Auf dem Weg zur Smart Region

Das smarte Morgen

Nehmen wir an, Sie machen eine Radtour durch das Hasetal und kommen nach Löningen. Da steht sie in voller Schönheit, die mächtige Kirche St. Vitus. Beeindruckend. Aber verflixt, was ist an der denn nochmal so besonders? Ein Griff, dann haben Sie Ihr Smartphone in der Hand und den digitalen Stadtführer aufgerufen. Und da steht's auch schon: St. Vitus ist die größte pfeilerlose Saalkirche Deutschlands. Na bitte. Oder eine andere Situation: Sie sind bei Ihrem Hausarzt, Ihre Augen tränen schon seit einigen Tagen. Zum nächsten Augenarzt ist es weit, die Busse fahren auch eher selten. Kein Problem. Per Videotelefonie sind Sie mit dem Spezialisten verbunden. Der erkennt schnell, worum es geht. Er verschreibt Ihnen Tropfen und bestellt sie über sein Tablet in einer Apotheke gleich bei Ihnen in der Nähe. Zehn Minuten später steht ein gut gelaunter Bote im Sprechzimmer und überreicht Ihnen Ihre gewünschte Medizin.

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© Bitkom e.V. - Till Budde
Gute Aussichten Nach den Städten wird nun das ganze Land „smart“. 60 Regionen in Deutschland sind für die digitale Zukunft bestens gerüstet, sagt die Bertelsmann Stiftung. Auf der in Berlin stattfindenden Smart Country Convention treffen sich Vertreter von Verwaltungen, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um die Zukunft der Digitalisierung zu diskutieren.

Zwei Beispiele, ein Prinzip: Niemand muss sich in der heutigen Zeit mit seinen Fragen, seinen Themen und ja, auch seinen Problemen allein gelassen fühlen. Die Digitalisierung hat inzwischen fast alle Lebensbereiche erreicht und umgekrempelt. Neubauten werden am Computer vorgeplant, Bankgeschäfte laufen zu einem wesentlichen Teil online und Fremdsprachen lernt man heute per App. Über das Smartphone sind wir jederzeit mit der Welt verbunden. Und irgendwo da draußen findet sich immer einer, der weiterhelfen kann.

Und es geht weiter. Das Zauberwort der Zukunft heißt „smart". In seinem Buch „Digitalotopia: Sind wir bereit für die (R)Evolution der Wirklichkeit?" schreibt der Physiker, Blogger und Technologieexperte Sascha Berger, wofür es steht. Dafür nämlich, „dass psychische Güter oder Waren mit digitalen technischen Systemen ausgestattet sind, sie vernetzt sind, miteinander kommunizieren, gegebenenfalls auf Basis von Daten sowie Algorithmen agieren und so einen Mehrwert für seinen Nutzer darstellen". Oder kurz gesagt: dafür, dass unser Leben leichter wird.
Rund 50 deutsche Städte haben in den letzten Jahren bereits Smart-City-Initiativen gestartet, darunter Bremen, Oldenburg und Emden. In diesen Kommunen werde eine integrierte Digitalstrategie entwickelt, eine ressortübergreifende Organisationseinheit geschaffen oder ein lokales Partnernetzwerk für die Digitalisierung etabliert. So heißt es im „Smart-City-Atlas", den der Digitalverband Bitkom mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software-Engineering (IESE) und 13 weiteren Partnern erstellt hat.

Das Wörtchen „smart" ist allerdings längst auch außerhalb der Ballungszentren ein Begriff. Als Vorreiter der Digitalisierung des ländlichen Raums gilt dank einer großzügigen Förderung durch Land, Bund und EU der nordrhein-westfälische Kreis Höxter. Seit April können hier die Bewohner beispielsweise eine App mit Meldungen aus acht Ortschaften nutzen. Egal, ob noch Teilnehmer für ein Dartturnier gesucht werden, jemand einen alten Schrank verschenken möchte oder sich eine Begleitung beim Spaziergang wünscht: All diese Informationen lassen sich mittels Smartphone im „DorfFunk" abrufen. „Schon jetzt plauschen über 1.000 Bürger miteinander", freut sich Heidrun Wuttke, die im Kreis Höxter für das Projekt „Smart Country Side" als Referentin tätig ist.
Höxter also. Und was noch? In einer Studie der Bertelsmann Stiftung („Smart Country regional gedacht – Teilräumliche Analysen für digitale Strategien in Deutschland") haben die beiden Dortmunder Regionalplaner Thorsten Wiechmann und Thomas Terfrüchte anhand von 60 Indikatoren jene Regionen identifiziert, die für die digitale Zukunft besonders gut gerüstet sind. Sie liegen größtenteils in Bayern und Baden-Württemberg sowie im Rhein-Main- und Rhein-Neckar-Raum. Dagegen sind aus Niedersachsen einzig die Landkreise Vechta und Cloppenburg in der Liste vertreten. Heißt: Die Wissenschaftler trauen nur dem Oldenburger Münsterland zu, aus eigener Kraft smart zu werden und die Grundlagen für die erfolgreiche Nutzung und Umsetzung der Digitalisierung zu schaffen.
„Erstaunlich, oder?", fragt Arne Ortland. Und liefert gleich gute Gründe für das Urteil der Studienautoren: etwa die unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit, die überdurchschnittlichen Haushaltseinkommen, die große Wirtschaftskraft oder den geringen Bedarf an Daseinsvorsorge. Auch die kurzen Wege in der Region und die bereits vorhandenen informellen Netzwerke liefern wichtige Pluspunkte für die Region.
Gemeinsam mit Daniel Engelmann (31) arbeitet Ortland (25) seit März 2019 an der Universität Vechta an der Entwicklung eines Masterplans. Darin soll stehen, wie die Region tatsächlich smart werden kann. Themenbereiche müssen benannt, relevante Innovationspotenziale geprüft werden. Rund 74.000 Euro aus dem Förderprogramm „Regionale Entwick- lungsimpulse" stehen dafür zunächst zur Verfügung, weitere 24.000 Euro steuert die Universität bei, bei der auch die Koordinationsstelle angesiedelt ist.

Es gilt, dem anhaltenden Trend zur Urbanisierung und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust ländlicher Räume entge- genzuwirken. Ortland und Engelmann wollen dazu zunächst die Bedürfnisse in der Region kennenlernen. Wo hakt es, wo sollten Abläufe vereinfacht, wo ganz neue Wege eingeschlagen werden? Im ersten Schritt haben die beiden vor allem das Netzwerk vergrößert und Gespräche geführt, etwa mit den Bürgermeis- tern der 23 Städte und Gemeinden. Die Resonanz war durchweg positiv: „Wir können auf ihre Unterstützung zählen." Eine Reihe weiterer Partner – die Landkreise, Unternehmen, Institutionen – ist inzwischen hinzugekommen und bekennt sich zu dem Vorhaben.
Ein Nebeneffekt der Informationsgespräche, so Engelmann: „Uns wurden schon eine ganze Menge Ideen vorgestellt, über die es sich nachzudenken lohnt." Sechs Schwerpunkte für die weitere Arbeit haben sich herauskristallisiert. In Workshops, die im Herbst stattfanden, wurden Schwächen und Versäumnisse thematisiert, Ideen entwickelt und erste Lösungen erarbeitet. „Um möglichst alle Interessen zu berücksichtigen, ist uns eine umfassende Beteiligung aller interessierten Akteurinnen und Akteure aus den beiden Landkreisen wichtig", erläutert Arne Ortland.
Nehmen wir das Beispiel Mobilität. Wenn von der Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land die Rede ist, dann kommt ihr eine Schlüsselrolle zu. Sie hält die Lebensqualität aufrecht und garantiert die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Doch es bleiben Unklarheiten. Wie kommen etwa ältere Menschen zum Arzt oder zum Einkauf, wenn sie selbst nicht mehr Auto fahren können oder wollen und Familie oder Nachbarn nicht helfen können? Sind die Versorgungszentren überhaupt ausreichend an den Öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen? Wie lässt sich die Problematik der Ein- und Auspendler in den Griff bekommen?
„Das Mobilitätskonzept soll möglichst die herkömmlichen Angebote des ÖPNV (z.B. klas- sischer Linienverkehr) mit innovativen flexiblen Mobilitätsangeboten kombinieren und sowohl moderne Informations- und Kommunikationstechnologien als auch öffentliche, privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure einbinden", heißt es in einer Broschüre des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. In dieser Hinsicht gibt es im Landkreis Vechta mit moobil+ bereits einen guten Ansatz. So lässt sich das Rufbus-System auf den Landkreis Cloppenburg erweitern und über eine Mobilitätszentrale lenken.
Von den Antworten auf Fragen, wie den oben gestellten, wird viel abhängen in einer Region, in der es durchaus größere Entfernun- gen zu überbrücken gilt. Und weitere schließen sich an. Gibt es für den Umstieg auf Elektrofahrzeuge schon heute genügend Ladestationen? Wie ist es um das Radwegesystem bestellt? Können Plattformen für Leih- oder Sharing-Systeme etwas bewirken? So viel steht fest: Dem Workshop zum Thema Mobilität mangelt es nicht an Diskussionsstoff.
Zu den sechs Handlungsfeldern zählen darüber hinaus Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Kultur und E-Government. Auch sie sollen in den Masterplan Eingang finden. Wichtig dabei: Die Themenbereiche will man in keinem Fall getrennt voneinander betrachten. Vielmehr soll der Kontext der Digitalisierung genutzt werden, um neue inhaltliche Verbindungen zwischen den einzelnen Bereichen herzustellen.
Aber: Es geht nicht nur um Technik. „Der Mensch steht immer im Mittelpunkt einer Smart Region", bekräftigt Prof. Dr. Burghart Schmidt, Präsident der Universität Vechta. „Er nutzt vielfältige Informations- und Kommunikationstechnologien, die ihm ein selbstbestimmtes, auf Teilhabe bezogenes Leben ermöglichen." Und daran, dass die Bewohner des Oldenburger Münsterlandes mental auf ihre smarte Zukunft vorbereitet sind, hegen auch Daniel Engelmann und Arne Ortland keine Zweifel: „Wenn wir es schaffen, klar und transparent die Vorzüge darzustellen, werden sie alle mitziehen."


Weitere Informationen: www.smart-region-om.de