Maschinen- und Anlagenbau

Oldenburger Münsterland 4.0

Autor*in: DENNIS LENKERING, TORBEN FANGMANN

Wie sieht sie aus, die Industrie von morgen? Das Oldenburger Münsterland verdankt seinen Wohlstand zu einem bedeutenden Teil der florierenden Industrie in unserer Region. Und Wohlstand heißt Mittelstand. Leidenschaftliche Unternehmer haben über Generationen einen Wirtschaftsstandort geschaffen, der deutschlandweit seinesgleichen sucht: Mit Tatendrang, Liebe zur Produktqualität, und stets mit einer gesunden Portion Innovationskraft. Nun, in Zeiten von Globalisierung und digitalem Wandel, gilt es mehr denn je, sich auf diese Werte zu besinnen – damit es auch morgen noch heißt „Qualität made im Oldenburger Münsterland".

Dennis Lenkering (links) und Torben Fangmann im Studio des „LMZ Industry Talk", wo sie regelmäßig mit Experten der Branche über industrielle Zukunftsthemen sprechen.

Der entscheidende Erfolgsfaktor im Land der Dichter und Denker ist seit jeher weniger die Poesie, als vielmehr technisches Vordenken. Das Ergebnis sind Produkte aus Holz, Kunststoff oder Metall, die weltweit für Begeisterung sorgen. Bisher ist es noch immer gelungen, dem Markt einen Schritt voraus zu sein, und die eigene Wettbewerbsposition auch durch schwere Zeiten zu sichern, gar zu stärken. Doch die Zeiten werden nicht einfacher. Märkte und Kundenanforderungen entwickeln sich in einem Tempo, bei dem selbst der erfahrenste Wirtschaftsexperte keine Prognose abgeben möchte. VUCA-Welt nennt man das im Fachjargon. Wir nennen es lieber: Das Schiff durch dichten Nebel steuern, oder auch: Das Unternehmen in eine ungewisse Zukunft lenken. Wie bewahre ich als Unternehmer, als Produktionsverantwortlicher, als Mittelständler die Weitsicht im Nebel? Wie gelingt der Spagat zwischen Effizienz und Flexibilität?

Die gute Nachricht: Sie sind mit Ihren Herausforderungen nicht allein. Denn, um bei der nautischen Analogie zu bleiben: Wir sitzen alle im selben Boot. Als Maschinenbauer im Bereich der Automatisierungstechnik stellen wir uns tagtäglich dieselben Fragen. Wir betrachten uns gern als Bindeglied zwischen Industriebetrieben und System- wie Technologiepartnern, als Zentrum von technologischem, konstruktivem Knowhow. Um diesem Netzwerkgedanken gerecht zu werden, sind wir stets mit großem Eifer im Austausch: mit Kunden, mit produzierenden und verarbeitenden Unternehmen, mit großen Technologiefirmen und mit Start-ups. Am Ende aber wollen wir nicht bloß den Finger in die Wunde legen, nicht bloß Probleme beleuchten. Wir möchten Lösungen aufzeigen. Wege, um die Industrie von morgen zu gestalten. Legen wir los!

Maschinenbauingenieur Dennis Lenkering an einer frisch montierten LMZ-Automatisierungsanlage. Schnellwechselsysteme und eine adaptive Bauweise realisieren hier den Gedanken vom Baukastensystem.

LEGO für Erwachsene

An Automatisierung kommt künftig kein Betrieb mehr vorbei. Der Lean-Gedanke aus Japan ist längst in deutschen Fabriken angekommen. Einfache, eintönige, unergonomische und vor allem wiederkehrende Tätigkeiten werden nicht mehr per Hand, sondern maschinell durchgeführt. Doch wie wiederkehrend sind Ihre Tätigkeiten?

Viele Mittelständler klagen über extrem hohe Planungsunsicherheit, diverse Artikel und Bauteilvarianten, zu wenig „Dauerbrenner", schwankende Losgrößen und Abrufzahlen, und Umrüstungen am laufenden Band. Das Baukastenprinzip schafft Abhilfe. Denn, je modularer Sie Ihre Fertigung aufbauen, desto flexibler sind Sie. Dank zahlreicher Kombinationen sind Sie in der Lage, die Module so anzuordnen, dass Sie jede Herausforderung passgenau meistern. Und die Anwendungsfelder modularer Bauweise sind divers: Von simplen Arbeitsplatzsystemen bis zu großen, vollautomatischen und vernetzten Anlagenkomplexen durften wir bereits unterschiedliche Projekte begleiten. Ein Highlight ist nach wie vor die MP-EcoLine-Baureihe, die wir mittlerweile in die Fertigung mehrerer Unternehmen integrieren konnten. Diese kompakte und mobile Automatisierungsanlage lässt sich an unterschiedlichen Orten in Ihrer Produktionshalle platzieren, und bildet den standardisierten Rahmen für zahlreiche Adaptionen. Der Ablauf ist simpel: Sie schieben eine Adaption auf, und ein Montage- oder Prüfprozess wird durchgeführt. Ändert sich ein Artikel oder eine Variante, schieben Sie einfach eine neue Adaption auf die Anlage und starten einen neuen Prozess – ganz nach Baukastenprinzip!

Industrieroboter HORST, verbaut in einer kompakten LMZ-Prüfanlage zur Qualitätssicherung.

Ihr neuer Arbeitskollege heißt Horst und ist ein Roboter

Robotik für jedermann. Was vor ein paar Jahren noch unmöglich schien, ist heute Realität. Um den Experten Werner Hampel zu zitieren: „Robotik ist mittlerweile längst im Handwerk angekommen. Selbst der kleine Metallbauer oder der Bäcker um die Ecke setzen heute Industrieroboter ein."

Wenn Sie jetzt verwundert sind ob der Tatsache, dass Ihre Sonntagsbrötchen noch nicht von einem Roboter serviert werden, dann können wir Sie beruhigen. Es handelt sich um Beispiele von Vorreitern, um wichtige Pionierarbeit, die geleistet wird, um den Einsatz von Robotik flächendeckend zu ermöglichen. Was die Anwendungsbeispiele allerdings zeigen: Es funktioniert. Und noch wichtiger: Es lohnt sich für die Unternehmen – aus diversen Gründen.

Beginnen wir beim Spielverderber Nummer eins: Dem Preis. Selbst der findigste Ingenieur muss im Rahmen seiner Unternehmung die Finanzen im Blick behalten. Und Sie ahnen es bereits: Roboter sind teuer. Doch die Tatsache, dass mittelständische Betriebe mit überschaubaren Investitionsbudgets arbeiten, ist auch der Robotik-Industrie nicht entgangen. So sind mittlerweile Robotermodelle auf dem Markt, die speziell für einfache Anwendungen im Mittelstand konzipiert sind und ihre Marktbegleiter im Preis um bis zu 60 Prozent unterbieten. Genau hier kommt HORST ins Spiel. Denn H.O.R.S.T. ( = Highly Optimized Robotic Systems Technology) gibt es wirklich. Wir haben ihn getestet, auf Herz und Nieren geprüft und bereits erfolgreich in einigen ausgewählten Anlagen verbaut.

HORST ist selbstverständlich nicht die einzige Robotik-Option, und keine Allzwecklösung für all ihre Probleme. Er dient vielmehr als Beispiel für die Möglichkeiten, die Sie beim Einstieg in die Robotik haben; Möglichkeiten, wie die Steuerung des Roboters über ein visuelles Dashboard, ohne dass tiefe Programmierkenntnisse erforderlich sind. Denn wir bleiben dabei: Robotik ist für jedermann.

Das Dashboard der intuitiven Bedienersoftware „horstFX" zur Roboterprogrammierung.

Geschwisterliebe: Die Fabrik der Zukunft hat einen digitalen Zwilling

Der Einstieg in die Fabrik von morgen ist das eine; das Ausschöpfen aller gewinnbringenden Potenziale das andere. Jetzt machen wir uns auf den Weg zu „4.0" – und der Antrieb dahin heißt „Daten". In der Produktion werden Tag für Tag Unmengen von Daten generiert. Setzen Sie diese unbedingt zu Ihrem Vorteil ein!

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Ihre Fabrik existiert nicht mehr nur real auf dem Betriebsgelände, sondern auch digital auf Ihrem Computer. Daten und Algorithmen schaffen ein komplexes, virtuelles Abbild aller Maschinen und Objekte samt Abläufen und Verhaltensweisen, jederzeit und von überall einsehbar. Ein Digitaler Zwilling.

Wozu aber das Ganze? Nun, wir haben ja bereits die extreme Planungsunsicherheit angesprochen. Produktionsprozesse bestehen aus einem empfindlichen Netzwerk unterschiedlichster Einflussfaktoren. Und es ist nahezu unmöglich, all diese Einflüsse immer korrekt einzuschätzen und die richtigen Schritte einzuleiten.

Wir träumen davon, die Zukunft vorherzusagen, um bessere Entscheidungen zu treffen. Der Digitale Zwilling bringt uns der Erfüllung ein Stück näher. Echte Daten sind die beste Entscheidungsgrundlage, die Sie bekommen können. Denn der Digitale Zwilling zeigt Ihnen nicht nur den Status Quo, sondern simuliert den weiteren Verlauf, spielt unterschiedliche Szenarien durch, bezieht Nomal- und Extremzustände in seine Kalkulation mit ein. Der moderne Blick in die Glaskugel. Verlockend, nicht wahr?

Zugegeben: Das digitale Abbild einer gesamten Fabrik ist aktuell eher Zukunftsmusik als gelebte Praxis. Dennoch können Sie schon heute die Produktion von morgen gestalten und Nutzen aus Ihrer Datenbasis ziehen. Ein wunderbares Beispiel, auch für uns als Anlagenbauer, ist die Predictive Maintenance, also die vorausschauende Wartung von Maschinen und Anlagen. Mittels Sensordaten sind Sie dabei in der Lage, den Verschleiß Ihrer Maschine unter Einfluss von Auslastung und weiterer relevanter Faktoren zu simulieren. So gibt die Anlage selbstständig ein Signal zur Wartung aus und Sie können dies rechtzeitig in der Produktionsplanung berücksichtigen.

Josef Lenkering (links) ist Gründer der Lenkering Montage- und Zerspanungstechnik GmbH aus Steinfeld-Mühlen und als Senior-Geschäftsführer in beratender Funktion tätig, während Schwiegersohn Dennis Lenkering (rechts) die Geschäfte des Familienunternehmens leitet.

Fazit: Die Fabrik von morgen startet schon heute

Wir halten fest: Die Fabrik von morgen startet schon heute. Es geht nicht darum, über Nacht ein vollautomatisiertes, hochdigitalisiertes Produktionsumfeld zu erschaffen. Der Weg zur Smart Factory ist vielmehr ein Prozess. Und jeder Prozess beginnt mit den ersten Schritten.

In diesem jährlichen Wirtschaftsmagazin des Verbundes Oldenburger Münsterland geht es vor allem um eines: Um Argumente für die Zukunft. Wir hoffen sehr, wir konnten drei starke Argumente beisteuern. Denn Innovation und Fortschritt entspringen nicht allein den Hightech-Metropolen in Berlin, München und der weiten Welt. Fortschritt geht auch vor Ort, da, wo wir zuhause sind. Hier, im Oldenburger Münsterland. Packen wir's an!

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