Lebenswelt

Dorf und Zukunft

Autor*in: SIMONE ISRAEL, CHRISTINE LORENZ-LOSSIN

In den ländlichen Räumen der Bundesrepublik vollzieht sich seit Jahren ein umfassender ökonomischer und sozialer Strukturwandel. Die gesamtdemografische Entwicklung, die Folgen und Begleiterscheinungen von Globalisierung und Digitalisierung, aber auch die zunehmende Individualisierung und Vielfalt der Gesellschaft stellen Leben und Zusammenleben breiter Bevölkerungsgruppen vor große Herausforderungen. Forschungseinrichtungen wie das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung gehen davon aus, dass 70 Prozent der bundesdeutschen Landgemeinden laufend Einwohner*innen verlieren und 2050 nur noch 16 Prozent der deutschen Bevölkerung in ländlichen Räumen leben werden.

Die Historikerin Simone Israel und die Volkskundlerin Christine Lorenz-Lossin stellten das Projekt „Zukunft der Dörfer“ Ende August 2019 bei einer Auftaktveranstaltung auf Bredemeyers Hof in Goldenstedt vor.   

Während man in anderen Regionen Niedersachsens mit Immobilienleerstand, Überalterung und Wegzug von Menschen und Unternehmen oder auch maroder Infrastruktur zu kämpfen hat, präsentiert sich das Oldenburger Münsterland als Region mit guten Zukunftsprognosen. Hier gibt es einen anhaltenden Geburtenüberschuss, der dieser Region gemeinsam mit der wirtschaftlichen Prosperität eine besondere Funktion für andere ländliche Räume des Landes verleiht. Konstant wachsende Bevölkerungszahlen verdankt das Oldenburger Münsterland nicht zuletzt auch dem Zustrom von Spätaussiedler*innen in den 1990er-Jahren. Die gestiegene Bevölkerungszahl der letzten Jahrzehnte zeigt heute das Bild einer diversen Gesellschaft von jungen und alten Menschen, alt eingesessenen Familien und Neubürger*innen. Das traditionelle Sozialgefüge in Dörfern und Kleinstädten begegnet hier verschiedenen Herausforderungen und braucht kreative, inklusive Ansätze, um weiterhin Lebensqualität und Zusammenhalt zu garantieren.

Die Projektleiterinnen Christine Lorenz-Lossin und Simone Israel.   

Wie überall verändern sich auch hier Familien- und Erwerbsstrukturen. Das soziale Netz, das vergangene Generationen gestützt und getragen hat, wird brüchiger. Alternative Modelle für Versorgung und Pflege werden daher umso notwendiger. Neben dem zwingenden Ausbau der Grundversorgung, zum Beispiel in Form von Betreuungseinrichtungen für Kinder, ältere und kranke Menschen, ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ein wichtiges Thema im ländlichen Raum.

Darüber hinaus gilt es, angesichts einer beständig komplexer werdenden Gesellschaft tragfähige Konzepte für ein konfliktfreies soziales Miteinander zu entwickeln und umzusetzen.

An vielen Orten verändern sich auch Infrastrukturen von Gewerbe und Einzelhandel. Wo Banken, Postfilialen und Gaststätten schließen, hinterlassen sie sicht- und spürbare Lücken im Ortsbild.

Diese Beispiele zeigen, dass auch demografisch und wirtschaftlich prosperierende Regionen sich großen Zukunftsfragen stellen müssen: Wohin entwickelt sich der ländliche Raum im Oldenburger Münsterland in den kommenden Jahren? Wie beeinflussen demografischer Wandel und wirtschaftliche Entwicklungen das Leben auf dem Land? Wie möchten Menschen in Dörfern und Städten hier zukünftig leben und arbeiten? Was möchten sie im Ort erhalten und schützen, welche Veränderungen möchten sie mitgestalten und voranbringen?

Mit Themen wie diesen beschäftigt sich aktuell das Projekt „Zukunft der Dörfer". Durchgeführt wird es von der Universität Vechta in Kooperation mit dem Kulturanthropologischen Institut Oldenburger Münsterland und dem Museumsdorf Cloppenburg. Die Förderung erfolgt durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die Volkswagenstiftung bei einer Laufzeit bis Juli 2020.

Ziel des Projekts ist es, in verschiedenen Veranstaltungen Zukunftsthemen mit Bürger*innen vor Ort zu identifizieren und zu diskutieren. Beispiele dafür sind „Alt werden auf dem Land – Traum oder Alptraum?", „Jungsein auf dem Land – gehen oder bleiben?" oder „Arbeiten auf dem Land – Work-Life-Balance oder Pendlerfrust?". Herausforderungen und Chancen von Veränderungsprozessen im ländlichen Raum werden auf diese Weise sichtbar und transparenter gemacht. Die aus den Gesprächen und dem Austausch resultierenden Bedarfe und Fragestellungen werden an wissenschaftliche Forschungseinrichtungen weitervermittelt. Geleitet von der Überzeugung, dass die Wissenschaft nachhaltige Lösungen für wichtige Zukunftsfragen nur zusammen mit der Gesellschaft erarbeiten kann, steht der Wissenstransfer mit Bürger*innen der Region auf Augenhöhe hier im Vordergrund.

Jungsein auf dem Land – gehen oder bleiben? ist eines der Themen, mit denen sich „Zukunft der Dörfer“ beschäftigt.   

Die Historikerin Simone Israel und die Volkskundlerin Christine Lorenz-Lossin leiten dieses Projekt und luden Ende August 2019 zur Auftaktveranstaltung auf Bredemeyers Hof in Goldenstedt, Landkreis Vechta. Circa 100 Personen folgten dieser Einladung an einem sehr warmen Spätsommertag. Auf dem Programm standen neben der Vorstellung des Forschungsvorhabens zwei Impulsreferate zur Dorf- und Regionalentwicklung (Gisbert Strotdrees, Journalist aus Münster) sowie zum Modellprojekt „Ausbildung in Dorfmoderation: Mittendrin statt nur dabei" (Dr. Swantje Eigner-Thiel, Wissenschaftlerin der HAWK Göttingen). Danach ging es in der offenen Diskussionsrunde „Vom Leben auf dem Land" konkret um die Gemeinde Goldenstedt. Einzelne Persönlichkeiten, darunter der langjährige Bürgermeister Willibald Meyer, die Vorsitzende des Jugendparlamentes Lilly Bramlage oder der Initiator der Senioren-WG in Ellenstedt Bernd Reinke berichteten lebendig vom eigenen Engagement und Verantwortungsgefühl, vom Teamspirit in Vereinen und von sozial-karitativen Initiativen der Gemeinde, die über Goldenstedt hinauswirken.

Im Markt der Möglichkeiten präsentierten sich Forschungsteams (unter anderem aus den Bereichen Gerontologie, Soziale Arbeit oder Designpädagogik) der Universität Vechta und stellten den Besucher*innen ihre Arbeiten und regionalen Studien vor. Eine Vielzahl von Gruppen aus der Gemeinde Goldenstedt wie das Haus im Moor, die LEB, die Flüchtlingshilfe in der Villa Marischen oder der Malteser Hilfsdienst waren ebenfalls vertreten und kamen mit vielen Menschen vor Ort ins Gespräch. Bredemeyers Hof, aufwändig saniert durch die Anna-und-Heinz-von-Döllen-Stiftung, bot hier mit seinem historischen Ambiente und den großflächigen, frei zugänglichen Bauten eine wunderbare Kulisse.

Nach dem Motto „Uni goes outside" machte das Projektteam unter anderem schon Station auf der historischen Dorfkirmes im Museumsdorf Cloppenburg sowie bei den Weihnachtsmärkten in Elisabethfehn und Garrel. Bei einem „Jahrmarkt der Möglichkeiten" diskutierten Besucher*innen exemplarisch Fragen zu Mobilität, Bildung, Einkaufsverhalten oder gesellschaftlichem Zusammenhalt im Jahr 2030. Eigene Ideen und Lösungsvorschläge waren dabei besonders gefragt. Alle Angebote, mit den Zukunftsforscherinnen ins Gespräch zu kommen und die besondere Gelegenheit, mit Wissenschaft vor Ort in Kontakt zu treten, wurden gerne genutzt. In den thematischen Workshops des Projekts steht die gemeinsame Ideenfindung im Fokus. Durch die Vorstellung von Best-practice-Beispielen und fachlich fundierte Beiträge von Expert*innen aus Wissenschaft und Forschung geht es darum, von anderen zu lernen, um mit diesem Wissen Ideen und Konzepte zu generieren und vor Ort neu zu denken. Erstmal ins Gespräch zu kommen über bestehende Probleme, das ist oftmals der vorrangige Wunsch der Bürger*innen. Möglichst barrierearme und partizipative Formate sind da von Verantwortlichen aus Politik und Wissenschaft gefragt!

Bei einem „Jahrmarkt der Möglichkeiten“ diskutierten Besucher*innen auf der historischen Dorfkirmes im Museumsdorf Cloppenburg exemplarisch Fragen zu Mobilität, Bildung, Einkaufsverhalten oder gesellschaftlichem Zusammenhalt im Jahr 2030.   

Über die vielfältigen Aktivitäten und aktuellen Veranstaltungen informiert der Projektblog www.zukunft-der-doerfer.de. Hier sind nähere Informationen zum Projekt, Termine und Ergebnisse der Workshops sowie aktuelle Beiträge zu verschiedenen Zukunftsthemen zu finden.

Interdisziplinär angelegt, blickt das Projekt dabei ständig über den Tellerrand und nimmt Entwicklungen, Trends und Impulse zur Regionalentwicklung aus verschiedenen Fachbereichen und Regionen auf. Der Blog vernetzt so engagierte Menschen und bietet die Möglichkeit zum regelmäßigen Austausch.

Bevor im Juni 2020 das Projekt mit einer großen öffentlichen Abschlussveranstaltung inklusive Präsentation der Ergebnisse endet, warten aber noch einige Besonderheiten: unter anderem ein Fotowettbewerb für Jugendliche zum Thema „Lieblingsorte". Weitere Infos dazu gibt es im Projektblog. Wenn Sie nun selbst als Impulsgeber*in für Ihre Region aktiv werden wollen, freuen wir uns auf Ihre Nachricht!

Kontakt

Simone Israel und Christine Lorenz-Lossin
Universität Vechta
Driverstraße 22, 49377 Vechta
Tel. 04441/15-810 und -811
info@zukunft-der-doerfer.de

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