Wirtschaftsregion

Unternehmer des Jahres: Felix + Carlo Graepel, Löningen

Autor*in: ROLAND KÜHN

Löcher. Findet der Mensch ein Loch vor, ist er bestrebt, dieses schnell wieder zu schließen. Ein Loch im Hemd muss gestopft, ein Schlagloch in der Straße schnell wieder geschlossen werden. Fällt man in ein tiefes Loch, dann ist das für den Einzelnen schicksalhaft, aber tatsächlich gar nichts gegen ganze Planeten verschlingende schwarze Löcher. Dass Löcher aber auch Teil technisch intelligenter Lösungen sein können, mit denen sich gutes Geld verdienen lässt, das erkannten Hugo und Claudius Graepel schon Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Männer, deren unternehmerische Tätigkeit damals die Anfänge der heutigen Aktiengesellschaft bedeutete, stanzten ganz einfach Löcher in Metallplatten, womit ein stabiles Sieb für Dreschmaschinen geboren war. Auf eben diese Firmenursprünge weist nach wie vor das Graepel-G im Logo des Unternehmens hin: Es zeigt bis heute symbolhaft eine Stanzpresse.

Das für das Dreschsieb gewährte erste Patent bildete die Grundlage für stetiges Wachstum des Unternehmens, denn auch die Nachfolger, darunter Friedrich Graepel, der erfindungsreiche Inhaber von 70 Patenten, und insbesondere Friedrich C. Graepel (1942 bis 2001), der früh verstorbene Vater des heutigen geschäftsführenden Vorstandsduos Felix und Carlo Graepel, entwickelten es stetig weiter. Seit 1948 produziert das einst in Budapest gegründete Unternehmen in Löningen, wo man heute am Zeisigweg im Ortsteil Böen seinen Stammsitz hat.

Die Graepel-Firmengruppe hat heute Firmenstandorte in Europa, den USA und neuerdings auch in Indien. Graepel ist damit im Vergleich zu den Wettbewerbern das einzige Unternehmen weltweit, das auf drei Kontinenten tätig ist. Produziert werden viele verschiedene (Blech-)Teile, insbesondere für die Fahrzeug-, Land- und Baumaschinenindustrie – sogar für den Bootsbau und Schienenfahrzeuge – unter Einhaltung höchster Qualitätsstandards. Zum Kundenkreis zählen Hersteller wie Bombardier, Caterpillar, Claas, DAF, Daimler, Honda, John Deere, Liebherr oder MAN. Produkte für die „Sicherheit unter den Füßen" wie Blechprofilroste, Stufen, Trittflächen, Plattformen oder Rahmen- und Strukturteile runden das Portfolio ab.

„Unsere Nähe zum Kunden wissen unsere internationalen Auftraggeber sehr zu schätzen," sagt Carlo Graepel. Die Kunden erhalten die gesamte Prozesskette: Von der Entwicklung über die Fertigung bis hin zur Logistik bietet man alles aus einer Hand. Graepel gilt in seinem Segment als einer der am weitesten integrierten Systemlieferanten. Rund um den Globus arbeiten 750 Menschen für die Gruppe. In Deutschland gibt es drei Standorte, zwei in Löningen, einen in Seehausen in Sachsen-Anhalt. An den beiden Standorten im OM sind rund 400 Menschen beschäftigt.

„Wir haben das spezielle Know-How auch durch langjährige enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden erworben. Die Entwicklung der Produkte für unsere Kunden erfolgt in enger Abstimmung – zuletzt beispielsweise die Lüftungsgitter für das amerikanische Kultauto, die Corvette. Das dauert dann schon mal zwei Jahre. Aber wir wissen oft schon mehrere Jahre vor der Marktpräsentation, dass unsere Kunden Neuheiten entwickeln", schmunzelt Felix Graepel. Die enge und frühzeitige Zusammenarbeit mit dem Kunden muss sein, denn die „Umformung von Lochblechen ist manchmal ein einziges Trial and Error", so Carlo. Die Zusammenarbeit bedeute dann aber auch oft große Nachhaltigkeit und Kooperation „bis zum Auslaufen einer Produktserie, was für uns auch Planungssicherheit bedeutet – für die Produktion wie auch beim Umsatz, der bei uns nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich wächst." 2018 lag dieser übrigens erstmals über 100 Millionen Euro.

„Löcher stanzen können viele. Es gibt Wettbewerber, die sich aber eben nicht an Roste oder Lochbleche für den Außenbereich herantrauen. Wir kennen uns da aus und wir liefern hohe Qualität," freut sich Felix über die gewachsene Marktführerschaft in diesem Bereich. Innovation ist auch in diesem Markt Trumpf: Jüngst hat man Graepel-DuraVent Lochbleche entwickelt, die deutlich leistungsfähiger sind als der Branchenstandard. Dank der „Graepel-ColorGrip Beschichtung" büßen neuartige farbige Blechprofilroste von Graepel nichts an Rutschhemmung ein.

Graepel zählt nach 130 Jahren in der Branche zu den erfahrensten Blechverarbeitern der Welt.   

Graepel schaut – ganz im Sinne einer weiteren Produktdiversifizierung unter Nutzung des vorhandenen Know Hows – verstärkt auf die Konsumgüterindustrie. Mit Relief-Motivdarstellungen aus Blech, gestanzt im Lochverfahren, will man jetzt ein speziell entwickeltes Produkt für den Endverbraucher vermarkten. Dieser muss nur ein beliebiges Motiv, etwa ein Foto, sein Firmen- oder Vereinslogo oder gar eine Weltkarte hochladen, und schon geht es an die computergestützte Stanzarbeit. Am Ende des maschinellen Bearbeitungsprozesses stehen „Ausdrucke" auf Blech in jeder gewünschten Größe. Die bislang gestanzten Beispiele sind echte Hingucker und können beispielsweise auch in der Architektur Verwendung finden.

Kaum noch spielt heute die Zahl der angemeldeten Patente eine Rolle, um sich gegenüber dem Wettbewerb abzugrenzen. „Durch das Patent legt man natürlich auch die eigene Technik und die Verfahren offen. Und ein Nachahmerprodukt als solches vom Markt zu klagen, kostet viel zu viel Geld. Deshalb wollen wir unsere Entwicklungen nicht durch eine Patentanmeldung offenlegen", erklärt Carlo. Der Bau aller für die Produktion benötigten Werkzeuge, die oft bis zu mehrere Tonnen schwer sind, erfolgt auch für die ausländischen Firmenstandorte ausschließlich in Löningen.

Allein 30 Spezialisten arbeiten im eigenen Werkzeugbau, 15 Konstrukteure und Projektmanager sind in der entsprechenden Abteilung in Löningen tätig. Die 1981 gegründete Friedrich Graepel AG ist heute Holding für eine Gruppe von Unternehmen und immer noch komplett in Familienhand.

Die Gesellschaftsform der AG ist eher untypisch für ein Familienunternehmen im Oldenburger Münsterland. Die beiden Firmenlenker und Brüder Felix (42 Jahre alt) und Carlo Graepel (40) tragen den Titel Vorstand und sind wie im Aktienrecht üblich, dem Aufsichtsrat berichtspflichtig. Schwester Eva arbeitet für die Holding, Bruder Friedrich hat sich selbstständig gemacht und stellt Kehrmaschinen her. „Graepel ist und bleibt ein Familienunternehmen", versichert Felix.

Beide Chefs gingen einen konsequenten Ausbildungs- und Arbeitsweg vom Abitur am technischen Gymnasium in Cloppenburg bis zum Einstieg ins Familienunternehmen. Zum guten Schluss aller Ausbildung rund um die Welt stand über allem dann „der Externenvergleich", formuliert Carlo schmunzelnd: Die Söhne sollten dabei auch in anderen Unternehmen an verantwortlicher Stelle unter Beweis gestellt haben, dass sie fähig sein würden, die Firmengruppe zu führen. „Die Familie war letztlich wohl zufrieden, sonst säßen wir heute nicht hier", lacht Felix.

Carlo trat im Jahr 2015 nach Stationen bei der Deutz AG (Köln) und der Elster GmbH (Kromschröder, Osnabrück) in das Familienunternehmen ein. Zuletzt war er als Chief Financial Officer (CFO) für die Region Europa/ Mittlerer Osten/Asien tätig. Bruder Felix verbrachte seine „Lehrjahre" als Unternehmensberater in Bremen und plante danach die Errichtung des neuen Graepel-Werkes für Oberflächenbeschichtung in Borkhorn.

Fest verbunden mit der jüngeren Firmengeschichte ist der Name Klaus Mecking. Dieser führte 18 Jahre lang das Unternehmen und schloss nach dem frühen Tod von Friedrich C. Graepel im Jahr 2001 die Lücke, die sich in den Leitungsfunktionen auftat, und führte die Geschäfte bis zum Eintritt der jungen Vorstände. Der ehemalige Mentor, der 2018 ausschied, ist auch heute noch ab und an in der Firma „und schaut auf einen Kaffee vorbei", freut sich Felix.

Die Geschäfte von Graepel laufen gut. Damit das auch in Zukunft so bleibt, haben die beiden verantwortlichen Vorstände nun auch ein Lean Management eingeführt. „Regelmäßiger Informationsaustausch auf allen Ebenen der Unternehmensgruppe ist wichtig, insbesondere wenn man Standorte im weit entfernten Ausland hat", sagt Carlo. „Die Geschäftsführer wissen um zehn Uhr morgens, was in ihrem Unternehmen los ist, also auch wir", sieht Carlo in den neuen Strukturen viele Vorteile.

Graepel gilt als mitarbeiterfreundlicher Arbeitgeber. Gerade angestoßen wurde bei Graepel das Audit „INQA" (Initiative Neue Qualität der Arbeit). Dieses Audit unterstützt Unternehmen dabei, Verbesserungspotenziale und Handlungsbedarfe in ihrer Personalpolitik zu identifizieren.

In neun verschiedenen Ausbildungsberufen werden zurzeit über 30 junge Menschen ausgebildet. Qualifizierungswege eröffnet das Unternehmen mit einem dualen Bachelor-Studium oder der „Ausbildung-Plus". Bei letzterer schließt sich für die Industriekaufleute nach ihrer Lehre gleich eine Weiterbildung mit Auslandsaufenthalt zum Betriebsfachwirt an, die etwa eineinhalb Jahre läuft und deren Abschluss im Rang einem ordentlichen Bachelor-Abschluss gleich steht. „Wir erhalten mit diesem Modell zugleich auch die Berufsbildenden Schulen in Löningen", weist Felix Graepel auf einen weiteren Effekt dieses Ausbildungsmodelles hin. Im Jahr 2018 hatte Focus Money die besten Ausbilder unter 20.000 Betrieben ermittelt. Graepel war der klassenbeste Metallverarbeiter.

Das Unternehmen und seine Inhaber bringen sich auf vielfältige Weise ehrenamtlich ein. So gibt es am Firmenstandort in Löningen ein eigenes Graepel-Museum, das besichtigt werden kann. Neben eigenen alten Maschinen von Graepel stehen hier auch Leihgaben des Oldtimervereins Schelmkappe. In der „Rentner-Werkstatt" treffen sich regelmäßig mittwochs ehemalige Mitarbeiter auf dem Firmengelände und werken dort für gemeinnützige Zwecke. „Die Rentner spenden ihre Zeit, wir übernehmen die Materialkosten", erklärt Carlo. Gerade hat man Bänke an eine Grundschule übergeben.

Fest im Oldenburger Münsterland verwurzelt, ist auch das Engagement vor Ort und für die Region für Felix wie Carlo Graepel keine Frage. Carlo ist unter anderem als Kreissprecher im Vorstand der Wirtschaftsjunioren bei der IHK tätig. Beide stehen fest hinter dem vierstreifigen Ausbau der B 213 und der damit verbundenen Initiative Pro E233: „Das Oldenburger Münsterland ist wirtschaftlich stark. Damit das so bleibt, damit die Unternehmen bleiben, braucht es den Ausbau der Straße", sagt Felix Graepel. „Und in diesem Zusammenhang gibt es da noch etwas Anderes, was die heimische Wirtschaft benötigt: Schnelles Internet für alle", fügt Carlo mahnend hinzu.

Zum Kundenkreis von Graepel zählen namhafte Hersteller wie Bombardier, Caterpillar, Claas, DAF, Daimler, Honda, John Deere, Liebherr oder MAN. Produkte für die „Sicherheit unter den Füßen“ wie Blechprofilroste, Stufen, Trittflächen, Plattformen oder Rahmen- und Strukturteile runden das Portfolio ab.   

130 JAHRE GRAEPEL

  • 1889: .Hugo Graepel (1851-1909) fertigt in Budapest die ersten Lochbleche.
  • 1908: Claudius Graepel (1854-1925) gründet eine Fabrik für Lochbleche.
  • 1915: Der Betrieb wird nach Halberstadt verlegt.
  • 1923: Friedrich Graepel (1891-1974) tritt in die Firma ein; er wird 70 Patente erlangen.
  • 1946: Nach Enteignung in Halberstadt wird die Firma nach Wilhelmshaven verlegt.
  • 1948: Der Betrieb zieht nach Löningen; 20 Mitarbeiter werden beschäftigt.
  • 1953: Neu entwickelte Silos für Lagerung/Trocknung von Getreide werden vorgestellt.
  • 1965: Friedrich Claudius Graepel (1942-2001) tritt in das Unternehmen ein.
  • 1969: Die Produktion von Lkw-Einstiegen wird aufgenommen.
  • 1991: Die heutige Graepel Seehausen GmbH & Co. KG wird übernommen.
  • 2006: Gründung der Graepel North America Inc. in Omaha, Nebraska.
  • 2013: Gründung der Graepel Oberflächentechnik GmbH als neue Tochtergesellschaft
  • 2017: Gründung der Graepel Perforations India Pvt. Ltd. in Chandigarh.

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