Interview mit Dr. Julia Schulte to Bühne

„Ehrlichkeit ist einfach das Wichtigste!“

Seit Anfang 2018 leitet Dr. Julia Schulte to Bühne die Geschicke des Museumsdorfs Cloppenburg. Für die Volkskundlerin ist es eine Rückkehr an eine alte Wirkungsstätte. Zu Beginn des Jahrtausends absolvierte sie hier ein Volontariat. Im Gespräch mit Mareike Lange zieht sie eine erste Zwischenbilanz.

Frage: Frau Schulte to Bühne, Ihr Vorgänger Uwe Meiners hat sehr viel dazu beigetragen, dass das Museumsdorf seine heutige Form hat. Ist das eine schöne Verantwortung oder eine Bürde für Sie?

Julia Schulte to Bühne: Beides. Herr Meiners und ich sind uns bezüglich der Ausrichtung des Museums einig. Man muss jetzt in die Nachkriegszeit gehen, darf aber den alten Bestand nicht vergessen, der aufgrund des Bauunterhalts schon eine Bürde sein kann. Deshalb bin ich froh, dass das Museum nicht so groß ist wie andere Häuser in Deutschland. Wir benötigen daher immer Partner und Unterstützer. Der Unterhalt kostet eben Geld. Für ein Reetdach bezahlt man locker 300.000 Euro. Und wir haben ja nicht nur eins. Das ist ein Punkt, der mir Sorgen macht. Letztlich hängt vieles damit zusammen, was die Besucher, das Land oder die Region wollen. Es ist mir daneben wichtig, die Kollegen mitzunehmen. Wir sind schließlich ein Team.

Das besteht aus 30 Personen, richtig?

Schulte to Bühne: Genau. Wir sind ein ganz kleines Team, was Vorteile hat. Die Wege sind sehr kurz, aber es machen auch alle alles. Die Besucher sollen sich in unserem Team wiederfinden. Daher brauchen wir eine Imagekampagne für das Haus, so dass die Leute gerne zu uns kommen. Wir möchten der Region etwas zurückgeben. Viele Weltmarktführer und große Firmen sind hier ansässig. Wir müssen erklären, warum sie in unserer Region sind, und wir fungieren als Sprachrohr. Das Museum wollte immer ehrlich und authentisch sein, die Geschichte nicht verleugnen oder beschönigen. Daher spielt bei uns die NS-Zeit eine große Rolle. Hätte es die Nazis nicht gegeben, wäre das Museum nicht entstanden. Hier gab es Parteiveranstaltungen und Leute, die hier mitgearbeitet und aufgebaut haben, sind nicht ins KZ gekommen. Das Museumsdorf hat Menschen gerettet. Wir sagen alles so, wie es gewesen ist. Ehrlichkeit ist einfach das Wichtigste.

Und Authentizität. Also eine möglichst wahre Geschichte zu erzählen und keine NS-geprägte.

Schulte to Bühne: Ja, wir fokussieren uns auf Biografie-Geschichte. Das sieht man auch an der Disco oder an anderen älteren Häusern, die dazugekommen sind. Wir können nie sagen: „So ist es in den dreißiger Jahren gewesen", sondern „Wir haben zu diesem Thema die Biografie und auch dann ist die Geschichte natürlich noch gefärbt." Interpretation gehört da natürlich auch dazu. Auf einem Hof in Ostfriesland kann es ganz anders sein, als auf einem anderen. Wir wollen die ganzen Geschichten vermitteln, weil es nur dann authentisch ist.

Haben Sie weitere Ansätze? Vielleicht eine Vision, wie Sie das Museumsdorf weiterführen, sich von ihrem Vorgänger absetzen oder bestimmte Punkte aufgreifen wollen?

Schulte to Bühne: Ganz wichtig: Es darf und soll laut sein! Das ist eines meiner Leitbilder. Egal ob Kind oder Erwachsener – alle wollen ausprobieren, anfassen und erleben. Das macht einfach mehr Spaß und senkt die Hemmschwelle, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Wir haben nicht die Hemmschwelle, die vielleicht eine Kunsthalle hat, wo man den Werken mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet. Es geht darum, nicht nur Geschichte zu lernen, sondern aus den Erfahrungen auch Rückschlüsse für das eigene Leben zu ziehen. Zur Vision gehört auch: Es ist für alle. Es ist nicht nur für Kinder. Es geht darum, das lebenslange Lernen für alle zu ermöglichen. Lernen hört sich immer so mühsam an, aber es soll leicht sein und Spaß machen. Das ist besonders wichtig bei Themen, die nicht leicht sind, wie der Nachkriegszeit.

Wie meinen Sie das?

Schulte to Bühne: Zum Beispiel der Umgang mit Tod und Trauer. Mein Vater hat uns noch erzählt, dass er bei seiner Mutter drei Tage Totenwache gehalten hat. Da war sie im Zimmer aufgebahrt – und heute überlegt man, ob man einem Kind überhaupt sagen kann, dass ein Angehöriger gestorben ist. Wir entwickeln uns von anderen Kulturen meilenweit weg, was das angeht. Daher ist es wichtig, dass man solche Themen auch präsentiert. Oder das Thema „Holland-Möbel". In den Niederlanden wurden die Wohnungen deportierter Juden aufgelöst. Das war mir überhaupt nicht klar. Der gesamte Bestand der jüdischen Bevölkerung wurde nach Deutschland transportiert und hier auf Aktionen verkauft. Alles vor dem Hintergrund, dass hier angeblich viel kaputt gegangen sei und die Deutschen neue Möbel brauchten. Deshalb gibt es hier überproportional viele Möbel von holländischen Juden. Das ist jetzt über unsere Sammlung bekannt geworden. Solche Themen sind schwer, gehören aber zur Region dazu und erklären sie.

Diesbezüglich hat es in den letzten Jahrzehnten wirklich einen Wandel gegeben. Die Demut wird aufgebrochen und viel mehr darauf ausgerichtet, was der Besucher möchte.

Schulte to Bühne: Und auch da ist es wieder so, dass es einem Freilichtmuseum wirklich leichtfällt, das zu tun. Das Thema „Living History", also Menschen in ihren Häusern zu präsentieren, ist immer etwas schwierig. Das haben wir auch schon mit den Kollegen diskutiert, denn gerade in der Disco wissen wir, wie die Leute ausgesehen haben, da wir Fotos haben. Früher war das anders. Leider entsprachen die überlieferten Gegenstände oft nicht dem Alltag. Beispielsweise hatte man die Kleidung, die getragen wurde, entsorgt. Und was erhalten geblieben ist, war im Idealfall eine Tracht, wenn diese in der Region getragen wurde. Im Fall der Disco wissen wir genau, wie die Leute ausgesehen haben: goldene Leo-Glitzerhose, Dauerwelle. Wenn man das authentisch zeigen kann, kommen viel mehr Erinnerungen hoch, als wenn ich nur eine leere Discothek vor mir habe.

Stichwort Disco: Wann wird sie eröffnet?

Schulte to Bühne: Wir hoffen 2019, aber realistisch ist eher 2020. Sie wurde in acht Teile zerschnitten, kommt über die Straße ins Museum und wiederaufgebaut. Das Inventar haben wir schon eingelagert. Das ist wirklich ein Glücksfund. Sonst haben wir beispielsweise die Hülle eines Friseurladens, aber das Inventar eines anderen. Hier haben wir das Haus, das Innere und die Leute, die es gebaut haben. Das finde ich einfach genial.

Wie werden die Menschen eingebunden?

Schulte to Bühne: Gaststätten- und Discobetreiber wurden schon im Vorfeld befragt. Da gab es tolle Geschichten, die wir gern aufgreifen. Vieles wussten wir gar nicht, weil die Bewohner meistens verstorben sind. Das ist Neuland auf vielen Ebenen – spannendes Neuland.

Frau Schulte to Bühne, Sie setzen durchaus auch auf moderne Medien, bzw. haben das vor. Was genau schwebt Ihnen da vor? Und warum denken Sie, ist das so wichtig?

Schulte to Bühne: Zum einen sind wir technisch dort angekommen, auch auf dem Land. Ich kann als Besucher entscheiden, was ich sehen will, oder nach meinem Wunsch Informationen beziehen. Die Leute wollen nicht mehr so viel lesen. Ich kann mit den neuen digitalen Methoden viele Forschungsergebnisse ganz anders rüberbringen. Es ist toll bei der modernen Technik, dass es nicht zu Ende ist. Bei Büchern habe ich irgendwann einen Redaktionsschluss. Dann sind sie zu.

Das Oldenburger Münsterland ist eine Region, in der viel genetzwerkt wird, auch wenn das niemand so nennt. Wie wichtig sind Kooperationen für Sie?

Schulte to Bühne: Sehr wichtig, denn die Region erklärt sich auch durch die vorhandenen Bezüge. Daraus kann man so viel machen. Zum Beispiel unser Dorfkrug. Die Themen, die wir bespielen, sollen im Idealfall mit ihm abgestimmt sein. Wenn wir eine Nachkriegsthematik haben, soll die Karte auch ein bisschen dazu passen. Für die Besucher ist die Gastronomie in hohem Maße wichtig.

Haben Sie selbst ein Lieblingsobjekt oder einen Lieblingsort im Museumdorf?

Schulte to Bühne: Wenn ich auf der Brücke stehe und der Blick auf die Mühle fällt, ist das wie ein Fenster zur Geschichte – für mich ein sehr emotionaler Moment. Meine Lieblingsorte sind auch all diejenigen, an denen ein Feuer brennt. Das symbolisiert das Museumsdorf sehr gut: Manchmal ist das Feuer etwas größer, wie bei unseren Veranstaltungen und Events. An anderen Tagen brennt es mit einer kleineren Flamme. Dann eignet sich das Museumsdorf perfekt zur Erholung und Entschleunigung.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schulte to Bühne.