Frauen im OM

Weiblich(er) werden

Die Wirtschaft im Oldenburger Münsterland ist vorwiegend männlich geprägt. Noch. Hochkompetent, voll en­gagiert, sehr erfolgreich. Und weiblich. Mit ihren Führungspositionen und unternehmerischen Tätigkeiten gehören die drei Protagonistinnen dieses Artikels noch zu einer Minderheit in der Wirtschaftswelt.

© Annette Birkenfeld
SELBSTVERTRAUEN Sie wollte schon immer Verantwortung tragen, sagt Christine Niemann. Im Handwerk scheitert keine Bewerbung mehr am Geschlecht.

Das Wörtchen „noch" spielt eine wichtige Rolle, wie sich zeigen wird. Denn vieles ist in Bewegung im Oldenburger Münsterland. Rollenklischees werden aufgebrochen, Rahmenbedingungen zur Förderung von Frauen im Beruf geschaffen und erste Effekte verzeichnet.

Aber wie gesagt: Noch sind Frauen auch hier deutlich seltener in der Chefrolle zu finden. Statistiken dazu gibt es nicht, wie die Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft im Oldenburger Münsterland mitteilt. „Wir haben keine konkreten Zahlen zu den Geschlechtern in der Unternehmensführung", erklärt Leiterin Renate Hitz. Persönlich glaube sie durchaus, dass die meisten Führungsebenen rein männlich besetzt seien. Ihre Erklärung: „In unserer Region herrscht noch die klassische Rollenverteilung vor. Oft übernehmen die Frauen die Kinderbetreuung, die Pflege der Angehörigen und die Aufgaben im Haushalt. Für eine verantwortungsvolle Führungsaufgabe bleiben dann keine Zeit und Energie." Die Lebenshaltungskosten verstärken diese Situation – es müssen nicht beide Ehepartner Vollzeit arbeiten. „Die Familie kann mit nur einem Einkommen und vielleicht einem Teilzeiteinkommen leben", so Renate Hitz.

Unternehmerin Christine Niemann be­stätigt die Wahrnehmung dieses Ungleichgewichts: „In den mir bekannten Unternehmen finden sich tendenziell mehr Männer als Frauen in der Führungsebene." Warum? „Viele Betriebe wurden bereits vor Jahrzehnten gegründet – von Männern. Und dieser Typ Unternehmer ist starke Frauen in der Wirtschaft womöglich noch nicht gewohnt." Ein weiterer Aspekt: die Familienplanung. „Viele Unternehmen zögern, eine Frau im Alter zwischen Mitte 20 und 30 einzustellen", so Niemann. Viele Frauen bekämen nicht die Chance, sich zu beweisen. „Das bedaure ich sehr. Es gilt aber für ganz Deutschland."
Niemann selbst hat sich in ihren Ambitionen nie bremsen lassen. Sie hat in Enschede Marketing- und Vertriebsmanagement studiert und Berufserfahrungen unter anderem in München und Düsseldorf gesammelt. Gleich im ersten Job bekleidete sie eine Führungsposition und übernahm mit nur 27 Jahren die Geschäftsführung eines Unternehmens in Molbergen, das sie von null an aufbaute – wohlgemerkt parallel zu einem weiterführenden Masterstudium. Dabei war sie auf ihrem Karriereweg durchaus mit unangenehmen Situationen konfrontiert. Als sie sich etwa in einer männlich dominierten Branche auf eine Führungsposition bewarb, kam eine Absage. Sie sei zu tough aufgetreten. „Meinungsstarke Frauen waren nicht erwünscht." Auch von Vorgesetzten – egal ob männlich oder weiblich – sei sie häufiger „zurückgepfiffen" worden.

Ihren Erfolg führt Niemann vor allem darauf zurück, dass ihre Eltern ihr von klein auf eine unternehmerische Denke und den uneingeschränkten Glauben an ihre Fähigkeiten vermittelt haben. Das schaffte Selbstvertrauen: „Ich wollte immer schon Verantwortung übernehmen." Dennoch machte sie sich Gedanken über die Reaktionen der ersten potenziellen Kunden. Und wurde überrascht: „Sie waren nahezu durchweg positiv!" Gibt es doch einmal Irritationen beim männlichen Gegenüber, weiß sie damit umzugehen. „Ich kann kontern, wenn meine Kompetenz angezweifelt wird – mit Schlagfertigkeit und Expertise."

Ebenso selbstbewusst reagiert in solchen Situationen Silke Klaus, Geschäftsführerin und Inhaberin des Software-Unternehmens awenko in Emstek. Als sie ein Bürgermeister bei Fragen zum Kauf eines Gewerbegrundstücks spüren ließ, dass er sie – weiblich und jung – nicht für vollwertig ansehe, wurde eben in der Nachbargemeinde gekauft. Das war vor über zwanzig Jahren. Seitdem habe sich einiges verändert, findet Klaus: „Unternehmen im Oldenburger Münsterland werden nach wie vor überwiegend von Männern geleitet. Ich erlebe aber, dass sie es toll finden, wenn Frauen unternehmerisch tätig und erfolgreich sind." Ihre Arbeit ernte ehrlichen Respekt. „Dass ich als Frau und zweifache Mutter meine eigene Firma aufbaue und vertrete, stößt immer wieder auf Bewunderung", erzählt sie.
Ähnlich wie Christine Niemann wurde Silke Klaus' unternehmerische Denke familiär geprägt. „Bei uns galt: machen, nicht machen lassen!" Die Kompetenz der Wirtschaftsingenieurin wurde früh erkannt. Direkt nach dem Studium erhielt sie den Auftrag, in Bremerhaven ein Qualitätsmanagementsystem zur Zertifizierung eines Unternehmens aufzubauen. Wenig später betreute sie in diesem Bereich bereits mehrere weitere Firmen. Heute führt Silke Klaus ihr eigenes Haus. Dessen wichtigstes Produkt: eine IT-Lösung für das Qualitätsmanagement in der Ernährungsindustrie. „Die gab es zuvor nicht." So entstand die Idee des „Anwenderkonzepts" – kurz awenko.
In ihrem Team aus Software-Entwicklern arbeiten hauptsächlich Männer. Klaus sagt, das sei branchenspezifisch. „Die meisten Bewerber sind schlichtweg männlich – auch bei den Ausbildungsplätzen." Und solange sich nicht mehr Frauen in der IT-Branche verwirklichten, kämen auch weniger auf die Idee, das Fach zu studieren. „Durch die Mitgliedschaft von ­awenko im Verbund mittelständischer IT-System­häuser iTeam habe ich Einblicke in diverse IT-Fachbereiche und weiß: In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Oldenburger Münsterland nicht von anderen deutschen Regionen", betont die Unternehmerin.

Mit dem gleichen Phänomen kämpft auch die Grimme Landmaschinenfabrik. Christine Grimme, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, sagt, dass sehr wenige Frauen im Maschinenbau und als Elektroingenieure arbeiten. „Aber nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil wir von ihnen selten oder nie Bewerbungen auf Stellenausschreibungen bekommen." In der Region seien viele technik­orientierte Firmen zuhause. „Und die stehen bei Frauen nicht an erster Stelle ihres Interesses."

Was also tun? In den Augen der zweifachen Mutter vor allem eines: optimale Voraussetzungen schaffen, um Frauen im Beruf zu fördern. „Unseren 180 weiblichen Angestellten wollen wir die besten Rahmenbedingungen bieten", sagt Christine Grimme und ergänzt: „Wir sind darauf angewiesen, dass Frauen nach ihrer Familienzeit zurückkommen, und berücksichtigen deshalb ihre Lebensumstände." In die Überlegungen fließt etwa die Betreuungssituation des Kindes ein. Deshalb gibt es im Unternehmen nicht nur eine alternative Arbeitszeitvariante, sondern bei 63 Teilzeitmitarbeiterinnen gleich über 40, auch in Leitungspositionen. „Hier arbeiten hochqualifizierte Frauen – wir wollen sie schätzen und halten. Und nicht zuletzt Familienfreundlichkeit leben."

Auch in die Politik kommt Bewegung. „Die Bedingungen für die Gewinnung von Fachkräften müssen attraktiv sein, denn Unternehmen und Regionen stehen im Wettbewerb um knappe personelle Ressourcen", bringt es Landrat Johann Wimberg auf den Punkt. „Das fängt beim Verdienst an und endet bei attraktiven Arbeitszeitmodellen."

 

Die Verwaltung des Landkreises Cloppenburg versucht, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen steigt an. „Von 13 Ämtern und Stabsstellen sind schon sechs weiblich besetzt", rechnet Wimberg vor. Zudem riefen die Kreise Cloppenburg und Vechta die Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft ins Leben. Sie hilft Frauen, nach der Familiengründung wieder in den Beruf einzusteigen. „Wir bieten eine ganzheitliche, vertrauliche und kostenlose Beratung für Rückkehrerinnen und Beschäftigte mit Familienaufgaben an", führt Leiterin Renate Hitz aus. Dazu arbeitet sie eng mit der Agentur für Arbeit, den Jobcentern, beruflich orientierten Netzwerken und regionalen Weiterbildungsträgern zusammen.
Der Einsatz scheint sich zu lohnen. So konstatiert Christine Grimme, dass die Flexibilität des Unternehmens bei den Arbeitszeiten honoriert werde: mit einer ausgeprägten Arbeitszufriedenheit, einer geringen Fluktuation und hohen Leistungen der Frauen. „Außerdem kommen sie alle – anders als noch vor 30 Jahren – nach der Erziehungszeit zurück, ausnahmslos." Auch Bemühungen, junge Menschen für geschlechteruntypische Berufe zu begeistern, zeigen Früchte. Grimme bietet etwa Praktika speziell für Mädchen an. „Es braucht ganz klar niedrigschwellige Angebote."
Selbst im Handwerk sind Veränderungen spürbar. „Bei der letzten Freisprechung (feierlicher Abschluss der Ausbildungszeit; Anm. d. Red.) standen mehr Frauen und Männer in für ihr Geschlecht untypischen Berufen auf der Bühne als noch in den Vorjahren", sagt Dr. Michael Hoffschroer, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Cloppenburg. „Beispielsweise gab es mehr Metallbauerinnen und Bäckereifachverkäufer." Zwar sei die Tendenz nach wie vor, dass junge Menschen in ihrer Berufswahl stark geschlechterspezifisch geprägt seien. „Die Betriebe sind da inzwischen deutlich offener – eine Bewerbung scheitert heute im Handwerk nicht mehr am Geschlecht".

Christine Grimme schließt sich an: „Wir erleben gerade, dass verkrustete Strukturen aufgebrochen werden. Wo früher selbstverständlich der Sohn den Hof übernommen hätte, sollen heute auch die Töchter in die Nachfolgegeneration hineinwachsen. Auch in Berufen, die einst nicht so gang und gäbe waren, öffnet man sich nun mehr für Frauen."

Trotzdem: Noch ist das Geschlechterverhältnis in der Wirtschaft im Oldenburger Münsterland – speziell in den Führungspositionen – nicht ausgeglichen. Aber es findet ein Be­wusstseinswandel statt. Erkannt wurde, dass alle Akteure gefragt sind – in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, dem näheren Umfeld und bei den Frauen selbst. Christine Niemann, Silke Klaus und Christine Grimme eint, dass sie neben Unternehmergeist vor allem vollstes Vertrauen in ihre Kompetenzen vermittelt bekommen haben. Sie haben aber auch selbst an sich geglaubt und etwas gewagt. „Das ist eine Frage des Muts", bestätigt Silke Klaus. „Man muss innerlich ja sagen."

Autor/in: Mareike Lange