Lebenswelt

Entsorgungsindustrie 4.0

Autor*in: MANFRED BRUNS

Ziemlich geräuschlos werden in Deutschland Jahr für Jahr über 400 Millionen Tonnen Abfälle entsorgt. Weltweit werden wir um diese logistische Meisterleistung beneidet. Aber die Entsorgungsbranche befindet sich in einem gewaltigen Veränderungsprozess. Internationale Konzerne sind auf Einkaufstour. Und ohne eine Ausweitung des Recyclings sind die Umwelt- und Klimaschutzziele nicht zu erreichen.

Seit sieben Jahren ist Manfred Bruns Geschäftsführer bei Siemer. Das 1921 gegründete Familienunternehmen ist flexibel aufgestellt und für die kommenden Herausforderungen bestens gewappnet.   

Wer einmal gesehen hat, wie Neapel im Müll versinkt, will das deutsche Abfallentsorgungssystem nicht mehr missen. Zuverlässig und regelmäßig werden private und gewerbliche Wert- und Reststoffe fachmännisch entsorgt. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Im Großen und Ganzen funktioniert das System mit privaten und kommunalen Entsorgungsunternehmen hervorragend. Aber so wie viele andere Wirtschaftszweige auch, befindet sich die Abfallwirtschaft gerade in einem weitreichenden Veränderungsprozess und stellt insbesondere regionale Entsorgungsbetriebe wie Siemer vor große Herausforderungen.

Marktentwicklung

Ein Thema, das die gesamte Branche gerade beschäftigt, sind die höchst volatilen Märkte. Die Entwicklungen sind kaum vorhersehbar, weshalb Flexibilität mittlerweile eine Grundvoraussetzung ist, um am Markt zu bestehen. War es vor drei bis vier Jahren zum Beispiel noch höchst problematisch, überhaupt Reststoffe in einer Anlage für die thermische Verwertung unterzubringen, hat nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr selbst die Beseitigung der riesigen Sperrmüllmengen keine Engpässe verursacht. Die Preise für Altpapier wiederum waren Anfang 2021 dramatisch eingebrochen und haben danach wieder deutlich angezogen. Die Märkte spielen – wie in anderen Industriezweigen auch – verrückt und niemand weiß genau warum. Ausgenommen scheint im Moment lediglich das Kunststoffrecycling zu sein. Dort kennen die Preise seit einiger Zeit nur eine Tendenz: nach oben. Noch vor wenigen Jahren wurden fast alle Kunststoffreste nach Asien exportiert, weil das viel günstiger war. Heute müssen Rohstoffe in der EU bleiben, die Exportquote ist gleich null – und trotzdem ist der Markt wie leergefegt. Recyclate sind teilweise teurer als Neuware. Grund dafür sind die weiter steigenden Recyclingquoten seitens des Gesetzgebers und freiwillige Reduktionspläne für den Einsatz von neuem Kunststoff, mit denen einige große Inverkehrbringer den Takt vorgeben.

Früher haben Vereine Altpapier gesammelt, heute macht Siemer das. Aber jede Tonne Altpapier zahlt sich für die Partnervereine aus. Denn Siemer zahlt trotz der erheblich schwankenden Altpapierpreisen seit zehn Jahren konstant den gleichen Förderbetrag.   

Zukunft des Recyclings

Das ist aus Umweltgesichtsgründen eine positive Entwicklung, zu der moderne, extrem schnelle Sortiertechniken einen großen Beitrag leisten. Vor allem beim Post-Consumer-Recycling, also den Reststoffen im gelben Sack, ist trotz modernster Maschinentechnik aber immer noch Luft nach oben. Dort geschieht die beste Trennung allerdings auch heute noch vor Ort. Denn je unreiner, nasser und dreckiger Wertstoffe sind, desto schlechter ist die Wiederverwertung, da der Aufwand durch das Waschen steigt und die Sortiergeschwindigkeit massiv abnimmt. Um die Recyclingquoten weiter zu steigern, wird zudem an einfacheren Verpackungen kein Weg vorbeiführen. Ziel des Verpackungsdesigns müssen ansprechende, funktionelle und trotzdem einfach zu recycelnde – also sortenreine und farblose – Verpackungen sein. Und trotz aller Anstrengungen beim Recycling wird die Einhaltung der Klimaziele nicht ohne die Ausweitung von cleveren Pfandsystemen gehen.

Moderne Technik bei Siemer: Für mehr Sicherheit auf den Straßen rüstet das Vechtaer Familienunternehmen nicht nur Neufahrzeuge, sondern freiwillig auch Bestandsfahrzeuge mit elektronischen Abbiege- und Rückfahrassistenten aus. Dank der GPS-Ortung haben die Disponenten alle Fahrzeuge im Blick, was auch die kurzfristige Abholung einer vollen Tonne ermöglicht.   

Marktkonsolidierung

Die über Jahrzehnte gewachsene Marktstruktur ist in den letzten Jahren stark in Bewegung geraten. Spätestens mit dem Markteintritt der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) hat eine tiefgreifende Konsolidierung eingesetzt. Vor rund zehn Jahren begann der Konzern zunächst mit der Sammlung eigener Wertstoffe, damals noch unter dem Namen GreenCycle. 2018 erfolgte eine groß angelegte Neuausrichtung. Unter dem neuen Markenauftritt PreZero wurde der bis dahin fünftgrößte deutsche Entsorger Tönsmeier übernommen. Seitdem erfolgten weitere Übernahmen im In- und Ausland. Ziel ist es, unternehmensintern den kompletten Wertstoffkreislauf abzubilden. Für die Expansion stehen offensichtlich beträchtliche Summen zur Verfügung, ebenso fürs Marketing. Unter anderem ist das Unternehmen Namensgeber für die Heimspielstätte der TSG Hoffenheim in Sinsheim.

Mit dieser offensiven Strategie setzt die Schwarz-Gruppe vor allem den größten deutschen Entsorgungskonzern Remondis unter Druck. Die weltweite Nummer vier hat nach eigenen Angaben rund 900 Standorte auf vier Kontinenten. Über 600 davon liegen in Deutschland. Das Unternehmen mit dem Hauptsitz in Lünen bietet seinen Kunden ebenfalls Dienstleistungen entlang der kompletten Prozesskette von der Reststoffabholung über die -verwertung und -aufbereitung bis zur Rohstoffvermarktung an. Zusätzlich ist Remondis noch in der Abwasserentsorgung und Wasserversorgung sowie in der Energieerzeugung aktiv. Angesichts der neuen Konkurrenz aus Süddeutschland hat der Konzern in den letzten Jahren verstärkt auf Zukäufe gesetzt und einige kleine und mittelständische Entsorger übernommen, so wie Mitte 2021 auch das von Siegfried Trimpe 1984 gegründete in Lohne beheimatete Unternehmen OME.

Kein Weg ist zu weit, kein Hof ist zu abgelegen: Während sich andere Entsorger auf lukrative, dicht besiedelte Gebiete konzentrieren, sind die Fahrzeuge von Siemer auch in den entlegensten Winkeln des Landkreises regelmäßig zu finden.   

Herausforderungen

Diese finanzstarken Mitbewerber stellen mittelständische Familienbetriebe wie Siemer vor neue Herausforderungen. Mit ihrer Marktmacht sind die Konzerne in der Lage, günstigere Einkaufspreise bei Maschinen und Fahrzeugen durchzusetzen. Durch die vertikale Integration haben sie entlang der gesamten Prozesskette von der Sammlung bis hin zur Vermarktung bessere Möglichkeiten die Preise zu bestimmen. Aber viele regionale Entsorger haben sich in den letzten Jahren darauf eingestellt und können durchaus mithalten. Dank kurzer Entscheidungswege und höchster Flexibilität sind sie der übermächtig erscheinenden Konkurrenz oft eine Nasenlänge voraus.

Ein gutes Beispiel dafür ist bei Siemer der geplante Umbau der erst 2019 in Betrieb genommenen Sortieranlage für Gewerbemüll. Da sich die Voraussetzungen auf dem Recyclingmarkt stark verändert haben, kam der Gedanke auf, ob sich der Standort nicht für den Einstieg in das chemische Recycling eignen würde. Mithilfe dieser Technik lassen sich PE- bzw. PP-Kunststoffe in Leichtverpackungen, die sonst in die thermische Verwertung gehen, wieder nutzbar machen. In der Kunststoffindustrie wird damit schon länger experimentiert, aber bislang lohnte sich der relativ aufwendige Prozess finanziell nicht. Das hat sich aufgrund der Rohstoffknappheit und der gestiegenen Preise geändert. Anders als in großen Konzernen fiel die Entscheidung bei Siemer für die Investition in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro innerhalb kürzester Zeit. Es bedurfte weder langwieriger Marktstudien noch dutzender Gremiensitzungen, um die neue Recyclingtechnologie auf den Weg zu bringen.

Digitalisierung

Tradition – auch wenn sie wie bei Siemer 100 Jahre zurückreicht – genügt im harten Wettbewerb alleine schon lange nicht mehr. Deswegen setzt auch die Entsorgungsbranche auf Digitalisierung. Siemer hat beispielsweise bereits 2015 die GPS-Ortung von Fahrzeugen und die GPS-Zeiterfassung eingeführt. Für die Disposition ist das ein Meilenstein, der auch den Kunden zugutekommt. Denn wenn der Disponent jederzeit alle Fahrzeuge im Blick hat, kann die kurzfristige Abholung eines vollen Containers auf Kundenwunsch schneller mal dazwischen geschoben werden.

Mit der GPS-Technik können auch die Standorte von Altglascontainern erfasst werden. Dadurch ist es möglich, automatisch eine aktuelle Liste der Sammelstellen für das Internet zu generieren. Bei über 200 Containern, die Siemer anfährt, wäre das händisch nur mit erheblichem Aufwand zu lösen. Für die kommunale Müllabfuhr wurde zudem der digitale Tourenplan eingeführt. Dadurch kann jeder Fahrer jede beliebige Tour abfahren, bei gleichbleibender Servicequalität. Weitere Neuerungen wie die Containerortung sind bereits in Planung. Alle Investitionen in die digitalen Prozesse haben immer die Steigerung des Kundenservices und die Optimierung bestehender Workflows zum Ziel, was sich letztlich wieder in den Entsorgungspreisen niederschlägt.

Wenn der Entsorgungsspezialist vor Ort ist, profitieren Gewerbekunden und Kommunen von dem Know-how und den kurzen Wegen. Die Bürgerinnen und Bürger erhalten eine zuverlässig funktionierende Abfuhr zu marktgerechten Preisen.   

Verantwortung

Insbesondere die regionalen Entsorgungsunternehmen wie Siemer sind sich ihrer Verantwortung für ein reibungslos funktionierendes Abfallwirtschaftssystem bewusst. Es ist einfach etwas anderes, wenn der Unmut über nicht abgeholte Tonnen von einem anonymen Callcenter abgefedert wird oder abends beim Restaurantbesuch direkt gegenüber den Firmeninhabern am Nachbartisch geäußert wird. Von der Verbundenheit mit der Region profitieren daher in der Regel alle Beteiligten: Die Bürgerinnen und Bürger erhalten eine zuverlässig funktionierende Abfuhr zu marktgerechten Preisen, Gewerbekunden und Kommunen haben für ihre Fragen und Probleme einen Entsorgungsspezialisten vor Ort, der mit ihnen schnell und flexibel individuelle Lösungen erarbeitet – und auch mal über den kurzen Dienstweg zu erreichen ist.

Der Lokalpatriotismus hat bei Siemer noch weitere gute Seiten. Die Vereinsförderung, die aus der traditionellen Altpapier-Sammlung durch die Vereine hervorging, wäre bei einem internationalen Konzern wohl kaum denkbar. In Vechta erhalten die Partnervereine trotz der erheblich schwankenden Altpapierpreise seit zehn Jahren konstant den gleichen Betrag pro Tonne. Auch die Sicherheit auf den Straßen ist dem Familienunternehmen ein Anliegen. Während der Gesetzgeber elektronische Abbiege- und Rückfahr assistenten nur bei Neufahrzeugen vorschreibt, rüstet Siemer auch Bestandsfahrzeuge freiwillig damit aus und leistet damit einen Beitrag zur Vermeidung von Unfällen.

Ausblick

Die Entsorger in Deutschland haben sich den veränderten Bedingungen gestellt. Insbesondere viele der kleinen und mittleren Unternehmen sind flexibel aufgestellt und bestens für die Zukunft gewappnet. Höhere Recyclingquoten können kommen: Die Entsorgungsindustrie und Siemer sind bereit dafür.

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