Wirtschaftsregion

Existenzgründerin des Jahres: Cathleen Cordes, Langförden

Autor*in: ROLAND KÜHN

Superfood? Nach Lesart des Europäischen Informationszentrums für Lebensmittel ist das „insbesondere Obst und Gemüse, das aufgrund seines Nährstoffgehaltes einen höheren gesundheitlichen Nutzen als andere Nahrungsmittel hat". Und mit Obst und Gemüse kennt man sich gut aus im Oldenburger Münsterland. Geradezu idealtypisch aber wird der Marketingansatz der Region „Viel Grün, viel drauf" von Cathleen Cordes (32 Jahre) umgesetzt.

Jungunternehmerin Cathleen Cordes im firmeneigenen Labor ihrer Evergreen Food GmbH in Langförden.   

Die Jungunternehmerin produziert nicht nur Superfood mit alten Grünkohlsorten, sondern auch aus – Grünalgen! Aus eben diesen werden dann neue Produkte, Superfood im besten Sinne des Wortes, die von ernährungs- und gesundheitsbewussten Verbrauchern sehr gut nachgefragt werden – zum Beispiel das Algenpulver für die Zubereitung nahrhafter grüner Smoothies. Vermarktet werden die Produkte aus den Grünalgen „Chlorella vulgaris" und „Spirulina platensis" unter dem Namen „Lüttge Superfood" über die von Cathleen Cordes geführte Evergreen Food GmbH. Während die studierte Biotechnologin für die Vermarktung und die Neuheitenfindung steht, ist ihre Schwester Caroline (34) als Gartenbauingenieurin in den Algen-Gewächshäusern unterwegs, und sorgt dort für den Nachschub an Rohmaterial und für „gute Ernten". Denn dass sich die mikroskopisch kleinen Spirulina- und Chlorella-Algen auch wohl fühlen, ist keinesfalls selbstverständlich. Umgebungs- und Wassertemperatur sowie Lichteinfall und Lichtmenge müssen stimmen, damit aus einer grünen Alge nicht eine braune, also abgestorbene, wird. Die Mikroalgen in ihren transparenten Wasserschläuchen wachsen bis zu dreißig Mal schneller als erdwurzelnde Pflanzen. Darüber hinaus binden die Algen die rund 16-fache Menge mehr an CO2 als Landpflanzen. Der nachwachsende Rohstoff Mikroalge ist dabei, je nach Sorte, ein ausgezeichneter Lieferant von Eiweiß und besteht bis zu 60 Prozent aus Protein. „Eine echte Alternative zum Fleischprodukt", sagt Cathleen Cordes. Daneben gibt es weitere Inhaltsstoffe, denen gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben werden.

Sieht aus wie Spinat, ist aber die Alge „Chlorella vulgaris“.   

Algen sind das neue Superfood

Bei der „Ernte" nimmt sich die komprimierte grüne Masse aus den Schläuchen in ihrer Konsistenz aus wie „Nuss-Nougat-Creme" beschreibt Caroline Cordes die Rohware für alle aus den Algen hergestellten Produkte. Diese Masse kommt in einen Trockner und wird dort schließlich zu leicht zu handhabenden Chips, die in den weiteren Herstellungsprozessen verarbeitet und vermahlen werden.

Während die Produktion der Algen auf Bauernhöfen bis hinauf in das Emsland stattfindet, erfolgt die Weiterverarbeitung bzw. Veredelung ausschließlich auf dem Cordes-Hof in Langförden. Ganz nebenbei erfüllt die Beschränkung der Produktion auf landwirtschaftliche Betriebe aus der Region, die die Gewächshäuser zumeist auch mit eigenem Biogas beheizen, die Forderungen vieler Verbraucher nach kurzen Wegen und nachhaltiger Erzeugung. Produkte, denen ähnlich positive Eigenschaften zugeschrieben werden, kommen dagegen meist von weit her aus Südamerika oder China. „Gefüttert" werden die Algen übrigens mit Biodünger. „Nachhaltiger als Algenzucht geht schon fast gar nicht mehr", sagt Caroline.

Evergreen-Food

„Senföle aus Kohl" und der „Einsatz der blaufarbigen Spirulina-Alge in der Lebensmittelproduktion" waren Themen in den Arbeiten und Forschungsvorhaben, die Cathleen Cordes während ihres Biotechnologie-Studiums in Emden und Aachen bearbeitete. Die Evergreen-Food GmbH gründete sie im Juli 2015. Diese fand ihre Grundlage in der Idee zur „Algenperle", die Cathleen im Rahmen ihrer Forschungsarbeit gekommen war. Die wissenschaftliche Karriere brach sie ab und blieb für die Gründung des eigenen Unternehmens zunächst in Berlin. 

Vermarktet werden die Produkte aus Calveslage, hergestellt unter anderem aus den Grünalgen „Chlorella vulgaris“ und „Spirulina platensis“, unter dem Namen „Lüttge“ über die von Cathleen Cordes geführte Evergreen Food.   

Stipendium über 100.000 Euro

Dort erleichterte dann ein mit 100.000 Euro ausgestattetes Gründerstipendium an der Beuth-Hochschule den Start in die Selbstständigkeit. Zunächst zu dritt wurde im Labor an der Erforschung der ersten Superfood-Produkte rund um die Alge gearbeitet. Bereits im Jahr 2015 gab es dann eine erste Auszeichnung für das junge Unternehmen. Die Agrarzeitung überreichte den „Förderpreis der Agrarwirtschaft" für erfolgreiche und engagierte junge Talente im Agrarsektor. Geschäftsidee wie auch die Lebensmittel wurden in der Folge mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt gab es im vergangenen Jahr von der Zeitschrift „Land & Forst" eine Ehrung im Rahmen von „Stark für die Landwirtschaft".

Eine Crowdfunding-Kampagne ermöglichte 2016 den Aufbau der Vermarktung von Algen-Produkten. Diese werden unter dem Namen „Lüttge Alge" gemeinsam mit weiteren bei Cordes hergestellten Superfood-Produkten aus der Region übers Internet vertrieben. Der Finanzierungsaufruf erbrachte seinerzeit dank gleich 238 Unterstützern rund 17.000 Euro. Das Geld wurde für den Produktionsstart für die „Algenperle" auf Basis der Chlorella-Alge genutzt.

Zug um Zug erfolgte der Ausbau der Lüttge-Welt. Das seit dem Jahre 2016 auch Bio-zertifizierte Unternehmen vertreibt heute über den eigenen (Internet-)Shop Superfood-Produkte wie die „Lüttge Grünkohl" und „Lüttge Wildkohl" sowie natürlich „Lüttge Alge" als Pulver und Kapseln.

Als einen großen Erfolg und zugleich echte Bestätigung der Arbeit, die Evergreen-Food in das Thema „Gesundheit und Alge" steckt, empfindet Cathleen Cordes „dass unsere Ware mittlerweile nicht nur in anderen Online-Shops gelistet, sondern auch als Bulkware in weiteren Produkten zu finden ist". Inzwischen gab es auch Anfragen von großen Lebensmittelhändlern wie zum Beispiel Edeka.

Doch die Abnehmer aus dem Lebensmitteleinzelhandel „möchten natürlich Mengen haben, die wir derzeit noch nicht komplett liefern können", sagt die zweifache Mutter Caroline. „Eine wirtschaftliche Algenproduktion gelingt uns derzeit vom Frühjahr bis in den späten Herbst. Die Sonneneinstrahlung ist der entscheidende Faktor. Gibt es ausreichend Licht und Wärme – gut 34 Grad im Gewächshaus müssen es schon sein – können wir auch kontinuierlich unsere Algen ernten. Wenn es den Algen gut geht, teilen sie sich zwei Mal am Tag", so Caroline.

Eigentlich aber seien es nur etwas über sechs Monate, „in denen wir produzieren. Die Produktionsmenge engt uns in unseren Aktivitäten schon ein. Unsere Produktlinien, wie derzeit die der Chlorella, sind dann auch schnell ausverkauft. Um dieses Problem zu lösen, werden künftig weitere Algenfarmen gebaut", sagt sie.

Dass es manchmal nur wenig zu verkaufen gibt, ist für Cathleen eine Herausforderung. „Wir wachsen aktuell organisch. Wir arbeiten mit landwirtschaftlichen Produkten und da ist die Erntemenge durchaus Schwankungen unterworfen. Derzeit haben unsere Kunden aber viel Verständnis dafür, dass wir betrieblich in einer Wachstumsphase stecken", meint Cathleen.

Die Unternehmensentwicklung vorantreiben will sie nun mit der Gründung einer Erzeugergemeinschaft. „Das bringt allen Teilnehmern der Gemeinschaft den Vorteil, dass es eine definierte Algenproduktion geben wird, die weiterverarbeitet werden kann. Der anliefernde Produzent weiß dann auch, dass er seine Algen verlässlich absetzen kann". Mit einer größeren Menge an Algen könne man natürlich auch die Produktpalette erweitern, sagt Cathleen.

Die Schwestern Cordes profitieren in ihren Aktivitäten im Familienbetrieb von der Vorarbeit und dem Erfahrungsschatz ihres Vaters Rudolf. Von Hause aus Gemüsebauer, hatte der schon vor 25 Jahren das Beispiel Japan vor Augen, wo Unmengen an Algen verzehrt werden. Algen hätten durchaus das Potenzial zum globalen Lebensmittel, so sein Gedanke.

Lange wurde auf dem Hof Cordes in Langförden viel entwickelt und noch mehr ausprobiert und experimentiert. Es galt herauszufinden, welche Algensorte in welchen Systemen in nördlichen Breiten so gut heranwächst, dass sich die Produktion letztlich auch wirtschaftlich lohnt. „Und wir beide waren immer mit dabei", schmunzelt Caroline: „Für uns waren die blubbernden grünen Schläuche von Kindheit an völlig normal."

Über die beiden Gesellschaften Agrinova Projektmanagement (Produktion sowie Betreuung der Landwirte, die Algenfarmen betreiben) und Novagreen Projektmanagement (Aufbau der Gewächshäuser und Farmen) ist Rudolf Cordes seinen Töchtern und deren Geschäften weiterhin verbunden, nimmt sich aber zunehmend aus dem laufenden Betrieb heraus. „Da heißt es dann auch schon mal: Das macht ihr schon", lächelt Cathleen.

Unschlagbares Trio: Caroline (links) und Cathleen Cordes mit Vater Rudolf.   

EVERGREEN KURZ + KNAPP

  • die Evergreen-Food GmbH hat ihren Firmensitz an der Oldenburger Straße 330 in Vechta-Langförden (www.evergreen-food.de). Geschäftsführende Gesellschafterin ist Cathleen Cordes (32 Jahre).
  • Schwester Caroline beendet im Jahr 2009 ihr Gartenbau-Studium in Osnabrück und nimmt ihre Tätigkeit im elterlichen Gartenbaubetrieb auf
  • Cathleen schließt 2011 ihr Bioinformatik-Studium ab. Den Master erlangt sie nach der Vertiefung der angewandten Biotechnologie an der RWTH Aachen 2013.
  • Schwester Caroline übernimmt ab 2013 Aufgaben in der Algenproduktion und -verarbeitung der Familie Cordes (Novagreen und Agrinova)
  • ein Ortswechsel nach Berlin führt Cathleen 2014 zur Fraunhofer Gesellschaft nach Potsdam/Golm. Die dort angestrebte Forschung über kryophile Mikroalgen wird zugunsten der Gründung der Evergreen-Food GmbH 2015 abgebrochen.
  • ab 2015 Aufbau der Produktion und des Internet-Shops für Superfoods auf Basis der Grünalge und der weiteren eigenen Superfoods Wildkohl und Grünkohl.
  • Bio-Zertifizierung des Unternehmens und der unter dem Markennamen „Lüttge" vertriebenen Artikel im Jahr 2016.
  • seit 2019 Etablierung der blau-grünen Mikroalge „Spirulina platensis".

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