Musikfans aufgepasst

Bässe, Beats und Bühnenshows

Thomas ­Wernikowski nickt. „Ja, ­Herzblut ist das ­Wichtigste. Wenn das Herz nicht ­mitrattert, dann geht's nicht." Mit seinem Geschäftspartner Ralf Klaaßen ist er Kopf der beiden angesagten ­Festivals „Tante Mia tanzt" und „Strand­fieber" sowie der Eventagentur plus2event GmbH mit Hauptsitz in Vechta. Natürlich gehöre auch viel Erfahrung zum Erfolgskonzept, ein gut ­funktionierendes Netzwerk und nicht zuletzt Mut zum Risiko.

© Maria Koltschin / Maria Koltschin, plus2event GmbH
FEIERLAUNE Gute Stimmung ist beim „Tante Mia tanzt“ vorprogrammiert.

Wernikowski, mit Hemd im Seventies-­Style und langen Haaren, ist der extrovertierte Festivalmacher deutlich anzusehen. Klaaßen ist in sich gekehrter, einer der nicht viel schnackt, aber dafür genau auf den Punkt kommt. Zwei Männer, die sich gut zu ergänzen scheinen. Eine Gemeinsamkeit ist jedoch offensichtlich: Beide brennen für ihre Festivalarbeit.

Begonnen hat alles 2014 in Golden­stedt am Hartensbergsee. Den Anstoß zu einem ­Electro-Festival gab damals Klaaßen. Electro im Oldenburger Münsterland? „Das geht natürlich überall gut", meint er, „aber in Vechta hat man bereits Mitte der 2000er Jahre gemerkt, dass hier modernerer Sound angesagt war als in der umliegenden Region". Als sich plötzlich die Gelegenheit für die Nutzung eines Geländes bot, griffen die beiden zu. Das erste „Strandfieber"-Festival haben sie innerhalb von vier ­Monaten organisiert. „Die Idee war ja bereits in unseren Köpfen, also haben wir gesagt, die setzen wir schnellstmöglich um", erinnert sich Ralf Klaaßen. Mit viel Mut, Investitions­bereitschaft und dem damit verbundenen Risiko sind sie damals gestartet. „Das war wirklich ein ­Wagnis", wirft Wernikowski ein und fügt hinzu: „Aber wir waren von der Sache und unserem Konzept überzeugt."

Und das hat sich ausgezahlt – das ­Festival ist seit der Premiere sehr gut besucht und war in den letzten beiden Jahren sogar ausverkauft. Der Hartensbergsee bei Goldenstedt ­bietet mit Strand, Wald und Amphi­theater eine ­besondere Location für drei Bühnen. „Strandfieber" ist eher gemütlich. Und das soll so ­bleiben, mehr Wachstum gibt auch die ­um­liegende ­Infra­struktur nicht her.

Als das „Strandfieber" im zweiten Jahr aus naturschutzrechtlichen Gründen auf einen ­späteren Termin im Jahr verlegt ­werden ­musste, war das die Geburtsstunde von ­„Tante Mia tanzt". Seitdem findet das Festival jedes Jahr an ­Christi Himmelfahrt auf dem Stoppelmarkt­gelände statt. Immer mit hochkarätigen ­internationalen DJs. Wer hier an den Turntables steht, zählt ­etwas in der Szene.

Als gebürtiger Vechtaer war Thomas ­Wernikowski bereits früh mit dem Stoppelmarkt verbunden. „Es war immer mein Traum, einmal eine eigene Veranstaltung auf ­diesem genialen Gelände zu etablieren." Er blickt auf eine ­bewegte berufliche Laufbahn zurück. Der gelernte Elektriker gründete bereits ­Mitte der 1980er Jahre sein erstes Unternehmen. „­Allerdings war Musik immer ein wichtiges Thema." Er baute unter anderem das Gulfhaus in Vechta mit auf, war als Roadie unterwegs, ­l­­egte in Diskotheken wie dem „Pilgrim" und der „Breitseite" auf.

„Eigentlich bin ich ja ein alter Rock'n'Roller", schmunzelt der 60-Jährige. Bereits seit 1987 ist er in der ­Veran­staltungstechnik und im Eventmanagement tätig. Der Stoppelmarkt in ­Vechta wurde dabei zu seiner Spielwiese – das erste Disko-Zelt dort hat er umgestaltet. „Das sind ­alles Fingerabdrücke von mir", erinnert er sich.
Auch Ralf Klaaßen ist musikbegeistert durch und durch. „Seit ich laufen kann, dreht sich alles um Musik." Mit 16 Jahren startete er als DJ, bis heute legt er auf. Man trifft ihn auf zahlreichen Bühnen bekannter Groß­veranstaltungen wie der Kieler Woche. „Ich kann ­sämtliche Charts der Zeit damals aufsagen", grinst er. Musiksendungen habe er ­regelrecht studiert. Mit 25 machte er sich selbstständig und übernahm das Management einer Band. Er war viel in der mobilen ­Gastronomie und im Eventmanagement unterwegs – vor allem im Oldenburger Land, woher er auch stammt.

2014 startete er zusammen mit Thomas Wernikowski das erste Festival. Beide ergänzen sich gut. „Das funktioniert hervorragend", sagen sie. „Wir haben die Arbeitsschwerpunkte nach unseren Stärken verteilt." Während Klaaßen vor allem für Booking, Marketing und Gastro­nomie zuständig ist, kümmert sein Geschäfts­partner sich um Infrastruktur und Technik. Innerhalb des Teams, der mittlerweile neunköpfigen „­Family", seien die Aufgaben ähnlich vergeben.

Auch nach sieben Jahren sind die ­beiden die kreativen Köpfe des Festivals. „Aber ­unsere Leute bringen neue Spirits mit, die sind ja noch jung und unterwegs", ergänzt ­Wernikowski. Sie selbst sind heute keine großen Festivalgänger mehr. „Am Wochenende arbeite ich in der Regel", sagt Klaaßen. Sein Kompagnon ist zwar noch ab und zu auf Festivals anzu­treffen, ­gesteht aber lachend: „Ich bin jetzt schon so lange dabei, da muss man auch nicht mehr ­alles mitmachen."

Außerdem: Die Arbeit ruht nie. Vor ­allem „Tante Mia tanzt" ist ein Rund-um-die-Uhr-Projekt. „Das ist nie ein Selbstläufer", bekräftigt Wernikowski. „Während die Kehrmaschinen auf dem Gelände noch ihre Runden drehen, sind wir schon wieder beim Booking und ­entwickeln Pläne für das nächste Jahr." Schon jetzt ist „­Tante Mia" das größte Electro-Festival im ­Nordwesten. Dieses Alleinstellungsmerkmal soll ­beibehalten werden.

Ein Blick auf das Line-up gibt den beiden Festivalmachern Recht. Ganz oben auf dem Wunschzettel steht momentan mit dem ­belgischen DJ-Duo Dimitri Vegas & Like Mike ­einer der aktuellen Star-Acts der Electro-Szene. Wie bekommt man so jemanden hierher? Ralf Klaaßen lacht. „Normalerweise ist es unmöglich solch international gefragte Künstler zu buchen, aber wir haben gleich am Anfang die richtigen Acts zum Tante Mia tanzt geholt." Wichtig sei, dass alles stimmig ist, das Festival, die Technik, das ganze Umfeld. „Natürlich muss man auch eine entsprechende Vita vorweisen", ergänzt Wernikowski.

Und noch ein Faktor spielt mit: zur ­richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein oder ­besser, den richtigen Riecher zu haben. „Wir hatten beim ersten Tante Mia tanzt einen ­absoluten Glücksgriff mit The Chainsmokers", erinnert sich Ralf Klaaßen. „Als ich in die aktuellen Songs reingehört habe, war mir klar, wenn die ­veröffentlicht werden, spielen ganz oben in der Spitzenklasse."

Die beiden Songs „Roses" und „Don't let me down" des US-amerikanischen Future-Bass-Duos aus New York wurden Mega-Hits. Jetzt sind die Chainsmokers einer der teuersten Acts der Welt. „Das war unser Einstieg in die Liga der Top-DJs."

„Tante Mia" ist seitdem stetig ­gewachsen. Mehrere 10.000 Besucher kommen mittler­weile nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland und dem Ausland. Das ­Festival präsentiert Musiker, die sonst nur ein- oder zweimal in Deutschland auflegen. Die Besucherzahlen sind steigend. Bei so großem Andrang hat Sicherheit oberste Priorität. Ein Punkt, an dem nicht gespart werden darf.

Wachstum bringt Veränderung: Die ­Bühnen sind größer geworden, die Technik hat sich entwickelt, das Gelände wurde aus­gedehnt. Auch das Marketing ist nicht mehr mit den ­Anfangstagen vergleichbar. Beim ­ersten ­Festival hätten sie noch mehr auf Plakate ­gesetzt. Heutzutage sei hingegen Social Media das A und O. „Da rauchen schon mal die ­Köpfe, wenn es ­darum geht, Texte zu formulieren, ­Filme zu ­drehen und Postings zusammenzustellen", ­verrät Ralf Klaaßen.

Natürlich plant er. Mit seinem Partner über den Moment hinaus. Nächste Idee: „­Ladioo – Das Party Open Air". Kein Electro, eher Pop und Schlager. Warum nun das? Ralf ­Klaaßen muss nicht lange überlegen. „Musik ist so vielschichtig wie die Menschen in dieser Region. Wir haben oft von Besuchern die Rückmeldung erhalten, dass es hier alles gibt, allerdings kein richtiges Partyfestival." Gesagt, getan. Die beiden haben eben ein Näschen für die Trends und kümmern sich jetzt darum. Schließlich, so merken sie an, seien sie ja Geschäftsleute, für die der wirtschaftliche Aspekt eine wichtige Rolle spielt.

Und wie sehen ihre weiteren Zukunfts­pläne aus? „Wir sind für alles offen, aber ­haben uns auf die Fahne geschrieben, ­unsere ­bewährten Sachen zu pflegen und nach ­orne zu bringen", macht Thomas Wernikowski ­deutlich. Getreu dem Motto: Lieber ein bisschen ­langsamer die Leiter hoch, als auf der anderen Seite runterfallen.
Arbeit gibt es mehr als genug. „Das ist eine Fulltime-Aufgabe." Auch jetzt wartet ­bereits der nächste Termin. „Aber es macht ja immer noch großen Spaß, und das ist ­wesentlich für den Erfolg", betont Ralf Klaaßen. „Da spielt auch das Alter keine Rolle", ist sein ­Geschäftspartner überzeugt. „Solange ich das Herzblut habe, ­werde ich das machen." Das Herz rattert bei beiden noch – für die Musik und ihre Arbeit. Gut so.

Autor/in: MARCELLA FASSIO