Wirtschaftsregion

"Eine Vision für die Zukunft!"

Autor*in: HARDING NIEHUES, DR. MICHAEL PLASSE

Zwei neue Gesichter sind seit Sommer 2019 für die Wirtschaftsförderung in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta verantwortlich. Nicole Bramlage, Diplom-Wirtschafts- und Sozialgeografin, hat im Landkreis Vechta die Aufgabe von Dirk Gehrmann übernommen, der in gleicher Funktion zum Landkreis Cloppenburg gewechselt ist. Über das Potenzial und die Zukunft der Region haben sich Dr. Michael Plasse (Geschäftsführer, Oldenburgische Volkszeitung) und Harding Niehues (Verlagsredakteur, Oldenburgische Volkszeitung) mit den beiden Experten unterhalten.

Dr. Michael Plasse, 47, übernahm im Februar 2019 die Geschäftsführung der Oldenburgischen Volkszeitung in Vechta. Der Verlagsmanager war zuvor lange Jahre in Führungspositionen für die Spiegel-Gruppe in Hamburg tätig, zuletzt als Verlagsleiter beim Spiegel und Geschäftsführer der Manager-Magazin-Verlagsgesellschaft.   

Die Region boomt, die Wirtschaft ist stark wie nie. Ist Wirtschaftsförderung im OM nicht, wie Eulen nach Athen zu tragen?

Gehrmann: Nein, wir setzen hier zum Teil andere Schwerpunkte als in der klassischen Wirtschaftsförderung. Die Thematik Fachkräftesicherung zum Beispiel steht hier sicherlich ganz weit oben an. Wir haben aktuell in beiden Landkreisen so über den Daumen 4000 Arbeitsplätze nicht besetzt. Und das sind wahrlich keine Raketenwissenschaftler, die da gesucht werden, sondern bodenständige Berufe wie zum Beispiel Mechatroniker oder Elektroniker. Unsere Herausforderung ist es, das im ländlichen Raum für und mit den Firmen zu organisieren. Wirtschaftsförderung heißt auch, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Facharbeitskräfte auf uns aufmerksam werden und zu uns kommen. Und dass sie dann in die Betriebe vermittelt werden. Dabei werben wir auch für auf den ersten Blick ungewöhnliche Wege.

Frage: Wie meinen Sie das?

Gehrmann: Wir müssen zum Beispiel auch Menschen mit Behinderungen mehr Chancen geben. Hier gibt es bereits tolle Beispiele – zum Beispiel Arbeitsgruppen vom Andreaswerk in Betrieben oder auch von anderen großen Einrichtungen. Wer in der Zukunft bei der Gewinnung von Mitarbeitern erfolgreich sein will, muss auch bisher übliche Denkmuster verlassen. Es muss nicht immer der Abiturient oder Realschüler sein – auch Hauptschüler sollten eine Chance erhalten und gefördert werden.

Wichtig ist auch, noch früher und noch intensiver den Kontakt zwischen Firmen und Schule herzustellen. Hier haben wir noch Luft nach oben. Auch ein Blick in die Nachbarschaft lohnt sich. Die Niederlande sind nur rund 100 Kilometer Luftlinie entfernt. Dort gibt es eine vergleichsweise hohe Jugendarbeitslosigkeit. Neue Rekrutierungsformen kann auch heißen, sich um diese Nachwuchskräfte zu kümmern. Das ist ein Thema, das Potenzial hat, um das sich aber gesondert gekümmert werden muss.

Im Pflegesektor gibt es in den Niederlanden sogar einen Kräfteüberschuss. Auch das ist ein Umstand, von dem wir profitieren könnten. Es gibt also viele Ansätze, die Erfolg versprechen.

„Wer auch in Zukunft bei der Gewinnung von Mitarbeitern erfolgreich sein will, muss bereit sein, bisher übliche Denkmuster zu verlassen.“ (Dirk Gehrmann, Wirtschaftsförderung LK Cloppenburg)

Neben den Töpfen, die es auf verschiedenen Ebenen von EU, Bund und Land gibt: Welche lokalen Instrumente zum Thema Wirtschaftsförderung stehen in den beiden Landkreisen Firmen zur Verfügung?

Bramlage: Wir können mit eigenen Mitteln

kleine und mittelständische Unternehmen, Freiberufler oder Existenzgründer direkt unterstützen. Dafür gibt es nach Investition und Größe bis zu 7.500 Euro Zuschuss pro geschaffenem Dauerarbeitsplatz. Im Landkreis Vechta stehen für diese Maßnahmen pro Jahr rund 400.000 Euro zur Verfügung, im Landkreis Cloppenburg rund 630.000.

Gehrmann: Im Landkreis Cloppenburg haben wir eine große Nachfrage in Sachen Existenzgründung und Nachfolgeregelung. Das ist ein wichtiger Bereich. Wir führen pro Jahr 70 bis 80 Beratungsgespräche im Landkreis Cloppenburg und haben dabei eine hohe Vermittlungsquote. Tatsächlich werden, finanziert durch den Kreistag und die Kommunen, 40 bis 50 Förderanträge genehmigt – vor allem im Bereich Nachfolgeregelungen. Das freut uns besonders, weil es darum geht, gute Betriebe zu erhalten. An diesem Thema wollen wir weiter arbeiten. Wir sind da aber keine Alleinunterhalter, sondern arbeiten unter anderem mit der IHK und der Handwerkskammer eng zusammen.

Bramlage: Gerade Familienbetriebe machen sich Sorgen, wenn sie keinen Nachfolger innerhalb der Familie finden. Dabei kann es für langjährige Mitarbeiter interessant sein, den Betrieb zu übernehmen. Sie kennen den Betrieb, die Kunden und auch die Mitarbeiter. Viele machen sich aber Gedanken über die Bereiche Buchhaltung oder allgemeine Verwaltung. Hier sind wir Ansprechpartner, beraten über Anschubfinanzierungen und zeigen Wege, wie auch die Verwaltung organisiert werden kann. Vor allem für Existenzgründer bieten die Kammern vielfältige Kurse und Veranstaltungen an, auf die wir aufmerksam machen.

"Wir können mit eigenen Mitteln kleine und mittelständische Unternehmen, Freiberufler oder Existenzgründer unterstützen.“ (Nicole Bramlage, Wirtschaftsförderung LK Vechta)

Mit Silvia Breher sitzt jetzt eine Politikerin aus dem Oldenburger Münsterland im Bundesvorstand der CDU. Gibt das Rückenwind für die Region?

Gehrmann: Das hoffen wir doch sehr. Ich für meinen Teil halte das für einen großen Wurf für das Oldenburger Münsterland. Silvia Breher kennt die Interessen der Region in Sachen Breitbandausbau und Mobilfunk, zwei ganz wichtige Standortfaktoren. Da glaube und hoffe ich schon, dass sie sich auch unmittelbar für diese Themen einsetzen wird.

Bramlage: Silvia Breher ist ein frisches Gesicht und kommt immer sympathisch rüber. Ich denke, sie wird einiges bewirken, um auch das Image der Region voran zu treiben. Apropos Landwirtschaft: Da gibt es für sie und auch für uns alle eine große Aufgabe. Wir müssen verhindern, dass ein Keil zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung getrieben wird. Wir brauchen, um weiter erfolgreich zu sein, gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung.

Die Aufgabe der Landkreise, Landräte, Kommunen und Wirtschaftsförderer ist es, Keile zu verhindern. Gibt es da Ansätze?

Gehrmann: Wir setzen uns schon länger verstärkt mit dem Thema auseinander. Vor allen Dingen steht die Akzeptanz der Bevölkerung auf dem Spiel. Wir haben es erlebt, dass bei der Erweiterung des Visbeker Gewerbegebiets erstmals die Bevölkerung auf die Straße gegangen ist, weil sie gegen das Flächenwachstum in Sachen Gewerbeentwicklung war. Aber am Ende müssen sich alle fragen, auf welchem Ast wir sitzen. Was ist die Grundlage unseres Wohlstandes hier in der Region? Das ist die Wirtschaft, das muss man ganz klar sagen.

Alle Akteure sind jetzt gefragt, diesen Spagat miteinander hinzubekommen. Da geht es um Entwicklung der Wirtschaft auf der einen Seite und den Umgang mit natürlichen Ressourcen auf der anderen. Und gewisse Berufsstände müssen eine gewisse Kompromissbereitschaft mitbringen, weil die Grenzen des Wachstums in jeder Branche gegeben sind. Das ist ein Thema, das nicht immer gerne gehört wird – vor allem, weil es in der Vergangenheit in unserer Boom-Region immer höher, schneller,  weiter ging.

Intelligentes Wachstum ist das Stichwort für die Zukunft. Wir müssen mehr in die Nischen schauen. Und da sind wir bei dem Thema: Wo sind Märkte, wo entstehen neue, wie entwickelt sich das Verbraucherverhalten? Wir haben viele Kompetenzen in den Betrieben, um hier weiter erfolgreich zu sein. Wir müssen aber noch genauer hinschauen, wie sich die Märkte entwickeln und wie wir uns darauf einlassen können.

„Mit Silvia Breher sitzt jetzt eine Politikerin aus dem OM im CDU-Bundesvorstand. Gibt das Rückenwind für die Region?“ (Dr. Michael Plasse, Geschäftsführer der OV Vechta)

Stichwort Start-ups. Brauchen wir einen Inkubator für junge Existenzgründer in unserer Region?

Bramlage: Wir diskutieren schon länger darüber, ein Gründerzentrum zu errichten. Allerdings stehen die Gespräche noch am Anfang. Es gilt, den genauen Bedarf zu erkennen und zu decken. Das haben wir im Blick und werden bald eine gemeinsame Lösung für das gesamte Oldenburger Münsterland präsentieren.

Gehrmann: Wenn wir ohnehin schon nach meinem Empfinden eine dezentrale Struktur mit vielen Akteuren haben, dann ist die Frage, ob wir ein großes Zentrum benötigen oder uns tatsächlich dezentraler aufstellen sollten. In Cloppenburg gibt es bereits den Gründer- und den Handwerkerhof. Und wir haben auch drei interkommunale Gewerbeparks im OM.

Aber gibt es klassische Inkubatoren oder eben nur reine Räumlichkeiten, die den Start-ups zur Verfügung stehen?

Gehrmann: Es gibt derzeit nicht den klassischen Inkubator wie das Seedhouse in Osnabrück. Wir überlegen schon, ob und wie so ein Modell in unsere Struktur passen könnte. Das darf aber nicht abgekupfert werden, sondern muss auf unsere Struktur angepasst sein. Das wäre etwas, womit wir punkten könnten. Wir haben ja aus großen Unternehmen in der Region gehört, dass sie an Start-up-Förderung interessiert sind. Da ist auch ein neues Denken zu spüren. Wenn sich ein guter Mitarbeiter wirklich selbstständig macht und dann der Firma zuarbeitet, kann das für beide Seiten ein Gewinn sein. In der Kunststofftechnik haben wir ja an einigen Stellen gesehen, dass das ein gutes Modell sein kann. Da haben wir, glaube ich, unternehmerisch noch Luft nach oben.

„Flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie mit Beruf und Work- Life-Balance sind bei den Bewerbern heute ganz oben auf der Liste!“ (Dirk Gehrmann, Wirtschaftsförderung LK Cloppenburg)

Frische Köpfe und junge Talente wollen heute andere Rahmenbedingungen. Flexible Arbeitszeiten, Home-Office, Billardtisch: Was bewegt Sie, wenn Sie das hören?

Bramlage: Es gibt viele interessante Ansätze, wenn es darum geht, Fachkräfte zu finden und zu binden. Die Frage ist: Was suchen junge Leute heutzutage? Flexible Arbeitszeitmodelle, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Work-Life-Balance stehen ganz oben auf der Liste. Das kann ich persönlich auch nachvollziehen. Da sind auch Unternehmer gefragt, sich ein Stück weit zu bewegen und sich so aufzustellen, dass sie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer attraktiv, aber auch weiterhin wirtschaftlich erfolgreich sind.

Die Aufgabe ist es, die Vorstellungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern unter einen Hut zu bekommen. Es gibt Studien, die besagen, dass eine tägliche Arbeitszeit von sechs Stunden effektiver sei oder die Vier-Tage-Woche besser als die Fünf-Tage-Woche funktioniere, weil die Leute bei vier Tagen einfach motivierter seien. Das sind neue Ansätze, denen sich die Unternehmer stellen müssen, wenn sie die frischen Köpfe von heute gewinnen wollen. Aber auch wir als Landkreis sind gefordert, die Rahmenbedingungen zu schaffen wie beispielsweise Mobilität und Wohnen.

Gehrmann: Es gibt ja schon jetzt viele Dinge, die möglich sind. Beim Stichwort Familie und Beruf kann ich mich auch als kleiner Betrieb mit meinen Nachbarn zusammenschließen und versuchen, eine Kinderbetreuung einzurichten. Dann ist für mehrere Betriebe in einer Räumlichkeit die Betreuung organisiert. Insgesamt wird es angesichts der jungen Zielgruppe, die jetzt in den Arbeitsmarkt drängt, auch ein Umdenken im Kopf der Unternehmer geben müssen.

Wie können Unternehmen – vor allem auch die vielen Handwerksbetriebe – sonst noch für junge Leute attraktiver werden?

Bramlage: Ein Schritt wäre, junge Gesellen und Gesellinnen als Botschafter fürs Handwerk zu finden, denn die sprechen die Sprache der Schüler. Junge Leute als Multiplikatoren gewinnen, neue Medien nutzen, das ist eine Chance für die Betriebe. Image ist heute wichtiger denn je.

„Das Thema Bildung sollte weiter in den Fokus rücken und nicht nur als kommunale Pflichtaufgabe betrachtet werden!“ (Nicole Bramlage, Wirtschaftsförderung LK Vechta)

Was ist notwendig, damit das Oldenburger Münsterland auch in 20 Jahren noch erfolgreichist?

Bramlage: Das Thema Bildung sollte noch weiter in den Fokus rücken und nicht nur als kommunale Pflichtaufgabe betrachtet werden. Dabei spielen reibungslose Übergänge zwischen Kindergarten, Schule und Berufsleben eine wichtige Rolle. Wir haben im Landkreis Vechta bereits Kooperationen von Schulen und Betrieben. Aber die müssen wir noch weiter ausbauen und intensivieren, um die Stärken und die Attraktivität unseres Handwerks und der anderen lokalen Unternehmen aufzuzeigen.

Gehrmann: Stichwort Offene Hochschule: Junge Leute haben mittlerweile viele Möglichkeiten, sich zu qualifizieren. Das Abitur ist längst nicht mehr der einzige Einstieg in eine Karriere. Die Förder- und Fortbildungsmöglichkeiten sind aber noch längst nicht bei allen bekannt.

Stichwort Landwirtschaft bzw. Lebensmitteltechnik: Der Landkreis Cloppenburg wird ab 2020 ein Lebensmitteltechnikum an der BBS in Cloppenburg schaffen, das die aktuelle Produktion von Lebensmitteln mit aktueller Technik komplett vom Scheitel bis zur Sohle abbildet und damit optimale Ausbildungsbedingungen schafft. Das ist eine Vision für die Zukunft und eine der Chancen für das OM, auch in 20 Jahren in diesem Segment noch Leitregion zu sein.

Wir müssen weiter gemeinsam intensiv an der Attraktivität und dem Image der Region arbeiten. Die Grundlagen sind mit der neuen Strategie „Viel grün. Viel drauf! und dem Verbund OM geschaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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