Erstaunliches

Original mit Potenzial

Kindergeschrei ist Zukunftsmusik. In der Kindertagesstätte St. Johannes in ­Bühren wird das schnell deutlich. Hier geht es hoch her. Die Kleinen ­singen, spielen und lachen, was das Zeug hält. ­Träger der Kita ist die Kirche. Sie kooperiert mit dem nahegelegenen ecopark, in dem eine ­Reihe von Unternehmen beheimatet ist. Die dort Beschäftigten wissen ihre Kinder bei den ­Erzieherinnen in guten Händen. Kein Zufall, dass dieses Zukunftsmodell ausgerechnet im Oldenburger Münsterland erprobt wird.

VON DER IDEE ZUM MODELL Innerhalb weniger Stunden werden bei Pöppelmann per 3D-Drucker fertige Muster produziert. Wenn Mama von Kühen und Pferden erzählt, sind die Kleinen ganz still.

Nirgendwo in Deutschland kommen Jahr für Jahr mehr Babys auf die Welt als ­zwischen Oldenburg und Osnabrück. Die ­Region ist republik­weit die kinderreichste. Laut ­einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung liegt die durchschnittliche Geburtenzahl bundesweit bei 1,5 – im Landkreis Cloppenburg sind es hingegen rechnerisch 2,01 Kinder pro Frau, im Landkreis Vechta 1,86.

Dabei ist der Geburtenreichtum keine neue Erscheinung. Der Blick in die Chroniken zeigt, dass Mitte des letzten Jahrhunderts sogar Familien mit zehn oder zwölf Kindern keine Ausnahme bildeten. Im Schnitt habe es schon immer eine Tendenz zu drei oder vier Kindern gegeben, heißt es. Gründe dafür finden sich schnell. Der familiäre Zusammenhalt gehört dazu, religiöse Normen ebenso. Kinder werden nicht als Belastung sondern als Chance, als Verheißung auf die Zukunft gesehen. An dieser Einstellung hat sich kaum etwas geändert.

Rekord: Nirgendwo werden mehr Kinder geboren als im Kreis Cloppenburg. 2,01 pro Frau.

So verwundert es nicht, dass das ­Oldenburger Münsterland auch heute noch eine besonders junge Region ist. Nach ­einem Landstrich, in dem der Altersdurchschnitt ­niedriger liegt, sucht man vergebens. Vorhersagen ­zufolge werden etwa in Vechta auch in 15 Jahren noch gut 45 Prozent der Bewohner keine 40 Jahre alt sein. Solche Zahlen verblüffen in einer Zeit, in der viel vom demo­grafischen Wandel die Rede ist.

Die Kids werden in eine Region hinein­geboren, der es wirtschaftlich hervor­ragend geht. Eine Vielzahl von globalen Markt­führern und sogenannten Hidden Champions hat hier ihren Firmensitz. Die meisten sind tief in der Gegend verankert und vernetzt. Dennoch ­empfindet es niemand als Widerspruch, wenn viele von ihnen Außenstellen auf an­deren Konti­nenten führen. Namen wie Grimme oder Remmers, Pöppelmann oder Big Dutchman haben rund um den Globus einen guten Klang. Heimat­verbundenheit trifft auf Weltoffenheit.

FRISCHWARE Auf dem Längensortierer der Wernsing Feinkost GmbH finden sich die geschnittenen Kartoffelstäbchen.

Heimatverbunden­heit trifft auf Welt­offenheit — ein Erfolgsgeheimnis.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Harte Arbeit zahlt sich aus. Seit Jahrzehnten erzählt man sich sowohl stolz als auch leicht amüsiert von den Anfangstagen mancher ­Firmen. Der Gründer von Wiesenhof etwa sei einst mit dem Fahrrad über Land unterwegs gewesen und habe seine ­Hühner vom Gepäckträger aus verkauft. Bei Wernsing habe man die ersten Kartoffelsalate in der Bade­wanne gemischt. Und Pöppelmann in Lohne, ein Unternehmen, das inzwischen mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, ging aus einer 1949 im Hühnerstall gegründeten Korkenfabrik hervor.
Gründergeist hin, Gründergeist her: Noch in den 1970er Jahren betrug die Arbeitslosigkeit trotz solch kreativer Methoden in Teilen der Kreise Cloppenburg und Vechta über 30 Prozent. Heute liegt sie bei weniger als fünf. Und das Wirtschaftswachstum erreicht Jahr für Jahr Höchstwerte.

Laut der von Pricewaterhouse Coopers und dem Hamburger Weltwirtschaftsinstitut veröffentlichten Studie „Deutschland 2030 – die Arbeitsplätze der Zukunft" führt der Landkreis Vechta das aktuelle Wachstums-Ranking an. Und Cloppenburg folgt dicht dahinter auf Rang sieben von 325. Zudem kommt die Unter­suchung zu dem Ergebnis, dass es bis 2030 überhaupt nur in sechs deutschen Landkreisen ein Beschäftigungs-Plus von mehr als 7,5 Prozent geben wird. Cloppenburg und Vechta zählen dazu.
Das frühere Kellerkind im Nordwesten hat längst seinen Platz im Spitzenfeld gefunden. Erstaunlich? Ja und nein. Denn nicht die Ansiedlung von Hochtechnologie sorgte wie ­andernorts für die Trendwende. Vielmehr zeichneten die Bewohner der Region selbst dafür verantwortlich. Einen Master­plan, der die Entwicklung auf geduldigem Papier vor­skizzierte, hat es nie gegeben. Aber als sich die Chance ergab, die richtigen Weichen zu stellen, griff man beherzt zu.

Auslöser für den Aufschwung der ­Region war die Fertigstellung der Bundesautobahn 1. Seither fühlt man sich in Lohne und Vechta, in Damme, Cloppenburg und den 19 an­deren Gemeinden nicht mehr vom Rest der Re­publik abgekoppelt. Im Gegenteil: Die Lage zwischen den deutschen Seehäfen und dem Ruhrgebiet ­wurde zum großen Standortvorteil. Die Verkehrs­anbindung hat den tiefgreifenden Strukturwandel entscheidend mit angeschoben und die Unternehmen wettbewerbs­fähig gemacht.
Obwohl heute nur noch ­3,3 ­Prozent der Beschäftigten im Kreis Vechta in der Land- und Forstwirtschaft tätig sind, darf sich die ­lange Zeit weitgehend bäuerlich geprägte Region mit Fug und Recht mit dem Titel „Silicon ­Valley der Agrartechnologie" schmücken. Die „fest ver­wurzelte Nahrungsmittelindustrie deckt von der Erzeugung von Futtermitteln über die Tierzucht bis hin zur Verarbeitung und Ver­marktung die gesamte Wertschöpfungskette ab", schreiben die Autoren der Studie „Deutschland 2030 – die Arbeitsplätze der Zukunft".

Stark vertreten sind ferner der ­Maschinen- und Anlagenbau, die Ernährungswirtschaft sowie die Bauwirtschaft. Das ­Oldenburger ­Münsterland hat sich darüber hinaus zu ­einem Zentrum der europäischen Kunststofftechnik entwickelt. Und jede dieser Branchen ­verfügt über großes Zukunftspotenzial, Fachkräfte ­werden fast überall gesucht. Dem Nachwuchs eine Chance!

Die Botschaft lautet: Um sich wie gewünscht entfalten zu können, müssen junge Menschen mit Ambitionen nicht zwangs­läufig in große Städte gehen. Auch der ländliche Raum bietet hinreichend Möglichkeiten. Neben der Heimatverbundenheit liegt gerade darin für viele hier Geborene die Motivation, nach ihrer Ausbildung und ersten Berufsjahren in ­anderen Regionen nach Lohne, Damme oder Friesoythe zurückzukehren.

Die Entscheidungswege sind kurz, Pragmatismus ist gefragt und Klartext der bevorzugte Sprachstil.

Hier stehen sie für neue Impulse. „Die überproportional hohen Geburtenraten und der dadurch hohe Anteil junger Menschen ­strahlen positiv auf die Wirtschaftsentwicklung aus – und umgekehrt", konstatierte das reno­mmierte Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer Analyse schon vor Jahren. ­Beispiele: Das weltweit erste Kreislaufsystem für Polyethylenkunststoffe ­wurde im Olden­burger Münsterland entwickelt. High-Tech-Komponenten für die Weltraumfahrt stammten ebenso aus der Region wie das Rennrad, mit dem Jan Ulrich 1993 Weltmeister wurde.

Nicht zu vergessen der Tourismus, ebenfalls ein wichtiger Faktor für die positive ­Entwicklung. Die Statistik wies bei den Übernachtungen zuletzt einen beachtlichen Zuwachs aus. Feriengästen bieten sich fünf Erholungsgebiete als attraktive Reiseziele an – jedes mit einem ganz eigenen und unver­wechselbaren Profil. Sowohl Radwanderer und Wassersportler als auch Natur- und Kulturfreunde finden hier passende Angebote. ­Häufig gilt: Wer einmal da war, kommt gern wieder.

Und Urlauber stoßen immer wieder auf Unerwartetes. Carneval in Damme? Warum nicht! Fröhliche Närrinnen und Narren ­haben ihn längst zum größten im Norden gemacht. Oder ein Ausflug ins Saterland: Hier ist nicht nur die Heimat von Deutschlands letztem schiffbaren Fehnkanal, sondern ebenso die von Europas kleinster Sprachminderheit. Im ­Goldenstedter Moor legen jeden Herbst Zehntausende von Kranichen einen Zwischenstopp auf ihrem weiten Weg in wärmere Gefilde ein.

Andere Regionen im ländlichen Raum versuchen längst, sich am Oldenburger Münsterland zu orientieren und hinter sein Erfolgsrezept zu kommen. Das gelingt indes kaum. Sein Geheimnis hat nämlich viel mit den ­besonderen Voraussetzungen zu tun. Mit den Menschen, die hier leben und die so mancher Schwierigkeit getrotzt haben. Ewigkeiten ­waren sie durch die weiten Moorlandschaften von der Außenwelt isoliert und auf sich selbst an­gewiesen.

Das schweißt zusammen und fördert die tief verwurzelte Mentalität der Selbst­ständigkeit. Zudem sind die Entscheidungs­wege kurz, ist Pragmatismus gefragt und Klartext der ­bevorzugte Sprachstil. Ferner zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die Land­kreise Cloppenburg und Vechta, die einst zum ­festen ­Bestandteil des ehemaligen Olden­burger Landes zählten, auf regionale Eitelkeiten ­ver­zichten und gemein­same Sache machen.

Das alles lässt sich glücklicherweise nicht so einfach kopieren. Und im Zweifelsfall ist das Original sowieso besser als jede Nachahmung. Davon haben dann später auch die folgenden Generationen etwas. Zum Beispiel die, die jetzt noch so fröhlich in der Kita in Bühren herumtoben.