Journalismus am Gymnasium Damme

Mehr als nur Schreiben

Eigentlich bin ja ich es, die als ­Journalistin Fragen stellt. Nun aber soll ich ­plötzlich Antworten geben. „Was ist denn das Oho-­Magazin?" oder „Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?". Um mich herum haben sich neugierige Schülerinnen und Schüler versammelt. Neuntklässler vom Gymnasium Damme. Sie alle haben Interesse am Journalismus und arbeiten gerade an einem Podcast.

BEGEISTERT Lena, Jannis, Ida, Jan, Jana und Emily (von links) haben im WPU Journalismus schon viel erreicht.

Der Reihe nach: Das Gymnasium Damme bietet ab der achten Jahrgangsstufe neben den Pflichtfächern einen Wahlpflicht­unterricht (WPU) an. „Dazu zählt auch der Schwerpunkt Journalismus", erklärt Schulleiter Ludger Kässens. Die Idee wurde zusammen mit ­Lehrerin Anke Westerkamp entwickelt, selbst 20 Jahre lang als Hörfunk- und Onlineredakteurin tätig. Der WPU bedeutet für sie vor allem, zwei Leidenschaften miteinander zu verbinden. „Ich vermittle den Schülern Wissen und kann gleichzeitig meine Begeisterung fürs journalistische Arbeiten weitergeben", sagt sie.

Ein Beispiel ist die achtteilige Podcast-­Serie „Ankommen am Gymnasium". Sie entstand im ersten Kursjahr und bot als ­Langzeitprojekt echte Lebenshilfe. Die Schüler­innen und Schüler einer neuen fünften Klasse wurden über das gesamte Schuljahr begleitet. Bei solchen Projekten sind viele Talente gefragt, denn mit Schreiben allein ist es nicht getan. Lehrerin Westerkamp findet genau das ­spannend, denn „so werden die Schüler Stück für Stück selbstständiger". Und diejenigen, denen etwa das Schreiben nicht so leichtfällt, können sich zum Beispiel um Audio- und Videoschnitt kümmern. Die Schüler ergänzen sich gegenseitig und lernen, die Stärken ihrer Mitschüler ein­zu­schätzen. Und haben Spaß dabei.

Der Startschuss für den ersten WPU ­Journalismus in Damme fiel zum Schuljahr 2018/19. Insgesamt 19 Schüler wählten den auf drei Jahre angelegten Kurs als Vertiefung des Pflichtfachs Deutsch. „Im normalen Unterricht ist für ausführliche Recherche kein Platz. Da stehen beispielsweise Grammatik oder Sachtextanalyse auf dem Programm", weiß Anke Westerkamp. Dass auch im WPU versetzungsrelevante Prüfungen abgelegt werden müssen, versteht sich von selbst. „In der achten Klasse sollten wir gleich im ersten Halbjahr einen Zeitungskommentar schreiben", erinnert sich Schüler Jannis. Später folgte eine richtige Reportage. „Das war schon anspruchsvoller", berichtet Ida, „denn wir mussten auch unsere Interviewpartner selbst finden und passende Fotos machen, um unsere Texte zu bebildern".

Anfangs waren die Nachwuchsjournalisten ziemlich aufgeregt. „Wir mussten den Mut fassen, bei fremden Leuten anzurufen und sie zu besuchen, um über sie zu schreiben. Das war nicht ohne. Aber beim zweiten Mal geht's gleich viel leichter und man ist entspannter", findet Emily. Auch ihre Interviewpartner gaben durchweg positive Rückmeldungen, allen voran Ludger Kässens. Der Schulleiter wurde von den jungen Reportern nicht verschont. „Als ich ein Jahr im Amt war, sollte ich ihnen Rede und Antwort stehen", sagt er. Und wie war's? „Sie haben sich sehr professionell verhalten, waren gut vorbereitet und haben kluge Fragen gestellt."

Schön auch: „Niemand hat nein zu einem Interview gesagt, nur weil wir noch Schüler sind." Dennoch haben sie gelernt, mit Absagen umzugehen. „Manche Leute möchten generell nicht interviewt werden oder auf keinen Fall auf einem Foto zu sehen sein", erzählt Jan. „Das respektieren wir natürlich, denn das darf jeder Mensch selbst entscheiden."

Solche Aussagen zeigen, wie reflektiert die Schüler die Dinge angehen. Eine Entwicklung, die Anke Westerkamp weiter fördern möchte: „Die Schüler sollen im Laufe der drei Jahre Medienkompetenz erlangen." Deshalb sprechen sie im Unterricht über den Fall des Fälschers Relotius, über Verantwortung im Journalismus, über Social Media. Die Gruppe hat sich einige Instagram-Profile angeschaut und analysiert. Da kam die Sprache schnell auf das Thema Recht am eigenen Bild. Und alle haben gemerkt, warum es manchmal völlig falsch sein kann, Fotos unbedacht ins Netz zu stellen.

Längst hat sich niedersachsenweit herumgesprochen, was da in Damme passiert. 2019 gewannen Schüler mit ihrem Beitrag über Influencer den vom Landes­institut für ­schulische Qualitätsentwicklung und der Landesmedienanstalt ausgeschriebenen ­N-­­Report-Preis in der Kategorie Radio. Auch im 66. Europäischen Wettbewerb zu europa­politischen Themen konnte sich der Podcast „Influenced" gegen die Konkurrenz ­behaupten. Ludger Kässens freut das. „Toll, dass unsere Schüler im Vergleich mit anderen so gut abschneiden. Dadurch wird ihnen nochmal eine ganz andere Form der Wertschätzung zuteil. Und wir sehen, dass wir offenbar den richtigen Weg eingeschlagen haben."

Erfolg spornt an. Und die Schule zieht mit. „Wir planen bereits den ­nächsten WPU ­Journalismus", verrät ihr Leiter. Einige ­Schülerinnen und Schüler können sich ­vor­­stellen, später beruflich etwas im Bereich Journalismus zu machen. Ich bin mir sicher, auch sie werden ihren Spaß haben. Und viele Fragen.

Wie geht's weiter?

Die Schülerinnen und ­Schüler des WPU Journalismus schreiben nicht nur Texte, drehen Filme und nehmen an Wettbewerben teil – sie berichten sogar darüber. Wer wissen möchte, wie es mit den Nachwuchsjournalisten aus Damme weitergeht, kann auf dem kurseigenen Weblog auf dem Laufenden bleiben: Unter http://www.wordpress.nibis.de/gymdamme gibt's die ­Podcast-Reihe „An­kommen am Gymnasium" zum ­Nachhören, Berichte über die jüngsten Wettbewerbs­erfolge und ­ausgewählte Texte, die im Rahmen des Kurses ­entstanden sind.

Autor/in: LISA KNOLL