Lebenswelt

Das Museumsdorf Cloppenburg

Autor*in: JULIA SCHULTE TO BÜHNE

Mit Besucherzahlen zwischen 250.000 und 300.000 Besuchern (davon geschätzt über ¼ Besucher unter 18 Jahren) nimmt das Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum seit Jahren sowohl unter den Freilichtmuseen Mitteleuropas wie auch in Niedersachsen eine Spitzenposition ein. Mit unseren beliebten Veranstaltungen mobilisieren wir viele Menschen, die sonst eher zu den reservierten Museumsgängern gehören. Als kultureller Leuchtturm der Region gelingt es uns, sowohl die Verbindung zwischen Tourismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung herzustellen, als auch für die Menschen in der Region und Niedersachsen als wichtiger Impulsgeber zu fungieren.

Kühe auf der Weide? Ein immer seltenerer Anblick in Deutschland. Bei uns steht das Vieh aber den ganzen Sommer über draußen, so wie es „früher“ üblich war. Die alte Rasse der Schwarzbunten und Rotbunten Kuh ist robust und genügsam genug, um mit Wind und Wetter klar zu kommen. Dazu können die Besucher Bunte Bentheimer Schweine und Alt Oldenburger Pferde, Leghorn- und Totleger-Hühner sowie Emder Gänse und Heidschnucken bewundern.   

In der Kreisstadt Cloppenburg gelegen, fügt sich das Museumsdorf Cloppenburg als ältestes wissenschaftlich geführtes Freilichtmuseum Deutschlands mit seinen 60 Gebäuden aus fünf Jahrhunderten auf einer Gesamtfläche von 25 Hektar in eine parkähnliche Landschaft ein. Anschaulich können die Besucher*innen im gesamten Jahr erleben, wie das Leben in den ländlichen Regionen ausgesehen hat. Neben den imposanten Hofanlagen mit Nebengebäuden wurden in den letzten 80 Jahren auch Handwerksbetriebe, Heuerhäuser, Ställe und Scheunen im Museum wieder aufgebaut. Um noch einen besseren Eindruck von der Lebensweise unserer Vorfahren erhalten zu können, sind die Werkstätten belebt, leben Tiere im Dorf und wurden die Gärten nach historischem Vorbild angelegt. Mit einem vielseitigen Ausstellungsprogramm vertiefen wir im Museum kulturgeschichtliche, historische sowie kulturlandschaftliche Themen. So ist es möglich, weitergehende Informationen und Forschungsergebnisse zum Wohnen, Wirtschaften, Leben und Arbeiten, aber auch zur Entwicklung des Museum zu bekommen. Oft in Kooperation mit Universitäten, Hochschulen, Vereinen und Verbänden oder Privatpersonen entstehen auf diese Weise spannende Ausstellungen.

Um noch besser in das vorindustrielle Leben eintauchen zu können, erleben die Besucher*innen das Museum häufig über Führungen und Programme. So kann man im Museum aus verschiedenen Führungen auswählen und mit den museumspädagogischen Programmen können Kinder, Jugendliche und Erwachsene Geschichte ganz aktiv erfahren. An den Aktionstagen, etwa auf der Gartenpartie, der Kirmes oder dem Adventsmarkt, tauchen die Besucher*innen ganz in die Faszination eines Freilichtmuseums ein. 

Julia Schulte to Bühne, Direktorin des Museumsdorfes Cloppenburg.   

Trägerschaft / Finanzen 

Das Museumsdorf Cloppenburg | Niedersächsisches Freilichtmuseum ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Die finanzielle Basis des Museums wird durch eine institutionelle Förderung des Landes Niedersachsen, des Landkreises Cloppenburg, der Stadt Cloppenburg und des Landkreises Vechta sichergestellt. Zurzeit beschäftigt das Museum 26 Personen. Um jedoch die umfangreichen Aufgaben im Museum erledigen zu können, gehört dem Team darüber hinaus eine große Zahl von Honorarkräften und Ehrenamtlichen an. Einen großen Teil seiner Gesamtkosten erwirtschaftet das Museum über Eintrittsgelder, Mieten, Verpachtungen sowie Sponsoren- und Fördergelder.

Forschungen

Forschungen gehören im Museumsdorf Cloppenburg zu den wichtigsten Aufgaben. Oft erfolgt diese Arbeit unauffällig und ist für die Besucher auf den ersten Blick nicht zu sehen. Doch ohne diese Arbeit wären die meisten Objekte im Museum nur reine Dekorations- oder Schaugegenstände, die zufällig in den Gebäuden oder Ausstellungen gezeigt würden. Erst durch Forschungen werden die Objekte in Zusammenhänge eingebettet, kann eine exakte Beschreibung vorgenommen werden und erfahren wir etwas über den Gebrauch, die Nutzung und Biographie des Gegenstandes. Für das Museumsdorf Cloppenburg und seine Kuratoren sind es vor allem dreidimensionale Quellen der ländlichen Kulturgeschichte, die einen spezifischen historischen Aussagewert besitzen. Sie bilden die Basis für die museale Arbeit und sind gleichsam der Schlüssel zu neuen kulturgeschichtlichen Erkenntnissen. Sorgfältige Inventarisation und Dokumentation sind die Grundlage jeder musealen Forschungsarbeit. Dabei werden die mit und hinter den Objekten agierenden Menschen, ihre individuell oder kollektiv verorteten Schicksale und Erfahrungen in die Forschung einbezogen, um die Ergebnisse den musealen Präsentationen und Vermittlungen dienstbar zu machen.

Sammlungen

Als Freilichtmuseum fühlt sich das Museumsdorf Cloppenburg dem Prinzip ganzheitlicher Präsentation und Vermittlung verpflichtet. Um dieses Ziel zu erreichen, bedient es sich seiner vielseitigen und umfangreichen Sammlungen. Sie sind ideal geeignet, um die komplexen Zusammenhänge vergangener Lebenswelten zu erläutern. Je mehr wir an Kenntnissen über die Objekte besitzen, desto größer ist die Chance erfolgreicher Wissensvermittlung durch Objektkombinatorik und Inszenierungen. Gezieltes und reflektiertes Sammeln ist dafür die Voraussetzung und der kuratorische Schlüssel für die Inwertsetzung von Sammlungsbeständen – als Quellen und Bedeutungsträger der (Kultur)-Geschichte und nicht (nur) als belangloses Requisit für Rollenspiele oder Unterhaltungsansätze.

Die Sammlungsstrategie des Museums ist räumlich auf die nordwestdeutsche Region ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Gebiet zwischen Weser und Ems. Zeitlich konzentrieren sich unsere Sammlungen auf das 16. bis 20. Jahrhundert, wobei wir den Fokus mittlerweile auf das 20. Jahrhundert legen, insbesondere auf die Zeit zwischen 1945/50 und 1980/90. Sozial steht die materielle Kultur der Bevölkerung des ländlichen Raumes im Mittelpunkt, wobei in der vorindustriellen Zeit die Übergänge zur Kultur der (klein)städtischen Bevölkerung mitunter fließend sind. In der Spätphase der Industrialisierung und in der jüngeren Zeitgeschichte beginnen sich die materiell ursprünglich fassbaren Gegensätze zwischen Stadt und Land praktisch aufzulösen. Die Sammlungen sind deshalb so angelegt, dass sie ein Spiegelbild der sich wandelnden Gesellschaft innerhalb des ländlichen Raumes sind – das heißt, sie berücksichtigen den Wandel von einer eher produktionsorientierten hin zu einer verbrauchs- und konsumorientierten Gesellschaft. Durch diesen methodischen Ansatz gerät die (materielle) Kultur von Migranten und Zugezogenen mit ins Blickfeld der Sammlungsstrategien.

Was für ein Erlebnis! Das Feuer lodert heiß, die Kohle riecht durchdringend, der Hammer klingt ohrenbetäubend hell auf dem Amboss und der Schweiß läuft in hellen Strömen. Schmieden war, nein – ist Kunst und Knochenarbeit zugleich, aber trotzdem einfach wunderschön. Besonders die jungen Besucher brennen darauf, selber einmal den schweren Hammer zu schwingen und das Eisen zu treiben!   

Vermittlung

Zur Vermittlung seiner Dokumentations-, Forschungs- und Präsentationsergebnisse bedient sich das Museum einer eigenen museumspädagogischen Abteilung, die es möglich macht, dass die verschiedenen inhaltlichen Ziele der Einrichtung nicht nur erreicht, sondern zielgruppen- und altersorientiert (Jugendliche, Familien mit Kindern, Senioren; Kindergartengruppen, Schulklassen unterschiedlicher Jahrgangsstufen, Seniorenverbände; deutsch- oder fremdsprachige Gäste) zur Anschauung gebracht werden. Mit den vielseitigen Programmen bieten wir zum Beispiel eine qualitätsvolle, umfassende und publikumswirksame Vermittlung der museologisch präsentierten Forschungsergebnisse. Mit dem Besucherleit- und Beschriftungssystem, dem Museumsführer und den Führungen geben wir Erläuterung zu den historischen Gebäuden oder Gehöftanlagen, den Einzelgebäuden, den Handwerksstätten und technischen Kulturdenkmalen sowie den Haustierrassen und Gärten und einzelner, ins museale Gesamtkonzept einbezogenen Kulturlandschaftselemente.

Besonders für Schulklassen - insbesondere für die jüngeren Jahrgangsstufen - stellen unsere museumspädagogische Programme die inzwischen am stärksten frequentierte Vermittlungsform dar. Derzeit hält das Museum sieben solcher Programme vor: Mit „Vom Korn zum Brot", „Die Dorfschulreife", „Mit Gänsekiel und Tintenfass", „Das blaue Wunder", „Rund um das Butterfass", „Essen wie damals" und „Pottbäcker und Kannengießer" erleben die Teilnehmer*innen selbst aktiv die historischen Arbeits- und Handlungsabläufe. Das eigene Agieren erhöht bei Schüler*innen wesentlich die Lern- und Aufnahmebereitschaft für historische, ökologische oder kulturelle Themen.

Ausstellungen

Ein wesentlicher Teil des Kernauftrags unseres Museums wird durch die Durchführung von Sonderausstellungen erfüllt. Die öffentliche Wahrnehmung sowie die tatsächliche Rezeption von Sonderausstellungen hängen indes ganz wesentlich von der Planung, Vorbereitung und Umsetzung ausstellungsbegleitender Rahmenprogramme ab. Mit den Ausstellungen schaffen wir es, die vielfältigen Themen besucherorientiert und zielgruppengenau aufzubereiten.

Publikationen

Das Museumsdorf bildet seine Dokumentations-, Forschungs- und Ausstellungsergebnisse derzeit in fünf Schriftenreihen ab. Diese Publikationen sind zugleich das bleibende Ergebnis der museologisch-wissenschaftlichen Bemühungen. Sie sind das Bindeglied zwischen den Forschungs-, Vermittlungs- und Marketingaufgaben

Wir machen mit großen und kleinen Besuchern Blau! Das heißt aber nicht, dass alle faul auf der Haut liegen. „Blau machen“ heißt bei uns vielmehr, die Kunst des Blaufärbens zu lernen. In unserer Werkstatt kann sich jeder eine eigene Stofftasche bedrucken und anschließend färben. Wie von Zauberhand wird dabei aus grünlicher Bedruckung auf weißem Stoff ein weißes Muster auf blau gefärbtem Stoff! Die Tasche darf natürlich – nachdem sie getrocknet ist – anschließend mitgenommen werden.   

Kooperationen

Bei der Entwicklung und Profilierung unserer Einrichtung bilden Kooperationen einen wichtigen Baustein. Wir arbeiten – institutionell wie auch projektbezogen – eng mit Museumsverbänden und Museen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zusammen, ferner mit Universitäten und Fachhochschulen, allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, Arbeitsagenturen und Industrie-/Handwerkskammern, Tourismus- und sozial-karitativen Einrichtungen sowie Handwerksbetrieben und Unternehmen. Mit der Durchführung von gemeinsamen Projekten und Veranstaltungen können viele Themen weiter entwickelt werden. In den meisten Fällen führen diese Kooperationen zu neuen Forschungsergebnissen, die dann wiederrum publikumswirksam in Ausstellungen und Veröffentlichungen für die Besucher*innen aufbereitet werden.

Besonderes Augenmerk richten wir auf die Kooperation mit den staatlichen Denkmalschutzbehörden sowie mit der Stiftung Kulturschatz Bauernhof mit ihrem Projekt „Monumentendienst", um dem gemeinsamen Ziel, das kulturelle Erbe in der Region nachhaltig zu bewahren und zu pflegen, synergetische Substanz zu verleihen.

Ganz aktuell hat das Museumsdorf Cloppenburg gemeinsam mit der Universität Vechta, dem Landkreis Cloppenburg und dem Landkreis Vechta das Kulturanthropologische Institut für das Oldenburger Münsterland gegründet. Das Institut – in seiner Zusammensetzung einmalig in Deutschland – hat es sich zum Ziel gesetzt, das Leben der Menschen in der Region in den Mittelpunkt zu stellen. Als mikroanalytische Forschungen konzipiert, wird es direkt im Oldenburger Münsterland untersuchen was die Region prägt, was sie bestimmt und was sie ausmacht. Vor allem ist es zentral zu erfahren, was die Menschen hier bewegt, sich zu engagieren. Dazu werden Projekte zu Themen wie Feiern, Mobilität, Arbeit oder Religiosität initiiert. Die Forschungsergebnisse werden in Ausstellungen, Vorträgen, Vorlesungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Veranstaltungen

Neben den klassischen Formaten in der Vermittlung begeistern wir eine breite Öffentlichkeit für die Belange des Museums mit der Durchführung von inhaltlich auf die Bildungs- und Forschungsarbeit abgestimmten Großveranstaltungen. Hierzu gehören vor allem die jährlich stattfindende Veranstaltungen wie der „Osterspaziergang", die „Gartenpartie", die „Dorfkirmes" (Das Museum besitzt mit einem Pferdekarussell [um 1900], einer „Raupenbahn" [Baujahr 1936] und einer Schiffschaukel [um 1947] einen herausragenden Sammlungsbestand zur Jahrmarktskultur), den „Tag des offenen Denkmals", „Mahlzeit" und der „Nikolausmarkt". Im jährlichen Wechsel treten noch der „Tag des Alt-Oldenburger und Ostfriesischen Pferdes" und „Handgemacht" – Tage des Handwerks, hinzu.

Alles einsteigen, festhalten – uuuund ab geht’s! Zu den absoluten Highlights im Museumsdorf gehört die Dorfkirmes, die jeden Juli stattfindet. Höhepunkt ist dabei die Disco auf der Raupe, bei der in einer alten Raupenbahn stilecht mit den alten Hits gefeiert und gelacht wird! Hier kann jeder die schönsten Kirmes-Erinnerungen seiner Jugend noch einmal erleben und die historischen Fahrgeschäfte genießen.   

Ausblick

Im Museumsdorf Cloppenburg werden wir der (jüngeren) Zeitgeschichte – vor allem dem Zeitraum zwischen 1945/50 und 1990 – mehr Platz in der musealen Darstellung einräumen. Nicht nur in Form von Sonderausstellungen, was bereits in der großen Schau „Zwischen Steckrüben und Himbeereis. Nachkriegselend und Wohlstandsglück im Oldenburger Land" sowie mit der Ausstellung „Pillenknick" realisiert wurde, sondern auch in baulicher Hinsicht. Dazu erweitert sich das Museum mit einer neuen Baugruppe auf das Gelände des Museums am Parkplatz an der Bether Straße.

Die Erweiterung soll in drei Bauvorhaben erfolgen:

  • Die Erweiterung des Freilichtmuseums unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Mit dem Aufbau der Landdiskothek „Zum Sonnenstein" konnte der erste Schritt verwirklicht und die Thematik der Freizeitkultur in den Mittelpunkt gestellt werden. Weitere Gebäude sind geplant, so soll mit einer Tankstelle die Zunahme des motorisierten Individualverkehrs thematisiert werden und mit einem Lebensmittelgeschäft der 1960er ein Ort des Konsums gezeigt werden; ein Friseurladen dient als Beispiel für den handwerklich ausgerichteten Dienstleister und ein Siedlungshaus aus den 1950er steht als Beispiel für den enormen Bevölkerungszuwachs.
  • Die Einbindung eines Ausstellungs- und Vermittlungsschwerpunkts zum Thema „Mobilität im ländlichen Raum", dargestellt am Beispiel des Fahrrades und seiner Geschichte.
  • Die Errichtung eines Depots zur Aufnahme der Sammlungsbestände.

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