Wirtschaftsregion

Innovationspreisträger 2019: Tierärztliche Klinik für Pferde, Lüsche

Autor*in: ROLAND KÜHN

3.000 Euro Preisgeld gab es 2007 bei der Verleihung des Existenzgründerpreises des Oldenburger Münsterlandes für die Partner der 2001 gegründeten Tierärztliche Klinik für Pferde in Bakum. Der gute Ruf der spezialisierten Klinik hat sich seither längst weiter herumgesprochen. Die hier arbeitenden Tierärzte sind gefragte Fachleute, wenn es um die Behandlung von Pferden geht. Halter aus der ganzen Welt, vom Hobbyreiter bis zum Spitzensportler, machen sich auf den Weg nach Lüsche, wenn ihr vierbeiniger Freund an Krankheiten leidet, die der Tierarzt am Ort nicht mehr behandeln kann.

Innovationspreisträger 2019 des Verbundes Oldenburger Münsterland: Dr. Tim Steinberg (links) und Dr. Marc Koene in Lüsche. Leider nicht auf dem Foto sind die weiteren Partner der Klinik Dr. Jan-Hein Swagemakers, Julius Wegert und Dr. Niklas Drumm.   

Die technische Ausstattung der renommierten Tierklinik Lüsche wurde kürzlich um eine spezielle Gerätschaft in der Abteilung für Computertomographie ergänzt. Für diese Neuheit, die in Lüsche gemeinsam mit dem Gerätehersteller entwickelt und erprobt wurde, erhielt die Pferdeklinik im November 2019 die zweite Ehrung von der Region – den Innovationspreis 2019.

Das medizinische Leistungsspektrum der Klinik ist dem eines humanmedizinischen Krankenhauses vergleichbar. Hier finden sich zum Beispiel Fachabteilungen für Orthopädie, Chirurgie, Innere Medizin, Zahnmedizin, Augenheilkunde, Notfallund Intensivmedizin sowie ein eigenes Labor. Sogar eine Abteilung für Schlafmedizin und ein Schlaflabor gibt es – ein Alleinstellungsmerkmal der Klinik. Eine Besonderheit ist außerdem das Qualisys Motion Capture System – ein aus der Humanmedizin bekanntes Verfahren – zur Erkennung von Bewegungsstörungen beim Pferd. Um den Heilungsprozess zu beschleunigen, werden außerdem ergänzende Verfahren wie Laser- oder Stoßwellentherapien und Alternativbehandlungen wie Akupunktur und Homöopathie angeboten. Angeschlossen ist eine eigene Rehabilitationsabteilung, mit einem Hufschmied besteht eine Kooperation. Auch mit der Reproduktionstechnik beschäftigen sich die Spezialisten in der Klinik.

Mehr als 6.000 Pferde jährlich werden in Lüsche behandelt. Für die stationäre Aufnahme der Pferde stehen 80 Boxen zur Verfügung. Eine 60 mal 20 Meter große Halle dient der Bewegung der Vierbeiner.   

Ähnlich wie in der Humanmedizin stehen sämtliche Diagnose- und Behandlungsinstrumente zur Verfügung. Insbesondere die bildgebenden Diagnoseverfahren wie Ultraschall, digitales Röntgen, Szintigraphie oder Kernspintomographie sind auf dem höchsten Stand der Technik.

In Bezug auf die bislang ebenfalls hier genutzte Computertomographie ist die Tierklinik jetzt selbst zum Innovationstreiber geworden: Das in Lüsche vorhandene Gerät bietet den größten Röhrendurchmesser und das weitest mögliche Sichtfeld, das derzeit in der Tiermedizin zu haben ist. Eine Besonderheit ist die Gesamttechnik des Gerätes, die in Zusammenarbeit mit der Firma VetDIcom und der Firma Menzel in der Tierklinik Lüsche entwickelt wurde.

In der Tiermedizin wird die Computertomographie schon lange zur Diagnose von Verletzungen und Veränderungen an Knochen und Gewebe eingesetzt. Die Tierärzte nutzen diese spezielle Röntgenuntersuchung bereits seit mehr als 25 Jahren. Wie in der Humanmedizin können mithilfe der Bilder, die in einem Computertomographen erzeugt werden, Beschwerdeherde sehr genau lokalisiert werden. Das Gerät bildet den gewünschten Bereich schichtweise ab. Aus diesen Schichtbildern lassen sich schließlich detailgenaue dreidimensionale Darstellungen generieren. Zahnfragmente im Kiefer oder auch kleine Tumore, die auf einer einfachen Röntgenaufnahme nicht zu erkennen wären, werden sichtbar.

Bislang wurde der tierische Patient – wie in der Humanmedizin – auf einem Tisch liegend in die „Röhre" geschoben. Gelingt das Einschieben kleinerer Tiere in das Gerät noch relativ problemlos, war das bei größeren wie Pferden bislang ein Problem und nur möglich, wenn das Tier unter Vollnarkose gesetzt wurde. „Allein die Vollnarkose ist ein großes Risiko für das Pferd", erklärt Dr. Tim Steinberg, einer der geschäftsführenden Ärzte in der Partnerschaft. Für Untersuchungen des Kopfes mussten die Pferde bislang auf einer Hebebühne in einer Grube versenkt werden, um diesen Bereich in dem fest installierten Gerät ablichten zu können. Deshalb wurde auch das neue Gebäude, in dem jetzt die CT-Untersuchungen stattfinden, eigens für diesen Zweck gebaut. Das neuartige System, das damit in der Lüscher Tierklinik zur Verfügung steht, ermöglicht es seither, Pferde ohne Vollnarkose und im Stehen ärztlich zu kontrollieren.

Das medizinische Leistungsspektrum der Klinik ist dem eines humanmedizinischen Krankenhauses vergleichbar. Hier finden sich Fachabteilungen für Orthopädie, Chirurgie, Innere Medizin, Zahnmedizin, Augenheilkunde, Notfall- und Intensivmedizin sowie ein eigenes Labor. Sogar eine Abteilung für Schlafmedizin und ein Schlaflabor gibt es – ein Alleinstellungsmerkmal der Klinik.   

Für die Untersuchungen des Kopfes, der Hufe und Beine reicht eine einfache Betäubung (Sedierung) aus. „Das ist eine enorme Erleichterung. Wir umgehen so die Risiken einer Vollnarkose und können nötige Untersuchungen jetzt auch ambulant durchführen", erläutert Steinberg.

„Die Untersuchungszeiten sind damit relativ kurz, das Pferd muss etwa für eine Kopfaufnahme nur elf Sekunden stillhalten. Für die Tiere mit ihrem ausgeprägten Fluchtinstinkt bedeutet das viel weniger Stress", sagt Steinberg, der Situationen kennt, in denen Pferde sich während einer Untersuchung, vor allem in der Aufwachphase nach der Narkose, Verletzungen zuzogen.

Nicht erst seit der Modifizierung des Computertomographen in Lüsche ist Steinberg, der sich auf die Zahnmedizin am Pferd spezialisiert hat, ein Anhänger dieses Röntgenverfahrens. Das System ermögliche schnelle, sichere Diagnosen bei komplexeren Erkrankungen des Pferdes, sagt er. Dazu gehört etwa das Headshaking, ein unwillkürliches Kopfschütteln bei Pferden. „Die Computertomographie ist eine präzise Methode, um Aufschluss über die Gründe für die Krankheit zu erhalten", so Steinberg.

Generell sind die CT-Bilder bei jeglicher Art von Nasen-, Zahn- und Kieferhöhlenerkrankungen hilfreich. „Bei der komplizierten Anatomie des Pferdekopfes erleichtert das CT die Operationsplanung und den chirurgischen Eingriff. Das kommt den Pferden unmittelbar zugute", freut sich der Tierarzt über seine technischen Möglichkeiten.

Gab es bei der Gründung der Klinik zunächst zehn Angestellte, bietet sie heute vor Ort rund 85 Arbeitsplätze (davon 28 Tierärzte) und hat in der Dependance „Sanakena" in Pinneberg bei Hamburg weitere 15 Mitarbeiter. Zahlreiche Nachwuchskräfte machen in Lüsche ihre Ausbildung. Die Klinik selbst stellt 18 Ausbildungsplätze in den verschiedenen tiermedizinischen Berufen zur Verfügung.

Aufgrund der Expertise der Fachleute in Lüsche ist die Tierklinik zudem international geachtetes und anerkanntes Weiterbildungszentrum für Tierärzte aus aller Welt. Der hohe Bekanntheitsgrad wird durch den internationalen Einsatz der Lüscher Tierärzte stetig manifestiert. Auslandseinsätze in den Ställen namhafter Pferdehalter rund um die Welt sind tägliches Geschäft. Dr. Marc Koene und Jan-Hein Swagemakers sind außerdem medizinisch Verantwortliche der Deutschen Olympischen Reiter – auch ein Grund, warum unter den Pferdehaltern und den vierbeinigen Patienten in Lüsche „alles vertreten ist, was in der Pferdewelt Rang und Namen hat", sagt Steinberg.

Mit der sehr guten technischen Ausstattung sieht Steinberg die Klinik in Lüsche im schärfer werdenden Wettbewerb „gut positioniert". Damit könne man sich auch der ständig eingehenden Kaufangebote gut erwehren und habe das nötige Rüstzeug, um gegen die um sich greifenden „Ketten" im Tierklinik-Bereich zu bestehen. Überdies biete man mit dem 24-Stunden-Notfalldienst einen guten Service.

Der aus Westfalen stammenden Steinberg ist wie seine weiteren Partner längst ein überzeugter Oldenburger Münsterländer geworden und in der Pferde- und Reiterregion heimisch geworden.

Die Klinik werde nicht verkauft, das sei auch gar nicht nötig, sagt er, denn „wir sind Tierärzte aus Leidenschaft und handeln ganz nach unserem Firmenmotto It's all about the horse!"

Die Besonderheit des rund 800.000 Euro teuren Lüscher CT-Systems ist die aufwändige Hebebühne mit höhenverstellbarem Schienensystem, auf der ein Computertomograph installiert ist. Die Bühne kann in einer neun Quadratmeter großen und zwei Meter tiefen Grube versenkt werden. Das Pferd kann so während der Untersuchung auf ebenem Boden stehen und muss nicht mehr „in die Röhre geschoben“ werden.   

TIERKLINK LÜSCHE KURZ + KNAPP

  • 2001: Gründung der Tierklinik Lüsche GmbH durch die Tierärzte Koene, Schwenzer, Swagemakers und Wegert
  • 2006: Klinikerweiterung und diagnostische Erweiterung mit Kernspintomographie und Szintigraphie
  • 2007: Ehrung mit dem Existenzgründerpreis des Verbundes Oldenburger Münsterland
  • 2009: Dr. Tim Steinberg wird Teilhaber
  • 2016: Dr. Niklas Drumm wird Teilhaber
  • 2017: Deutscher Preis für Tiermedizin für hervorragende Leistungen und Projekte
  • 2018: Klinik-Erweiterung
  • 2019: Am 1. April wird die Zulassung für das neue CT-System in Lüsche erteilt

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