Kunststofftechnik

Kunststoffrecycling 4.0

Autor*in: PETRA HELLMANN

Bei der SL Recycling GmbH in Bakum wird Realität, was viele sich schon lange wünschen: Das Unternehmen schließt den Materialkreislauf für gebrauchte Folien, in dem es diese mit modernster Technologie sortiert, reinigt und als Regranulat zur Herstellung neuer Folien wieder in die Kunststoffindustrie zurückbringt.

Auf neuen Wegen: Jürgen Sterzenbach, Dr. Stephan Siemer und Ludger Ostendorf recyceln Kunststofffolien.    

Rund 58 Millionen Tonnen Kunststoff wurden in 2019 allein in Europa produziert. Marktführer im europäischen Vergleich ist Deutschland. Obwohl die Produktionsmenge der deutschen Kunststoffižndustrie rückläufižg ist, macht sie in etwa ein Drittel des in Europa hergestellten Kunststoffs aus. Die europaweit am häufižgsten verwendeten Kunststofftypen Polyethylen (PE) und Polyprophylen (PP) werden in vielen Kunststoffverpackungen eingesetzt. So unbestreitbar der praktische Nutzen des Materials auch ist – die Auswirkungen von Plastikmüll auf die Umwelt sind verheerend, da Kunststoffprodukte vielfach falsch entsorgt und nicht wiederverwertet werden: „Vor diesem Hintergrund ist das Recycling von Kunststoffen und der Aufbau einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft ein wesentlicher Beitrag zum Schutz unseres Ökosystems", stellt Dr. Stephan Siemer, Geschäftsführer der SL Recycling GmbH fest.

Nach knapp einjähriger Bauzeit hat die SL Recycling GmbH im Januar 2021 den Betrieb im Gewerbegebiet in Bakum aufgenommen.   

Modernste Technik

Gemeinsam mit Ludger Ostendorf gründete er 2018 in Kooperation mit Engelbert Schwenz, dem früheren Technischen Leiter und Prokuristen der WELA-Plast GmbH in Goldenstedt, das Unternehmen zur Aufbereitung und Wiederverwendung gebrauchter Verpackungsfolien. Nach gemeinsamer Planungsphase konnte nach knapp einjähriger Bauzeit im Januar 2021 der Betrieb aufgenommen werden. Zwei je 3000 und 5000 Quadratmeter große Hallen, vier 15 Meter hohe Silos mit einem Fassungsvermögen von je 40 Tonnen sowie großzügigen Flächen zum Be- und Entladen von LKWs sind von weitem gut erkennbar. Das direkt an der BAB 1 gelegene Werk im Gewerbegebiet der Gemeinde Bakum bietet eine optimale Anbindung für die Logistik. Investiert wurde ganz bewusst in modernste und energieeffižziente Anlagentechnologie. In einzigartiger Kombination von mehreren nacheinander geschalteten Bearbeitungsstufen werden so hervorragende Recyclingergebnisse erzielt.

Pioniere mit Erfahrung

Das Gründungs- und Leitungsteam kann auf langjährige Erfahrung in den Bereichen Entsorgung und Recycling von Kunststoffabfällen sowie der Produktion von verschiedenartigen Kunststoffprodukten zurückgreifen. Das fundierte Wissen rund um das Thema Recycling und die Herstellung von Granulaten aus gebrauchten Kunststoffverpackungen ist in einem hohen Maße vorhanden. „Gebrauchte Folien zur Wiederverwendung aufzubereiten, ist für uns alle ein spannendes Tätigkeitsfeld. In intensiven Gesprächen mit entsprechenden Spezialisten konnten wir unser Wissen vertiefen und so in der Planungsphase berücksichtigen.", erklärt Geschäftsführer Ludger Ostendorf. Seit April 2021 unterstützt Jürgen Sterzenbach  mit viel Know-how aus seinen Jahren als Führungskraft in der regionalen Kunststoffbranche als weiterer Geschäftsführer die Firmenleitung.

Thermische Verwertung vs. Recycling

Ein großer Anteil der riesigen Mengen an Folienabfällen wird aufgrund von Verschmutzungen oder Überlagerungen mit Fremdstoffen als Ersatz für primäre Brennstoffe wie Kohle, Erdöl und Gas thermisch verwertet und verlässt damit das System des geschlossenen Materialkreislaufs. Dies führt außerdem dazu, dass fossile Bestände in erheblichem Umfang weiterhin für die Herstellung von Neuwaren-Granulaten abgebaut werden. „Für unsere Recyclingaktivitäten im Werk Bakum verwenden wir ausschließlich gebrauchte Folien (PCR) aus Gewerbe und Industrie. Unsere so hergestellten und wiederverwendbaren Regranulate bieten eine echte Alternative zur thermischen Verwertung. Dies ist unser Beitrag, Materialkreisläufe zu schließen, Ressourcen zu schonen und unsere Umwelt zu  schützen", so Jürgen Sterzenbach, der zudem auf den geringen Stromverbrauch der energieefžfizienten Anlagentechnik am Produktionsstandort in Bakum hinweist.

Förderbänder transportieren die zuvor zerkleinerten Folienteile zum vollautomatisieren Aussortieren von Fremdstoffen wie Holz, Papier oder Metall.   
Herzstück der Anlage ist die kamerabasierte Nahinfrarot-Technologie: Folienteile werden nach Art und Farbe mit Infrarotlicht selektiert sowie mit Druckluft sortiert.  

Vom Müll zum hochwertigen Industriegut

Die aus 300 Kilometer Umkreis um den Standort Bakum angelieferten Ballen aus Folienabfällen türmen sich in der Lagerhalle des jungen Unternehmens meterhoch. Aus dem gewerblichen Post Consumer Bereich kommend, haben sie als Abdeckung von  pargelfeldern, Müll- oder Wertstoffsack, als Kaufhaus- oder Gewerbefolien schon einen oder mehrere Gebrauchszyklen hinter sich, bevor sie der innovativen Sortierung in der Produktionshalle zugeführt werden. Zuerst erfolgt die Zerkleinerung der Folienabfälle.  Über Förderbänder werden die nun kleinen Folienstücke transportiert, große Magnete ziehen Metallteile heraus und ein 3D-Ballistikseperator trennt flächige von zusammengepappten Kunststoffen. Auf einem zweiten Sortierband werden die Folienteile nach Art  und Farbe durch Infrarotlicht detektiert sowie mit Druckluft aussortiert: „Eine Zweifach-Sortierung garantiert höchste Qualität unserer fremdstofffreien Bunt- und Klarfolien sowie unserer hochwertigen Regranulate, die wir zur Herstellung neuer Kunststoffprodukte in den Markt bringen. Herzstück der Anlage ist dabei die Nahinfrarot-Technologie", konkretisiert Jürgen Sterzenbach.

Die Schwesterfirma WELA-Plast

Nach dem Sortiervorgang werden die Folien getrennt: Um sie Kunden zur eigenen Weiterverarbeitung zur Verfügung zu stellen, wird der eine Teil zu sortenreinen Ballen gepresst. „Ziel von SL Recycling ist aber vor allem die Herstellung von Regranulaten", betont Jürgen Sterzenbach. Während diese bei der Schwesteržfirma WELA-Plast in Goldenstedt je nach Kundenwunsch produziert werden, konzentriert sich das Werk in Bakum auf die Herstellung von Standard-Regranulaten für die kunststoffverarbeitende Industrie. „WELA-Plast hat in den letzten Jahrzehnten ein großes Know-how, insbesondere in der Verarbeitung von Polypropylen und -ethylen, aufgebaut und ist in der Lage, auch die anspruchsvollsten Kundenwünsche umzusetzen. Neben dem Angebot von Standardkunststoffen und der Tätigkeit im Bereich der Lohnregranulierung hat sich unsere Schwesteržfirma vor allem auf individuelle Lösungen spezialisiert. Unter anderem ist die Fertigung von exklusiven Werkstoffen unter Zugabe von verschiedenen Farb- und Verarbeitungsadditiven möglich. So können zum Beispiel auch die technischen Eigenschaften verschiedener Regranulate positiv beeinflusst werden", gibt Dr. Stephan Siemer einen Überblick zum Leistungsspektrum des Partnerunternehmens.

In Bakum werden Regranulate zur Produktion neuer Folien ausschließlich aus Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) Abfallfolien gefertigt.  

Neue Folien aus Regranulat

Die thermoplastischen Kunststoff-Regranulate werden vorwiegend aus gebrauchten Folienabfällen hergestellt. In die dafür notwendige Recyclingtechnologie hat SL Recycling im großen Umfang investiert. Die angelieferten Abfallfolien werden zunächst grob zerkleinert und anschließend automatisch sortiert. Weitere Verfahrensschritte wie Feinzerkleinerung und Trockenreinigung der Folien folgen. Das fertige und wiederverwendbare Regranulat wird am Ende des Herstellungsprozesses im Extruder erzeugt. „Mit diesen modernen Anlagen können wir eine efžfiziente und homogene Verarbeitung gewährleisten. Störende Fremdstoffe wie zum Beispiel Sand oder auch anhaftende Papieretiketten werden im laufenden Extrusionsprozess herausgežfiltert und ausgeschleust. Das verbleibende Material wird durch Druck und Temperatur verflüssigt, durch Düsen gepresst und so in linsenförmige Granulate ausgebracht", erklärt Ludger Ostendorf und ergänzt: „Durch den Einsatz einer umfangreichen und produktionsbegleitenden Qualitätsüberwachung werden die erzielten Materialkennwerte direkt kontrolliert. Diese Überwachung gibt uns aber auch unserer Kundschaft die Gewissheit, eine konstante gute Qualität des Regranulates einsetzen zu können."

Pro Tag produzieren die Mitarbeiter in drei Schichten derzeit rund 40 Tonnen Regranulat. Ausgelegt ist die Anlagenkapazität für 100 Tonnen, die lose im Silo-Zug oder in Big-Bags verpackt, täglich abgeholt werden. Durch kurze Wege bei der Anlieferung der Folienabfälle, Verkauf der Folienballen sowie der Regranulate überwiegend in der Region werden ökologische Aspekte auch in den Bereichen Logistik und Transport berücksichtigt. „Unsere vollautomatisierten, technisch ausgereiften Sortierstrecken sind bei der Verarbeitung von Folienabfällen zur Stabilisierung des Produktionsprozesses von zentraler Bedeutung. Dadurch können wir eine konstant hohe Qualität unserer Regranulate garantieren", stellt Dr. Siemer abschießend fest.

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