Lebenswelt

Zurück zu Worten und Bewegung

Autor*in: PETRA HELLMANN

Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind von einer erworbenen Sprachstörung betroffen. Noch deutlich höher ist die Zahl derjenigen, die unter erworbenen Lähmungserscheinungen leiden. Spezielle Therapien helfen, verlorene Worte und die eigene Bewegung wiederzufinden. In der Neuro-Reha-Vechta und Ortho-Reha-Vechta, die an die Aphasie- und Seniorenzentrum Josef Bergmann gGmbH in Vechta-Langförden angegliedert sind, begleitet ein erfahrenes Expertenteam mit neuesten wissenschaftlichen Methoden Patienten und ihre Angehörigen.

Herbstlicher Blick auf das bundesweit anerkannte Fachzentrum für stationäre Intensiv-Therapie.   

Ein Schlaganfall, Unfall oder auch ein Tumor sowie Entzündungen können die wichtigste Schaltstelle des menschlichen Körpers, das Gehirn, beeinträchtigen. Die Folgen sind vielfältig: Störungen in der Motorik, der Wahrnehmung und im Sprachbereich treten isoliert, oft aber auch in Kombination auf. Die im Fachjargon als „Aphasie" bezeichneten Sprachbeeinträchtigungen sind je nach Schweregrad mehr oder weniger komplex. Neben Wortfindungsschwierigkeiten haben Betroffene oft auch Probleme, die Bedeutung von Worten korrekt zuzuordnen, bei längeren Sätzen den Zusammenhang inhaltlich zu verstehen oder selbst vollständige Sätze zu bilden. Dabei haben sie allerdings nichts von ihrer Intelligenz eingebüßt: „Aphasie ist eine Sprachstörung, keine Denkstörung. Die Betroffenen sind nicht geistig behindert oder psychisch gestört!," betont Stephan Benhamza, Geschäftsführer der bundesweit anerkannten Fachklinik für Rehabilitanden nach Schlaganfall, Schädelhirntrauma oder unfallchirurgischen Schädigungen.

CaseManagerin Kathrin Billo und Geschäftsführer Stephan Benhamza verantworten gemeinsam mit erfahrenen Experten verschiedener Fachrichtungen den Gesundheitsprozess der Rehabilitanden.   

Anstrengend aber effizient

Während sich die nach einer Schädigung des Gehirns erworbene Sprachstörung und Lähmungen bei einigen Patienten innerhalb kurzer Zeit spontan normalisiert, ist bei anderen intensives Training nötig, um die verlorene Sprache und Motorik mit all ihren Facetten zu regenerieren. Eine große Herausforderung für alle Beteiligten, aber eine erfolgversprechende: „Sprache oder Motorik wiederzuerlangen, ist ein anstrengender Prozess. Das passiert nicht über Nacht, das ist harte Arbeit", stellt Stephan Benhamza fest. Konsequentes Training ist angesagt, damit sich neue Verbindungen zwischen den Nerven bilden und sich das Gehirn neu strukturieren kann. Heilungserfolge sind auch bei Rehabilitanden viele Jahre nach dem hirnschädigenden Ereignis noch möglich. Mit intensiven Blocktherapien und weiteren Angeboten bietet das Zentrum im Anschluss an die Akutbehandlung und Reha den Betroffenen und ihren Angehörigen Mittel und Wege, um gezielt an ihren persönlichen Einschränkungen zu arbeiten.

Neuro- und Ortho-Rehabilitation

Die Intensiv-Therapien werden in der Neuro- und Ortho-Reha-Vechta durchgeführt. Das Konzept basiert auf drei Säulen: Hohe Intensität, Repetition und interprofessionelle Zusammenarbeit aller Fachdisziplinen. „Unser Anspruch ist die bestmögliche Behandlung für jeden Patienten, um ein optimales Ergebnis erreichen zu können", definiert CaseManagerin Kathrin Billo die Behandlungsziele. Schlüssel zum Erfolg sind das perfekte Zusammenspiel der Therapiedisziplinen, die persönliche Patienten-Therapeuten-Beziehung und der Einsatz modernster Behandlungsverfahren. Spezialisierte Fachgebiete wie Neuropsychologie sowie Logopädie, Ergo- und Physiotherapie und der medizinisch-pflegerische Bereich arbeiten hier eng zusammen.

Neben dem Funktionstraining spielen das Alltagstraining aber auch spezielle Formen wie z. B. die Schmerztherapie eine große Rolle. Häufig sind auch Wundmanagement und Ernährungsberatung sowie Psychologie begleitend im Einsatz. Ein weiterer großer Anteil liegt in der Versorgung von Hilfsmitteln, gegebenenfalls Prothesenversorgung, Wohnraumanpassung und auch Strategietraining zu Hause.

Neben hochfrequenter Einzeltherapie werden zur erfolgreichen Behandlung auch neueste wissenschaftlichen Methoden mit Gleichstrombehandlung eingesetzt.   
Unterstützte Kommunikation bei Kommunikationsstörungen individuell auf die Anforderungen des Rehabilitanden abgestimmt.   

Umfangreiche Diagnostik

Wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Therapie ist die neurotherapeutische Diagnostik zu Beginn der Behandlung. Sie beinhaltet die Erhebung von Anamnese und Fremdanamnese, Verhaltensbeobachtung sowie standardisierte Testverfahren und Alltagseinsatz. Dabei werden auch Funktionen des Gehirns wie Denkvermögen, Gedächtnis, Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen, emotionale Störungen und visuelle Wahrnehmungsstörungen sowie die motorischen und sensorischen Bereiche untersucht, um vorhandene funktionelle Ressourcen sowie Defizite zu ermitteln und die Auswirkungen der Störungen auf die Teilhabe im Alltag zu erfassen. Gemeinsam mit den Spezialisten der anderen Fachbereiche erarbeiten die Behandler im Anschluss an die Diagnostik für jeden Rehabilitanden einen individuellen Behandlungsplan mit einer Therapiezielbestimmung, die mit dem jeweiligen Patienten abgestimmt wird. „Da zentrale Störungen der Sprachverarbeitung in der Regel mit anderen neurologischen Störungen auftreten, reicht es nicht aus, die reine Sprachfunktion zu therapieren. Es ist zwingend erforderlich, interprofessionell an den Beeinträchtigungen zu arbeiten, um einer erfolgreichen Rehabilitation eine Chance zu geben", stellt Stephan Benhamza fest.

Eine Frage der Intensität

Darüber hinaus ist die Intensität ein maßgeblicher Faktor für die Wirksamkeit der Therapie. So empfehlen die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, dass beispielsweise systemische Sprachtherapie bei Vorliegen von Kommunikationsstörungen täglich stattfinden soll. Auch Gruppentherapie und Computereinsatz wurden in Studien positiv bewertet: linguistische als auch kommunikative Fähigkeiten können damit deutlich verbessert werden. Was in Studien zur Wirksamkeit der Intensiv-Therapie untersucht wurde, wird im Aphasie-Zentrum Vechta schon seit mehr als 25 Jahren umgesetzt. Mindestens eine logopädische Einzel-, eine Gruppentherapie sowie PC-Training gehören zum täglichen Programm. Abgestimmt mit den Angeboten der Ergo- und Physiotherapie umfasst ein Therapietag sechs bis zehn intensive Behandlungen. Vor allem das repetitive Vorgehen sorgt für eine nachhaltige Wirkung.

In dem modernen und speziell für neurologischen Patienten abgestimmte Trainingsgerätepark arbeiten die Therapeuten individuell und alltagsorientiert an den Zielen jedes Einzelnen.   
Das Arm-Handlabor: Beim robotik-gestützten Training oder Übungen mit Handschienen können beeinträchtigte Funktionen von Schulter, Arm, Hand und Fingern (Feinmotorik) auf vielfältige Weise trainiert werden.   

Eine echte Herausforderung

Ungewöhnlich aber durchaus erfolgreich sind die zeitgleich durchgeführten Therapien unterschiedlicher Fachrichtungen. Schritt für Schritt nach vorn geht es beispielsweise bei der Kombination aus Physiotherapie und Logopädie. Was einfach klingt, ist für Rehabilitanden mit motorischen Einschränkungen eine echte Herausforderung: Während der nach Vorgabe durchzuführenden Bewegungen, Fragen zu beantworten oder sich auf ein Gespräch einzulassen, erfordert höchste Konzentration und viel Übung.

Modernste Technik

Für Betroffene ist Mobilität ein entscheidender Faktor, um möglichst selbstständig zu sein und am sozialen Leben teilhaben zu können. Damit sie ihren Alltag mit beiden Händen bewältigen können, bieten die Ergotherapeuten der Einrichtung neben den klassischen auch spezielle Therapien für die oberen Extremitäten an. In einem Arm- und Handlabor wird durch evidenzbasierte Testungen der Ist-Zustand in Bezug auf Stärken und Defizite festgestellt. Als Therapiemaßnahme findet neben dem robotikgestützten Training und Übungen mit speziellen Orthesen auch das sogenannte alltagsorientierte Training statt. Dabei werden die (wieder-) erlernten Fähigkeiten und Funktionen in den Alltag transferiert. „Die Physiotherapie wurde 2014 mit einer neuen Abteilung für Gangrehabilitation mit neuesten robotikgestützten Geräten erweitert", erklärt Kathrin Billo und ergänzt: „Die moderne Technik ermöglicht es den Patienten, sehr viel schneller als mit konventionellen Therapien, ihre Gehfähigkeit wiederzuerlangen".

Im Gesundheitsprozess ist soziale und berufliche Wiedereingliederung besonders wichtig.   
In Deutschland erleiden jährlich 3000 Kinder nach einer Schädel-Hirn- Verletzung neben motorischen Beeinträchtigungen auch eine Aphasie.   

Diagnose Long Covid

In Folge der Corona-Pandemie hat sich das Behandlungsspektrum der Rehaklinik erweitert. Auch Long-Covid-Patienten werden hier seit gut einem Jahr behandelt: „Wir haben schnell bemerkt, dass die Long-Covid-Symptome wie Kopf- und Muskelschmerzen, Gedächtnis-, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, bleierne Müdigkeit, Erschöpfung, Lärmempfindlichkeit und Schwindel Parallelen zu den Folgeerkrankungen eines Schlaganfalls aufweisen," erklärt Kathrin Billo. Gravierende Unterschiede gibt es in der Behandlung. Während Schlaganfallpatienten für einen optimalen Therapieerfolg oft an ihre Leistungsgrenzen geführt werden, brauchten Long-Covid-Patienten extrem lange Ruhepausen.

Grenzen überschreiten

Die wöchentliche Kartenrunde, Klönen beim Stammtisch, das Match auf dem Tennisplatz und auch die Ausübung des Berufes gehören für viele Rehabilitanden erst einmal der Vergangenheit an: „Sprach- und Bewegungsstörungen machen einsam, verändern das ganze Leben", weist Stephan Benhamza auf einen wesentlichen Aspekt der Erkrankung hin. „Im Gesundungsprozess ist – neben der Arbeit an den sprachlichen und motorischen Funktionsstörungen – die Wiedereingliederung in das soziale und berufliche Umfeld besonders wichtig." Mit einem im letzten Jahr vom Aphasie-Zentrum im Herzen von Langförden eingerichteten integrativen Café „Einfach Moin" und der „Werkstatt" eröffnen sich für die Patienten neue Perspektiven. Begleitet von Therapeuten können sie hier ihre wiedererlangten Fähigkeiten in einem geschützten Rahmen ausprobieren, Grenzen überschreiten und auch eine Arbeitserprobung vornehmen. Ob im Service, in der Küche, der Lagerlogistik, Handwerk oder bei der Abrechnung – Teamwork und Kommunikation tragen dazu bei, das Selbstvertrauen zu stärken, den beruflichen Wiedereinstieg vorzubereiten und so den Weg zurück zu den Worten und Bewegung zu finden.

INFO | REHAZENTRUM

  • 18 Rehaplätze für Intensiv-Therapie in der Neuro-Reha-Vechta und Ortho-Reha-Vechta
  • Niedersachsens größte Ambulanz für Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie und Neuropsychologie mit Schwerpunkt Neurologie und Unfallchirurugie/Orthopädie

INFO | PFLEGEZENTRUM

  • 62 Plätze für Kurzzeit-, Verhinderungs- oder Langzeitpflege
  • 12 Plätze Tagespflege
  • 6 Plätze Wohnen mit Anschluss

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