Lebenswelt

Teilhabe am Arbeitsleben

Autor*in: MELANIE THIEL

Unter dem Motto „Vielfalt leben!" begeht das Andreaswerk e. V. in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Zeit, um innezuhalten? „Nur bedingt", schmunzelt Geschäftsführer Matthias Warnking. Immerhin müsse der Betrieb in den Einrichtungen wie gewohnt weiterlaufen. Knapp 2.000 Plätze für Menschen mit Beeinträchtigungen betreut der Verein aktuell – in der Frühförderung, den Kindergärten, der Erich Kästner-Schule, den Werkstätten oder im Rahmen der Wohn- und Assistenzangebote.

Aufsichtsratsvorsitzender Aloys Freese (Mitte) mit Geschäftsführer Matthias Warnking (rechts) und stellvertretendem Geschäftsführer Dominik Fahlbusch (links).   

Hauptaufgabe des Andreaswerkes ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Ein Thema, das Matthias Warnking im Verlauf des Jubiläumsjahres 2020 weiter in die Öffentlichkeit hineintragen will. „Andererseits freuen wir uns natürlich auch darauf, einfach mit allen gemeinsam das bislang Erreichte zu feiern. Denn wir sind stolz auf die Entwicklung des Andreaswerkes", betont der Geschäftsführer. Am 29. Dezember 1969 als „Caritasverein für Kinder- und Jugendhilfe e. V." gegründet, startete der Verein zunächst als Träger einer Tagesbildungsstätte. 1974 folgten die ersten Werkstätten. Heute ist die Werkstatt mit insgesamt fast 800 Beschäftigten mit Beeinträchtigungen und rund 140 hauptamtlichen Mitarbeitern der größte Fachbereich des Vereins.

Die Holzbearbeitung ist einer von mehreren Arbeitsbereichen der Werkstatt.   

Den Bedürfnissen angepasst

„Nach wie vor wird Menschen mit Beeinträchtigungen der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt vielfach erschwert", erläutert Markus Ideler, Fachbereichsleiter Werkstatt. Die Werkstatt für behinderte Menschen ermögliche ihnen eine berufliche Eingliederung und unterstütze sie dabei, ihr Recht auf Arbeit zu verwirklichen. „Dazu gehört es, die Arbeitsplätze den Bedürfnissen der Menschen mit Beeinträchtigungen anzupassen sowie die Beschäftigten durch begleitende Angebote so gut und so weit wie möglich zu fördern."

In drei Kommunen des Landkreises Vechta vertreten, halten die Werkstätten des Andreaswerkes mit ihren verschiedenen Produktions- und Dienstleistungsbereichen inzwischen ein breites Feld an Arbeitsmöglichkeiten vor. Tätig werden können die Beschäftigten, je nach ihren Fertigkeiten und Interessen, in der Bäckerei, Buchbinderei, Druckerei, Dienstleistung, Elektromontage, Garten- und Landschaftspflege, Küche, Holzbearbeitung, Industriemontage, Kfz-Werkstatt, Metallbearbeitung oder Wäscherei. Ein neues, niedrigschwelliges Beschäftigungsangebot speziell für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung kam 2019 unter dem Namen „Werk|A" in Lohne hinzu.

Eine Herausforderung bildet die Erfüllung des pädagogischen Auftrages und das zeitgleiche Agieren als mittelständisches Wirtschaftsunternehmen. So sind die Werkstätten seit 17 Jahren nach der DIN EN ISO 9001 zertifiziert. Auftraggeber aus Industrie und Gewerbe können sich demnach auf einen hohen Qualitätsstandard verlassen. Ein weiterer Vorteil der Zusammenarbeit mit dem Verein: Arbeitgeber, die im Jahresdurchschnitt über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügen, sind dazu verpflichtet, auf fünf Prozent der Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen (§ 154 SGB IX). Geschieht das nicht, müssen sie eine monatliche Ausgleichsabgabe für jeden unbesetzten Pflichtplatz bezahlen. Firmen, die dem Andreaswerk als vom Staat anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen einen Auftrag erteilen, senken in der Regel ihre Ausgleichsabgabe und unterstützen so Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen. Die in Werkstätten für behinderte Menschen erbrachte Arbeitsleistung lässt sich zu 50 Prozent auf die Ausgleichsabgabe anrechnen (§ 223 SGB IX). Das Geld, das die Menschen mit Beeinträchtigungen erwirtschaften, kommt ihnen direkt zugute und darf nur für sie verwandt werden.

Als größter Fachbereich des Andreaswerkes zählt die Werkstatt derzeit fast 800 Beschäftigte mit Beeinträchtigungen.   

Weg auf den ersten Arbeitsmarkt

Mut möchten Markus Ideler, Werkstattsleitung, und Dominik Fahlbusch, stellvertretender Geschäftsführer, denjenigen Firmen machen, die über die Einstellung eines oder mehrerer Menschen mit Beeinträchtigungen nachdenken. „Leider herrscht bei vielen Unternehmen nach wie vor Scheu oder nicht genügend Kenntnis über die Ausgestaltungsmöglichkeiten solcher Arbeitsverhältnisse", unterstreicht Fahlbusch. Hier wolle das Andreaswerk weiter Aufklärungsarbeit leisten sowie den Betrieben unterstützend zur Seite stehen – vor, während und auch noch nach der erfolgten Vermittlung.

Bei den Vermittlungen von Beschäftigten aus der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt liegt das Andreaswerk deutlich über dem niedersachsenweiten Schnitt (Stand: 2018). Bewährte Instrumente, wie betreute Außenarbeitsplätze in regionalen Betrieben oder das Budget für Arbeit, welches Lohnkostenzuschüsse und eine Betreuung durch Fachpersonal beinhaltet, tragen dazu maßgeblich bei. Bei den absoluten Zahlen sei allerdings noch immer Luft nach oben, sind sich Matthias Warnking, Dominik Fahlbusch und Markus Ideler einig. Um die Quote weiter zu erhöhen, sucht und geht die Werkstatt daher gerne auch neue Wege.

So haben beispielsweise Teilnehmer der Berufsbildungsbereiche seit 2016 die Möglichkeit, nach ihrer zweijährigen Qualifizierung eine Prüfung zum Handwerksgehilfen im Bereich Holz und Metall beziehungsweise zur Hilfskraft im Gartenbau und in der Hauswirtschaft abzulegen. Das Ziel: Mithilfe des erworbenen Zertifikates sollen sie ihre Fähigkeiten gegenüber potentiellen Arbeitgebern belegen und damit ihre Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erhöhen. Die Akkreditierung der Bereiche durch die Handwerkskammer Oldenburg beziehungsweise die Landwirtschaftskammer Niedersachsen bezeichnet Ideler entsprechend als „großen Schritt in Richtung Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt". Weitere Chancen für die Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt bieten die so genannten Inklusionsunternehmen. Aber was sind Inklusionsunternehmen eigentlich und was unterscheidet sie von Werkstätten für behinderte Menschen?

Martin Sander (von rechts) und Hermann-Josef Heitkamp, hier vor dem 2018 in Betrieb genommenen Schweißroboter, sind Geschäftsführer der 2005 gegründeten INTEC gGmbH.   

INTEC gGmbH: Die Metallbearbeiter

„Integration durch Technik" (kurz: INTEC) lautete das Motto, unter dem die INTEC gGmbH, dessen alleiniger Gesellschafter das Andreaswerk ist, vor 15 Jahren den Betrieb in Lohne aufnahm. „Im Gegensatz zu einer Werkstatt für behinderte Menschen sind wir ein Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes", erläutern die Geschäftsführer Martin Sander und Hermann-Josef Heitkamp. Das bedeutet nicht zuletzt, dass die INTEC allen allgemeinen wirtschaftlichen und unternehmerischen Risiken unterworfen ist, gewinnorientiert arbeitet sowie marktorientiert produziert. Gleichzeitig hat das Inklusionsunternehmen die Aufgabe, Menschen mit Beeinträchtigungen im Sinne des § 215 SGB IX, die keinen Arbeitsplatz auf dem freien Arbeitsmarkt finden, sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen. Mindestens 30 Prozent muss ihr Anteil an den Mitarbeitern betragen.

Zielgruppe des § 215 SGB IX sind Menschen mit geistiger oder seelischer Beeinträchtigung oder mit einer schweren Körper-, Sinnesoder Mehrfachbehinderung, die sich im Arbeitsleben besonders nachteilig auswirkt und allein oder zusammen mit weiteren Umständen die Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt außerhalb eines Inklusionsbetriebes erschwert oder verhindert. Für die Beschäftigung dieser Mitarbeiter bekommt jedes Inklusionsunternehmen vom Land Niedersachsen einen Zuschuss in Höhe von maximal 30 Prozent der Lohnkosten als sogenannten Minderleistungsausgleich erstattet.

Zum Tätigkeitsbereich der INTEC gehören unter anderem CNC-Technik, mechanische Bearbeitung, Montagen, Lohnfertigung, Metallbau, Schlosserei und Schweißarbeiten. Auch dank dieser breiten Palette an Leistungen hat sich das Mitglied der Metallinnung zu einem festen Partner für namhafte Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen, wie Stalleinrichter, der Kunststoffindustrie oder dem Metall- und Schiffsbau, entwickelt.

Eine gute Vernetzung mit anderen Unternehmen und Einrichtungen ist den Geschäftsführern in mehrfacher Hinsicht wichtig. Immerhin geht es bei einem Inklusionsunternehmen eben nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, sondern ebenso darum, die eigenen Mitarbeiter zu fördern, zu qualifizieren und teilweise weiterzuvermitteln. An einige erfolgreiche Beispiele erinnert sich Martin Sander besonders gerne zurück: „Seit Ihrem Bestehen konnte die INTEC gemeinsam mit unterschiedlichen Unternehmen, Kostenträgern und Fortbildungseinrichtungen einige Mitarbeiter zum Beispiel zum Technischen Produktdesigner, Maschinenbauer oder Maschinenführer ausbilden und damit auch eigenes qualifiziertes Personal gewinnen. Eine tolle Sache – für alle Beteiligten."

Ein Mitarbeiter der IBB Vechta bei Pflasterarbeiten.   
In der Landwehrstraße 7 in Vechta befindet sich die Zentrale des Andreaswerkes.   
Matthias Warnking (rechts) und Stefan Helms (links) sind Geschäftsführer der IBB Vechta gGmbH.   

IBB Vechta: rund ums Haus

Die positive Entwicklung der INTEC erleichterte gut neun Jahre später die Entscheidung, mit der IBB Vechta gGmbH (Integration, Bildung und Beschäftigung) ein zweites Integrationsunternehmen zu gründen. Hervorgegangen aus einem Betrieb des Caritas-Sozialwerks St. Elisabeth in Lohne, bewegt sich auch dieses noch junge Unternehmen seit 2014 rechtlich und inhaltlich eigenständig auf dem freien Arbeitsmarkt. „Wir wollten die Bereiche Gartenbau und Malerarbeiten als echte Integrationsfirmen aufbauen. Jeweils zur Hälfte Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen sollten hier gemeinsam arbeiten können", erinnern sich die IBB-Geschäftsführer Matthias Warnking und Stefan Helms an die Entstehung.

Dabei hatten und haben sie vor allem jene im Blick, die „trotz einer eigentlich guten Arbeitsmarktsituation im Landkreis Vechta kaum berufliche Aussichten haben", so Warnking weiter. An ihrem vor zwei Jahren bezogenen Standort im Brägeler Forst in Lohne beschäftigt die IBB aktuell rund 35 Mitarbeiter – mit einem Anteil an Menschen mit Beeinträchtigungen von über 40 Prozent. Tätig sind sie in den Bereichen „Natur- und Umwelthof", „Malerabteilung" und „Dienstleistungen". „Wir bieten gewerblichen und privaten Kunden unter anderem Grünanlagenpflege, Gestaltung und Erstellung von Außenanlagen, Pflaster-, Bautischler- und Malerarbeiten, Spedition und Umzüge oder Haushaltsauflösung", listet Stefan Helms einen Teil der Leistungen rund ums Haus auf.

Für Matthias Warnking steht fest: „Das Andreaswerk, die INTEC und die IBB konnten in den vergangenen Jahren vieles für und mit den Menschen mit Beeinträchtigungen erreichen. Es liegt aber auch noch einiges vor uns." Und damit, ergänzt er augenzwinkernd, sei nicht nur die große, öffentliche Jubiläumsparty am 29. August 2020 auf dem Gelände der Firma Höffmann gemeint.

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