Lebenswelt

Kai erforscht die Kultur im OM

Dass ländliche Regionen durch Industrialisierung, als Global Player und Hidden Champions vielschichtige Räume ökonomischer Transformationen sein können, zeigt sich im Oldenburger Münsterland jeden Tag. Welche Rolle dabei jedoch auch kulturelle Transformationen spielen, ist weit weniger bekannt. Deswegen beschäftigt sich das Institut für Kulturanthropologie des Oldenburger Münsterlandes, das vor zwei Jahren offiziell gegründet wurde und seit Januar 2020 im ehemaligen Wärterhaus des Museumsdorf Cloppenburg zu finden ist, damit.

Prof. Dr. Christine Aka Geschäftsführerin des Instituts für Kulturanthropologie des Oldenburger Münsterlandes

Die Region Südoldenburg versteht sich heute, vom Regionalmarketing seit den 1980er-Jahren gefördert, als Oldenburger Münsterland. Historisch als Niederstift Münster ein Teil Westfalens, kam das Gebiet 1803 an das Herzogtum Oldenburg und wurde damit in ein
protestantisches Territorium eingegliedert. Bereits von Münster und nun auch von Oldenburg aus wurde die wirtschaftlich uninteressante, arme Gegend als periphere Region wahrgenommen. Hier entwickelte sich eine kleinregionale, sehr konfessionell geprägte Identität mit einem starken Hang zur Abgrenzung von den benachbarten evangelischen Regionen: Heiraten zwischen Partnern aus Visbek und Ahlhorn, aus Goldenstedt und Harpstedt, aus Essen und Quakenbrück, aus Nikolausdorf und Littel – quasi unmöglich, wollte man nicht zum totalen Außenseiter werden. Zum Feiern blieb man unter sich, und für eine höhere Ausbildung ging man in eine katholische Stadt, meist nach Münster.

Obwohl man sich bemühte, „gute Oldenburger" zu sein – nirgendwo wird noch heute die Oldenburger Hymne „Heil Dir o Oldenburg" so häufig gesungen wie auf Festen in Südoldenburg –, blieben die Katholiken in Oldenburg fremd und galten in Westfalen als die kulturell Rückständigen aus Oldenburg. In dieser Gemengelage von Westfalen und Oldenburg gefangen, von beiden nicht wirklich integriert und auch jeweils mit abwertenden Stereotypen belegt, gründet das Selbstverständnis als eigene Region.

Trotz der starken regionalen Identität sind nur wenige Stereotype nach außen hin wirksam. Die Agrarindustrie prägt das Bild, Wirtschaftswachstum, hochindustrialisierte Prozesse, ob nun positiv bewertet oder sehr kritisch gesehen. Doch nur die ökonomischen Faktoren zu sehen, kann den Menschen in einer Region nicht gerecht werden. Wie man hier tatsächlich tickt, lassen weder Arbeitslosenzahlen noch Schweine- oder Hühnerdichte erkennen.

Angesichts der rasanten Globalisierung sind regionale Identitäten sowohl innerhalb als auch außerhalb des Oldenburger Münsterlandes in den letzten Jahren in den Fokus gerückt; regionale Bräuche werden gar als Weltkulturerbe unter Schutz gestellt, Begriffe wie Heimat oder Glokalisierung werden intensiv diskutiert.

Die besondere historische Entwicklung und die Anpassungsprozesse an die moderne Ökonomie, gepaart mit spezifischen konfessionellen und mentalen Strukturen, werfen auch im Oldenburger Münsterland eine Fülle von kulturanthropologischen Fragen auf. Wie geht es den Menschen, wenn sie innerhalb weniger Jahrzehnte aus einer eher kleinräumigen Welt in die Globalisierung katapultiert werden, sie zum Beispiel als Arbeitnehmer in der Agrarindustrie in weltweit tätigen Unternehmen beschäftigt sind? Werden die Erfahrungen der Globalisierung am Wochenende „in den Schrank gehängt", wenn man mit den Freunden aus der Jugendzeit feiert? Kehren vielleicht gerade wegen der Freundescliquen viele Akademiker auch nach dem Studium zurück, weil sie diesen sozialen Kitt der Zugehörigkeit suchen? Wie wird dieser Kitt ritualisiert und tradiert? Die Globalisierung hat auch über mehrere Migrationswellen Einzug in die Region gehalten. Wie werden die eingewanderten Migranten in diese Kultur integriert, gibt es Parallelgesellschaften?

Wie gehen die ehemaligen Protagonisten der agrarischen Welt, die Bauern, damit um, wenn nur wenige von ihnen die Dynamik des Wachstums mitmachen können, viele andere aber ihre traditionsreichen Höfe aufgeben und ihre bisherige Rolle in der Gesellschaft verlieren? Welche Rolle spielt die Konfession, die einst alles bestimmte, noch für die Alltagskultur? Noch in den 1960er-Jahren wurde zur Erntezeit die persönliche Zustimmung des Pfarrers eingeholt, wenn man sonntags arbeiten musste. Heute wird in mehreren Schichten rund um die Uhr gewirtschaftet. Die Emanzipation vom Einfluss der kirchlichen Instanzen hat enorme kulturelle Folgen und bringt viele Friktionen mit sich.

Noch in den 1970er-Jahren bezogen volkskundliche Forschungen in Münster ganz selbstverständlich die ehemaligen Regionen des Niederstifts ein. Dies hat sich geändert. An der Universität Vechta gibt es zwar eine starke regionalhistorische und landesgeschichtliche Forschungstradition, doch standen hier kulturanthropologische Fragestellungen bislang nicht im Vordergrund.

So entstand die Idee, eine Forschungsstelle zu etablieren, die sich genau solchen Fragen und Prozessen annähert. Im Zusammenwirken der Universität Vechta, des Museumsdorfs Cloppenburg und der Kreise Cloppenburg und Vechta wurde dazu in einer deutschlandweit einmaligen Weise eine Kooperation eingegangen und das Kulturanthropologische Institut Oldenburger Münsterland als An-Institut der Universität Vechta gegründet. Mitglieder des Vereins sind zudem der Heimatbund, die Bernhard Remmers-Akademie, die Anna und Heinz von Döllen-Stiftung, die Niedersächsische Kommission für Volkskunde und der Heimatbund Oldenburger Münsterland.

Mittlerweile mit zwei festen Wissenschaftler* innen und zwei Volontär*innen besetzt, begann vor gut einem Jahr die Feldforschung. Der direkte Kontakt mit den Menschen durch Gespräche und Interviews im Feld ist die eigentliche Methode dieser Wissenschaft. Zunächst hat man sich drei Themen vorgenommen.

Strukturwandel und Landwirtschaft

Eins davon ist „Strukturwandel und bäuerliches Selbstverständnis – Landwirtschaft im Oldenburger Münsterland" (Thomas Schürmann). Dass das Agrobusiness und seine nachgelagerten Industrien die Region OM prägen, ist hinlänglich bekannt. Doch gleichzeitig stehen die Landwirte seit Jahrzehnten unter wachsendem wirtschaftlichen Druck. Überdies sehen sie sich aufgrund der Intensivtierhaltung und ihrer Folgelasten einem wachsenden gesellschaftlichen Unverständnis ausgesetzt. Die Zukunft vieler Höfe ist ungewiss. Innerhalb der Bundesrepublik gilt die Hofnachfolge bei nur 30 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe als gesichert. Auch in Südoldenburg stehen viele Betriebe spätestens mit dem Generationenwechsel vor der Schließung.

Das Projekt untersucht auf der Grundlage erzählender Interviews, wie sich die Betroffenen, das heißt die Landwirt*innen, in dieser Situation verhalten, wie sie ihre Aussichten einschätzen und welche Strategien sie entwickeln. Auch das Verhältnis zur Tradition ist von Bedeutung: Welche Rolle spielt das Hofdenken, nach dem die persönlichen Belange weitgehend dem Erhalt des Betriebes untergeordnet werden, und welche Rolle spielt der Gedanke der Freiheit des selbständigen Landwirts? Sind sie eine mentale Stütze, oder sind sie eher ein Ansporn zur Selbstausbeutung? Werden hergebrachte Formen des Erbrechts, die den Hofnachfolger deutlich privilegieren, weiterhin weitgehend fraglos hingenommen? Wie haben sich der Alltag und das Berufsbild der Landwirte verändert? Über die Ebene der Betriebe hinaus fragt das Projekt, wie Dörfer sich entwickeln, in denen oft nur noch wenige landwirtschaftliche Betriebe aktiv sind, und welche Rolle die Landwirte, die jahrhundertelang die tonangebende Bevölkerungsgruppe bildeten, in den Gemeinden spielen. Diese Fragen sind über den Agrarsektor hinaus von Bedeutung, denn mit der Landwirtschaft ändert sich der Charakter des gesamten ländlichen Raumes.

 

Wachsen oder weichen: nostalgisches Treckertreffen in Hagstedt

Jugendkultur im OM

In einem weiteren Thema geht es um „Abtanzball, Einmehlen und Schachtelkranz – Jugendkultur im Oldenburger Münsterland" (Malaika Winzheim). Das Oldenburger Münsterland ist eine der jüngsten Regionen in Deutschland, unter anderem begünstigt durch eine der höchsten Geburtenraten in der gesamten Bundesrepublik. Ein breites Angebot an kulturellen Angeboten und eine blühende Vereinsdichte tragen ebenfalls dazu bei, dass sich junge Menschen hier wohlfühlen. Grundlage der Forschung bilden Interviews mit jungen Menschen aus der Region. Auch private Fotografien werden hinzugezogen. Das Projekt untersucht die Kennzeichen der Jugendkultur und dabei besonders die Funktionen von Cliquen, Vereinen, Nachbarschaften und anderen sozialen Verbänden.

Mit 14 Jahren begehen viele Jugendliche im Anschluss an den Besuch einer Tanzschule einen Abtanzball. Für die meisten von ihnen bedeutet das, ihre erste richtige Party zu feiern – natürlich unter elterlicher Aufsicht. Zum 16. Geburtstag findet in Teilen Südoldenburgs ein außergewöhnlicher, aber charakteristischer Brauch statt: Die Jugendlichen werden von ihren Freunden „eingemehlt". Mit diesem Ritual wird der Übergang in eine Lebensphase mit neuen Freiheiten gefeiert. Neben der Wertschätzung, die sich in selbstverfassten Gedichten und Sprüchen unterhaltsamer Natur äußert, die auf Schildern für die Nachbarschaft gut sichtbar am Haus angebracht werden, spielt natürlich auch der Spaßfaktor des Vorgangs eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zum 25. Geburtstag ist es üblich, den unverheirateten Frauen einen Schachtelkranz vorbeizubringen. Das Symbol spricht für sich: Sie ist nun offiziell eine alte Schachtel! Den unverheirateten Männern wird zu diesem Ereignis ein Flaschenkranz gebracht; im Schaltjahr wird getauscht. Eigentlich haben wir es hier mit einem Rügebrauch zu tun, wenngleich es heute nicht mehr als solcher empfunden wird, sondern vor allem dazu dient, die bestehenden Freundes- und Bekanntenkreise zu pflegen.

Die obere Altersgrenze des Jugendkultur-Projekts wurde auf 30 Jahre festgelegt, denn durch die Verlängerung der Lebensphase der Adoleszenz fallen noch weitere interessante Bräuche mit in diesen Bereich. Ein recht bekanntes Beispiel dazu ist das Treppenfegen der unverheirateten Männer am 30. Geburtstag. Unverheiratete Frauen müssen dann Klinken putzen; auch hier wird im Schaltjahr wieder getauscht. Bei der Forschung muss jedoch beachtet werden, dass es nicht „die" Jugend als homogene Gruppe gibt. Auch die Veränderungen von Bräuchen, etwa ihre Modernisierung oder Individualisierung, findet hier Beachtung. Ein weiterer entscheidender Aspekt des Projekts: Die Bedeutung des Oldenburger Münsterlandes als Heimat für die jungen Menschen wird herausgearbeitet, denn regional gepflegte Bräuche sind immer auch ein Ausdruck lokaler Identitätsstiftung, für die es gerade angesichts der allgegenwärtigen Globalisierung ein verstärktes Bedürfnis zu geben scheint.

Jugendkultur Schachtelkranz (links) und Hochzeit in Halter (rechts)

Missionarinnen global lokal

Das letzte Thema ist „Missionarinnen global lokal – Netzwerke im katholischen Milieu" (Christine Aka und Inga Dickerhoff). Ob Malawi-Kreis, Indien-Hilfe, Togo-Verein oder Brasilienunterstützerclub – in vielen Kirchengemeinden findet man Aktive, die Projekte in der sogenannten Mission, zum Beispiel die Tätigkeit einer heute meist hochbetagten Nonne aus der Heimatgemeinde, finanzieren. Spuren der vielen Tanten, Cousinen, Geschwister oder Nachbarinnen – circa 400 junge Südoldenburgerinnen reisten in die Mission – reichen in die ganze Welt, von Südamerika und Afrika nach Japan und in den pazifischen Raum, aber auch in die USA, nach Kanada und nach Dänemark oder Island.

Im Oldenburger Münsterland waren die Familien oft sehr kinderreich. Und nicht selten gingen gleich mehrere Geschwister in ein Kloster. Innerhalb der katholischen Kirche haben durch Missionar*innen aufgebaute Netzwerkstrukturen eine lange Tradition und sind zumeist positiv besetzt. Anhand schriftlicher Quellen, vor allem Briefwechsel, aber auch Reise- und Tätigkeitsberichte in der lokalen Presse, und soweit noch möglich, durch Interviews, soll untersucht werden, welches Wissen über die fremde Welt sie vermittelten und interpretierten. Vor ihrem Ordenseintritt hatten viele von ihnen ihr Dorf kaum je verlassen, und nun fanden sie sich in einer völlig fremden Welt wieder. Selbst in Südafrika tätig, riet zum Beispiel Schwester A. ihrem Neffen in einem Brief davon ab, von Mühlen nach Damme zu ziehen, denn da müsse er doch „über die Berge". Wie kann man das erklären? Noch heute werden Container gepackt, reisen Jugendgruppen nach Afrika, gehen Großnichten und -neffen als Missionar*innen auf Zeit zu den Wirkungsstätten ihrer Verwandten.

Die Fortschritte lassen sich auf der Seite www.kai-om.de  und auf Instagram verfolgen.

Missionarinnen Wie diese Schwestern im Jahre 1957 reisten rund 400 junge Südoldenburgerinnen in die Mission.

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