veröffentlicht am 21. April 2020

Wie ein Cloppenburger Messebauer aus der Not eine Tugend macht

Flexibel sein und schnelle Lösungen finden, lautet in der heutigen Zeit vielerorts die Devise. Auch mal abseits der ausgetretenen Pfade denken und Neues wagen. Sven Beger hat diese Herangehensweise perfekt verinnerlicht. Das eigentliche Geschäftsfeld des Cloppenburger Messebauers ist durch die Coronakrise binnen weniger Wochen komplett eingebrochen – und Beger hat clever reagiert: Aus seinem Messe- und Montageservice wurde kurzerhand ein Transportunternehmen, neue Website inklusive. So haben seine Mitarbeiter auch jetzt noch gut zu tun.

Über die Jahre hatte sich Beger auf die Nahrungs- und Gastronomiebranche spezialisiert. Er zählt heute rund 50 namhafte Unternehmen der Lebensmittelbranche zu seinen Stammkunden. „Deshalb verfügen wir ohnehin über einen für unsere Sparte ungewöhnlich großen Fuhrpark. Das konnten wir uns jetzt zunutze machen", berichtet der 41-Jährige.

Fahrzeuge, mit denen bisher Messestände von A nach B gebracht wurden, werden nun für Trockenwaren genutzt. Beger schaffte zusätzlich einen Kühlauflieger an, um auch gekühlte Produkte liefern zu können und so sein neues Leistungsspektrum abzurunden.

„Mir geht es nicht um große Gewinne, sondern um die Arbeitsplätze meiner Mitarbeiter."
Sven Beger

Um auf den Transport von Lebensmitteln umzusatteln, ist außerdem eine sogenannte Güterkraftverkehrslizenz nötig. Bisher hatten Begers Mitarbeiter die Lkw zwar auch zwischen Firmensitz und Messehallen hin- und herbewegt, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: „Bei uns steht nicht der Warentransport im Vordergrund unserer Tätigkeit. Wir bringen die Messestände zu den Hallen, um dort unserer Hauptaufgabe, nämlich der Montage der Stände, nachzugehen", erklärt Beger. „Geht es aber vorrangig darum, Waren zu transportieren, betreibt man gewerblichen Güterkraftverkehr. Dafür muss der Kraftfahrer eine gewisse Grundqualifikation mitbringen."

Um all seine Mitarbeiter rechtlich auf der sicheren Seite zu wissen, nahm ihr Chef wegen einer Ausnahmeregelung Kontakt zum Bundesverkehrsministerium auf. Bald darauf wurde durch einen Erlass beschlossen, dass jeder Kraftfahrer bis zum 30. Juni 2020 ausnahmsweise gewerblichen Güterkraftverkehr fahren darf – der Startschuss für Sven Beger und sein Team.

Momentan ist genug Arbeit für alle da. Der für Begers Unternehmen übliche Monatsumsatz lässt sich durch die neuen Aufträge aber nicht annähernd erreichen. „Mir geht es am Ende des Tages nicht darum, große Gewinne zu erzielen", räumt der Unternehmer ein. „In erster Linie möchte ich laufende Kosten decken und die Arbeitsplätze meiner Mitarbeiter sichern."

Denn sein Team, das stellt Sven Beger klar, ist für ihn das Wichtigste: „Meine Mitarbeiter sind einfach super. Ich habe lange nach ihnen gesucht und nun ein perfektes Team, das ich unbedingt über die Corona-Zeit retten will."

Zur Sicherheit hatte Beger bereits Ende Februar Kurzarbeit beantragt. Im Fall der Fälle werde er die Differenz zum Normalgehalt selbst aufstocken, damit alle sechs Mitarbeiter weiterhin dieselben finanziellen Mittel zur Verfügung haben. Das sei für ihn selbstverständlich.

Die vorübergehende Neuausrichtung des Unternehmens tragen alle Mitarbeiter bedingungslos mit. „Das ist klasse und macht Mut!", freut sich der Chef. Langfristig soll die Logistik aber lediglich ein zweites Standbein sein.

Wie viele seiner Kunden die Corona-Krise überstehen, kann Beger nur vermuten. Einige werde es in einigen Monaten nicht mehr geben, so seine Einschätzung. Auch für die großen Messen in der Nahrungs- und Gastronomiebranche sieht er bis Ende des Jahres schwarz. Sobald es aber für die ersten Messen wieder grünes Licht gibt, wird schnell der Alltag Einzug halten.

Drei Tage braucht der Cloppenburger, um den Messebaubetrieb wieder hochzufahren und zum altbewährten Geschäft zurückzukehren. Wann das sein wird, kann noch niemand sagen. Aber wenn es soweit ist, sind Sven Beger und sein Team bereit.