Beruflicher Nachwuchs

Die Fachkräfte von morgen

Eine Ausbildung, die nicht von der Stange ist – auf der Wunsch­liste junger ­Berufseinsteiger steht dieser Punkt vor allem in den ­letzten Jahren ganz weit oben. Um ihrer Forderung gerecht zu werden, ­entwickeln immer mehr Unternehmen maß­geschneiderte Angebote für Nachwuchskräfte.

ERFOLGREICH Bei der Firma Remmers werden Auszubildende seit jeher besonders gefördert. Das Konzept „Ausbildung.Plus" hat sich hier bereits bewährt.

Zum Beispiel im Landkreis ­Cloppenburg: Das 2014 ins Leben ­gerufene ­Qualifizierungsangebot „Ausbildung.Plus" ist ein ­gemeinsames Projekt der BBS am Museums­dorf (Außenstelle ­Löningen), der ­Olden­burgischen IHK und zahlreichen ­Unternehmen aus der ­Region. Die Idee ­dahinter ist einzigartig im Nordwesten. Angehende ­Industriekaufleute ­erhalten eine ­verkürzte Berufsausbildung und absolvieren im Anschluss einen berufsbegleitenden Lehrgang zum geprüften Wirtschaftsfachwirt. So sind die Azubis bereits nach vier Jahren für das ­mittlere Management qualifiziert. Für ­Brigitte Kemper, ­Projektleiterin von Ausbildung.Plus, nur ein Vorteil von vielen: „Wir ­unterrichten in ­kleinen Gruppen von zehn bis 15 Schülern pro Jahrgang. So können wir alle ­individuell ­fördern und ihren Bedürfnissen vollends ­gerecht ­werden."

Die Kosten für das Programm werden von den Unternehmen getragen. Denn eine ­Investition in den Nachwuchs zahlt sich langfristig aus. „Die überdurchschnittlich guten Prüfungsergebnisse der letzten Jahre zeigen uns, dass das Konzept funktioniert", berichtet ­Annika Thomes, Ausbildungsleiterin bei der Remmers Gruppe AG in Löningen. „Es ist ein ­effektives Ausbildungsmodell mit vielen ­Vorteilen für ­Unternehmen und Auszubildende."

„Ich wollte nach meiner Ausbildung ­weitere Praxiserfahrung sammeln und mich gleichzeitig fachlich weiterbilden", ­begründet Bernd Eilers, angehender Wirtschaftsfachwirt bei Remmers, seine Entscheidung für ­Ausbildung.Plus. Fester Baustein für alle ­Azubis ist ­zudem ein dreiwöchiges Auslands­praktikum. Das hat zum Beispiel seine Kollegin Julia ­Hömmen gemacht – und ist noch immer begeistert: „In meiner Zeit in Ungarn konnte ich Einblicke in die unterschiedlichsten Tätigkeitsfelder bekommen. Es war eine einmalige ­Erfahrung und eine große Bereicherung!"

Und auch in der Region blicken die Teilnehmer von Ausbildung.Plus regelmäßig über den Tellerrand. „In jedem Jahr finden bei uns drei Praxismodule statt, die abwechselnd von unseren Partnerunternehmen organisiert werden", sagt Brigitte Kemper. Bei der Hubert ­Bahlmann GmbH und Co. KG in Lindern erhielt die Gruppe zum Beispiel Einblicke in ein ­neues Marketing-Projekt zur nachhaltigen Kälber­aufzucht.

AUSGEZEICHNET Bei der Wernsing Feinkost GmbH wurde die Ausbildung sogar mit einem
Gütesiegel zertifiziert – eine wertvolle Orientierungshilfe für Schulabgänger.

Auch abseits von unternehmens­übergreifend koordinierten Programmen finden sich kreative Maßnahmen, um die ­Fachkräfte von morgen zeitgemäß auszubilden. So wird den IT-Azubis bei der Alte Oldenburger Kranken­versicherung AG in Vechta der Einstieg in die Ausbildung durch ein besonderes Angebot erleichtert. Seit vielen ­Jahren ­produziert IT-Ausbilder Stefan Macke einen Podcast, der den Berufsanfängern als ­digitaler Begleiter vor und während der ­Ausbildung zur Seite steht. „Schon im Bewerbungs­prozess ­bekommen die Auszubildenden den Link zu meinem Podcast geschickt und können sich die Episoden mit Tipps für die Bewerbung, das Vorstellungs­gespräch und den ersten Tag an­hören", so ­Macke.

Investitionen in den Nachwuchs zahlen sich aus – kurzfristig und langfristig.

Im Laufe der Ausbildung deckt der ­Podcast alle fachlichen Grundlagen ab und gibt wertvolle Unterstützung bei der Prüfungs­vorbereitung. Macke weiß inzwischen, welche Fragen häufig von den IT-Azubis gestellt werden und kann vorab schon auf die ent­sprechenden Podcast-­Folgen verweisen. Das spart Zeit bei der ­Lernvermittlung. Inzwischen gibt es über 150 Episoden zu den unterschiedlichsten ­Themen. Und die kommen richtig gut an: „Der Podcast ist toll, weil ich mir damit ­meine Lern­einheiten selbst einteilen kann", berichtet ­Azubi Leon Brachwitz. „Alles, was ich im Betrieb gelernt habe, kann ich später noch einmal in Ruhe nachhören. So bleiben die Inhalte unterm Strich viel besser im Gedächtnis."

Wer sein Engagement in Sachen Aus­bildung nach außen sichtbar machen will, wählt nicht selten den Weg über Gütesiegel. Eines ist das IHK-Qualitätssiegel „TOP AUSBILDUNG". Die Verleihung ist eingebettet in ein umfassendes Beratungskonzept, das die IHK ihren Mitglieds­unternehmen kostenfrei zuteilwerden lässt. ­Lediglich wer sich am Ende offiziell zertifizieren lassen möchte, muss eine Gebühr entrichten.

Seit das Gütesiegel im November 2018 erstmals verliehen wurde, konnten schon 20 Unternehmen im Oldenburger Land zerti­fiziert werden. Für die IHK gilt jedoch weiterhin: Klasse statt Masse. „Es ist nicht unser ­oberstes Ziel, das Gütesiegel in den ­nächsten Jahren an möglichst viele Unternehmen zu ­vergeben", ­betont IHK-Fachkräfteberater Heiner ­Paffenholz. „Wir möchten stattdessen den Fokus auf die Unternehmen legen, die durch ­herausragende Qualität in der Ausbildung hervorstechen." ­Außerdem gelte es, das Bewusstsein für gute Qualität in der Ausbildung zu schärfen und ­Unternehmen empfänglicher dafür zu machen, sich an dieser Stelle weiterzuentwickeln.

PRAXISNAH Auszubildende bei AUSTING in Lohne bekommen Einblick in technische Abläufe.

Nach einem ausführlichen Beratungsprozess und einer Qualitätsprüfung in fünf Bereichen wird das Siegel verliehen. ­Geprüft werden beispielsweise das Engagement des Unternehmens bei der Berufsorientierung, Aktivitäten zur Gewinnung von Auszubildenden, die Gestaltung des Ausbildungsstarts und ­natürlich die Ausbildungsinhalte selbst. Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, unterstützt die IHK u.a. mit Praxisworkshops. Zudem bietet das „Ausbilder-TrainingsCamp" Weiterbildungsmöglichkeiten auch für gestandene Ausbilder.

Das Gütesiegel ‚TOP AUSBILDUNG' wird inzwischen von sechs Unternehmen im Oldenburger Münsterland geführt, darunter auch die Wernsing Feinkost GmbH aus Essen (Oldb.). „Wir setzen uns seit fast 50 Jahren engagiert für eine ausgezeichnete Ausbildung ein. Durch das ­Siegel ‚TOP AUSBILDUNG' konnten wir ­unsere Prozesse in diesem Bereich kontinuierlich messen und weiter verbessern", erzählt Ausbildungs­leiterin Jessica Beuse. Dass die Reichweite des Siegels durchaus ­beträchtlich ist, zeigte sich bereits in einigen Vorstellungs­gesprächen. „Wir wurden von Bewerbern ­aktiv darauf angesprochen. Für uns ist die Resonanz ein Zeichen, dass wir uns mit der ­Entscheidung für das IHK-Siegel auf dem ­richtigen Weg ­befinden." Auch Auszubildende Magdalena Rissling hat sich vorab über das Siegel informiert. „Mir war es wichtig, einen Betrieb zu finden, der meine Ausbildung ernst nimmt. Das Gütesiegel zeigt mir, dass Wernsing in dieser Hinsicht die richtige Wahl ist."
Bei der MEGA Logistik & Service GmbH in Visbek setzt man seit kurzem ebenfalls auf die Kraft des Siegels. Geschäftsführer Adrian ­Heuer hat die Zertifizierung als sehr lehrreich erlebt: „Wir haben sie gemeinsam erarbeitet und als Team erhalten. Diese Erfahrung hat uns zusammen­geschweißt. Wir konnten bestehende ­Prozesse optimieren und dadurch unsere Auszubildenden noch mehr in Abläufe einbinden."

Während die einen im besonderen Maße eine fundierte Ausbildung etablieren, ­setzen andere schon weit vor dem ersten Bewerbungs­gespräch an, um dem Fachkräftemangel entgegen­zuwirken: Mit dem Projekt „Gründer­statt" will das Calveslager Unter­nehmen MF Faske Kinder und Jugendliche an hand­werkliche Berufe heranführen. Das auf dem Firmen­gelände beheimatete Schulungszentrum soll im Januar 2021 eröffnen. Gründerstatt-Geschäftsführer Joachim König möchte jungen Menschen zeigen, dass für eine gute berufliche ­Perspektive nicht immer ein Studium von­nöten ist. „Die Gründerstatt soll den Fachkräften von morgen schon heute die Scheu vor ­Werkzeugen und Technik nehmen und ihre Begeisterung fürs Handwerk wecken", so König.

Gemeinsam mit seinen Kollegen ­ent­wickelte er ein umfassendes Schulungs­konzept: Von Stahl- und Metallbau über Schweißer­arbeiten und CNC-Fräsen bis hin zu Holzmodellbau und 3D-Druck – in der ­Gründerstatt werden ­nahezu alle Bereiche des Handwerks abgedeckt. ­Kinder und Jugendliche ­können hier entweder im Klassenverband an Modellen tüfteln oder das ­offene Kursangebot nutzen. „Wir erklären ­anschaulich, wozu man Hydraulik braucht, was Elektrizität ist oder wie ein 3D-Drucker funktioniert", erklärt König den Lehrplan des privat ­geführten Technikums.

VERANTWORTUNGSBEWUSST Geschäftsführer Marc große Austing hat das Thema Ausbildung zur Chefsache gemacht.

Auch über die Schulzeit hinaus können Jugend­liche und junge Erwachsene kommen, denn langfristig soll die Gründer­statt zum Bindeglied zwischen Ausbildungs­betrieben und Kreishandwerkerschaft werden. Bis der ­erste Kurs startet, gibt es für Joachim König und sein Team noch viel zu tun: Förder­gelder müssen eingeholt, Workshop-Inhalte ausgestaltet und Kooperationen mit Schulen und Unternehmen etabliert werden.

Als gemeinnützige GmbH arbeitet die Gründerstatt selbsterhaltend. Für den ­Initiator selbstverständlich: „Uns geht es nicht ­darum, das große Geld zu verdienen. Es ist ein ­gesellschaftspolitisches Projekt, das in unsere Zukunft investiert."

Egal, ob es das Engagement eines Einzelnen ist oder eine unternehmensübergreifende Initiative im großen Stil, eines ist sicher: Im ­Oldenburger Münsterland haben die Fachkräfte von morgen gute Karten. Auszubildende werden nicht als fünftes Rad am Wagen betrachtet, ­sondern bekommen eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich auf ihr berufliches Leben ­vorzubereiten. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten also.