Arbeitsmarkt

Keine halbe Sache

Autor*in: Martina Böckermann

Die Teilzeitausbildung vergrößert für Unternehmen die Chancen, dringend benötigte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Gleichzeitig eröffnet eine Ausbildung in Teilzeit jungen Menschen die Möglichkeit auf eine Berufsausbildung, auch wenn die aktuelle Lebenssituation eine Vollzeitausbildung nicht zulässt. Die Vorteile für beide Seiten sind offensichtlich und doch wird diese Alternative bisher wenig genutzt.

Sie werben für Teilzeitausbildung  (von links): Katharina Drees (Jobcenter Vechta), Anja Komossa (Jobcenter Cloppenburg) und Stefanie Rolfes-Gröninger (Agentur für Arbeit Vechta).

Kinderbetreuung, Pflege eines Angehörigen, körperliche Einschränkungen, Teilnahme am Leistungssport oder die Notwendigkeit, nebenher noch Geld verdienen zu müssen: Es gibt viele Gründe, warum für junge Menschen eine Ausbildung in Vollzeit nicht in Betracht kommt. „Besonders häufig sind junge Frauen betroffen, wenn sie zum Beispiel alleinerziehend sind, einen Angehörigen pflegen oder ihre begonnene Berufsausbildung wegen Elternschaft unterbrechen mussten. Ihnen entgeht dadurch die Chance auf einen qualifizierten Berufsabschluss und somit eine wichtige Grundlage, um ihr Leben selbstbestimmt und finanziell abgesichert gestalten zu können", erklärt Katharina Drees, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt beim Jobcenter im Landkreis Vechta. Die Lösung kann eine Ausbildung in Teilzeit sein.

Ausbildung mit anderem verbinden

Bereits seit 2005 ist die Möglichkeit, eine berufliche Teilzeitausbildung zu absolvieren, im Berufsbildungsgesetz (BBiG) verankert. Galt früher die Vorgabe, dass ein „berechtigtes Interesse" vorliegen muss, steht mit der Neuregelung des BBiG seit Januar 2020 eine Teilzeitberufsausbildung für alle offen. „Dabei kann es sich um eine Erstausbildung handeln, aber auch um einen beruflichen Wiedereinstieg oder eine berufliche Umorientierung", erklärt Anja Komossa, Beauftragte für Chancengleichheit beim Jobcenter im Landkreis Cloppenburg. Das Ziel ist es, eine Ausbildung für Jugendliche durch eine verbesserte Work-Life-Balance attraktiver zu machen. „Eine Teilzeitausbildung ermöglicht es besonders Frauen, berufliche Ausbildung und Familienaufgaben zu vereinbaren", ergänzt Renate Hitz, Leiterin der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft im Oldenburger Münsterland.

Ingrid Hoch aus Cloppenburg hat diese Chance ergriffen. Seit dem 1. August 2020 befindet sich die alleinerziehende Mutter einer 4-jährigen Tochter in einer Teilzeitausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel bei dem Modehaus Werrelmann in Cloppenburg. Den Weg in die Ausbildung fand die 21-Jährige über das Projekt FAB – „Förderung von Alleinerziehenden und Berufsrückkehrerinnen" (finanziert über die NBank mit Mitteln aus dem ESF), das von der VHS Cloppenburg in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Cloppenburg durchgeführt wurde. Im Rahmen des Projektes hatte sie bereits zwei Praktika im Modehaus Werrelmann absolviert. „Ich habe mich schon immer für Mode interessiert. Durch die Praktika konnte ich sehen, ob ich das hinbekomme, mit der Kinderbetreuung und der Arbeitszeit", erzählt Ingrid Hoch. „Ein Praktikum zeigt Grenzen auf. Für die Projektteilnehmer galt es, diese Hürde zu meistern", betont Anja Block, Fachbereichsleiterin der VHS, die die Projektteilnehmer auch nach Abschluss der FAB-Maßnahme noch regelmäßig betreut. Auch für Ingrid Hoch war es eine Umstellung, den Alltag, die Kinderbetreuung und die Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Sie arbeitet nun täglich von 9.30 bis 14.30 Uhr, während ihre Tochter im Kindergarten ist. Am Dienstag und Donnerstag nimmt sie am regulären Berufsschulunterricht teil.

„Ich habe bei Frau Hoch gemerkt, dass sie das wirklich will. Sie ist sehr motiviert," erzählt Constanze Werrelmann. Geschäftsführerin des Modehauses. Sie habe so eine zuverlässige Mitarbeiterin gewonnen.

Hat bei der Firma Werrelmann ihren Traumjob gefunden: Ingrid Hoch kann mit einer Teilzeitausbildung Familie und Beruf optimal vereinbaren.

Sie wird von Anja Block (links im Bild rechts, Fachbereichsleitung VHS Cloppenburg) und Constanze Werrelmann (rechts im Bild rechts, Geschäftsführerin Modehaus Werrelmann) unterstützt.

Eine Win-win-Situation

„Die hohe Motivation von Teilzeitauszubildenden wird auch von anderen Arbeitgebern immer wieder hervorgehoben", betont Renate Hitz, die gleichzeitig Geschäftsführerin des Verbundes familienfreundlicher Unternehmen ist und dadurch engen Kontakt zu den Firmen pflegt. „Junge Frauen, die familiäre Pflichten haben, verfügen über Lebenserfahrung, sind selbstständig, motiviert und bringen ein großes Verantwortungsbewusstsein mit", ergänzt sie.

Und es gibt noch weitere Vorteile für Unternehmen. So bietet die Teilzeitausbildung für Ausbildungsbetriebe einen zusätzlichen Weg, in Zeiten des Fachkräftemangels neue Auszubildende zu gewinnen und offene Ausbildungsstellen zu besetzen. „Attraktiv kann diese Option auch für kleine Betriebe sein, da die Kosten im Vergleich zur Vollzeitausbildung geringer ausfallen", erläutert Stefanie Rolfes-Gröninger von der Agentur für Arbeit Vechta. Auch laufende Ausbildungsverträge könnten nachträglich geändert werden. „Eine Umwandlung von Vollzeit- auf Teilzeitausbildung kann sinnvoll sein, um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden, zum Beispiel wegen der Geburt eines Kindes", ergänzt sie.

„In der aktuellen Corona-Krise bietet eine Teilzeitausbildung für Unternehmen, die unter Auftragseinbußen leiden, zudem eine Option, die laufenden Ausbildungsverträge umzuwandeln. So können die Auszubildenden in dem Unternehmen gehalten werden, die finanzielle Belastung wird geringer und die Ausbildungsziele sind nicht gefährdet", erklärt Johanna Hollah, vom Amt für Wirtschaftsförderung des Landkreises Vechta. 

„Unternehmen, die in Teilzeit ausbilden, stellen sich als attraktiver und flexibler Arbeitgeber für potenzielle Fachkräfte dar. Sie gewinnen ein positives Image aufgrund ihrer sozialen Einstellung und Familienfreundlichkeit", stellt Katharina Drees einen weiteren Vorteil heraus. Die Unternehmen würden ihre Chancen vergrößern, dringend benötigten Fachkräftenachwuchs zu gewinnen beziehungsweise im Unternehmen zu halten.

Hemmschwellen überwinden

Obwohl die Vorteile für Auszubildende und Ausbildungsbetriebe offensichtlich sind, wird diese Möglichkeit bisher wenig genutzt. So meldet die Handwerkskammer Oldenburg für die Landkreise Cloppenburg und Vechta mit Stand von September 2020 sieben Teilzeitausbildungsverträge und die Industrieund Handelskammer für die beiden Landkreise fünf. „Viele Ausbildungsbetriebe haben sich mit dem Thema bisher noch nicht auseinandergesetzt und wissen nicht, wie das abläuft", erklärt Katharina Drees. Es bestehe eine Art Hemmschwelle. Mit dem „Arbeitskreis Teilzeitausbildung", dem Katharina Drees, Stefanie Rolfes-Gröninger, Anja Komossa, Johanna Hollah, Renate Hitz sowie Andreas Thielscher von der Wirtschaftsförderung des Landkreises Cloppenburg angehören, wollen die Akteure das ändern. „Wir haben einen großen Fachkräftemangel. Da ist es wichtig, alternative Lösungen zu schaffen. Teilzeitausbildung ist so eine Möglichkeit", betont Andreas Thielscher.

Aber auch von Seiten der Auszubildenden wird diese Form der Ausbildung kaum nachgefragt. „Natürlich wollen viele Jugendliche lieber eine Vollzeitausbildung machen und so das volle Ausbildungsgehalt beziehen und dann nach der Ausbildungszeit in den Beruf einsteigen", so Stefanie Rolfes-Gröninger. Viele würden die Möglichkeit der Teilzeitausbildung aber auch nicht kennen und sie so auch nicht in Betracht ziehen. Sie empfiehlt, dass die jungen Leute sich über diese Möglichkeit informieren und, wenn es für sie in Frage kommt, dann offensiv bei den Bewerbungsgesprächen das Thema ansprechen.

So hat es auch Natalie Feldmann gemacht. Die 22-Jährige ist alleinerziehende Mutter einer 6 jährigen Tochter und eines 3-jährigen Sohns. Seit dem 1. September 2020 absolviert sie eine Teilzeitausbildung im Hammer-Markt in Cloppenburg. „Man sollte die Bewerbung persönlich abgeben und das Gespräch mit den Personalentscheidern suchen", empfiehlt sie. So kann man erklären, warum man eine Teilzeitausbildung machen möchte und wie die Ausbildung ablaufen könnte. Ein erster Schritt könne auch ein Praktikum sein, wie sie es im Rahmen des Projektes FAB gemacht hat. Parallel dazu nimmt sie an der Akademie Überlingen an dem Programm „Ausbildungsbegleitende Hilfen" teil. Dazu hat sie über das Jobcenter einen Bildungsgutschein erhalten. „Mit diesem begleitenden Programm wird sichergestellt, dass die Ausbildungsziele erreicht werden", erklärt Anja Block. Auch für den stellvertretenden Marktleiter Ulrich Buschenlange war eine Teilzeitausbildung Neuland. „Wir müssen auch mal neue Wege gehen", sagt er und ergänzt: „Wir können keine Fachkräfte gewinnen, wenn wir sie nicht selbst ausbilden."

In ihrem Element: Natalie Feldmann gefällt der Umgang mit Farben, Stoffen und Materialien im Hammer-Markt Cloppenburg.

Anja Block (links im Bild rechts, Fachbereichsleitung VHS Cloppenburg) und Ulrich Buschenlange (rechts im Bild rechts, Marktleiter) begleiten und unterstützen Natalie Feldmann während der Ausbildung im Hammer-Markt Cloppenburg.

So funktioniert eine Teilzeitsausbildung

Wurden früher zwei Zeitmodelle unterschieden, ist es mit der Neuregelung des BBiG möglich, die wöchentliche Arbeitszeit auf maximal 50 Prozent zu verkürzen. Die Dauer der Ausbildung verlängert sich im selben Verhältnis, höchstens auf das eineinhalbfache der laut Ausbildungsverordnung vorgegebenen Zeit. Die Teilzeitausbildung kann vor Beginn des Ausbildungsverhältnisses, aber auch noch während der Ausbildung vereinbart werden. „Die Verkürzung der wöchentlichen Ausbildungszeit muss im Berufsausbildungsvertrag angepasst und mit den zuständigen Kammern abgestimmt werden", betont Anja Komossa.

Der Berufsschulunterricht findet im vollen Umfang zu den normalen Zeiten statt. Die Berufsschulen sind nicht an eine im Ausbildungsvertrag vereinbarte Teilzeit gebunden. Deshalb müssen die vollen Berufsschulzeiten in die Vereinbarung einbezogen und zwischen Ausbildungsbetrieb, Auszubildenden und Berufsschule abgestimmt werden. Auch für Teilzeitausbildungen gilt, dass die Ausbildungsvergütung angemessen sein muss. Angemessen ist die Vergütung dann, wenn die prozentuale Kürzung der Ausbildungsvergütung maximal der prozentualen Kürzung der täglichen oder wöchentlichen Ausbildungszeit entspricht.

Teilzeitauszubildende haben den gleichen Urlaubsanspruch wie Vollzeitauszubildende. Das gilt, wenn nur die tägliche Ausbildungszeit reduziert ist. Bei nicht täglicher Anwesenheit im Unternehmen reduziert sich der Urlaubsanspruch in der Regel anteilig. Prinzipiell ist eine Teilzeitausbildung in allen anerkannten Berufen des dualen Ausbildungssystems möglich. Die Ausgestaltung des Vertrages ist allerdings abhängig von der Branche. Gehören zur Ausbildung beispielsweise regelmäßig Fahrten mit Gesell*innen zu Baustellen, lässt sich die tägliche Arbeitszeit nur schwer reduzieren. Dann kann eventuell eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitstage die Lösung sein.

Die Neuregelung des BBiG hat die Tür für Teilzeitberufsausbildungen für Unternehmen und Jugendliche weiter geöffnet. Es liegt an den Ausbildungsbetrieben und den potenziellen Auszubildenden, den Schritt zu dieser neuen Möglichkeit zu wagen. „Wichtig ist es, dass Ausbildungsbetriebe, Auszubildende, Kammern, Schulbehörden und Arbeitsmarktakteure ins Gespräch kommen und offen sind, neue Wege zu gehen", so das Fazit von Katharina Drees.

Der Arbeitskreis Teilzeitausbildung setzt sich für neue Wege bei der Gewinnung von Fachkräften ein (von links): Renate Hitz, Anja Komossa, Katharina Drees, Johanna Hollah, Stephanie Rolfes-Gröninger und Andreas Thielscher.

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