Wirtschaftsregion

Nur wo Neues entsteht, gibt es Zukunft

Autor*in: CLAUS SPITZER-EWERSMANN

Inspiration und Leidenschaft, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen – das und noch viel mehr braucht, wer ein eigenes Unternehmen auf die Beine stellen will. Im Oldenburger Münsterland finden Gründerinnen und Gründer den richtigen Humus, auf dem ihre Ideen gedeihen können.

Eröffneten im Frühjahr 2021 das neue Gründerzentrum im Ecopark in Emstek-Drantum: (v.l.) Der ehemalige Präsident der Universität Vechta Prof. Dr. Burghart Schmidt, der ehemalige Landrat Herbert Winkel (Landkreis Vechta), Landrat Johann Wimberg (Landkreis Cloppenburg) und Vechtas Bürgermeister Kristian Kater.

Bill Gates war gerade mal 20 Jahre alt, als er Microsoft gründete, Steve Jobs startete Apple mit 21, Walt Disney legte mit 22 den Grundstein für sein Comic-Imperium. Keine Frage: In jungen Jahren gründet es sich offenbar besonders gut. In späteren aber nicht minder. Hugo Boss schneiderte mit 38 seine ersten Oberhemden und Windjacken auf eigene Rechnung. Gordon Bowker brachte Starbucks mit 51 ins Laufen. Ferdinand Porsche war bereits 55, als er sich in Stuttgart mit seinem Konstruktionsbüro selbstständig machte.

Existenzgründung hat mit vielen Aspekten zu tun, kaum etwas allerdings mit dem Lebensalter. Es gibt beides: Die Durchstarter, die direkt von der Schulbank kommend beginnen, ihr eigenes Business aufbauen. Und die sogenannten Spätgründer, die zunächst einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen haben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2020 insgesamt 48,4 Prozent der Gründer jünger als 35 Jahre. Jeweils 25,8 Prozent zählten zur Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen bzw. waren 45 und älter.

Wer beim Thema Start-up ausschließlich an die wilde Sneaker-Generation denkt, irrt also. Falsch liegt ebenso, wer glaubt, eine möglichst große Lebenserfahrung sei das entscheidende Kriterium für die erfolgreiche Gründung. Was aber dann?

Diese Frage ist auch im Oldenburger Münsterland angekommen. Gegründet wird schließlich nicht nur in hippen Metropolen, sondern häufig auch dort, wo eher Wiesen und Äcker das Bild bestimmen. Und nein, der ländliche Raum ist keineswegs nur der Notausgang für all jene, die es in der Großstadt nicht geschafft haben. Im Gegenteil: Viele Gründer entscheiden sich bei ihrer Standortwahl ganz bewusst für die Region, in der sie sich auskennen und in der sie gut vernetzt sind. Das macht manches einfacher. Gerade in der Anfangsphase.

Leckermäuler: Susan und Jens Eschke produzieren europaweit die einzige wirklich laktosefreie Nuss-Nougat-Creme.

Teamwork für die Start-up-Region

Um dem Thema in der Region den richtigen Schwung zu verleihen, haben die beiden Landkreise Cloppenburg und Vechta im Frühjahr 2021 eine Gründungsoffensive ins Leben gerufen. Titel: START:PUNKT OM. Zunächst zwei zentrale Standorte – im Emsteker ecopark und in Räumlichkeiten der Geschwister-Scholl-Oberschule in Vechta – sollen Interessierten als Anlaufstelle dienen. Die Betreuung liegt beim Start-up Service der Uni versität Vechta „TrENDi" (Transformation durch Entrepreneurship, Nachhaltigkeit und Digitalisierung) unter der wissenschaftlichen Leitung von Professorin Jantje Halberstadt und Professor Christoph Schank. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie fördert das Vorhaben im Rahmen seines EXIST-Programms über vier Jahre.

Die Universität gehört wie die Stadt Vechta und der ecopark zu den ersten Partnern der Gründungsoffensive, die auch für weitere offen ist. „Wir wollen unter diesem Dach alle Akteure aus dem Bereich Existenzgründung und Start-up im Oldenburger Münsterland zusammenbringen", erklärte erklärte Cloppenburgs Landrat Johann Wimberg anlässlich des Auftakts. Das heißt: Weitere START:PUNKTE sind gern gesehen.

Halberstadt, Schank und Maik Fischer, der mit der operativen Leitung des TrENDi-Projekts befasst ist, setzen auf die verändernde Kraft der Innovation. Sie gehen davon aus, dass Existenzgründerinnen und -gründer die Wirtschaft in den nächsten Jahren mit ihren innovativen Ideen und frischen Ansätzen maßgeblich prägen werden – was angesichts der schon begonnenen und bevorstehenden Transformationsprozesse in der Region von großem Nutzen sein wird. Es gebe hier deshalb schon heute überdurchschnittlich viele Gründer, weiß Fischer. Und erwartet, in zehn Jahren „noch viel weiter zu sein".

Community-Denken als Trumpf

„Die Region ist unternehmerisch sehr gut aufgestellt, es mangelt nicht an Vorbildern", betont Prof.in Dr. Jantje Halberstadt. Voneinander lernen – das ist tatsächlich einer der großen Trümpfe, mit dem sich der ländliche Raum gegenüber den Großstädten behaupten kann. Unternehmer, die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich ihre Firmen auf- und ausgebaut haben, sind hier Nachbarn. Man trifft sie vielleicht morgens beim Bäcker oder bei den Veranstaltungen vor Ort, kommt miteinander ins Gespräch und kann womöglich auch den einen oder anderen Tipp abstauben. Das Community-Denken ist im ländlichen Raum ausgeprägter, Vertrauen und Offenheit sind groß.

Wichtig ist: Die START:PUNKT-Offensive richtet sich nicht nur an Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen. „Wir können eine ganzheitliche Gründungsförderung für alle Bürgerinnen und Bürger des Oldenburger Münsterlandes anbieten", unterstreicht Professorin Dr. Jantje Halberstadt. Und Landrat Wimberg ergänzt: „Unsere Anlaufstellen sollen für alle offen sein, die gründen wollen – unabhängig davon, ob sie direkt von der Universität kommen, gerade ihr Ausbildung abgeschlossen haben oder bereits seit Jahren mitten im Berufsleben stehen."

Und die Erfahrung zeigt: Das ist gut so. Bekanntlich verfügte keine der Gründerlegenden der Region über einen akademischen Hintergrund. Weder Bernhard Remmers oder Heinrich Wernsing noch Franz Grimme sen. oder Paul Wesjohann haben jemals eine Universität von innen gesehen. Sie hatten eine Idee, mit der sich ein Problem lösen ließ, und legten los. So entstanden Unternehmen, deren Ruf schon lange weit über die Region hinaus reicht.

 

Das junge Unternehmen „Mewbel“ aus der Gemeinde Barßel setzt auf Nachhaltigkeit und Regionalität.

Aus der Not eine Tugend machen

Was zählt, ist tatsächlich die Idee. So wie bei Jens Eschke aus Goldenstedt. Der 44-Jährige ist ein echtes Leckermaul. Seine Droge: Nutella. Jahrelang hat er sich an der bekannten Nuss-Nougat-Creme kaum sattessen können. Dann aber machte ihm eine Laktoseintoleranz mehr und mehr zu schaffen. Die Suche nach einerseits laktosefreien, andererseits schmackhaften Alternativen verlief ergebnislos. Also fortan auf den Genuss verzichten? Keinesfalls.

Eschke beginnt, mit verschiedenen Rezepturen zu experimentieren. Schließlich findet er nach viel Tüfteln und Probieren die (für ihn) richtigen Zutaten und die perfekte Abmischung – die Geburtsstunde seines Unternehmens Loeffelnuss. Im Übrigen ein Familienbetrieb, wie er im Buche steht: Auch Ehefrau Susan und Mutter Sonja tragen zur Erfolgsgeschichte bei. Und diese geht weiter. Inzwischen hat neben der klassischen Aufstrichvariante auch eine mit weißer Haselnuss ihren Weg in die Regale gefunden.

Ganz anders lief die Sache bei Moin Media, einer Digitalagentur in Vechta. Timo Weigel und Maurice Brumund hatten sich bei ihrem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der PHWT in Diepholz kennengelernt und schon während der ersten Semester eine gemeinsame Firma gegründet. „Das lief da noch eher unprofessionell", erinnert sich Weigel. Nicht so heute: Moin Media steht für klare Strukturen, ein starkes, mittlerweile zwölfköpfiges Team und ein angemessenes Büro im Herzen Vechtas. Ihre Kreativität, Leichtigkeit und Leidenschaft aus den Anfangstagen haben sich die beiden Gründer zudem erhalten, sagen sie.

Bekenntnisse zur Heimatregion

Anderer Ort, andere Branche. In Harkebrügge, Gemeinde Barßel, setzen Markus Kurre und Kai-André Pancratz auf Nachhaltigkeit. Der eine, Kurre, ist Mit-Geschäftsführer der väterlichen Tischlerei. Der andere, Pancratz, verdient sein Geld als Inhaber eines Software-Unternehmens. Gemeinsam hat das Duo Mewbel gegründet. Die Idee: Möbel von heute herstellen, aber ressourcensparend und von langer Lebensdauer. Möbel aus der Serienproduktion gibt es bei Mewbel nicht. So kann etwa jeder Kunde seinen Tisch online individuell konfigurieren. Zur Auswahl stehen Eiche, Ulme und Nussbaum, goldfarben, weiß und schwarz. Mit Hartwachs oder Klarlack beschichtet. Wünsch dir was beim Möbelkauf.

Das Konzept passt perfekt in die heutige Zeit, in der immer mehr Menschen Wert auf einen eigenen Stil legen. Und auch mit dem Standort Harkebrügge sind die beiden Gründer zufrieden. Das hat zum einen ganz praktische Gründe: Die Tischlerei ist direkt vor Ort und gehört zur Familie. Zum anderen ist der Standort auch Bekenntnis zu ihrer Heimat im Oldenburger Münsterland: „Wir sind hier beide verwurzelt und wollen helfen, Arbeitsplätze zu erhalten oder neu zu schaffen."

Ob nun „Learning by Doing" oder „Learning by Coaching": Ebenso wenig wie das Alter der Gründer entscheidet in der Regel der Standort darüber, ob eine Unternehmensidee sich durchsetzen kann. Das ist auch das Ergebnis einer Studie der Hochschule Landshut. In lediglich sieben von 105 Kategorien unterscheiden sich der Untersuchung zufolge Gründungen auf dem Land von urbanen Start-ups. Gründer auf dem Land sind in der Regel etwas jünger, eher männlich und häufig keine Akademiker. Oft bringen sie bereits Berufs erfahrung mit – nicht selten sogar als Führungskräfte in der Industrie.

 

Eska-Geschäftsführer Stephan Kallage neben einem neu entwickelten Kranarm. Sein Unternehmen steht für professionelle Hydrauliklösungen.

Für den Umstieg ist es nie zu spät

Ein zentraler Grund für Umsteiger, so bestätigt Studienleiter Michael Bürker, liege darin, dass sie „mit ihren Ideen in den Unternehmen nicht mehr weiterkommen und sich dann entscheiden, etwas Eigenes zu machen". Wie etwa Stephan Kallage, Geschäftsführer von Eska Hydraulik in Vechta. Der Landmaschinenmechaniker machte sich mit 47 Jahren aus einer sicheren Anstellung heraus selbstständig, um seine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Heute ist seine Expertise hinsichtlich professioneller Hydrauliklösungen in der ganzen Welt gefragt.

Und allen, die sich dennoch an Bill Gates, Steve Jobs und Co. orientieren möchten, sei gesagt: unbedingt machen! Je größer ein Vorbild, desto besser. Aber gut wäre es, auf dem Weg nicht ungeduldig zu werden. Viele bekannte Gründer waren beim Start ihres Unternehmens vielleicht jung, der ganz große Erfolg stellt sich manchmal indes erst später ein. Als Apple das erste iPhone auf den Markt brachte, war Steve Jobs bereits 52.

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