Maschinen- und Anlagenbau

Feinwerkmechanik mobil

Autor*in: BENJAMIN SANDER

Die Firma E. Becker aus Molbergen hat sich auf mobile Zerspanungsarbeiten und 3-D-Ingenieurvermessungen spezialisiert. Weltweite Einsätze gehören zwar zum Tagesgeschäft, „doch es ist für uns schwer, Fachkräfte zu bekommen, die einerseits in der Lage sind, sich Genauigkeiten im Bereich von Hundertstelmillimetern vorstellen zu können und andererseits die notwendige Flexibilität für kurzfristige Einsätze auf der gegenüberliegenden Seite der Erde mitbringen", sagt Benjamin Sander, technischer Leiter des Unternehmens. Er setzt auch deshalb auf die Ausbildung von Feinwerkmechanikern im eigenen Betrieb.

Becker im Einsatz: Vermessungsarbeiten an Drehsegmenttoren des Schiffshebewerkes Niederfinow in Brandenburg.   

Seit August 2019 ist der vierte Feinwerkmechaniker-Auszubildende, Steeven Polster (18), bei dem spezialisierten Maschinenbauer tätig – aktuell gerade auf einer Baustelle in Kolumbien. „Dort wird die erste Klappbrücke Kolumbiens nach Fertigstellung der Schweißarbeiten mechanisch bearbeitet, um die Drehachsen für Brückenklappe und Waagebalken parallel zueinander herzustellen. Eine frühzeitige und vollständige Teamintegration unserer Nachwuchskräfte ist wichtig, um sowohl den erfahrenen Monteuren klar zu machen, dass ein Wissenstransfer notwendig ist, als auch den jungen Leuten ihre Wichtigkeit für den Unternehmenserfolg aufzuzeigen", sagt Sander. „Eine klassische, duale Ausbildung mit ein bis zwei Berufsschultagen in der Woche lässt sich aufgrund der häufig weit entfernten Baustellen nicht realisieren. Deshalb mussten wir eine Alternative suchen: Die Berufsschule in Schleswig bietet Blockunterricht für Feinwerkmechaniker an und hat auch noch ein integriertes Internat, in dem die Azubis während der rund drei- bis vierwöchigen Berufsschulzeiten zu attraktiven Konditionen wohnen können", so Sander.

„Kleine Instandsetzungsarbeit“ am Fräsrahmen während eines Einsatzes in der Schweiz.   

Nur 114 Wochen

Die Ausbildung zum Feinwerkmechaniker dauert dreieinhalb Jahre, also rund 180 Wochen. Davon sind die Lehrlinge 36 Wochen in der Berufsschule, 12 Wochen in überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen (ÜLus) der Kreishandwerkerschaften und haben obendrein 18 Wochen Urlaub. Damit bleiben noch knapp 114 Wochen für die praktische Ausbildung im Betrieb – wenn keine Krankheit dazwischenkommt. „Das sind weniger als zwei Drittel der gesamten Ausbildungsdauer", klagt Sander. „Und in dieser kurzen Zeit ist der Inhalt des gesamten Ausbildungsrahmenplans zu vermitteln. Hierfür spannen wir die Auszubildenden vor allem auch in der eigenen Werkstatt bei Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen oder im Neubau von mobilen Zerspanungsmaschinen ein. Auf den internationalen Baustellen lernen die Azubis dann das konventionelle Zerspanen, die Teamarbeit sowie sich vor Ort durchzuschlagen", so Sander.

Becker-Azubi Steeven

Am Beispiel von Steeven, Azubi im ersten Lehrjahr, wird dies deutlich: Der Einsatz in Kolumbien erfolgte relativ kurzfristig. Zuvor mussten die notwendigen Impfungen durchgeführt und ein Reisepass beantragt werden. „Helfend stand mir hierbei meine Vorgesetzte Roswitha Adam als Abteilungsleiterin Mobile Zerspanung beiseite. Ich bin vorher noch nie geflogen – geschweige denn soweit gereist. Es wird bestimmt spannend und ein bisschen aufgeregt bin ich auch! Aber ich verlasse mich voll und ganz auf meinen Kollegen, der schon viele Auslandsreisen hinter sich gebracht hat", so Steeven.

Ihm macht die abwechslungsreiche Arbeit viel Spaß, er lernt jeden Tag etwas Neues und wird von seinem Arbeitgeber auch ins kalte Wasser geworfen. Hierin sieht er ganz klar einen Vorteil: „Ich kann Dinge auch selber ausprobieren und muss nicht nur etwas nachmachen. Das trainiert viel besser, ich kann es mir schneller merken."

Dass der Achtzehnjährige in seinem neuen Lebensabschnitt viel unterwegs ist und umso weniger zu Hause oder bei seinen Freunden sein kann, stört ihn nicht. Er genießt den Teppichwechsel.

Einrichtungsarbeiten an einer Industriepresse mittels Innenmessschraube.   

Stahlgroßbauteile von Becker

Bei den zu bearbeitenden Stahlgroßbauteilen handelt es sich häufig um Objekte wie Klappbrücken, Containerkrane, Schleusentore oder Schiffsneubauten. Es geht im Wesentlichen darum, maschinenbauliche Anforderungen in „groben" Stahlbau zu integrieren. Dabei sind Toleranzen im Bereich von weniger als 0,1 Millimeter herzustellen. Dazu setzt das Unternehmen seit fast 35 Jahren auf selbst konstruierte und hergestellte Bohrmobile und Fräseinheiten. „Einige unserer Maschinen sind so alt, wie das Unternehmen selbst. Durch ständige Wartung und Erneuerung von Verschleißteilen halten wir sie aber in einem sehr guten Zustand, um die engen Form- und Lagebedingungen einhalten zu können", sagt Benjamin Sander.

Zerspanung am Walzenständer in einem Aluminiumwerk in Serbien.   

Vermessungsingenieur aus Montenegro

Für ein Großprojekt im Bereich von Schiffbau- bzw. Offshore-Krananlagen wagten die Zerspanungsspezialisten 2011 den Einstieg in die 3-D-Ingenieurvermessung mittels Lasertracker und Totalstation. Heute werden in dieser eigenständigen Serviceabteilung unter der Leitung von Ivan Dragas aus Montenegro auch reine vermessungstechnische Projekte abgewickelt. „Unsere Kunden profitieren enorm von der Kombination maschinenbaulichen Wissens mit modernster Vermessungstechnik. Diesen Vorteil bieten nur wenige Vermessungsunternehmen", findet Dragas.

Ivan Dragas ist seit Herbst 2017 im Unternehmen tätig und gemeinsam mit seiner Ehefrau im Rahmen einer EU-BlueCard-Regelung nach Deutschland gekommen. „Anfänglich musste ich nicht nur Deutsch lernen, sondern vor allem die Besonderheiten des Maschinenbaus. Begriffe wie Form- und Lagetoleranzen oder Oberflächengüte sind nicht Bestandteil der normalen vermessungstechnischen Ausbildung", sagt der Vermessungsingenieur.

Aktuell wird von einem Arbeitskreis, der von Becker Maschinenbau zusammen mit befreundeten Unternehmen initiiert wurde, ein zweiter Anlauf unternommen, eine weitere Fachrichtung in den Ausbildungsberuf des Vermessungstechnikers zu integrieren, um den aktuellen vermessungstechnischen Möglichkeiten gerecht zu werden.

„Die Ausbildung von Vermessungstechnikern darf nicht mehr ausschließlich an das Katasterwesen gekoppelt sein, sind doch die Anwendungen im maschinenbaulichen Bereich heute sehr vielfältig geworden", erklärt Benjamin Sander. „Themen wie Toleranzen oder Werkstoffeigenschaften in Bezug auf Ausdehnung bei Temperaturänderungen müssen bei Vermessungen im Submillimeterbereich auf jeden Fall betrachtet werden", so Sander. Sein Unternehmen hofft dabei auf die Unterstützung der Industrie, damit ein solcher Ausbildungsgang in Zukunft auch für kleinere Handwerksunternehmen zugänglich wird.

Mobiles Abdrehen einer Fördermaschine im Steinkohlebergbau.   

Blick über den Tellerand

Bei allen Projekten, die weltweit von den Zerspanungs- und Vermessungsexperten abgewickelt werden, wird über den Tellerrand geblickt: Was kann man von anderen lernen? Wie können Prozesse – womöglich auch auf unkonventionelle Art – besser gemacht werden? Können Techniken abgewandelt auch für völlig andere Anwendungsgebiete genutzt werden? „Das Lernen darf nie aufhören – auch nicht nach vielen Jahren der Berufsausübung. Sonst laufen andere einem den Rang ab", ist sich Benjamin Sander sicher.

Der Ingenieur liebt die Technik. Nebenbei hat er mit ehrenamtlichen Helfern einen Kinder-Technik-Club, den Spürnasen e.V., gegründet. Der Verein hat das Ziel, Kindern der Grundschulen Halen und Höltinghausen technisches Verständnis zu vermitteln und Interesse an technischen Berufen zu fördern. Er hält es aufgrund des Fachkräftemangels für sehr wichtig, auch der Nachfolgegeneration eine Tätigkeit im Handwerk schmackhaft zu machen.

Sicherheit über alles

Ein weiteres Augenmerk legt die Firma Becker auf ihre Arbeitssicherheit: Gleich zwei Systeme werden regelmäßig durch Audits zertifiziert – zum einen das internationale SCC (Safety Certificate for Contractors) und zum anderen das SmS (Sicher mit System), ein System der zuständigen Berufsgenossenschaft Holz-Metall. „Dies ist nicht nur wichtig, um Aufträge aus der Industrie zu bekommen, sondern in erster Linie, um unsere Mitarbeiter zu schützen. Es hat einige Jahre gedauert, bis der Nutzen von allen Mitarbeitern verstanden wurde. Aber der Aufwand war und ist es wert", lobt der technische Leiter die Managementsysteme.

Man merkt der ganzen Becker-Truppe an, dass sie für ihr Aufgabenfeld Begeisterung zeigt und sich gern auch Herausforderungen stellt, die andere längst abgelehnt haben. Beckers Slogan „Genauigkeit ist unsere Stärke" wird in allen drei Firmensparten (mobile Zerspanung, 3-D-Ingenieur-Vermessung und Fertigung von Brennzuschnitten) gelebt.

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