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz des produzierenden Gewerbes auf die Bauwirtschaft. Knapp 12.000 Beschäftigte zählt die Branche in der Region. Viele Firmen sind in der Nachkriegszeit entstanden und über Innovationen und eine Ausweitung des Angebots schnell gewachsen. Der mittelständische Familienbetrieb Remmers etwa hat sich innerhalb von drei Generationen von der Ein-Mann-Firma zu einer international tätigen Unternehmensgruppe mit rund 1.500 Mitarbeitern entwickelt.

Stetig gewachsen ist auch Berding Beton, ein Hersteller von Betonerzeugnissen für den Garten- und Landschafts- sowie den Straßen- und Kanalbau. Rund 12.000 Produkte bietet das vor mehr als 50 Jahren gegründete Steinfelder Familienunternehmen, von Pflastersteinen und Terrassenplatten bis zum Abwasserrohr. Die Fertigteile kommen manchmal auch bei ungewöhnlichen Projekten zum Einsatz: in Bietigheim-Bissingen etwa bei einem Kinderspielplatz, der mit Betonhalbschalen gestaltet wurde. Wie Remmers setzt auch Berding auf intensive Forschung und Entwicklung, etwa bei Betonrezepturen oder der Konstruktion von innovativen Formen. Dabei wird eng mit namhaften Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet. Viele der Neuentwicklungen sind durch Patente und Gebrauchsmuster geschützt.

Klinker, Kalksandstein und Beton

Neben Berding Beton gibt es im Oldenburger Münsterland eine Reihe weiterer Baustoffhersteller. Suding aus Lüsche hat sich auf Betonfertigteile für die Landwirtschaft spezialisiert, ebenso Greten aus Essen. Im Kalksandsteinwerk Holdorf wird ein weiteres Basisprodukt für das Baugewerbe gefertigt. Und die traditionsreichen Olfry Ziegelwerke liefern mehr als 100 Sorten Verblender und Riemchen, farblich darauf abgestimmte Pflasterklinker und ein Sortiment unterschiedlichster Formziegel. Diese sind bei Einfamilienhäusern ebenso wie bei Großprojekten aus Industrie und Städtebau gefragt. Auch beim Weltkulturerbe Kloster Lorch wurden die Backsteine aus Vechta verbaut, die aufgrund ihres natürlichen Eisengehaltes durch ein hell leuchtendes Rot charakterisiert sind. Auf den modernen Produktionsstraßen werden bis zu 945.000 Ziegel pro Woche gefertigt. Damit zählt Olfry zu den Branchengrößen. Und auch hier gilt: Innovationen werden in dem Familienbetrieb großgeschrieben. In den vergangenen zehn Jahren wurden 20 neue Backstein- und Klinkerprodukte entwickelt.

Findige Ingenieure und Unternehmer

Dass die Bauwirtschaft rund um Cloppenburg und Vechta so innovationsfreudig ist, ist nicht nur findigen Ingenieuren und Firmeninhabern zu verdanken. Auch die Netzwerke der Unternehmen helfen, dass aus einer Idee ein Produkt wird. Ein Beispiel dafür ist der Gerüstanker. Hintergrund der Erfindung: Bei inzwischen oft außengedämmten Gebäuden finden Gerüste ohne Beschädigung der Außenhülle kaum Halt. Bei Wessendorf in Emstek war dieses Problem zwangsläufig bekannt. Abhilfe schafft jetzt ein Gerüstanker, der dauerhaft im Gebäude verbleibt.

Bei der Entwicklung wurde Erfinder Franz Wessendorf vom Transferzentrum Oldenburger Münsterland und der Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik unterstützt. Merkutec, ein Dienstleister für die Kunststoffindustrie aus Langwege, lieferte konstruktive Varianten, den Prototypen und die Vorgaben für die Spritzgussformen, wählte Werkstoffe aus und fertigte schließlich die ersten Stückzahlen unter Serienbedingungen. Inzwischen wird der mehrfach ausgezeichnete Gerüstanker aus Stahl und Polyamid als Isorocket vermarktet. Ein weiteres zukunftsträchtiges Produkt von Wessendorf ist eine pumpfähige Fußbodendämmung, die auf einem recycelten Grundstoff basiert.

Digitale Modellierung im Holzbau

Auch beim Holzbau finden sich in der Region innovative Firmen. Die Zimmerei Sieveke aus Lohne gilt als Vorreiter beim sogenannten Building Information Modeling (BIM). Diese 3D-Methode verspricht mehr Transparenz für Bauherren, Architekten und Planer, geringere Kosten und weniger Verzögerungen. Die Basis eines Bauprojekts ist ein dreidimensionales Gebäudemodell. Darin sind Wände, Decken, Treppen, Tragstrukturen oder die Haustechnik modelliert. Für jedes Bauelement sind weitere Informationen wie Material und Preis hinterlegt. Alles ist mit wenigen Klicks abzurufen. „Wir bauen jedes Gebäude zweimal", sagt Sebastian Hollermann, bei Sieveke technischer Leiter Baubetrieb und Entwicklung. „Erst virtuell in unserem Modell, dann real auf der Baustelle."

Passen Grundrisse und Schnitte nicht zusammen, wird das in 3D schnell sichtbar. Fehler lassen sich so mit wenigen Mausklicks beheben. Mit den Daten aus dem dreidimensionalen Gebäudemodell werden bei Sieveke die automatisierten Abbund-Maschinen gefüttert, die millimetergenau sägen, fräsen, schlitzen, schleifen und bohren. Die so entstandenen Teile setzen Zimmerer und Tischler zu ganzen Gebäudeelementen zusammen – komplett mit Fenstern, Türen, Sonnenschutz oder Photovoltaik-Modulen. Per Schwertransport gehen die bis zu 14 Meter langen Stücke in die ganze Republik und darüber hinaus. So entstanden zuletzt etwa fünf neue Schulen in Hamburg, ein Kindergarten in Frankfurt und die Gebäudehülle für die Sanierung eines Wohnheims in Berlin.

Die genannten Beispiele der Firmen aus dem Oldenburger Münsterland zeigen: Mit Innovationen kommt man weit herum. Mal zum Kloster Lorch und mal zum Brandenburger Tor. Und manchmal sogar bis Havanna.

Autor/in: Peter Ringel